Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 140 (8.6.1919)
- Date
- 1919-06-08
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14.0 tSÖleu, Sonntag Umsonst clhiilt jeder die „Wiener Morgenzeitung" bis zum 15. d. M., wer die Ahormementgebühr ab 16. Juni entrichtet. Bezugshedingungen: Für Wie«: mit Zustellung Monatlich . . . Kronen 7.— Vierteljährig . „ 20.— Halbjährig ... „ 40.— Ganzjährig... „ 80.— Für die Tschecho- Slowakei: mit Postversand in tschechischer Währung Monatlich . . . Kronen 7.60 Vierteljährig . . „ 22.— Salbjahrig ... „ 44.— anzjähng . . . „ 88.— Für DeutschSsterreich: mit Postversand Monatlich . . . Kronen 7.50 Vierteljährig . . „ 22.— talbjährrg . . „ 44.— anzjähng... „ 88.— Für Polen ttttb die übrigen Nationalstaaten : mit Postversand Monatlich . . . Kronen 8.50 Vierteljährig . . „ 25.— Halbjährig ... „ 50.— Ganzjährig ... „ 96,— Einzelexemplar 36 Heller. t$rür Deutschland monatlich 5 Mark, Schweiz 5 Franken, für das übrige Ausland vierteljährig 26 Kronen. Die Geldsendungen für die Tschecho-Elowakei sind per Erlagschein an das Postsparkassenamt P. S. Nr. 160.698 in Prag, für Polen, Westgalrzien Md Polnisch-Scklesten per Postanweisung an die Wiener Lombard und Esbomptebank» Filiale Krakau, für „Wiener Morgenzeitung", Kraka«, Rynek 12, zu richten. Administration der „Wiener Morgenzeitung" Wien» H.,Taborstratze 1—3. Telephon 44.638«. 43.316. Der Volkswirt. Wochenschau. Dje, abgelaufene Woche brachte für alle jene, die auf den Gerechtigkeitssinn und die Vernunft der Gegner gerechnet hatten, eine herbe Enttäuschung. Besonders dir wirtschaftspolitischen Bedingungendes Friedensvertragsentwurfes haben, soweit sie bisher bekannt geworden sind, niederschmetternd gewirkt. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Jugoslawen, Polen und besonders die Tschechen auf der Friedenskonferenz ihren ganzen Einfluß geltend machten, um Bedingungen durchzusetzen, die ihnen lauter unverdiente und unberechtigte Vorteile in den Schoß « werfen, die aber uns einfach strangulieren würden, Es ist nicht ratsam, sich allzu hochgespannten Erwartungen auf die Einsicht und den Billigkeitssinn der Gegner hinzugeben, von den Nationalstaaten haben wir gewiß nichts zu erwarten. Dennoch sträubt sich das Empfinden dagegen, daß die gesunde Vernunft der Entente unsere gänzliche Vernichtung dulden wird. Schon ihr eigenes Interesse müßte sie davor bewahren. Auch machen sich endlich gewichtige Stimmen in ihren eigenen Ländern gegen den Gewaltfrieden deutlich vernehmbar. Von den vielen Willkürlichkeiten und Ungerechtigkeiten der Vertragsbedingungen sind wohl die am krassesten, denen zufolge wir mit den ganzen Kriegsschulden des ehemaligen Oesterreich belastet, das Staats- und Privateigentum im Ausland ohne Retorsion zu verlieren und gezwungen werden sollen, den alliierten und assoziierten Staaten die Metftbegünstidung ohne Reziprozität zn gewähren. Die Bedingungen sind uns in ihrer erdrückenden Wucht noch nicht zur Gänze bekannt, da die finanztechnischen Bestimmungen noch auöstehen. Schon jetzt steht aber fest, daß von einer Zollgemeinschaft mit den Sukzessionsstaaten vorläufig nicht die Rede sein kann. Sie streben von uns, dem „sinkenden Schiff", so weit wie möglich fort. In wirtschaftSpolitischen und finanziellen Kreisen herrscht die Ansicht vor, baß, falls Deutschösterreich jede selbständige wirtschaftliche Existenz unmöglich gemacht wird, es unfehlbar zum Anschluß kommen müßte. So schwer auch die Bedingungen für Deutschland sein mögen, es wird sich dank seiner großartig entwickelten Industrie, Disziplin und Organisation früher oder später erholen. Auch ist anzunehmen, daß die Bestimmungen von seiten der Entente gemildert werden; freilich läßt sich noch nicht ab sehen, wie weit und vb so weit, daß die deutsche Negierung den Vertrag wird unterzeichnen können. Unsere Industrie jedoch ist durch den Zerfall derart zusammengeschrumpst und wir bleiben so bettelarm zurück, daß wir ganz der Gnade unserer alles eher als wohlwollenden Nachbarn aus geliefert zu sein scheinen. Wird Deutschösterreich' in den Bankerott getrieben und dem einzelnen jede Lebensmöglichkeit abgeschnitten, dann leistet die Entente dem von ihr so gefürchteten und bekämpften Bolschewismus im Mittelpunkt Europas Vorschub. Unter solchen Umständen, wo wir kaum sagen können, was der nächste Tag bringen wird, machen die Sozialisierungsentwürfe der Negierung einen unzeitgemäßen Eindruck. Unsere unmittelbare Zukunft ist uns unbekannt — können wir uns da Experimente leisten? Wir werden außerstande sein, ohne fremdes Kapital 511 existieren. Wird jedoch das fremde Kapital durch die Sozialisierungspläne nicht jortgescheucht?. hierbei denken tvir. weniger, an die Wex- LSLerE gesellschaftung der Kohlenals an die der Elektrizitätswirtschaft, welch letztere in innigem Zusammenhang mit der Ausbeutung der Wasserkräfte steht. Was den Kohlenbergbau und Kohlenhandel betrifft, so ist ausgerechnet worden, daß die Vergesellschaftung unfehlbar zu einer namhaften Verteuerung der Rohstoffe führen müßte. Die Kohlenpreise betragen heute bereits das Neunfache von früher; treibt man die breiten Schichten der BevjMrung nicht systematisch dem Ruin entgegen, wenn man ihnen täglich neue Sorgen anfhalst und ihnen ins Uferlose wachsende Unerschwinglichkeiten zumutet? „Die Schraube ohne Ende" macht das Leben mit jedem Dag unmöglicher. Die Verdoppelung, beziehungsweise Verdreifachung der Straßenbahn-, GaS- und Elektrizitätspreise ist für den „Preisabbau" bezeichnend. Trotz der Bekämpfung des Schleichhandels verteuern sich die dringendsten Bedarfsartikel zusehends. Die von dem Kriegsende mit Zuversicht erhoffte allgemeine Erleichterung und Besserung stellt sich auf keinem Gebiete ein. Die unerläßlichsten Daseinsbedürfnisse bedeuten heute einen nur unter den schwersten Opfern erschwinglichen LuxuS. Unter der erdrückenden Wirkung der Friedensbedingungen hat hie B ö r s e vorläufig den Verkehr eingestellt. Durch die zahllosen Beschränkungen und Erschwerungen hielten sich die Umsätze in der letzten Zeit sowieso in engen Grenzen. Die Wiedereröffnung dürfte um die Mitte der nächsten Woche erfolgen. Welche ruinöse Wirkung die Ausführung der Vertragsbestimmungen auf die Banken haben müßte, haben wir bereits gestern eingeherck» besprochen. Die Wiener Großbanken (mit Ausnahme der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft und der Bodencredit-Anstalt, deren Abschlüsse bereits vor längerer Zeit erfolgten) hatten zuerst die Absicht, wegen der Ungewißheit der Verhältnisse und Eigentumsrechte in den Nationalstaaten ihre Abschlüsse auf den Herbst zu verschieben. Sie sind hiervon ab gekommen und befinden sich bereits in fieberhafter Tätigkeit, um die Bilanz so bald wie möglich herzustellen. In den nächsten Tagen wird der Abschluß der Länderbank bekanntgegeben. Die Übrigen Banken dürften rasch folgen. L. L. Wi&n,!., Schottenring 21. Filiale: Karlsbad Alle bankgeschlftlichen Transaktionen kür das In- und Ausland. | Einlagen gegen Etnlagebücher iu den kulantesten Bedingungen, g Talarranuna: Zite baak, Wien. I Telephonat 1347®, 12090, 1Q4S1, 18009, 16163, 1621«. I Die finanzielle Situation Dentschösterreichs. (Don einem hervorragenden Fachmann.) Kurz nach dem politischen Umsturz im vorigen Herbst machte sich in weiten Kreisen eine optimistische Auffassung der Finanzlage geltend. Das Aufhören der Kriegsausgaben und die dauernde wesentliche Herabminderung des Aufwandes für militärische Zwecks würden, so meinte man, eine fühlbare Entlastung des Budgets herbeiführen. Mit den Kriegsschulden werde man, falls nur eine halbwegS gerechte Aufteilung unter die Sukzessionsstaaten stattfinde, schon fertig werden. Das Hauptrnittel dazu sollte die Vermögensabgabe sein. Alles andere werde sich von selbst finden, insbesondere brauche man nur die weitere Banknotenerzeugung einzustellen, um der Geldentwertung und ihren beiden Erscheinungsformen, Teuerung und ungünstigen Devisenkursen, Einhalt zu tun. Die seitherige Entwicklung hat diesen Optimismus leider ganz und gar nicht gerechtfertigt. Trotz der Herabsetzung der militärischen Lasten sind die Ausgaben Deutschösterreichs in erschreckendem Maße angeschwollen, so baß die laufende Gebarung mit einem kolossalen Defizit abschließt, das um ein Mehrfaches größer ist als die Zinsen der gesamten österreichischen Kriegsanleihe. Bei dieser Sachlage drängt sich immer mehr die Befürchtung auf, daß auch die Vermögensabgabe, und wäre sie noch so groß, die ersehnte Sanierung nicht herbeiführen wirb. Auch die kühnsten Erwartungen haben sich ja kaum jemals so weit verstiegen, von der Vermögensabgabe die gänzliche Tilgung des deutschösterreichischen Anteils an der Kriegsanleihe zu erwarten. Wenn nun aber selbst die gänzliche Eliminierung der Belastung für den Ztnsendienst der Kriegsschuld das Gleichgewicht im Staatshaushalt nicht herzustellen vermag, wie soll da die Vermögensabgabe die Rettung bringen können? Dazu kommt noch, daß die Vorbereitung und Einhebung der Vermögensabgabe einen ungeheuren Apparat erfordert, der ungemein kostspielig und schwerfällig arbeitet. Die jetzt im Zuge befindliche! Vermögensanmeldung nimmt die Steuerbehörden so sehr in Anspruch, daß die Bemessung der laufenden Steuern zum großen Teil zurückgestellt werden muß; eine große Zahl von Beamten aus anderen Zweigen des Staatsdienstes sowie das Personal der Geldinstitute wird der normalen Arbeit entzogen, um Hilfsdienste bei der Vermögensanmeldung zu leisten, und viele Tausende von Steuerträgern verlieren Me Zeit bei den Anmeldestellen, wo man vielfach erst nach langem Warten an die Reihe kommt. Dabei ist die i Anmeldung, die jetzt dvK. yux ein 8. Juni 1919 Sette 9 , ----- -- --- — -:-:---;-4 . Teil, und zwar dev einfachere Teil der Vermögenskonskription, denn vorläufig handelt es sich ja in der' Hauptsache doch nur um Gelb, Wertpapiere und LuxuS< gegenstände, die noch dazu zum großen Teil bei Geldinstituten erliegen, wo sie leicht zu kontrollieren sind. Die Konskription des übrigen Vermögens, also der Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Warenlager, Materialien, des Viehstandes, der Forderungen und dergleichen, muß doch auch erst noch durchgeführt werden, bevor an eine halbwegs rationelle Einhebung der Vermögensabgabe zu denken ist. Wenn man sich über die wahre Sachlage Rechenschaft oblegen will, so muß man erkennen, daß das Problem der deutschösterreichischen Finanzen eben längst nicht mehr ein sinanztechnisches Problem ist, sondern ein allgemein wirtschaftliches. Deutschösterreich bringt heute bei weitem nicht so viel hervor, als seine Bewohner zur Bestreitung des notdürftigsten Lebensunterhaltes! , brauchen und darin liegt die Quelle alles Nebels. So lange es nicht gelingt, das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch herzu stellen, so lange kann auch das Gleichgewicht im Staatshaushalt nicht hergestellt werden, mag man noch so viele neue Steuern erfinden. So lange kann auch eine Stabilisierung der Preise und der Devisenkurse nicht eintreten, mag man auch keine neuen Banknoten mehr drucken; es gibt eben auch noch' andere Wege, eine Zeitlang fortzuwursteln. Man wende nicht ein, daß Deutschösterreich heute nicht mehr auf die eigene Erzeugung angewiesen ist, weil die Grenzen offen sind und die Einfuhr wieder möglich ist. Was man einsührt, muß man eben auch bezahlen, und das kann auf die Dauer nur durch Ausfuhr eigener Erzeugnisse oder durch Ausfuhr von Arbeit (Veredlungsindustrie) geschehen. Eine Zeitlang kann man freilich! auch von dem vorhandenen Vermögen zehren, indem man dieses veräußert. Das ist denn auch das, was! gegenwärtig in Deutschösterreich geschieht. Das mag unter den heutigen Umständen unvermeidlich s^in, aber man darf sich nicht darüber täuschen, daß das nicht so weitergehen kann, denn das Vermögen geht eben früher oder später zu Ende, wenn man einmal anfängt, davon zu zehren. Auf die Dauer kann ein Volk nur vom Ertrage seiner Arbeit leben. Die Vorbedingung für eine staatsfinanzielle Gesundung ist daher die volkswirtschaftliche Gesundung, die Herstellung des Gleichgewichtes zwischen Erzeugung und Verbrauch. Zu einer wirklichen Entfaltung der Produktivkräfte gehört Kapital, das heute im Inland nicht aufzutreiben ist. Namentlich dis Industrie braucht Kohle und Rohstoffe, die nur vom Ausland kommen können, und die auf Kredit betgestkllt werben müssen, da die Industrie erst mit den daraus zu erzeugenden Fertigprodukten zahlen kann. Es ist ferner nichts damit getan, daß man überhaupt etwas produziert, sondern es muß das produziert werden, wofür ein entsprechender Bedarf besteht, und es muß so produziert werden, daß man konkurrenzfähig ist. Dieser Umstand hängt vielfach nicht nur von natürlichen und technischen Bedingungen ab, sondern auch von dem handelspolitischen, insbesondere zoll- und tarifpolitischem Verhalten des Auslandes. Wohin man also den Blick wendet, überall zeigt sich die Abhängigkeit vom Ausland. Wie aber kann man das Ausland veranlassen, Deutschösterreich mit Kapital und Kredit beizustehen und ihm handelspolitische Konzessionen zu machen? Da der Mensch von Natur aus Egoist ist und zum mindesten in wirtschaftlichen Dingen jede Rechnung stets falsch sein wird, die den menschlichen Egoismus außer Acht läßt, ' so wird der sicherste Weg zur Gewinnung des Auslandes! der sein, daß man ihm ein eigenes Interesse am Gedeihen der deutschösterveichischen Wirtschaft zu geben trachtet. Man beteilige ausländische Kapital an den wichtigeren deutschüsterreichischen Betrieben, indem man es zur Erwerbung von Anteilen darcm veranlaßt. Dann wird eS auch an Kredit und einer g'4ten handelspolitischen Behandlung nicht fehlen. Einr solche „friedliche Durchdringung" mag freilich nicht nach jedermanns Geschmack sein. Den nationalen Parteien erscheint der Ge-' danke an eine wirtschaftliche Beherrschung durch das Ausland nicht sympathisch, der sozialistischen paßt wieder . der Einfluß des Kapitals nicht, auch trenn es ausländisch - ist. Aber es dürfte auf die Dauer doch keinen anderen! Ausweg geben, denn ohne ausländische Unterstützung geht Deutschösterreich rettungslos dem Untergang ent- - gegen und damit ist weder den Nationalen, noch den Sozialisten gedient. Vor allem muß der Mensch leben können, erst wenn der Lebensbedarj gesichert ist, kann; er höheren Zielen nachstreben. D6 Uebergang von Unternehmungen in ausländischen Besitz, beziehungsweise Mitbesitz wird sich auch mit einer gewissen Notwendigkeit von selbst vollziehen. Di? Forderungen des Auslandes für die Lebensmittellieferungen, die immer größer werden, müssen bezahlt wer^n. Mit Schmucksachen und ausländischen Wertpapieren wird man da nicht lange das Auslangen finden- Es werden sehr bald auch die inländischen Aktien uttb der sonstige inländische Besitz darankommen. Es ist wichtig, diese Entwicklungstendenz zu erkennen u«d in die richtigen Bahnen «zu lenken. Dann kann dys Inland großen Vorteil daraus ziehen. In den unter ausländischen.! Einfluß geratenden inländischen Unternehmungen können zahllose Inländer als Beamte und Arbeiter lohnende Beschäftigung finden, pnd es ist imnwr noch besser, An-! gestellter eines aufrechten Unternehmens zu sein, , als! Inhaber eines Zugrundegegangenen. In Deutschland scheint sich eMe derartige sried- liche D.urWringung durK ausländisches,. hauptsächlich! °