Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 140 (8.6.1919)
- Date
- 1919-06-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 4 Wen, SDuntüg ' ° Wiener Morgenzettrrng 8, Juni 1919. Nr. 140 Der WaffeRstiMMd mit den Angoslawen. . Rosegg, Klagenftrrt und VöLkermarLL sallen an Jugoslawien. — Deutschösterreich bezahlt alle KriegsschrLden. Laibach, 7. Juni. (Tschecho-slow. Preßbur.) Das Laiöacher KorresPondenzSureau meldet halbamtlich unterm 6. d. PT.r Heute nachmittags um 4 Ahr wurde in Laibach der Waffenstill st andsver trag hinsichtlich Kärntens van den Vertretern des Königreiches S.-H.-S. und de« Delegierten der deutschösterreichischen Republik endgültig unterzeichn et, nachdem sich die Parteien vollständig geeinigt hatten. Die jugoslawische Besetzung und Verwaltung umfaßt laut diesem Vertrag Rosegg, Klagenfurt und Völkermarkt. Den Deutschen verbleibt St.Veit, Feldkirche«, Villach samt der Eisenbahnlinienach Tarvis. Nördlich des jugoslawischen Gebietes zieht sich eine 10 Kilometer breite Neutralzone, wo kein dentschSfterreichischeS Militär sich befinden darf und die Bevölkerung entwaffnet werden wird. Die deutschöfterreichische Republik verpflichtet sich, die gesamten durch die Kriegsoperationen verursachten privaten nnd öffentlichen Schäden zuvergüten. Die Feindseligkeiten wurden bereits eingestellt. Hierzu bemerkt das Korrespondenzbureau: Die Meldung entspricht nicht dem Sachverhalt- Der Waffenstillstandsvertrag ist noch nicht unterzeichnet. kls di- Tatsache, daß» man Schauermären über die Nreueltaten iit München in die Welt setzte, um die BolkSleidenschast aufzustacheln, daß man das Angebot der Kommunisten zu Verhandlungen zurückwies, um als „Sieger" in München einziehen und den Kommunismus im Blute ersäufen zu können. Den Prozeß gegen die Mörder Liebknechts nnd der Luxemburg ließ man unter übelst angebrachter Berufung auf die „geltende Ordnung" von einem aus Standesgenossen der Angeklagten zusammengesetzten Gericht abführen, und es kan, zu Urteilen von merkwürdiger Milde, bis es schließlich einem der Verurteilten auf mysteriöse und bisher nicht aufgeklärte Weise gelang, sich der Strafe durch die Flucht zu entziehen. Nun macht man dem Sozialisten Ledebour den Prozeß, welcher beschuldigt wird, gegen die Negierung Scheidemann - Noske Revolution gemacht zu haben. Die Nutznießer der in ihren ersten Anfängen erstarrten deutschen Revolution scheinen offenbar ihr Regime als Ausfluß irgendeines legitimistischen Gottesgnadentums anzufehen, denn nur so wird es erklärlich, daß man es wagt, kurz nachdem man selbst durch die Revolution ans Ruder gekommen ist, jeden Versuch zum. Umsturz als Verbrechen anzusehen. Inzwischen scheint sich unter dem Szepter Scheidemanns und Noskes die Armee sehr wohl zu fühlen. Die Werbungen werden munter fortgesetzt, sogar in Wien hat man es. mit Werbebureaus versucht, und es, mutet merkwürdig an, daß Deutschland in der Lage ist, für Regierungstruppen, deren Zahl bereits auf 400.000 Mann geschätzt wird, die Unsummen für Erhaltung und eine sehr beträchtliche Löhnung aufzubringen. Man dürfte sich nicht wundern, wenn es eines schönen Tages .die uniformierten Junker mit dem Umsturz versuchen wollten. Daß das deutsche Arnree-Oberkommando vor einigen Tagen eine allgemeine Rundfrage ergehen ließ, wie man üte? die Wiederaufnahme des Krieges denke, ist ,nehr als charakteristisch. Ueber die eingeschränkte Preßfreiheit in den von den Feinden besetzten Westprovinzen klagt man in beweglichen Tönen, während gleichzeitig in Deutschland Versammlungen verboten und Zeitungen eingestellt werden. Deutschland war nie eine Republik mit dem Kaiser an der Spitze, aber heute ist es ein Kaisertum, an dessen Spitze sogenannte Republikaner stehen. Solange. es drüben nicht zur völligen Umkehr kommt, insolange wird alles Gerede von Demokratie, alle Berufung aus das Selbstbestimmungsrecht und die Menschlichkeit nicht ernst genommen werden, sondern nur als die Folge des Mißlingens des imperialistischen Experiments dieses Krieges erscheinen. Diese Selbsterkenntnis täte oem deutschen Volke not; dem Außenstehenden ist es schmerzlich, diese Feststellung machen zu müssen, während Deutschland einem un-' erbittlichen Gegner gegenübersteht, "dem es vielleicht rechtzeitig die schärfsten Waffen entwunden hätte, wenn es ihm die Ueberzeugung von einer gänzlichen Neuorientierung des deutschen Volkes betgebracht hätte. Die Protestbewegung gegen den Gewaltfriederr in England. Wie „Manchester Guardian" berichtet, fand in London eine Protestversammlung gegen den Gewaltfrieden statt, die so stark besucht war, daß gleichzeitig eine zweite abgehalten werden mußte. Mister Noel B u x t o n präsidierte. Einstimmig wird eine Resolution angenommen, die gegen den Friedensvertrag mit Deutschland protestiert als Bruch der Waffenstillstands- Vereinbarungen, als Verletzung der Prinzipien, welche die britischen Staatsmänner wiederholt als für die Führung des Krieges maßgebend erklärten und als Untergrabung des Völkerbundes. Die Versammlung verpflichtete sich unablässig für Revidierung der Friedensbedingungen und Verteidigung der Prinzipien zu arbeiten, die von der Friedenskonferenz mißachtet worden sind. Wilson wurde von den Rednern heftig angegriffen, besonders von Mr. Saowden und Jerome K. Jerome. Snowden, der stürmisch begrüßt wurde, sagte, die größte aller Sünden, die Wilson beging, ist, daß er den Glauben an den Idealismus zerstörte. Die anderen Redner waren M. S. D. Morel, F. W. Hirst, Mr. Posonby. Rachwielewrcz berichtet in Paris über den Wrlnaer Pogrom. Lyon, 7. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) In Begleitung . der litauischen Delegation ist Dr. Rachmielewicz in Paris eingetroffen, der als Augenzeuge der von den polnischen Truppen in Wilna veranstalteten Judenpogrome darüberderKonferenzberichtethat. DerPericht wurde vom litauischen Ministerpräsidenten zur Verfügung gestellt. Er besagt, daß die Polen mit dem Tage der Besetzung des Bahnhofes von Wilna mit der Plünderung der Häuser der Juden unter dem Vorwand von Hausdurchsuchungen nach Bolschewiken und verborgenen Waffen begannen. Polnische Legionäre wurden von den Fenstern aus beobachtet, wie sie die wegen des Sabbats geschlossenen Geschäfte aufsprengten und ausplünderten. Als am Montag den 21. April, nachmittags, die in den Kellern versteckt gewesenen Juden auf die Straße kamen, wurden sie von den polnischen Soldaten angehalten, durchsucht und - völlig äusgera u b t. Am nächsten Tag begannen die Gewalttätigkeiten. Die Juden wurden geprügelt und durch die Straßen gejagt und d a n n erschossen. Die Gesamtzahl der Opfer wird am m i n d e st e n s 3000 geschätzt. r—~-——— «EESKSSBt Das Starr-recht irr Preßburg. Aushebung von Geiseln. Ein. gestern abends aus Preßburg eingetroffener Reisender teilt uns über die Zustände in dieser Stadt folgendes mit: Im Laufe der letzten Stunden wurden die öffentlichen Kaffen von den tschechischen Behörden aus der Stadt abttansportiert. Die Eisenbahnen wurden verständigt, daß kein Waggon ohne Zustimmung der Militärbehörden die Stadt verlassen darf. Eine gegen die tschechische Negierung gerichtete Bewegung zur Ausrufung der Räterepublik wurde im Keime er st ick t. Gestern begann man mit der Aushebung von Geiseln. Es wurden verhaftet: Der Direktor N e u m a i e r (Eskomptebank), Direktor T r e b i t s ch (Ungarische Kreditbank), Direktor Steiner (Allgemeine Sparkasse), ein katholischer Biscy o f, ein evangelischer Geistlicher und der Oberrabbiner Schreiber, der jedoch mit Rücksicht auf sein hohes Alter wieder steigelassen wurde. Außerdem wurden gestern 862 ungarische Eisenbahner in Haft genommen und nach Theresienstadt abgeführt. Zn den Straßen sind Plakate affichiert, welche das verschärfte Standrecht proklamieren. Auf anderen Plakaten wird die Bevölkerung ausmerksam gemucht, daß in den Häusern kein Licht brennen, daß sich nach 8 Uhr abends keine Zivilperson auf der Straße aufhalten darf. Bei nächtlichem Alarm müssen sofort Lichter in die Fenster gestellt werden. Das vorgestern erlassene allgemeine Reiseverbot wurde gestem früh zurückgezogen. Die Zivilbevölkerung darf von Preßburg abreisen, die Aemter dürfen jedoch nur mit Zustimmung der Behörden die Stadt verlassen. Mittwoch früh wurden durch öffentlichen Anschlag sämtliche Reserveoffiziere der gew esenm österreichisch-ungarisch en Armee r.><fgefordert sich zu melden. Es fanden sich etwa 1600Offiziere ein, darunter viele in Zivllanzügen. Diese Offiziere wurden sofort ohne von ihren Familien Abschied nehmen zu können, ab transportiert und es ist bisher nicht bekannt geworden, was mit den Offizieren geschehen ist. Beim Abtransport spielten sich aufregende Szenen ab. Die Stimmung der slowakischen Bevölkerung richtet sich immer femdseliger gegen oie Tschechen, doch glauben die Tschechen mit Hilfe der französischen Kolonialtruppen die Front noch halten zu können. Die Polizei wurde gestem eingezogen und durch tschechische Gendarmeriemannschast ersetzt. Die Niederlage der Tschechen ln der Slowakei. Rechtfertigung des Ministers Klofae. * Prag, 7. Jum. (Trl. dir „Wr. Morgrnztg.") Minister Klofac gab heure in einer Versammlung des Syndikats der tschechischen Tagespreise eine Ecklänmß ab, in der er unter anderem sagte: „Sie werden mich nicht verdächtigen können, daß ich mich durch ihre Bei mrv lung remzuwafchm wünsche, wenn ich ihnen darlrge, daß das Berieediaungsmmtstermm ruhig Rechenschaft oblegen kann." Der Munster führte dann aus. daß die langsame De» mobllrsteruna vel Anlaß -ur Unzufrledcnhert gab, daß die Armee verstohlen aufgebaut werden mußte, daß man Gewehre und Munition in den verschiedenen GarnisonSonen zusammensuchen mußte. Auch auS dem Auslande fei trotz aller Anstrengungen weder fertiges Material noch Maschinen zu beschaffen gewesen. S a n d a r a n a t e n habe es Überhaupt nicht gegeben und nach dem Umsturz sei n t ch t e i n e einzige kampffähige Batterie vorhanden gewesen. Der tschechische Kriegsbericht. .Heftige Angriffe der Ungarn. Prag» 7. Juni. (Tschecho-slow. Preßbur.) Der Feind setzte.gestern seine Angriffe auf der ganzen Front fort. Zwischen der Donyu und dem Heuiad rst die Sttuqnon unverändert. Zwischen dem Gran und dem Cajo dauern die heftigen Kämpfe an, namentlich m der Ebene bei Turopol, wo unsere Abteilungen vorrücken. Umerstützt von starker Artillerie und zahlreichen Kräfte n unkernahm der Feind nnm sehr hettigen Angriff in der Richiung gegen Kostce. Unsere Truppen verteidigen jeden Fußbren Bodens. Zwischen dem Hernad und der Theiß ist die Situation unverändert Hie tschechische Armee bolsch^ivikisch zersetzt. Lyon, 7. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Am.rikanifche Kreise teilen mit. daß nach hier vorliegenden Nachrichten die tschechische Arrnee zweifellos durch b o l s ch e w i k i s ch e n Einfluß zersetzt ist. Telegrarnyre. Die Grundlagen der Friedensbedingurrgsn werden nicht abgeändert. Lyon, 7. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Der Viererrat hat den größten Teil seiner Donnerstagberatungen der Vorbereitung der Antwort auf die deutschen Gegenvorschläge gewidmet. Es wurden gewisse Aenderungen des Textes des Vertrages als Folge des am vergangenen Sonntag in Paris abgehaltenen englischen Ministerrates ins Auge gefaßt. Aber diese Berichtigungen sollen die Grundlagen des Vertrages selb ft unberührt lassen und nur gewisse Modalitäten der Anwendung betreffen. Der Biererrat hat auch die Frage der Wiedergutmachung erörtert und sich über eine Formel geeinigt, die darin besteht, die Höhe der Wiedergutmachungssummen, so oft es angeht, festzusetzen und jede Schätzung zu vertagen, sobald die Umstände es erfordern. Die Aussichten für Zugeständnisse bessern fich. Paris» 7. Juni. (Tel.-Komv.) In amerikanischen Kreisen verlaute!, die Aussichten, daß der Rat der Brer über die Z u gestand n i s s e zu einer Vereinbarung komme, haben sich erheblich gebessert. Man kann annehmen, daß die Antwort am Montag abends vollständig fertig wird Md Ende der Woche dem Grafen Brockdorff-Rantzau übergeben werde« kann. Die Vertreter der Rheinlands in Versailles. Versailles, 7. Juni. (Korr.-Bur.) Die hier eingetroffenen Vertreter der Rheinlande hatten eine längere Konferenz mit der Friedensdelegation. Es wurde einmütig festgestellt, daß die rheinische Bevölkerung ohstr Unterschied der politischen Parteirichtung. des Standes Md des religiösen Bekenntnisses f e st »umDeutfchevReich halt und daß irgendwelche deutschfeindliche Emffüffe in den Rheinland«! auf entschlossenen Widerstand stoßen werden. Die anwesenden Vertreter der Rheinlande .haben a«S der Besprechung mtt der Friedensdelegation den bestimmten Emdrnck gewonnen, daß die Reichsregierung der Eigenart Md den daraus entspringenden berechtigten Wünschen der rheinischen Bevölkerung volles Verständnis entgegenbringt und gewillt ist, die rheinische Frage gemeinsam mit den rheinischen Abgeordneten zum Besten des gesamten Deutschland zu regeln. Die Entente erkennt die Rheinprovinz nicht an. Berlin, 7. Juni. Die »Bosstsche Zeitung* meldet auS dem Haag: Holländische Agenturen melden, auS Paris, daß der Rat der Vier beschloffen habe, amtlich keinerleiNotrz von der Proklamier««- der Rheinprovinz zu nehmen, da der Rat der j Vier sich auf den Standpmkt stelle, daß dies eme innere 1 AngelegenheitDeutschlandS sei. Die Friedenskonferenz soll die Iren hören. Washington, 7. Juni (Reuter). Der Senat bat eine Entschließung angenommen, die das Staatsdepartement aussordert, dem Senat den Text des deutschen Friedensvertrages vorzulegen. In einer anderen Entschließung wurde verlangt, daß die Friedenskonferenz die Abordnung der irischen Nationalisten anhöre. Die Verhandlung mit Koltschak. Paris, 7. Juni. Nach einer Meldung deS Reuterfchen BureauS macht die im aavzen zufriedenstellende Antwort KoltfchakS Vorbehalte in zwei Punkten, auf denen die Alliierten bestehen, nümllch betreffend die Einberufung einer Konstituante Md die Anerkennung der n e u e« mit Zustimmung der Alliierten. Englands innerpotttische Neuorientierung. London, 7. Juni. (Reuter.) Das Unterhaus hat mit 167 gegen 34 Stimmen eine Entschließung zugunsten sofortiger Einsetzung eines parlamentarischen Ausschusses zur Erwägung eines Planes bundesstaatlicher Entwicklung angenommen, nach welchem innerhalb des Gebietes des vereinigten Königreiches untergeordnete gesetzgebende Körperschaften für England, Schottland, Wales und Irland geschaffen werden sollen. - Abflauen des Pariser Streiks. Paris» 7. Juni. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Der Ausstand ist i m Abflauen begriffen. Die Ruhe ist nicht gestört worden.