Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 140 (8.6.1919)
- Date
- 1919-06-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 140 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung . , 8. Juni 1919 0eüe Der jüdische Kongreß in Deutschland. Im Nahmen der allqememcii Konfl'.cßbewrgunfl, die das Jndcn'.um der aaunn Welt rvfafn bat und besonders nach der Revolution in Mitteleuropa durch das Vedür'n s der Schaffung jüdischer Nevräsentat'vl'örper «-uu-n neuen aniloß -bekam, bat sich auch in Deutschland eine Bewe»nma entwirkcü, s« der dir „Zionistische Vereiiiigung für Deutschland" die Initiative ergriffen hat. Der Kongrestzedanke wurde durch lebhafte Propaganda bald populär gemacht und weite Kreise bisher nicht zionistisch, organisierter Juden haben sich der Bewegung augeichlossen. Der „Zenlralvercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat an'angs die Kvttgrestbewegung lebhaft bekämpft, weil er in richtigem Instinkt in ihr einen Ausdruck des freien jüdischen Polkswillens erkannte. Der Zcntralvercin, der durchaus noch ans dem alten assimilatorischen Notabeln-Prmziv berubt, scheute vor dieser demokratischen und nationalen Welle. Schließlich jedoch winde auch die Organisation der Asstmilanten durch die immer weiter um sich greifende Kongreßbcwegung revolutioniert und der Zentralverein mußte, wenn er nicht ganz von der jüdischen Politik ausgeschaltet bleiben wollte, zur Kongreßfrage Stellung nehmen. Die zionistische Propaganda hat immer: betont, daß sie in dem Kongreß die einzige Möglichkeit sicht, einen Anschluß des deutschen Judentums an das Gcsamljudeirtttm herzustellen und die Politik und Arbeit der deutschen Juden in die Politik des jüdischen Volkes einzugliederu. Vor einigm Wochen sind die Delegierten des Zrntralveremes rmd der zionistischen Vereinigung zu einer Besprechung zusammengetreten und haben die Möglichkeiten einer allgemeinen Beteiligung am Kongreß erörtert. Die Zionisten stellten folgende Bedingungen: 1. Der Zentralverein verpflichtet sich, auf diesem Kongreß ein Palästinaprogramm zu vertreten, das den zionistischen Forderungen nicht zuwiderläust. Die Anerkennung der Neugestaltung Palästinas durch die allgemein-politische Entwicklung der letzten Jahre muß in aktiver Mitarbeit am Aiifbau Palästinas zum Ausdruck koululem. 2. Der Kongreß muß au§ allgemeinen, gleichen, geheimen Verhältniswahlen für Männer und Frauen hervorgehen. Ein Unterschied zwischen deutschen Staatsbürgern und Ausländern darf nicht gemacht werden. ' 8. Der rein jüdische Charakter des Kongresses muß gewahrt werden, Beschlüsie dürfen nur über rcinjüdische Angelegenheiten gefaßt werden. Demonstrationen in bezug auf nichtjüdische Verhältnisse sind unzulässig. Ferner wurde erllärt, daß für den Kongreß lediglich eine Tagesordnung, nicht aber ein Programm festgesetzt werden könne, so daß die Parteien mit ihren Programmen gegen einander in den Wahlkauipf treten. Der Vorsitzende des Zcntralvereiues, Geheimrat Fuchs, ahepüerte diese Forderungen als Grundlage für weitere Verhandlungen Dieser Tage hat nun in Berlin die Hauptversammlung des ZeutralvereineS stattgefuuden und im Mittelpunkt der Beratungen stand die Kongreßfrage. Nach dem Bericht des »Berliner Tageblatt" war die Diskussion außer-, ordentlich lebhaft. Es wurden zahlreiche Stimmen laut, die sich gegen jede Beteiligung am Kongreß aussprachen. Auch die Befürworter des Kongreßgedankens waren der Meinung, daß zumindest der gegenwärtige Zeitpunkt aus politischen Gründen und wegen der,antisemitischen Welle, die jetzt über Deutschland geht, für die Einberufung geeignet sei« Schließlich wmde folgende Resolution angenommen: „Die Generalversammlung des Zentralverbandes be - g r ü & t> b t c Schaffung indischer Kongresse in Deutschland, auf denen die die deutschen Juden bewegenden Fragen von den gewählten Vertretern aller deutschen Juden behandelt werden. Die Getreralversammlung Tschechs-MorsäkM Md Rumänen akzeptieren Ke« MiKsritätenschutz? .. Kopenhagen, 7. Juni. (Tel. der „W.'. Morgenztg.") Das Kopenhazsnev Zionistisch^ Bnrran teilt die bisher von keiner Seite bestätigte Nachricht aus Paris mit, die Tschechow Slowakei habe $ « $ e ft t m tu f, daß in den Vertrag mit den führenden aMierten tt assoziierten Machten solche Bestimmungen ausgenommen werden sollen, die notwendig schein« um die ethnographischen, religiösen oder sprachlichen Minor täten z« schützen und die Freiheit des Transits und die gerechte Behandlung d< Handels des anderen Rationen zu sichern. Rumänien stimmte einem ähnlichen Vertrag bezüglich des Schutzes der Minderheiten und der Freiheit des Transits zn. Die FinmMsr Frage gelöst? S S L n L- G e r m a in, 7. Juni. (Korc.-Vur.) „PetitJournal" will aus guter Quelle wissen^ daß die Frumaner Frage endlich als gelöst betrachtet werden könne. Die Italiener solle« die Stadt bekommen, sich aber verpflichten, einen Teil des für die Gros schiffe bestimmten Häsens den Jugoslawen ans 99 Jahre zu verpachten, wie sie dü den Schweizern in Genna zugestanden haben. Susak wird jugoslawisch und Italien ist geneigt, sich in der dalmatinischen Frage nachgiebig zu zeigen. Die in den Letzten Tage«? begonnenen direkten Verhandlungen zwischen den Italienern und Jugoslawe« hatten die Lösung schnell gefördert. BBBB erwartet vom Vorstand, daß der erste Kongreß erst lt einer Zeit berufen wird, in der seine Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen a n g e b r a ch t erscheint. Die näheren Bestimmungen bleiben dem Vorstand Vorbehalten. Obwohl sich nicht verkennen läßt, daß selbst in dem vcr-. 'testierten Geist des Zentralvereincs bereits ein kleiner Ansatz zur Modernisierung zu merken ist, geht doch aus allen Berichten hervor, daß man bezüglich der Möglichkeit einer gemeinsamen Einberufung durch die beiden Organisationen skeptisch sein darf. Die Zionisten können zumindest von der Forderung unbedingter Demokratie und Anerkennung der Einheit des jüdischen Volkes, das heißt, also auch des Wahlrechtes der Ausländer, nicht abgehen. Ein Kongreß der „deutschen Juden" wäre heute belangloser als jemals. Eine gewissec Bedeutung kann der Kongreß auch für die deutschen Juden selbst nur dann bekommen, wenn er der Kongreß des in Deutschland lebenden Teiles des jüdischen Volkes wird. Das jüdische Volk ist heute in noch viel höherem Maße als früher eine Einheit. Es ist auf dem Wege, eine Bollnation zu werden und wird durch das gemeinsame Ziel und die große gemeinsame Ausgabe fest zusammengrschweißt. Diejenige Gruppe, die sich diese Tatsache uicht zu Bewußtsein bringt, schaltet sich selbst freiwillig aus der Gemeinschaft aus. Darum glauben wir, daß es heute bei der Kongreßbewegung auch in den Ländern Mitteleuropas weniger darauf ankommt, Abgefallene oder Abfallende künstlich sestzuhalten, sondern darauf, dem Volk ein Organ seines Willens zu schaffen; nicht Fiktionen aufrecht zu erhalten, die wir nicht mehr nötig haben, sondern ernsthaft an dre wirklichen Aufgaben heranzugehen. In den Staaten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie sind in der Zeit der Revolution als Organe des Volkswillens die jüdischen Nationalräte entstanden. Bei den jetzt stattsindendeu Wahlen wird daS Volk selbst zu entscheid haben, in wessen Hand es seine Vertretung legen will. Auch der jüdische Kongreß in Deutschland, der von den Nationaljudcn sicherlich auch bei passiver Resistenz des Zentralvereines nicht aufgegeben wird, kann in ähnlicher Weise eine Vorbereitung deS allgemeinen jüdischen Weltkongresies werden. Politische Rundschau. Unter Noskes Szepter. In Berlin ist ein Ausstand aus gebrochen, und' esh ist im Augenblick nicht abzusehen, ob er sich nicht auHj auf andere Städte des Reiches ausdehnen wird. De« Verkehr in Berlin stockt fast völlig, schon mußten die, Zeitungen ihr Erscheinen einstellen, und auch die PosL inacht Mene, sich an dem Ausstand zu beteiligen. NoH ist es nicht zu Ruhestörungen gekommen/ nachdem bis Streikleitung der Unabhängigen die Einhaltung der- Ruhe strenge vorgeschrieben hat. Aber man weiß ja^ welchen Lauf die Dinge in Deutschland zu nehmen pflegen: Die Erbitterung und das Mißtrauen unter den? Massen ist so groß, daß ein zündender Funke genügt/ zu Explosionen der Volksleidenschaft zu führen, reget-? mäßig ist Blutvergießen die Folge und ein mörderisches Brnderkampf rast durch die Straßen. Daß die Provo-! kation in solchen Fällen selten ausbleibt, .^rafür sorger^ schon die Regierungstruppen, die sich immer mehr alsii Herren der Situation zu fühlen scheinen, und bei! denen offenbar der alte Durchhaltergeist herrscht, der? Deutschland an den Rand des Abgrundes geführt hat7, 'Die Ursache, die diese.-letzte,Streikbewegung veranlaßt:! hah<-A'M7ErregMlg:^deL>'Müssen über das raschgefälltttz und Migst vollKogene.. Todesurteil an dem Müncheners Kommunistenführer Levine, das sogar der regierungs^ fro.mme „Vorwärts" mißbilligt. Man braucht nichH für die Systeme' des Kommunismus einzutreten iutb!j man kann überzeugt sein, daß bolschewikische Experts mente namentlich für ein zerrüttetes und entlräfteteÄ Land eine Gefahr bedeuten, ohne darum die fliuW würdige Art zu billigen, in welcher gegen Leutes vorgegangcn wird, denen man schließlich nur politisch^ Verbrechen zur Last legen kann. Nichts kann den Geists der.ich neuere Deutschland herrscht, Heller beleuchten^ Vorlesung Franz Werfel. „Weh, zwischen uns steht Wort, r Masse und Mauer aus dichtem Ort! * Ich kann nicht zu Goti durch Wort. Fort aus dem Mort, Fort aus dem hallenden Haus!..." So tobt der Dichter Franz Werfel, der Mittwoch neue Dichtungen im Konzerthaus vorlas, gegen das Gefängnis der Sprache, die uns in die fiktive Begriffswelt verbannt und den unmittelbaren Weg zum Sein, zum Jch-Sem und Gott-Sein, sperrt. Seine Verse sind der verzweifelte Versuch, in Schrei und Schmerz und Freude und Melodie, in ekstatischem Aufschwung den Weg zu finden, die Lüge der menschlichweltlich - materiellen Existenz zu durchbrechen oder wenigstens, wenn der Ansturm vergeblich war, zum Bewußtsein dieser Lüge, zunr Erlebnis der Verschuldung durch Eitelkeit, Selbstgcrechtigkeit und Verstrickung, zurückznfinden. Welcher Hochmut, aus „Erkenntnis" apodiktische Urteile zu sprechen, wo die Seele selbst ihre Auflösung durchlebt, die Schranken der Individuation durchbrecherrd und sich auswertend zum All- Gefühl, zuin Leben in der Kreatur, doch aber ihrer selbst nicht sicher, sich selbst verlierend und, an der Wahrheit des Seins gemessen, im Grunde nichtiges Trugbild. Diese Schwingungen der Seele werden künstlerisch ausgedrückt durch Rhythmus und Betvegung, durch völlig musikalisch gewordene, rmgegenstandliche Expression, die über den engen Sinn des einzelnen Wortes und Bildes hinaus die adäquate Form des kosmischen Gefühles ist, das durch Werfels Kunst geht und in dem aufgeschlossenen Hörer erzeugt wird. Wir alle sind verzaubert und keiner weiß, wer „ich war und bin". Diese Einsicht mag in direkter Ljnie von jenem Vers HofmannSthals' abstammen, dem sein eigen Ich „wie ein Hund unheimlich stumm und fremd" ist. Aber bei Werfel wird dieses Erlebnis zum stärksten Element schöpferischer Dynamik. Solange wir uns selbst zu kennen glauben^ fühlen wir uns, sicher in her Mst; aber der Wahrheit, daß ich nicht bin, der ich bist, vermag keiner standzuhalten. Prinz Gazanfar (im Märchen „Der Dschm") will, gestützt auf sein Schwert, den Karnpf mit der Macht aufnehmen, die nicht mit Zerbrechlichkeit, sondern mit dem Sinn schlägt. Aber er kann die Wahrheit ebensowenig schauen wie der einst ans ganz anderen geistigen Regionen geborene Jüngling von Sais. Seine Freunde finden ihn am anderen Morgen, von Abscheu vor sich selbst erfüllt, wissend, daß sein schöner Leib nicht besser als der des räudigen Hundes, weil der reine Leib und der wahre Sinn nicht da ist, die „Welt der Aeser" flieht. So tief ist die SchuL dieser Weltschöpfung, dieser Verzauberung, dieser Erniedrigung Gottes zum „Wort", das Welt wird, daß Gott selbst ins Irrenhaus gerät oder der Irre Gott zu sein wähnt. Diese „Blasphemie eines Irren" ist von einer Packenden Gewalt, der Analoges sich vielleicht nur bei Dostojewski findet. Der Kampf des an sich irre gewordenen Menschen im Spiegel des an sich irre gewordenen Gottes — die erschütternde Selbstbeschuldigung und das Wissen um die eigene Begrenztheit, dieses auf Erlösung hoffende Bekenntnis des Sündertums ist tiefste, religiöse Weisheit. Die Menschheit konnte noch nicht erlöst werden, weil Gott noch immer, wenn er die Gestalt eines Menschensohnes annehmen wollte, im letzten Moment noch die Verfehlung beging, die Ursünde der Selbstbespiegelung, der Eitelkeit, der berfallfüchtigen Erfolghascherei; in diesem Moment war Gott selbst von Gott verlassen und die Welt blieb unerlöst. Im Augenblick der ersten reinen Liebe aber wird die Welt nicht mehr da sein. Gott, den zu strafen die Menschen die geistloseste Form der Gemeinschaft, den Staat ersonnen haben, haßt die Gerechten, die „Vorzugsschüler", und liebt die Sünder, die die Freude kennen. Hier allerdings scheint mir Werfel unrecht zu klassifizieren, wenn er MoseS, den fortwährend mit sich und Gott im Kampfe liegenden Titanen, unter die „Vorzugsschüler" einreiht. Vorzugsschüler sind wohl nur die Selbstgerechten, die GichpM M. MytwegM Mn Änfechturrg ~ --1 Stehenden. Moses aber ist der Typus des um fenttti Entzweiung Wissenden, den Weg zu Gott und zurj? Einheit in stets neu anhebendem Kampf suchender«? Menschen, er leidet an seiner Sendung wie die großen! Propheten Israels alle. Und Werfels eigenes Welt-i? gefüh! ist nichts anderes als das Erlebnis dieser Eni*! zweiung und die Sehnsucht nach der befreienden Einheit/! die die Erlösung ist, die Gottestat der Liebe. WerM gehört zu jenen, die wissen, daß eine Befreiung den Menschheit niemals von außen kommen kann, durchs keinerlei mechanische Regelung irgendwelcher interperso-, naler menschlicher Beziehungen, sondern nur durch die Erneuerung der Menschen von innen, durch die Umkehr/ durch die tausendfache stets neue und unvergleichbares Wiedergeburt der Seele in dem umwandelnden^ Ereignis der Berührung mit dem Geist. Darum ha^ er in seiner bekannten Polemik mit Kurt Hiller (sieha „Tätiger Geist", Jahrbuch de Aktivisten 1918) de« „aktivistischen" Sendung die „christliche" Sendung ent-', gegengesetzt, darum verneint er den Staat und dies Politik, die Organisation, den Bereich des „Groß'-' inquisitors" Dostojewskis, und weift den unerbittlich^ schweren Weg ins Herz des „unaussprechlichen" Jn-- dividuums, aus dein allein wieder wahrhafte Formend der Gemeinschaft hervorblühen können. : Ä ■ Werfel ist ein geradezu verblüffend meisterliches Vortragskünstler. Durch seine Interpretation, durch den Wohlklang der meliodtösen, allen Modulationen des Ausdrucks, Leidenschaft, Verzweiflung, Weltfteude, Dä-i monentum, Irrsinn, bereiten Stimme kamen die vor-, getragenen Dichtungen zu einer faszinierenden Wirkung, die die leider sehr spärliche Zuhörerschaft zwei Stunde«! lang in ihrem Bannkreis festhielt. j Die meisten der vorgelesenen Stücke, vor allem auch der ,Aschin" und die „Blasphemie", finden sich in dem am Tage der Vorlesung erschienenen JunihefL der Zeitschrift „Der neue Daimon". v ddobert Welts ch>