Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 139 (7.6.1919)
- Date
- 1919-06-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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tzeUe 2 -Vien. gamstncr Politische RlmDschau. Die Prager GemeiNderaisWahlerr rsnd die Anden. V i e st, 6. IMu Die Prager Gemeinderatöivab^, von denen es Ursprüngtict, Inch, daß sie bis yw Schasnmg von 6!rvst- Prag a ußresch oben werden, finden doch ain. 15. Jnni statt. Der Wahlkainpf ist bereits in vollem Gang und auch die Inden haben sowohl in Prag als auch in den Vorstädten Listen der „bewußten Inden" ausgestellt, in welchen außer den Zionisten auch die Orthodoxen und mehrere Organisationen unpolitischen Charakters vertreten sind. Außerdem haben die Poerl-s- Zion eigene Listen ausgestellt, die mit den jüdischen gekoppelt sind. Die Ereignisse der letzten Tage haben den Juden ganz klar gemacht, daß sie eine eigene Vertretung in den üsttntlichen Körperschaften anstreben müssen. Die antisemitische Hetze eines gewissen Teiles der Presse kennt keine Grenzen und zeitigt insofern Erfolge, als, durch wüsteste Demagogie verführt, immer wieder ein Teil des Pöbels gegen jüdische Geschäftsleute Und Privatleute erzediert. Da 'die Wahlordnung allgemeine Wahlpflicht Vorsicht, so müssen sich die Juden fiir die jüdische Liste entscheiden. Eine andere Liste kann angesichts der Sachlage nicht in Betracht kommen. Selbst in Wien, wo doch keine nationalen Kämpfe sind Und daher die Parteischattierung ganz anderer Art ist, haben bei den letzten Wahlen die Inden überwältigend manifestiert, daß sie rein jüdische Politik zu machen wünschen. Diel zwingender ist diese Notwendigkeit in Prag, wo die Juden zwischen den beiden Völkern stehen!und nicht in ihren alten Fehler verfallen dürfen, sich tzum willenlosen Instrument fremdnationaler Trutzpolitik herzugeben. Noch heute haben die Juden in Prag darunter zu leiden, daß sie zur Zeit des österreichische» Absolutismus sich von gewissen Seiten mißbrauchen ließen. Dieser Fehler kann nur vermieden werden, wenn endlich mit der assimilatorischen Lüge radikal Schluß 'gemacht wird. Die Prager Inden haben aber auch eine unerhörte Verantwortung. Das Schicksal unzähliger jüdischer Existenzen hängt davon ab, wie die Juden W im Wahlkampf verhalten werden. * Es ist eine Frivolität ohne gleichen, wenn Juden sich über diese Verantwortung hinwegsetzen und aus Gedankenlosigkeit, Verblendung oder Irrsinn eine Politik machen, die für ihre Volksgenossen von weittragendster Schädlichkeit sein kann. Wir muten niemandem zu, daß er seine Ueberzeugung verleugnet. Aber wenn heute vereinzelte Juden, sicherlich gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des jüdischen Volkes, sich dazu hergeben, auf gemeinsamer Liste mit d-en deutschen Antisemiten, Nationalsozialen, Deutschradikalen und Christlichsozialen als Paradejuden zu figurieren, nur Um für diese Listen jüdische Stimmen zu gewinnen, so ist das nicht nur eine schmähliche Erniedrigung und Charakterlosigkeit, sondern geradezu ein Verbrechen, das von der öffentlichen Meinung entsprechend abgeurteilt werden muß. Die Prager Kasinojuden im Wahlbündnis mit der Partei Karl Hermann Wolfs, mit den Christlichsozialen: das ist wohl mehr als sich irgendein Jude gefallen lassen kann, der noch einen Funken Anständigkeit besitzt. Man weiß, daß diese Judendeutschen dieselben Gesellen sind, die sich immer schon dazu hergegeben haben, dem deutschen Zentralismus in Oesterreich Handlangerdienste zu leisten, und die dadurch das tschechische Volk noch als es bedrückt war, auf das äußerste reizten, nachher aber deU gebührenden Fußtritt auch von den Deutschen bekamen. Heute noch wird von den Tschechen immer wieder der Vorwurf erhoben, die Juden hätten gegen das tschechische Volk gewühlt Und intrigiert, obwohl unzähligemale nach gewiesen wurde, da die große Mehrzahl der Juden, die eben nicht politisch exponiert ist und deshalb unbemerkt bleibt, mit den Taten der deutsch-jüdischen Assimilanten nicht das geringste zu tun hat. Jetzt ist es aber an der Zeit, daß dieser Beweis vor aller Oeffentlichkeit dadurch erbracht wird, daß die Juden am 15. Juni ihre Stimmen ausschließlich der jüdischen Liste gebe». Die Wahl der jüdischen Liste ist aber nicht nur ein Gebot politischer Klugheit, die demonstrative Absage an die verächtliche Clique der deutsch-jüdischen Assimilanten, sondern es ist gleichzeitig die jüdische Willenskundgebung zur Aufrichtung der jüdischen Ehre und Würde. Die Juden lehnen es fortan ab, irgendeinem anderen Volke Sklavendlenste zu leisten. Sie wollen sich nicht mehr im nationalen Kampf hin- und herzerren lassen und schließlich ihren gebeugte» Rücken den Streichen von beiden Seiten barbieten. Die bewußten Juden werden auch in den nationalen Fragen eine gerechte Haltung einnehmen. Sie werden, wie der Prager Wahlaufruf sagt, nach der Parole: „keine nationale Vergewaltigung, aber auch keine nationale Trutzpolitik" handeln. Auf dieser Basis können die Juden über die sorgfältige und energische Wahrung der jüdischen Interessen hinaus für die Politik in Böhmen ein wertvolles Clement werden, das Gegensätze zu mildern geeignet ist. Daß Wichtigste aber ist, daß sie in dieser von unheilvollen Stürmen bewegten Zeit sich wohl bewußt sein müssen, was für sie auf dem Spiele steht. Die Juden, die das Bewußtsein dieser Verantwortung fühlen, werden zweifellos ain 15. Juni die jüdische Liste wählen. Ancner Morgenzerrung n W i e u, 6. Iutt. Das fyaiwenie Drama, bas sich gegenwärtig in Paris abfpielt, scheint nicht so baÜ> zum Abschluß komme.: zu wollen. Hingegen hat man den Eindruck, als ob cs sich dem Höhepunkt nähern wollte. S-- viel man sah, batte bisher Clemeuceau, der alte unerbittliche Cato, dessen erbarmungsloses „Cetcrum Canseo" alle Hoffnungen erstickte, die Rolle de? Hauptakteurs inne. Ob es auch die des Helden war, uiuß der Beurteilung späterer Zeiten überlassen bleiben. Jedenfalls steht man vor einer bedeutungsvollen Wendung: Uebereiustimmendcn Nachrichten zufolge haben Wilson und Lloyd George die Revision des Fried ensvertragrs mit Deutschland und die mündliche Verhandlung trotz energischen Protestes Cleinen ceaus durchgesetzt. Die Londoner Presse meldet übereinstimmend, daß eine Verhandlung mit den Deutschen auch über die % e t r i < o 11 ö I f ta g c n statt finden werde und die Meldungen verdichten sich, daß Wilson und Lloyd George auch bereit seien, bezüglich der Volksabstimmung in Schlesien, der Saar decke »frage und der Aufnahme in den Völkerbund die deutschen Argumente zu prüfen. Der Korrespondent des „Daily Telegraph" deutet au, daß die Beschlüsse der Konferenz auch von der Arbeiterbewegung beeinflußt würden. Die Beantwortung der deutschen Gegenvorschläge bürste nicht sobald erfolgen, falls sich die Meldungen über den geänderten Standpunkt der Mehrheit im Viererrat irgendwie bewahrheite», und auch „Temvs" meint, daß die Antwort kaum vor dem Ende der nächsten Woche zu erwarten sei. Angesichts dieser immer bestimmter auftretenden Meldungen wirkt die Versicherung des „Echo de Paris", baß alle Vorb<Leitungen für den Fall des Abbruches der Verhandlungen getroffen feien, um militärisch vorzugehen, und man sich über die Frage, die deutschen Städte, darunter Berlin urd München, unter beständigem Bombardement zu halten, göeinigt habe, unglaubwürdig. Roch ist nicht sicher, ob Cbemeueecms Widerstand wirklich überwunden ist. Mer zu diesem Aeußersten wird es wohl nicht mehr kornmen. So niedrig wird man wohl die Einsicht der Ententestaatsm ärmer nicht einschätzen dürfen und die Ereignisse ln ihren eigenen Ländern sprechen eine allzu deutliche Sprache: Der Streik in Frankreich trägt einen wenigstens teilweise politischen Charakter, in den englischen Massen wächst die Wilsons Nolle im Frirdensvertrag. Der Herausgeber der holländischen Wochenschrift „De HaagschePosi" ist auf einevWinkvonWilso» in Paris gewesen, um auS Anlaß der einstimmigen Verurteilung des Fnedensvertragrs in der holländischen Presse Erklärungen entgegenzunehmen. Der holländische Journalist svrach mit dem Sekretär Wilson S, dem Leiter der amerikanischen Presseobteilung auf der Friedenskonserenz. Dieser gab zu, daß Wilson seine Grundsätze nicht so habe durchführen können, wie er wollte. Die Lage war so, daß ein Frieden, so gut eS sich machen ließ, auf der Gumdlage des Vergangenen zusiandegebcacht werden mußte. Mau mußte entweder einige Ideale opfern, oder dm Gedanken an einen baldigen FriebevSfchluß aufgeben, aber m ernem baldigen Friedensfchluß war der Völkerbund eiubegcissen. Der Präsident hatte sich zucückziehen können, als er den „Georges Washington* nach Frankreich kommen ließ, Md hätte damals die öffentliche Meinung für sich gehabt. Aber er zog vor m blnben. da eS chm klar war, daß ein Frieden, wmn er nicht nachgSbe, kaum erreicht werden könne. In diesem Falle hätte man auch aus den V 5 lk erbund verzichten müssen, und Europa wäre dem Chaos auhrtmgefallen. Um das zu vermelden Md um zu retten, waS auS dem allgemeinen Schiffbruch zu retten war, entschloß sich Wilson dazu, einige seiner Uebrrzengungen zu opfern in der Hoffnung, daß der Völkerbund das mögltch machen werden waS der Fried mSvertrag nicht zustande bringen kann. Den Grund, daß dieser Frieden vom Ideal WilsonS abweicht, liegt, so sagte der Sekretär, m der Unmöglichkeit, die verschiedenenJuterrssenzuverrineu. Die Opfer, die der Krieg gefordert hat, übersteigen jede Vorstellung. Diese Opfer müssen gutgemacht werden, und da8 kann nicht auf einmal gescheht«. Eine jahrelange schwere Belastung kann nur mit Machtmiittl« auferlegt werden. Daraus erklären sich die mllitärilchm und GebirtSbestirriniurigen. Der Friede« liquidiert ja nicht den Krieg, sondern bildet nur einen Anfang zu dieser Liquidierung. „ Zionistisch« Tagungen. Das Zionistische Bureau Kopenhagen ist erst heula in der Lage, den Bericht über die zionistische Konferenz Groß-Ruß lrndö, welche tm Mrz tn Petersburg stattfand, zu veröffentlichen. Die Versammlung war trotz der ungeheuren Neiseschwierigkeiien auberordeutllch stark besucht und die Delegierten erstatteten ausführliche Berichte über den Ausschwung der zionistischen Arbeit in den einzelnen Städten. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand die Frage der Emigration nach Palästina und der Kolonist ttonZmethode»». Es wirb ein Auswanderungsbureau in Odessa eingerichtet werden. D«as größte Interesse wendet sich der Frage zu, wann die Auswanderung wirb beginnen können, en welchem Umsailge sie vor sich gehen wird und nach welchen Gesichtspunkten ste geregelt werde»« wird. Diese Cntscheii düngen werden int wesentlichen nicht in den einzelnen Lnn- 7. Iunl 1919 Nr. 139 emf dem Wendepunkt? Abneigung gegen den Gewaltfrteben und auch in Jt allen, dessen sozialistische Partei erst neulich ihren Führer Morgari zum Studimn tzeS Bolschewismus nach Budapest geschickt hat, regt cs sich. Heber eines darf man sich freilich nicht täuschen: Wenn wirklich die Entente mit sich reden läßt und es zu einen» halbwegs erträglichen Frieden kommt, so hat diese Umkehr nicht eine plötzliche Sympathie für Deutschland bewirkt. Man ist draußen noch immer nicht recht überzeugt, daß sich in der Gesinnung und in den Methoden des alten Deutschland Wesentliches geändert Hab?, und die von Anbeginn faule und verkrachte Revolution, deren Nutznießer in den Ministerstühlen das Erbe und die Art der früheren Machthaber angenommen haben, im Vollgefühle einer sehr übel angebrachten Legitimität ohne Erbarmen <,Regieruugstruppen" gegen Kvmmunisten loslassen, nachdem man die über den Verrat empörten Massen in die Verzweiflung des kommunistischer» Experiments getrieben hat, wird bei den sozialistischen Parteien der westlichen Demokratien auf wenig Zuneigung stoßen. Das Deutschland der RegieruugZtruppeu und der Blutbäder, das Deutschland der Erzberger. Schert emaun Und NoSke hat es mit verschuldet, daß die Friedensvorschläge so hart geworden sind. Man hat cs Herrn Clemenceau allzuleicht gemacht. Hoffen wir, daß die Nachrichten von der beginnenden Umkehr in Paris sich bewahrheiten und auch eine Umkehr tn Deutschland in die Wege leiten. Daß eine Revision des Friedensentwurfcs für Deutschland auch eine solche des Mmperhaften Machwerkes bedeuten müßte, das sich Friedens«ntwurs für Deutschösterreich, beziehungsweise für Oesterreich" nennt, Ist klar. Vorläufig konzentriert sich in Paris die Arbeit wieder auf Deutschland, nachdem der überhastete Akt der Uebergabe beS unvollständigen Entwurfes an Dr. Renner vorüber ist. Neu ist bloß, daß der Kardinal von Wien, Dr. Piffl, namens des deutschösterreichischen Episkopats den Papst um Intervention für Deutsch österreich angerufen hat, da der Entwurf eine Verletzung der ,-allgemeinen christlichen Rechtsgrundsätze" bedeute. Ob es nicht augezeigter gewesen wäre, die christlich-« Rechtsgrundsätze im Juli 1014 zu betonen? dem getroffen werden könne»», sondern der zionistische»» Obersten Leitung in London überlassen bleiben müssen. Im Mai tagte in London die Jahreskonferenz der englischen Zionistenföderation, welche eine besondere Bedeutung durch die Teilnahme Dr. W e i z in a n n S erhielt, welcher die Lag« in mehreren Reden ausführlich erörterte. Weizmarm sprach energisch gegen die Kleinmütige »r und die Pessimisten, welch« sich von Zeitungsmeldungen, luie etwa die jüngst von Dr. Dillon auSgegcbene Nachricht deprimieren lassen. Die politische Situativ»» sei so günstig wie jemals. J»n weiteren Verlause seiner Rebe tvandte sich Weiz- »nann heftig gegen das Intrigantentum und Denunziantentum, mit dem die Zionisten zu kämpfen haben. Schließlich rief er die Versammlung auf, den Glauben festzuhaltcn, daß Palästina unser sein wird. Seine Rebe wurde mit großer Begeisterung ausgenommen und Wetzmann w»»rben außerordentliche Ovationen bereitet; die Zeitungen berichten, dak viele Delegierte geweint haben. Die Lage der Juden in der Slowakei. Die Lage der Jude» in der Slowakei wird immer kritischer. Die Presse veröffentlicht täglich blutrünstige Artikel gegen die Juden. Systematisch werden die Lcbensbedingungen der Juden begrenzt und ungeheuer erschwert. In Böhmen wird feit längerer Zeit von ein» Reihe größerer Bereinigungen der wirtschaftlich« Boykott gegen die Juden mit allen Mitteln betrieben. Die Einfuhr von Rohmaterial«« «nd di« Ausfuhr von fertigen Fabrikaten werden für jüdische Firmen verhindert; staatlich bewirtschaftet« Artikel werden an Juden nur mangelhaft oder in völlig ungenügendem Maße zngeteilt. AuS leitend m wirtschaftlichen Stellen wird planmäßig jeder jüblsche Emstrlsr entfernt. Noch schlimmer ist «8 in der S l o w a k e», wo d.c Entziehung von Konzessionen rmd Lizenzen aller Art bereits d'.c VrrarmungvonDausendenvonFn milien herbeigeführt hat. Unter dem Aorwand, daß die ^Prozentnoru»" dies erfordere» werdm Handwerker an der Ausübung ihres Handwerkes gehindert, mtd KaufleMen, die wegen der Pogrome »hr Geschäfte einige Wochen gesperrt hatten, wird die Weitersühr»»»,g ihreS Berufes unmöglich gemacht. Die Verluste an jüdisch.:»» Pnvatvermö gen übersteigen nach bisherigen Schätzungen brreics rkneMilliardeKrouen. Seit dem 8. Mai wurden in der Slotvakci rium 80 j ü d i s ch e S ch u l e n geschlossen und die Lehre'-, zum Teil nach ülljähriger Dienstzeit, entlassen. Um daö Schi»!- wesen wieder in Gang zu bringen «nd aus eigenen Mitttlr» zu tthalten, sinh zwei bis drei Millionen Kronen notwendig. Es »st bekannt, daß die tschechische Regierung gerade jetzt, in der Slowakei mit großen Gchtvierigkeiten zu kämpfen hat. Sie hat bisher wenig Ernstliches getan, um sich in der jüdischen Bevölkerung eine Stütze zu sichern. Um so nachdrücklicher »»»üsseu die Jaden fordern, daß »hre Rechte «rlö »uischulicheMinorität geachtet und geschützt werdm. Die Pariser jüdische Vertretung darf nach hierüber keinen Zweifel zulaffeu.