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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-07 · Heft 139 (7.6.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 139 (7.6.1919)
Date
1919-06-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Aber die großen Streiks in Rom und Paris sind nicht von politischen, sondern von wirtschaftlichen Anlässen ausgegangen und scheinen auch Aon abzuflauen. Es ist allerdings nicht zu verkennen, daß sich in England und in den Vereinigten Staaten, die ihre Kriegsziele restlos erreicht haben, ein starker Widerstand des Bürgertums gegen die Zerstörung Deutschlands geltend macht. Dieser Widerstand ist schon deshalb seriöser zu werten, als er aus wirtschaftlich-politischen Motiven entspringt und Deutschlands Kraft als stark genug einschätzt, um schon in wenigen Jahren wieder auf dem Weltmarkt zu erscheinen. Lloyd George und Wilson, die Vertreter unb — Gefangenen des britisch-amerikanischer! Kapitalismus, sehen schon heute ein, daß Deutschland, wenn es innerpolitisch zur Ruhe kommt, in verhältnismäßig kurzer Frist dank seiner organisatorischen Fähigkeiten sich wird erholen können. Es handelt sich ihnen also darum, dem Staat, der vielleicht einmal bündnisfähig sein wird, entgegenzukommen. Wie und in welcher Weise dies geschehen soll, das ist bisher nicht zu erkennen. Die deutschen Gegenvorschläge sollen zwar in kurzer Frist beantwortet werden und es sollen gewisse Punkte des Fciedensvertrages abgeändert werden. Darüber hinaus reichen die Mitteilungen aus Paris nicht. Denn, was über die Volksabstimmung in Oberschlesien, über die Reduzierung der fünfzehnjährigen Okkupationsfrist im Rheinland auf fünf Jahre, über die Festsetzung der Vergütungsiinnnte mit 100 Milliarden Gold mark gesagt wird, ist ziemlich vage, fällt aber auch als Erleichterung der würgenden Bestimmungen sehr wenig ins Gewicht. Muß man sich also bezüglich Deutschlands zu einer sehr vorsichtigen Beurteilung der vorliegenden Berichte entschließen, so gilt dies in noch erhöhterem Maße für Deutschösterreich. Es wird verbreitet, daß Staatskanzler Dr. Renner bei den Innsbrucker Besprechungen dem Präsidenten Seitz, dem Staatssekretär Dr. Bauer und dem Vizekanzler Fink „ befriedigende" Mitteilungen gemacht hat. Außerdem kündigt man an, daß die Entente eine Revision der Grenzbestimmungen vornehmen wolle. Es ist aber schwer einzusehen, wie die Entente das Geschenk, das sie den Tschechen und Südslawen eben erst gemacht hat, diesen wieder entreißen könnte. Und es ist weiter unverständlich, wie man bereits jetzt von Konzessionen sprechen kann, wo uns die bittere Mitteilung über die finanziellen Friedensbedingungcn erst bevorsteht, bereit Inhalt uns vollends alle Illusionen nehmen wird, in Zukunft als selbständiger Staat existieren zu können. Abgesehen von den geradezu grotesk wirkenden Vorschriften über die Uebernahme der gesamten Kriegsschulden durch Deutschösterreich, die sich in keiner Weise werden durchführen lassen, sind zum Beispiel die Bestimmungen über die Verkehrslinien Deutschösterreichs zwar für dieses Land in der Tat ruinös, bedeuten aber für die Ententestaaten, denen die Rücksichtnahme auf ihre tschechischen, jugoslawischen und polnischen Bundesgenossen das wichtigste Moment ist, gm nichts oder sehr wenig. Die im Frieden von Saint-Germain vorgesehene Festlegung der Grenzen im Süden würde die wichtigen Knotenpunkte unseres Verkehrsnetzes Marburg. Klagenfurt, Franzensfeste. Bozen aus der Gebietshoheit Deutschösterreichs in die Gebietshoheit Italiens und Jugoslawiens umschatten. Dies würde natürlich verbiudern, daß Deutschösterreich seiner Berkehrsaufgabe, eine Verbindung zwischen Norden und Süden, also quer über die Alpen herzustellen, Nachkommen kann. Aber auch die Verbindung zwischen Ost und West, deren Abwicklung die Arlberg bahn, die Westbahn und die Südbahn dienen, wird durch die Zerschneidung der Südbahn Deutschöfterreich entzogen. Dies trifft uns sehr stark, weil diese Aufgaben unsere ganze Stellung im internationalen Leben bestimmten nnd nun hinfällig werden. Aber ist das — und es ist nötig, sich darüber immer und immer wieder Rechenschaft', zu Men.—chMMüemr MdLMtg U.dm Abbruch der Friedensverhandluugen? Die deutsche Delegation rechnet mit der Ablehnung ihrer Gegenvorschläge. 4 Berlin, 6.Juni. (Korr.-Bur.) Das „AchtAhr-Abendblatt" meldet aus Versailles: Die Aussicht auf mündliche Verhandlungen oder gar beachtenswerte Milderungen der Bedingungen des Friedensvertrages ist sehr schwach. Innerhalb der Delegation rechnet man mit einer Ablehnung der deutschen Gegenvorschläge in großen Zügen. Die Folge hiervon Ware ein Abbruch der Verhandlungen; den« Graf Brockdorff- Rantzau ist, wie der Korrespondent des Blattes von unterrichteter Seite hört, entschlösse«, sich mit geringen Aenderungen nicht zufrieden zu geben und in diesem Falle die Anterzeichnnng zu verweigern. Dr. Bauer über die Besprechungen in Feldkirch. Der Hauptausfchnß hielt gestern unter dem Vorsitz des Präsidenten S e i tz eine Beratung ab, an der auch die Mitglieder des Kabinetts teilnahmen. Staatssekretär Dr. Bauer Lerichtete über die Besprechungen, die Präsident Seitz, Vizekanzler Fink sowie er selbst mit StaaLskanzler Renner und einzelnen Anterhändlern in Feldkirch führten und kennzeichnete hierbei die Richtlinien der Instruktionen, die auf Grund der letzten Beschlüsse des Harrptausschuffes ihnen gegeben worden waren. Da die von der Friedenskonferenz gestellten Bedingungen noch nicht vollständig vorliegen, vielmehr noch wichtige finanzielle und wirtschaftliche Bestimmungen fehlen, wird die Antwort der deutfchösterreichischen Regierung gleichfalls nicht als Ganzes und unter einem überreicht werden können. Staatssekretär Dr. Bauer wird in der heute stattfindenden Sitzung der Nationalversammlung die FrkedensbedLngungen einer eingehenden Darlegung unterziehen nnd insbesondere ihre Konsequenzen für den Bestand der deutschösterreichifchen Republik und die daraus sich ergebende Antw ort erörtern. Zn der an die Ausführim^r Dr. Bauers sich anknüpfenden Wechselrede ergab sich eine vollkommene AeöereinftiMMUng bet Auffassung' aller Parteien. Schließlich beschäftigte sich die gestrige Sitzung des Hauptarrsschuffes auch mit den jüngsten Vorkommnisse« in Kärnten. GARLralftreik in, Berlin. Als PrsLest gegen die Hinrichtung Nisien-Lemnes. Berlin, 6. Juni. (Korr.-Bur.) Zum Protest gegen die Hinrichtung Niffen-Levines hat die VMvcrsamMluKg der Arbeiter- und SoldaLenräte Grcch-Berttus einen Generalstreik beschlossen, der bis morgen, 6 Ahr abends, dauern soll. Infolgedessen werden die hiesigen Blätter erst wieder Sonntag früh erscheinen. Berlin, 6. Juni. (Korr.-Bur.) Die Straßenbahnen haben um 3 Ahr nachmittags den Betrieb eingestellt. Ders KriLgsMsemaL von Venedig nach Pola verlegt. Fiume, 6. Juni. (Südslaw. Preßbur.) Das italienische Marinemruisterium hat das KriegsarfsnaL von Venedig nach Pola verlegt. Das Gebäude des Kriegsarsenals in Venedig wird für Zwecke der Handelsmarine hergerichtet werden. militärischen Imperialismus, der sich in Paris hemmungslos auslebt und sich über Deutschösterreich Auskunft bei dem bittersten Feinde Wiens, bei Doktor Kramarsch, hott? Wenn es irgendwie möglich ist, eine Milderung des Vertrages unter deu gegenwärtigen Umständen;ut erreichen, so kann der Anstoß hierzu — so paradox dies klingt —nicht von Deutschösterreich, sondern von den Nationalstaaten kommen, deren eigenes wohlverstandenes Interesse ihnen gebieten muß, Deutschösterreich nicht vom Bolschewismus überfluten zu lassen. Dies wäre auch für ihre junge Staatlichkeit eine schwere Gefahr. Der erste Zusammenstoß der Tschechen mit dem bolschewikischen, nationalistisch angespornten Ungarn ist zu Ungnnsten der Tschechen ausgefallen, und es ist noch nicht so sicher, ob cmdi die Senegalneger, die Frankreich zu Hilfe schickt, eine nennenswerte Äenderung herbeiführen werden können. Wenn die ('rrtteut? Deutschösterreich der Straße überliefert, dann bewirkt sie damit mir eine raschere Vollziehung der iu Scnn.t-iGermcün ausgesprochenen Truppen nach Paris dirigiert. Aus Anlaß des Generalstreiks. Versailles, 6. Juni. (Korc.-Bur.) „Journal" meldeL: Der PollzerpräfekL von Paris hat im Einvernehmen mit dem Militärgouvernerrr aus Anlaß des Generalstreiks strenge PoLizeimaßnahmen beschlossen. Neue Kavallerie- und Infanterie-Regimenter werden heute nach Paris gebracht, um die Polizei zu unterstützen. Deutschösterreichische Marineoffiziere in italienischen Diensten. Laibach, 6. Juni. (Tschecho-slow. Preßbur.) Blättermeldungen zufolge nehmen die Italiener gewesene österreichisch - ungarische Marineoffiziere in ihre Dienste auf. Dieser Tage wurden 50 solcher Offiziere, die ihren ständigen Aufenthalt in Deutschösterreich hatten, wieder ausgenommen und sind bereits nach ihrem Dienstorte ab gegangen. trennt die Tschecho-Slowcckei durch eine Wüste von sich ab und setzt ihre Freunde iit die schwerste Infektionsgefahr. Sie entzieht der tschechischen Republik das wirtschaftliche Hinterland und damit dem zum Export vorbestimmten Staate seine Lebensbedingungen, und dies gerade in bem Augenblick, in welchem die Tschechen daran gehen, für den Aufbau ihrer Republik das ökonomische Fundament zu legen. Der tschechische Staat braucht Absatzgebiete für seine Industrien. Er findet sie aber nicht in England und Frankreich, sondern nur in Deutschösterreich, wie in Mitteleuropa überhaupt. Die kapitalistische Orientierung, die heute an der Seine ivie an der Moldau so stark ist, hat dies übersehen, und die Freundschaft der Pariser Politiker wird, wenn Deutschösterreich verwüstet werden sollte, zu einem Danaergeschenk für ihre Prager Nachbeter werden. Deutschösterreichs Schicksal ist das Schicksal Mitteleuropas. Geht Deutschösterreich zugrunde. dann sind auch iNationalstaaten ihres V.-ckms .i mehr «" ■ .11— .

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