Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-06-06 · Heft 138 (6.6.1919) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 138 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979215--01227-2986606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

/ Seite 4 Wien, FreTäg Allgemeine Mobilisierung der tschechischen Sokoln. P r a 5. Ium. (Tschecho.-slow. Preßbur.) Das Präsidium der tschechischen Sokolgememde hat «ine allgemeine Mobilisierung * rer Mitglieder bis zum 6V. Lebensjahre anordnet. Riga durch Freikorps genommen. Die Bolschewiken verzogt. Lyon, 5. Juni. (Fruukspr. des Korr.-Bur.) Aus Riga wird gemeldet: Die Stadt wurde am 22. Mai durch einen unerwarteten Angriff vereinigter baltischer, lettischer und deutscher Freiwilligendiviftoneu genommen. Die Bolschewiken wurden verjagt und auf 17 Kilometer Entfernung verfolgt. Die Bevölkerung, dre während der bolschewikischen Zeit viel durch Hunger gelitten hatte, erhielt gleich nach Einzug der Truppen die von Hoover horbeigeführten Vorräte, hauptsächlich 40 Maagons Mehl. Zn den letzten Wochen hatte sie von schwarzem Mehl und Waffer gelebt^ Gemüse durfte nicht in die Stadt hereingebracht werden. In der Stadt find 15.000 Kranke, die Bevölkerung ist von 506.000 auf 225.000 gesunken. Anruhe in Prag wegen der Slowakei. Die Polizei hat Len Auftrag, einzuschreiten. Prag, .5. Juni. (Tel.-Komp.) Im Publikum sind Gerüchte über die schwierigeLage i n d c r S l o to a! c i verbreitet, die geeignet sind, die öffentliche Ruhe zu stören. Insbesondere sind es unverantwortliche Elemente, die gegen gewisse Kreise Hetzen. Die Polizeiorgaue haben den Auftrag, gegen solche Elemente sofort energisch eiuzusch reiten. Sine Milliarde falsch gestempelter tschechischer Banknoten. Prag, 5. Juni. (Korr.-Bur.) Wie das „Prager Tagblatt" erfährt, soll bereits eineMilliarde falsch gestempelter tschechischer Banknoten im Umlauf sein. Diese Banknoten werden bei der Einwechslung gegen die neuen tschechischen Staatsnoten zum Schaden der Besitzer beschlagnahmt und nur zur Hälfte des Betrages eingelöft werden. Gegenrevolutionärer Putschversuch in Stein» amanger. ll Budapest, 5. Juni. (Tel. der „Wr. Morgcnztg.*) Die Blätter berichten über einen gegen revolutionären Putschversuch einiger Eüenbahnbeamier in Sternamanger, welche die Eisenbahner in den Streik treiben wollten. In einer Versammlung der Vertreter aller Fachorganisationen wurde dieser Versuch verurteilt und die organisierte Arbctterschatt arrfgefordert, die mit ausländischem Geld versuchte Gegenrevolution im Keime ZN ersticken. Dir Budapesier Eisenbahner fordern die strengste Bestrafung der Lecker des Sleinamangerer Putschversuches. Die Direktion der ungarischen Staaisbnhiien fordert, in einem 'Anfruse sämtliche Eisenbahner aus, ,n diesen schweren Tagen ihren Pflichten in noch erhöhtem Maste zu entsprechen. Wiener Morgenzeitung Tagesbericht. Der Kampf um den Abbau der Volkswehr. Ein revolutionäres Soldatenbomitee hatte am Mittwoch in einer Versammlung von Kolkswchrrnäunern den Beschluß durchgesetzt, am Donnerstag gegen den geplanten und von der Entente geforderten Abbau der Vvlks wehr öffentlich zu demonstrieren. Es wurde beschlossen, mit Gewehren auszurücken,, doch verpflichteten sich die Veranstalter der Kundgebung, selbst die. Ruhe und Ordnung zu , schützen. Die Demonstration sollte' mit der Ueberreichung eines U ltimatums an den Staatssekretär Dr. Deu t sch enden, in w-elchem die Volkswehr die Erfüllung der nach ihrer Meinung reaktionären Abbauinaßregel vertveigert. Der Vollzugsausschuß der Soldatenrate^ der sich mit diesem Beschlüsse nicht einverstanden erklärte, gab die Demission und es wurde ein anderer gewählt, der in einer Resolution es jedem dienstfreien Mann freistellte, an der Demonstration teilzunehmen, jedoch die Mitnahme der Waffen untersagte. Gestern vormittags wurde von der' Italien is ch e n Miti tärmission dem Staatssekretär Doktor Deutsch neuerlich eine Note überreicht, in der der Abbau der Volkswehr innerhalb der vereinbarten Frist in dem von der Entente bestimmten Maße mit Nachdruck gefordert wird. Das.Staatsamt hat in dieser Frage gebundene Hände. Die Regierung besaßt sich gegenwärtig eifrig mit der Wage, wie den entlassenen Volkswehrleuten geholfen werden soll. Zwischen den beteiligten Staats ämtern werden eifrige Verhandlungen gepflogen und em großzügiger Plan, die ausscheidenden Mitglieder der Volkswehr mit Arbeit zu versehen, ist bereits in den Umrissen fertiggestellt. Mit Rücksicht auf die entschiedene Forderung der Entente inuß jedoch das Staatsamt den Abbau der Volkswehr jetzt durchführen. Die Versammlung vor der Dotivkirche. Gegen 5 Uhr bereits zogen von verschiedenen Bezirken Arbeiter und Arbeitslose gegen die Dotivkirche Volkswehrbataillone, mit Gewehr und Bajonett bewaffnet, marschierten von ihren Kasernen in die Reichsrat? straffe hinter der, Universität, wo sie Aufstellung nahmen und die Gewehre in Pyramidenform aufgestellt wurden. Um y26 Uhr kommt das 17.. Bataillon mit seiner Musikkapelle. Ordner der revolutionären kommunistischen Partei sorgen für die ruhige Entwicklung und Aufstellung der Demonstranten. Immer neue Züge von Arbeitern mit voteu Fahnen und anderen revolutionären Abzeichen rücken an, darunter 500 Mann der Fabrik Büssing mr 20. Bezirk und 1500 Arbeiter des Arsenals. Auf dem weiten Platz vor der Kirche entwickelt sich ein buntbewegtes Bild, welches besonders durch die vielen Fahnen und Enblerne einen gewissen Reiz erhält. Die Musikkapelle beginnt die Marsellaise und bas Arbeiterlied zu spielen. Brausender Jubel und Hüteschwenken. Es schlägt 6 Uhr. Auf dem weifen Platz dürften etwa 5000 Menschen .Kops an Kops suchen. Auf der einen^ S^itc die L§!lswMb«taillarw? : C. Ium 1919 ' Nr. 138 Fahne lind Geivehr bei Fuß, .ihnen gegenüber di«! Arbeitslosen und die K.mnuu nisten.nitfc Fahnen unds Starw arten. Die Kapelle'spielt einew Marsch, Undnachdem der letzte Torr vcrlluageu, eröffnet Svldrtenraö Grub er die Versammlung. Unterterir^nstrntivcmBeifall erklärt er, daß dw Versammlung den Zweck habe, der Regierung und der Ententezu manifestieren, daß! die Volks wehr sich - N i c m al s entwaffnen lassen werde. Er sprderte die .Teilnehmer auf^i - würdig und ernst zu demorrstrieren, und alle Elementes welche solche Gelegenheit benützen, sich ihre Taschen zrch füllen,.rücksichtslos niederzuschlggen. 'i Nachdem noch einige Redner der Arbeiter m\h\ Korrrmunisten erklärt hatten, daß das -Proletariat von, Wien nicht gewillt sei, sich dem Diktat der Entente-/ bourgeoisie zu fügen,' wurde eine ’ v Resölutioir angenorumen, in der es heißte daß die dernonstrierendH Volkswehr und. Arbeiterschaft von Wien die Forderung! nach .dem Abbau. Pep PolkSwehr -als.einen reaktionäres Anschlag gegen daß Proletariat betrachte und nimmp daher den A n fs ch u b.' b i.s. zum 15. I u u i niichjj - z ur Kc n n tnis. Dagegen, wird die A u s l ö f u n g den als Weiß e G ar d en zu.betrachtenden Bürger,vehr der, Offiziere.amd Stubentenbataitlone' sowie die sofortig« - Zurückziehung jegliche» .Grenzschutzes gegen Ungarn ge-, fordert. •... . , j > Soldaten rat Gruber richtete nun noch einig«'. Schlußworte an die Versammlung und betonte, daß keine. Macht imstande fein werde, die Bol.kswehr abzubauen. Er forderte schließlich die Anwesenden auf, ruhigf ingeschlossenen Reihe» zum Parlament zu marschieren^ wo eine Abordnung den, Staatssekretär Dr. D e n t s ch die Forderungen überreich.'n werde. Die Abordnung im Parlament. Während der Zug in größter Ordnung vor dem Parlament vorbeimarschierte, begab sich eine Abordnung der Demonstranten ins Haus, wo sic von den Staatssekretären Dr. B r a t u s ch, Dr. Deutsch und Unter- ■ staatssekretär Dr. W a i ß empfangen wurden. Der, Sprecher der Deputation, To mann, legte die Forderungen der Demonstranten vor und erklärte,, daß die Proletarier in den Abbau der Bolkswehr niemals, einwilligen werden. " - Die Antwort des Staatssekretärs Dr. Deutsch. Staatssekretär Dr. Deutsch erwiderte unter Vor-' läge eines Telegrannnes des italienischen Generals! Segre, daß die E n t e n t e unabänderlich auf Abbau der Volks wehr bestehe. Man will uchs. nicht allein militärisch, sondern auch tvirtschastlich' ohnmächtig machen, damit wir zum Spielball jedes feindseligen Nachbars werden. Sir h o f.f.e n auf di« Pralle tarier seck s ei t s d e r Drüu'z e n. Mögen" sie in treuer sozialistischer Pflichterfüllung einem unglücklichen Volke Helsen. . Wir aber,, dieMrbeiter Deutschs . Österreichs, wollen in den kommenden Tagen die Einigfeit der proletarischen Front aufrecht erhalten, um einer besseren Zukunft entgegenzusehen.'; > Der Staatssekretär weist -schließlich'dte Behauptung^ daß Weiße Garden bestehen, zurück und konstatiert, daß an der Grenze nur Einzelposten bestehen. Was,' dw angebliche Verfolgung^ von Kommunisten aülangtq - hebt der Staatssekretär hervor, daß m einer Republik, in der Sozialdemokraten etwas zu sagen haben, niemand' ' vogelfrei sein darf, und daß er alle Fälle von Komrnü-- > nistenverhaftun gen prüfen werde. Auf eine diesbezügliche Anfrage/erwidert Doktor Deutsch, daß die Staatsregierung, für D.e u tsch - W e st- - Ungarn nnr das Recht der Selbsthestinnnniig wie für alleanderen deutschen Stammesgenosscn in Anspruch nehme. Es bestehe keine Anuexionsabsicht. . ,;.; Dr. Deutsch begrüßt schließlich mm Erklärung des Delegierten Tomann,'in welcher er ein Bekeuntms zur Einigkeit des Proletariats im Kampfe geg-en den uns drohenden Gewalt'srieden erblickt. Staatssekretär Dr. Br at us ch erklärt schließlich, daß er die vorgebrachten Wünsche dem Zlabinottsrate und der Staatskanzlet unterbreiten werde, worauf die Abordnung sich entfernte. Jüdische Frauen! An Euch geht unser Ruf! Wir verlangen kein Geld, wir verlangen nicht Eure Mitgliedschaft allein, wir verlangen mehr: wir wollen, daß Ihr werbet für die Sache des Judentums, für die Sache der Frauen, für Eure Sache. Denn neben unserem jüdischen und' neben unserem frauenrechtlichen Programrn vertreten wir die wirtschaftlicheir Interessen der jüdischen Ftau und der jüdischen Familie. Wir wollen Konsumvereine errichten, Kinderküchert eröffnen, helfen, wo die helfende Frauenhand, nvttut, Vorbeugen, wo klug« Voraussicht Schäden rechtzeAg wahmimmt. Helfet uns ausbauen, helfet uns das Frauenwerk der Liebe vollenden, helfet uns stark fein in der Abwehr. Mutig im Kampfe, auf daß dem jüdischen Volke Kräfte der Verjüngung zuströmen von dem Urquell seiner Stärke: von der jüdischen Frau. Stellt Euch auf Eueren Platz, tretet der Organisation der jüdischen Frau bei! Die Leitung des Zionifttschen FrarMverbanVes: Anitta Müllen Erna Patak. Gegen die Pogrome in Polen *'• D'a? Kopeuhagcricr Zionistische Vurecni berichtet.' In seiner Eröffnmlgsreöo a»f der Jahreskonserenz der eu.gti ch>?u Zionisten in London kam Dr. We izmnu u ans die Pogrome in Polen zu ir c'.fKM. Er sagte unter anderem: Es sei Pflicht der Z.r n istischen Organisation, alles, was in ihrer Macht steht, ut tun, um de» Ausschreitungen gegen die Juden in Po m ein Ende zu machen. Dem Zionismus als Onintesfenz alles Jüdischen erwachse die Ausgabe, ein wachsames Auge auf die Ereignisse in Polen zu habe». Wir können Vielleicht nichi viel helfen, aber wir dürfen nicht schneigende Zn'cbaner sein. Wir 'müssen vor der Well erklären, und insbesondere die britische Regierung davon in Kenntnis setzen, daß mir nicht willig sind, uns äbfchlachtcu zu lassen, und paff rvir alle möglichen Mittel anwenden werde», um die jüdischen LebcnSinteressen zu verteidigen. Polen sollte wissen, daß es in der Macht der Juden steht, cs zu einenr großen Staat oder zu einem kleinen zu nracheu. Mir in einem können wir -Inden es den Polen nicht gleich tun: wtr können. teilte Pogroms machen. Das ist nicht jüdische Gewohnheit. Wer wir erklären es feierlich vor aller Welt: Polen wird seinen Staat nicht aufbanen/ aus dem u n t ch u -l b i tj e n Blut u n f e r e v B r ü d c r u n ö S ch w e st e r u!" Das I üd i s ch e P re ß 6 u r c a u in Stockholm werdet: Das 'Komitee jüdischer Delegationen in Paris richtete durch Vernuttlung des Baron Rothschild eine Dentichrift über die Jndennretzeleien in Polen an den Präsidenten den französischen Repl'.b-lik « und an den Ministerpräsidenten C l e m e n ce a u. Ra Hum Sokotcow richtete namens der zionistischen Orgmii'ativn ein energisches Telegramm wegen der Pogrome an Pilsndsiy und forderte sofortig»-: Maßnahmen zur Unterdrückung der Ausschreitungen. Pilsuöskh erwiderte, die polnische Regierung habe bereits energische Maßttahmen getroffen. Im Aufträge des „Komitees der jüdischen Delegationen" verhandelte NahilNt Sokolow tvegen der Pogrome mit der . polnischen De^gation bei der Friedenskonferenz in Paris. Ein Mitglied der polnischen Delegation erwiderte: „Sie haben den Krieg gelvünscht und nun haben Sie ihn. Sic suchten örrrch Ihre nationalen Forderungen unsere' nationale Einheit zu stören, jetzt haben Sie das Resultat. Wir rrerden unser Möglichstes tun, rtm weiteren Unruhen vorzubeugen. Aber unglücklicherweise ist das nicht leicht. Ausschreitungen sind das unvermeidliche Resultat Ihrer antipolnischen Politik." ' Diese Antwort richtet sich von selbst! Eine vom Schriftstellerverem „Perez" in New- Jork einberufene Konferenz, an der 150 Delegierte verschiedener Organisationen teilnahmen, beschloß, das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris aufzüfordern, eine energische Protestaktion gegen di« Pogrome zu organisieren, und das Komitee anzufragen, welche Schritte es bisher 'getan habe, um die Aufmerksamkeit der Friedenskonferenz auf. die Pogrome zu lenken. Ferner wurde beschlossen, an Präsident Wilson und die amerikanischen Fried-ensdelegierten Protesttelegranrme zu senden, zwecks Informierung der allgenreinen Presse ein Preßbrrreau zu gründen und eine Reihe von Massenmeetings in Neiv-dork z» Veranstaltzen. Der bekannte Philanthrop Jakob Schiff, New- Aork, richtete an Lord Ne ad in g einen dringenden Appell, bei der britischen Regierung ans eine kräftige Intervention wegen der Judenpogrome , hinznwirken. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.