Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 138 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 wtc;2£t' —ioLgeazeitaag 0. ^utii 1J10 Sil. 1LJ )-- .. ■ —--- ■■■ ■ - Italien für den Zionismus.*) Ueberaus beachtenswert erscheint die Förderung, die die zionistische Bewegung van der italienischen Oeffentlichkeit findet. Ich will eine übersichtliche Zusammenstellung aus Grund der mir zur Verfügung gestellten Angaben versuchen. In Italien bestehen: das „Comltatö di agitaziona pro causa cbraica* in Mailand, das, aus Juden und Nichtjuden zusammengesetzt, feit 1916 unter dem Vorsitz dek' sehr bekannten Dramatikers Sabatino Lopez (der gleichzeitig auch Vorsitzender der zionistischen Organisation in Mailand ist) wirkt; dann das „Comitato pro ebrei opressi“ in Florenz mit dem Senator Universitätsprofessor Guido Manzoni an der Spitze, und schließlich der gleichfalls aus Juden und Nichtjuden zusammengesetzte Verein gleicher Richtung in Ancona, den Professor Fiori vorsteht. Diese Vereinigungen treten an Bedeutung und Wirksamkeit jedoch weit hinter den Verein „Pro Israels" zurück, der zwei große Ortsgruppen in Rom und Mailand hat und seine Mitglieder unter den politisch einflußreichsten Kreisen ganz Italiens besitzt. Die Gründung dieser mächtigen Vereinigung ist im wesentlichen ein Werk der Schriftstellerin Elga Ohlsen, die eine gleiche Vereinigung auch in der französischen Schweiz ins Leben rief. Dieser begeisterten Dorkämpferin für die Rechte der Juden, deren Organisationsarbeit dann auch für andere Länder vorbildlich wurde, gebühren hier einige Worte. Sie wurde als Tochter eines italienischen Ministerialrates in Neapel geboren. Die italienisierte dänische Familie hatte die evangelische Uebung des Vorlesens der Bibel -eibehalten. Dieser Gebrauch regte Elga Ohlsens Phantasie mächtig an Und erfüllte sie mit Liebe für Palästina und sein Volk. So gründete sie, nachdem sie mit zionistischen Kreisen in Fühlung getreten war, um in ihrer Weise zur Verwirklichung des jüdischen Traumes, einer Heimat in Palästina, beizutragen, die „Pro Israel?" eine Vereinigung von Nichtjuden zur Vertretung der jüdischen Interessen. Dem Verein gehören die führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Mailand an. Der Senator Salmoragli, die.Abgeordneten Agnello,CapPa, Gasparetto und Federici, der Präsident des Appellationshofes Bassi, der Präsident der Advokatenkammer Perro, Ada Negri und zahlreiche andere Persönlichkeiten. Im Sommer 1917 erfolgte die Gründung einer Ortsgruppe in Lausanne. Auch hier stellten sich die führenden Männer der romanischen Schweiz an die Spitze der Bewegung, so der Bürgermeister von Lausanne. Mailfer, der dem Verein die Räumlichkeiten des Rathauses zur Verfügung stellte, der Rektor der Universität, Professor T h a v a u, der Deputierte Rap in. In Genf schloß sich diese Bewegung mit dem bereits bestehenden „Comite poar remancipation du peuple jnif“ zusammen, an dessen Spitze der Vorkämpfer des Zionismus, Alfred de Meuron, steht. Am 16. Juli 1918 folgte die Aktivierung der Ortsgruppe in Nom, zu der schon früher der Keim gelegt war. Dem Arbeitsausschuß gehörten an: der Abgeordnete Herzog Giovanni Colvnna di Cesaro als Vorsitzender, Fürst Leone Caetani, der Rektor der Technik, Gustavo Canti, die Universilätsprofessoren Maffio Pantaleoni und Francesco, iScaduto, der Herausgeber der „Boce der Popoli", Umberto Zanetti-Bianco, der Redakteur des „Popolo d'Jtalia", Agastinv Lanzillo und Elga Ohlsen. Die Vereinigung „Pro Jsrael-e" setzt es auf ihr Programm, die zionistische Frage in den Kreisen der Öffentlichkeit Italiens möglichst bekannt zu machen Und der zionistischen Bewegung innerhalb des politischen Und öffentlichen Lebens Italiens Geltung und Ansehen zu verschaffen. Sie arbeitet zu diesem Behuf« Hand in Hand mit den zionistischen Organisationen, deren es gegenwärtig in Rom, Mailand,Florenz,Genua und Turin gibt. Als gemeinsames Sprachrohr dient beiden Organisationen die vom Rabbiner Dante LatteS geleitete Wochenschrift „Israel". Dieses Blatt ist die einzige jüdische Zeitschrift in Italien und entstand 1816 auS der Bereinigung der Halbmonatschrift „Corricre Jsraekitico", die in Triest unter Leitung von Arrone Curiel und Dante Lattes erschienen war, mit der Wochenschrift „Settimana Jsraelitiea", die von Dr. Alfonso Paeifiei in Florenz herausgegeben worden war. Vorübergehend erschien auch in Modena eine zionistische Zeitschrift „L'ibea Sionista", geleitet von Professor Carlo Conegliani. Eine Preßftelle in Rom zmterrichtet die Blätter Italiens über die Ereignisse in der zionistischen Bewegung. Außer zahlreichen kleineren Versammlungen und Veranstaltungen der „Pro Israels" ist vor allem die große Kundgebung für die Verwirklichung der zionistischen Wünsche im Nationaltheater in Rom vom 8. Dezember zu verzeichnen, bei der der gewesene Minister Ru f fini, Abgeordneter Ar ca und Uni» versitätsprosessor Sella von der „Pro Israels" und Dante Lattes von der zionistischen Organisation sprachen. Der Veranstaltung wohnten die Vertreter der Diplomatie und die Spitzen der Behörden bet. Sämtliche Minister hatten Zustimmungserklärungen ab- *' Wir haben bereits am 20. Jänner über ble große vwzionistische Kundgebung der Römer Oeffentlichleit berichtet Nachstehend bringen wir eine zusammenfassende Darstellung der prozionistischen Bewegung Italienauoer Feder unseres kürzlich aus. Italien, zurückgelehrten Mitarbeiters. Ungarn zieht die österreichisch-ungarischen Banknoten aus dem Verkehr. Budapest, S. Juni. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Da die revolutionäre Räteregiemng das Privilegium der Oesterreichisch-ungarischen Bank, das am 31. Dezember 1919 abläuft, nicht erneuert, werden die Banknoten der Oesterreichischungarischen Bank eingezogen «nd durch verkehrsnrätziges Gelersetzt. Demgemäß ordnet die revolutionäre Räteregierung an, daß Fünfzig-, Hundert-, Taufend- und Zehntaufend-Kronennolen vom 30. Juni, Fehn- und Fwanzig-Kronennoten vom 31. Juli, Ein-, Zwei-, Fünfundzwanzig- und Fweihimdert-Kronennoten vom 31. Dezember 1919 an kein gesetzliches Zahlungsmittel mehr darstellen. und auf dem Gebiete der ungarischen Räterepublik zu Fahlungszwecken nicht benützt u n d it i dj * umgew echselt werden dürfen. Wer diese Verordnung verletzt, wird vor dasRevolutionskibunw gestellt und sein Besitz an Noten wird konfisziert; die. eine Hälfte des konfiszierten Betrages fällt dem Anzeiger zu. Die Banknoten sind innerhalb von 60 Tagen, vom angegeb nen Zeitpunkte gerechnet, einznwechseln. Eine Einwechslung über diesen Termin hinaus darf nur mit Bewilligung des Volkskommissariats für Finanzen stattfinden und ist nur dann möglich, wenn der Besitzer nachweist, datz er verhindert war, die Noten rechtzeitig einzuwechseln. Die Noten können bei der Postsparkasse oder bei anderen unter staatlicher Aussicht stehenden Geldinstituten eingewechselt oder als Einlage oder auf laufende Rechnung deponiert werden. Die Einwechslung findet zum vollen Werte ohne Abzug statt. Die kritische Phase -er Friedenskonferenz. Lyon, h. Juni. (Funklpr. des Korr.-Bur.) Ans den Präsident Wilson nahestehenden Kreisen wird mitgrteilt, daß die gegenwärtige als diekritischesteZeit seit Beginn der Konferenz angesehen wird. Die Friedenskonferenz ist durch das plövlichr Eintreten der britischen Arbeiterschaft für eine Milderung des Bertrages in größte Verwirrung geraten, da sie sich vorbereitet hatte, rm Nichtunltrzeichnungsfaste mit den äußersten Mitteln gegen Denischland vvrzugrhen. Die neue britiicheParole stößt bei den F r a n z o s e n aus den größten Widerstand. Die Konferenz erscheint mit rinemmale wie gelahmt, dabei ist sie sich dessen bewußt, daß jeder Anaenbstck kostbar ist' Es gilt als wahrscheml'ch, daß die Entscheid gnng mi 2t Milliarden Dollar bestimmt werden wird. Aber man befürchtet, daß, wenn einmal mit Konzessionen begonnen wird, man nicht weiß, wo diese enden werden. Schon machen sich britische Stimmen geltend, welche Deutschland dir Kolonien nnd die Handelsflottrlassen wo Neu, damit Deutschland sknen wirtschastlicken Verpstichtungen Nachkommen könne. Frankreich ist absolut dagegen, aber E n glavd dürfte mit amerikanncher Unterstützung die O b e r-- band behalten, unno mehr, als Frankreich naliegelegt worben ist, daß es nur durch Zusicherung einer festgesetzten Entschädigung seine bedroh!che fmariziekle Lage in absehbarer Zeit aufrichtcn könne, da sonst weder A in e r.i k a n ö ch E ri g* land Frankreich einen weiteren Kredit einzuräumen bereitwären. Aus Wilsons nächstem Umkreise wird behauptet, daß di« Amerikaner noch vor der Ueberreichung deS Vertrages an Deutschland einige seiner Bestimmungen als ganz unannehmbar bezeichnet haben, daß sie jedoch von den übrigen Delegierten überstimmt und von der Press« schärfstens kritisiert und angeklagt wurden, die Verhandlungen in dir Lange zu ziehen. Ein hoher Beamter deS französische» AnßenmrnisteriumS erklärte gestern, daß Frankreich wohl Aendrru » gen, aber keine K o n- , e s s i o n e n zugestehen könne. Diese Worte lassen allerdings einen weiten Spielraum, zumal der Beamte sagte, daß Lloyd George Clemenceau überzeugt habe, daß Deutschland unbedingt, schon der öffentlichen Meinung halber, Erleichterungen gewähr twerdenmüßten. In amerikanischen Kreisen ist man überzeugt, daß Deutschland einen Teil seiner Handelsflottezurückerhalten und daS Mandat über seine früheren Kolonien ausgetragen bekommen werde. Schlesien werde seine Zugehörigkeit durch Volksabstimmung entscheiden dürfen nnd schließlich besteht Großbritannien darauf» daß D e u t s ch l a n d sogleich nach Unterzeichnung des Vertrages in den Vö lkerbund ausgenommen werde. gesandt. Eine gleiche Veranstaltung fand am 2. Februar im Theater Pergola in Florenz statt. Eine ähnliche Kundgebung ist für Mailand geplant. Anläßlich der Anwesenheit Wilsons in Rvm machte sich die „Pr» Israels" zur Wortführerin für die Zulassung des jüdischen Volkes zu den Friedensverhandlungen. Gegenwärtig ist der Verein bemüht, Lei der Regierung zu erwirken, daß die jüdischen Kriegsgefangenen in Italien vollkommene Bewegungsfreiheit erhalten. Die Tätigkeit der „Pro Israel: " ist teils von rein menschlichen Motiven geleitet, wie dies so schön in den Schlußworten der Pwgramnrschrift der „Pro Israels" zum Ausdruck kommt: „Die zeitgenössische Kultur ist das Werk dreier Völker, des griechischen, römischen und jüdischen; Italien reicht heute dem Schwestcrvolk die Hand, das seinen Platz für die gemeinsame Arbeit an der menschlichen Kultur wieder einnimmt." Neben diesen Gründen ist es eine weitschauenöe geschickte Politik, die die italienischen Politiker und Staatsmänner veranlaßt, den Zionismus zu fördern. Die Besprechungen auf der Friedenskonferenz haben gezeigt, daß Italien in seinen Bestrebungen auf Erwerbung von Dalmatien den heftigen Widerstand seiner Bundesgenossen zu bekämpfen hat. Unter solchen Umständen kann es sich gegenwärtig noch nicht mit vollen Kräften der Verwirklichung seiner kolonialen Aspirationen widmen. Darum wirb jede Politik des Aufschubes kolonialer Fragen die Zustimmung Italiens finden, um nach einer Zeit der Kräftigung seine Wünsche mit größerem Nachdruck zur Geltung bringen zu können. So erklärt sich auch der grundsätzliche Widerstand Italiens gegen die englisch-französische Tendenz nach sofortiger Austeilung des deutschen Kolonialbesitzes und die vermittelnde Haltung für Wilsons Vorschlag nach Ueberantwortung der deutschen Kolonien und des ottomanischen Besitzstandes an den Völkerbund. So erklärt sich schließlich auch das bewußte Streben Italiens, Entstehung und Entwicklung möglichst selbständiger Gemeinwesen in den Kolonialgebieben zu fördern, da nur bei freiem Konkurrenzkampf in diesen Gebieten Italien die Aussicht hat, neben Frankreich nnd England zur Geltung zu kommen. Dr. Artur Nosenberg. Nissen-Levine hingerichtet. München, 6. Juni. (Korr.-Dur.) Laut d' „MUnchen-Augsburger Amtszeitnng" ist de Todesurteil an Niffen-Levinü um die Mittag! stunde vollstreckt worden» Inland. Die Friedens-esttmimmgen und die Nationalversammlung. Die großen Parteien haben ihre Beratungen Über den Frieden von Saint-Germain beendet, jedoch keine Beschlüsse gefaßt, da sie erst die Sitzung des Hauptausschusses abwarten wollen, der heule Zusammentritt. Die von der Feldkircher Konferenz zurückgekehrten Vertreter des Staates, Präsident Seitz, Vizekanzler Fink und Staatssekretär Bauer, werden heute nachmittags ihre Berichte erstatten, aus denen sich die Richtlinien für die Parteien ergeben. Die Regierung hat die Absicht, eine einheitliche Stellungnahme der Parteien herbeizusühren und eine Solidaritätskundgebung der Nationalversammlung zu erzielen. Aus der Tagesordnung der morgigen Sitzung steht nur ein Punkt: der Bericht über die Friedensbedingungen. Die Tiroler Nationalräte «ach Wien ab gereist. Innsbruck» 5. Jnm. (Korr.-Bur.) Die Tiroler Nativ nalräte not Landeshauptmann Schrafil begeben sich heute abends nach Wien, um m der am SamStaa dort stanflndendeil DemonstrattonSsitzung der Nationalversammlung teilzunehmen. Mo,gen nachmittags findet in Anwesenheit des Landes- Hauptmannstellvertreters Dr. Grüner, der heut« abends mit den Informationen der beulschd'sterreichischen Staatsmänner aus Feldkirch hier eintreffen nnrd. eine Obmäunerkonferrnz statt, in der voraussichtlich bte Stellungnahme des Landes beraten werden wnd. LandeShouvlmannstellvertreter Dr. Sternbach begibt sich wieder nach Feldkirch und von dort auS nach SamvGrrmain. Die Soztalifieruugskommisston. Die StaatStonimisfion für Sozialisier,,ng hat den G.unnrJ über bte Sozialisierungder El ektri zrt ä is-- Wirtschaft, der in der Kommission selbst und sodann im Wasier- und Elektrizität swulschaiiSaurt beraten wurde, fertig' gestellt. Der Entwurf wird nunmehr einer Beratung mit den Landesvertretungen zugcfiihrt und sodann der Nationalversammlung vorgelegt werden. Der Entwurf über die Vergesellschaftung der Kohlen Wirtschaft ist der StaaiSkmnnusston sür Sozialisierung seitens des BureauS dieser Kommission zngegangm. Dte Beratung deS Entwurfes begmnt nächste Woche in den Räumen der StaalSkanzkl. General Segrö in Klagenfutt. Graz, 6. Juni. (Korr.-Bur.) Wie aus K l a g e n f u r t gemeldet w,rd, ist der Chef der Waffenstl llstandskommlssion in Wim, Gcneral S e g r d, heute nachmittags um 2 Uhr in Begleitung von sechs Olfizirren und 40 Mann hier eing-iroffen.