Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 138 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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So peinlich die des Friedens und positiver kultureller sowie wirtschaftlicher Arbeit bedürftigen Völker Europas durch diese Nachricht berührt sind, so wenig werden tiefer blickende Politiker von diesen und ähnlichen Nachrichten überrascht sein. Dieser Friedensvertrag, welcher selbst in London, Paris und Rom in den sozialistischen Arbeitermassen tiefste Erbitterung erregt und in einer italienisch-sozialistischen Kundgebung als die größte Schande aller Zeiten bezeichnet wurde, ist ja in den wesentlichen Punkten noch gar nicht sertiggestellt und bildet noch immer den Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den Ententediplomaten. Ganz abgesehen davon, daß sich gegen die Friedensbedingungen, die Deutschland und Deutschösterreich aüferlegt werden sollen, nicht nur die Massen des deutschen Volkes sowie alle einsichtigen Elemente sowohl in den Ententestaaten als auch bei den Neutralen mit Entschiedenheit wenden, bilden auch die polnische, ukrainische, italienische und südslawische Frage im gleichen Maße wie die Lösung des türkischen Problems und die Frage der Kriegsentschädigung den Gegenstand der heftigsten Kämpfe zwischen den verschiedenen Ententediplomaten. Je länger sich nun die Verhandlungen. hinausziehen, um so größer wird die soziale Unzufriedenheit in ganz Europa und um so mehr komplizieren sich die in einem gewissen Zusammenhang stehenden einzelnen Streitfragen. . . - . . .. v;.:- ... * ■ . ' "''"Es' war Wtv-A. alten Oesterreich-Ungarn herbeizuführen, als nun aMseinen Trümmern das österreichische Problem zu lösess und die Beziehungen einerseits zwischen den neuen Nationalstaaten sowie andererseits zwischen den verschiedenen Völkern in jedem derselben befriedigender zu gestalten. In jedem einzelnen der neuen im Donaubecken entstandenen Staätsgebilde türmen sich die Schwierigkeiten auf. Die von uns bereits vor vielen Wochen angekündete Krise in der Tschecho-Slowakei wird immer akuter. In dem nicht kleiner gewordenen deutsch-tschechischen Antagonismus gesellt sich die sozialrevolutionäre Strömung. Die Teuerungsdemonstrationen in Prag, Brünn, Dieliß und anderen böhmisch-mührisch-fchlesischen Städten sowie weiters die wachsende Unzufriedenheit in politisch-ökonomischer Hinsicht mit dem jetzigen Regierungssystem und mit dem Kurse der Majorität der tschecho-slowakischen Nationalversammlung, deren Existenzberechtigung schon längst erledigt ist, sind deutliche Symptome dafür, daß die Flitterwochen des tschecho-slowakischen Staates ebenso abgelausen sind wie die Deutschösterreichs, Polens, Ungarns und Jugoslawiens. Mit vollem Rechte wies einer der Führer der tschechischen Sozialdemokratie, der Abgeordnete Nemec, auf die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der. neuentstandenen Donaustaaten hin, da diese in ihrer Isolierung nicht bestehen Könnten. In dieser sehr richtigen Einsicht stehen in einem sehr unersteulichcn Gegensätze sowohl die Behandlung der nationalen Minoritäten in den einzelnen Nationalstaaten als auch ihre gegenseitige wirtschaftliche Absperrung, welche ihren ökonomischen Zusammenbruch beschleunigt und auf diese Weise den Weg der sozialen Revolution aus der ganzen Linie ebnet. Wie bei allen diesen Umwälzungen in nationaler und sozialer Hinsicht sind die — Juden die Leidtragenden. Es zeigt sich dies wieder deutlich bei den letzten Exzessen in der Tschecho-Slowakei und noch drastischer zeigt sich dies an den skandalösen Verhältnisien in Polen, die immer größere Empörung bei den anderen Völkern zeitigen. Aeußerst bezäcknend in dieser Hinsicht ist ein Artikel der jüngst erschienenen Prager tschechischen «Union", welcher oie Polen den Preußen gleichstellte und ihnen zurief, sie seien von den meisten Völkern gehaßt mrd von niemanden geliebt. Natürlich gilt das Gesagte in erster Linie betreffs des Verhältnisses der Polen zu den Ukrainern. Alle bisherigen Versuche der Entente, zwischen Polen und Ukrainern zu vermitteln und die stets zunehmenden Judenpogrome einzudämmen, haben sich als so ergebnislos erwiesen, daß als naturgemäße Reaktion in Saint-Germain die Chancen für die Klagenfurt geräumt. Die Kärntner zurülkgegangen. — Die Jugoslawen haben die Stadt noch - nicht besetzt. Aus Spittal a. d. Drau, wo sich seit gestern die Kärntner Landesregierrrng befindet, wird der Parlamentskorrespondenz unter dem 5. d. M. telegraphiert: Die Kärntner Truppen haben in dev Zeit von gestern auf heute das strittige Gebiet (Klagens fnrt und VSlkermarkt) geräumt und stehen jetzt an jener Linie nördlich von Klagenfurt und VöikermsrLt, die im Friedsnsvertragsrntwurf der Entente als Grenze des strittigen Gebietes vorgesehen ist. Diese Grenze verläuft bekanntlich, vom MittagskogeL bis K'östenberg und chließt Klagenfurt und Völkern? ark'L znm strittigen Gebiet ein. Die Loslösung unserer Truppen von den südslawischen vollzog sich in vollster Ruhe und Ordnung. Die südslawischen Truppen sind über die bisher von ihnen besetzte Linie nicht weiter vorgerückt, so daß dus Klagenfurter Gebiet selbst von den Südslaiveu frei ist. Der amtliche Bericht. — General Segrö in Klagenfurt. Klagenfurt, 5. Juni. (Korr.-Bur.) Die Jugoslawen find gestern bis an die G urk vorgerückt. Im Laufe der Rächt wurpin eigene Truppen in den Raum westlich von Klagenfurt z u r ü sk v e r legt, rrm einen nutzlosen Kampf vor deu Toren -.er Stadt, der nur dev Bevölkerung schätz-« könnte, zu vermeiden. Ob und wann ein feindlicher Einmarsch erfolgt, ist nicht bekannt, Hie Stadt, in der die italienische Mitttärrnissio« des Generals S e g r e weilt, ist vollkommen ruhig. Die Zugoslawen haben das von der Stadt entfernte E l e k t r i z i t at § w erst» das Klagenfurt mit elektrischem Licht und elektrischer Kraft versorgt, besetzt, weshalb die Stadt ohne Lichtund ohne Straßevb a h n v e r k e h r ist. Klagenfurt, 5. Juni. (Korr.-Bur.) - Die Jugoslawen haben das Elektrizrtäts w i e d gr f r e r g e g e b e «, womit; die Stromnot behoben ist. Straßenbahrwerkehr und Beleuchtung sind wieder narmal. Die Prüfung der deutschM GegSNuorschlägss. AntWorL nicht vor nächstem Mittwoch. Paris, 5.Juni. (FunKspr. des Tel.-Korr.°Bur.) Der Viererrat bat Mittwoch nachmittags unter BeiZiehnng L o n ch e u r s und Tar d re us mehrere Stünden die deutschen Gegenvorschläge geprüft. Einige Teile dieses langen Schriftstückes sind b c n Zuständige n Kommissionen überwiesen worden. Aeber einige andere Punkte, besonders solche, die militärische und maritime Furagen betreffen, hat der Vierervat entschieden, daß sie von Sachverständigen zu überprüfen sind, die keiner der bestehenden Kommissionen apgehören. Diese die Adinsten Einzelheiten bhrüÄfichtigende Arbeit wird noch ejuiA'e T a g e dauern und man sieht voraus, daß die Antwort der Alliierten nicht vor nächstem Mittwoch der deutschen Delegation übermittelt werden dürfte. Die meisten Zeitungen meinen, daß die Alliierten in a L l e n g r rrr:dsätzlichen Frageu, besonders in jener der Abgrenzung, auf de» Bestimmungen des Vertrages beharren werden. Englm^ muß den Export eLMchriinken. London, 5, Juni. (Tel.-Komp.) Chamberlain erklärte einer Deputation von Kaufleutsn, es sei eine Einschränkung des Exports fürGroßbritannien notwendig, um die Wechselkurse aufrecht erhalten zu können. Chamberlain betonte, daß die Wirtschaftspolitik der Regierung n o ch n i ch t endgültig festgelegt fei. «■MMiaMHiwrii i rw1 oththimh >wwm—psb—wo—BBaaM Polen ungünstiger werden. Damit ist aber noch keineswegs gesagt, daß die Auspizien für die Ukrainer besonders erfreuliche sind, zumal da das polnischrumänische Bündnis gegen die Ukrainer in Ostgalizien nicht nur für die Ukrainer, sondern auch für die dortigen Juden sich immer fühlbarer macht. In ihrer großen Not wird nun von ukrainischer Seite gefordert, daß die — tschecho-slowakische Armee vorläufig Ostgalizien und die Bukowina solange okkupiert halte, bis das Schicksal dieser Gebiete durch den Friedenskongreß endgültig entschieden ist. Bei dieser Forderung mag der Wunsch nntspielen, daß alle Ukrainer, die das Territorium des ehenmligen Oesterreich-Ungarn bewohnten, mit dem tschecho-slowakischen Staate eine Einheit bilden, zumal diesem das ungarisch-ukrainische Karpathengebiet, allerdings gegen den Wlllen der Ukrainer, angegliedert wurde. Auch in Ungarn wird der Wirrwarr anstatt kleiner immer größer. Ein sichtbares Syinpwm des Geisteszustandes Ungarns mit seinen zwei Regierungen ist der von größenwahnsinnigen Tollhäuslern in Belgrad ausgebrütete Gedanke einer Personalunion Ungarns mit Serbien, über welche besonders in Agram eingeweihte Kreise schlechte Witze machen. In Belgrad, Agram, Sarajevo und anderen Städten füllen sich die Gefängnisse mit politischen „Hochverrätern", welche die Beseitigung der Karageorgewitsch und-die Prokla- 'mierung der südslawischen . Republik fordem. Der MMLLrdiktatnr in der Slowakei. P r e H b u v 9, 6. Juni. (Tscheche»-slow. Preßbur.)' Auf Grund Ermächtigung des Ministers der tschecho-ftowakischen Republik mit der Vollmacht für die Slowakei, Dr. Vavro S r 0 b a r, und mit Rücksicht auf die militärischen Operationen wirdüber die Slowakei die Militärdiktatur verhängt. S.-H.-S.-Staat ist von einem Teile der Ententemächte nochnicht anerkanntem Montenegro und Kroatien ist man noch nicht geneigt, bedingungslos sich unter das kaudimsche Joch der jetzigen Belgrader Zentralregierung zu beugen, deshalb ist cs nur zu begreiflich, daß der serbische König Mexander vorläufig noch dankend den ungariscl ea Königsthron ablehnt. Daher suchen sich die Großserben Ersatz mit ihren Erpansionsbesirebungen im deutschen Kärnten und anderen deutschen Gebieten; sie werden aber sehr bald anläßlich der auch jüngst beim sozialistischen Kongreß in Pest zutage getretenen radikal-kommunistischen Strömung der südslawischen Sozialisten bemüßigt fein, aus der von ihnen eingeschlagenen Bahn einzuhalten, zumal, da auch die Konstellation nach außen, die Reibungen mit Bulgarien und Rumänien — ganz abgesehen von den gespannten' Beziehungen zu Italien . — noch immer sehr viel zu wünschen läßt. , W.nn man das Gesagte zusammenfaßt, so zeigt es sich, daß auch dieser Komplex von Streitfragen vollkommen genügt, um die Herren Diplomaten in Versailles und Umgebung, wo es ihnen im Gegensatz zu den hungernden Massen der Bevölkerung in ihrer Hesmat ja sehr gut geht, noch bis zum Herbste zu beschäftigen. Eine andere Frage allerdings ist es, ob bis dorthin nicht die > große Sintflut, die seit einem halben Jahre so. vieles bereits verschlungen hat, auck sie wealckwemmen wird.