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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-04 · Heft 136 (4.6.1919) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 136 (4.6.1919)
Date
1919-06-04
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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; Settel Men. Mittwoch Zwangsweise Herabsetzung der Verkaufspreise in Znaim. . Brünn, 3. Juni. (Tschechv-slow. Preftbur.) Wie „Lidove Novinh" schreibt, bildete sich in Znaim ein Oitsinquismonstribunal, das unter Androhung von Krawallen und Plünderungen nachdem Brunner Muster von den Gewerbetreibenden die 'Verpflichtung erzwang, die Produkte und Lebensmittel sofort um 5 0 Prozent billiger zu verkaufen. Um Pliinderungen zu verhindem, unterwarfen sich die Geschäftsleute zunächst diesem Terror, schritten aber bei den zuständigen Stellen gegen dieses gewaltsame Borgehen mit Erfolg ein. Wie verlautet, hat die Regierung sofort die nötigen Schütte zu einer strengen Untersuchung dieses ungesetzlichen Borgehens getroffen. Rückzug der Rumänen und Tschechen in Angarn. Budapest, 3. Juni. (Ung. T.-K.-B.) Nach einem Teleluantm des Armeeoberkommandantru Böhm, haben die,ungarischen Truppen Scerencs und Leva genommen. Sie setzen auf rer ganzen Linie ihr Vordringen fort. Die Tschechen und Rumänen ziehen sich aufderganzenFront zurück. Die Engländer bombardieren Petersburg. Berlin, 8. Juni (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet r.'n der Schweizer Grenze: Die Preßmformatton berichtet aus .Ltlmigfots: Britische Flieger habm in den letzten Tagen die Ttadt Petersburg mit Bomben beworfen« Die Bevölkerung mußte wiederholt in die Keller ' l ü ch i c n. Die Stadt ist zur Hälfte geräumt. Die Bolschewiken '.'»iden alle gefangenen englischen Offiziere und Mannschaften aus der Stadt abgeführt. Der Verkehr ruht vollkommen. Nur zn den 7nontm fahren noch Lasiautomobile, die aber wegen der Flieger» aciahr nur nechts die Stadt verlasien. Petersburg erobert? Berlin, 3. Juni. (Korr.-Dur.) Die „Bossische Zeitung^ meldet aus Chrifttania: Wie „Tidenflagn" aus Bardoer meldet, liegen in Murman und Petfchenega?lachrichten vor, datz Petersburg von einer aus Finnen und Efthen best eh enden Armee eingenommen worden s e i. (Eine Bestätigung der Meldung liegt noch nicht vor.) Der bayrische Landtag vertagt. Bamberg, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Der bayrische Landtag hat sich mach Einsetzung des KoaMonsministeriums und Abführung einer mehrtägigen politischen Debatte für kurze Zeit vertagt. Sämtliche Parteiführer mit Ausnahme des Redners der unabhängigen sozialdemokratischen Partei, die nur durch drei Mann im Landtage vertreten ist, versprachen, die Koalitionslegiernrig zu unterstützen, und zwar auch der Verir.'tcr bc-o Bauernbundes, welcher int Namen der Partei die ihr überlassene Staatsratsstelle zurückgewiesen hatte, nachdem ihr von den drei großen Parieren des Landtages kein Mmisterportefeuille zugestanden worden ivar. Bisher hatte nämlich der Bauernbund das Landwirtschaftsminifteriurn inne, das jetzt der bayrischen Volkspartei zugewiesen worden ist. Nissen-Levinä zum Tode verurteilt. Das Urteil mutz binnen 24- Stunden vollstreckt werden. 2 München, 3. Juni. (Spät nachts eingetroffen.) (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Nach dreistündiger Beratung wurde das Urteil im Prozesie gegen Nisien- L evilw und Genossen gefallt. L e v i n 6 wurde wegen vollbrachten Hochverrates aus ehrloser Gesinnung zum Tode verurteilt. Die Mitangeklagten wurden freigesprochen und sofort enthaftet, nur der Architekt Zimmer wird vor das ordentliche Gericht verwiesen. Das Urteil tauft binnen 24 Stunden vollstreckt werden. Nach Verkündung des Urteiles sprang Lenins von seinem Sitze aus und ries in den Saal: Es lebe die Weltrevolution! Berliner Börse. Berlin, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Die Börse war ist Erwartung der Entscheidung in der Friedensfrage im allgemeinen sehr zurückhaltend, wobei anfänglich bei unregelmäßiger Kursbildung die Grrmdstimmung als , ziemlich fest zu bezeichnen war. Später bröckelten die >turse der führenden Schisfahrtsmrd Montanwerte int allgemeinen, ab, so daß Hansa-, Gelsenkirchener und Phöniraktien bis zu 3 Prozent verloren. Sehr fest lag eit dagegen Farbwerte sowie Bergmann Elettrizi-;ä:-:aii;e,t. Ausländische Werte waren mäßig rückgängig, desgleichen Orcnstein k. Koppel- und deutsche Kalrlucrte. Kriegsanleihe notierte *76.40 bis 76.25. Alte heimische Anleihen und österreichisch-ungarisch« Renten lagen still bei wenig veränderten Kursen. Der Ab» bröcklungsprozeß setzte sich im Verlaufe bei allgemeiner Lustlosigkeit aus dem Schisfahrts- und Montanaktienmarkt fort. Tägliches Geld 4*/*, Prozent. V Die österreichische Firranzdelegation. Die für Montag abends in Aussicht genommene Abreise der östtrretchischen Finanzdelegterlrn wurde auf das Ende dieser Woche verschoben. Die Delegation, die Prot. Dr. Landesderger führt, besieht aus zehn Herren, darunter den Direktoren Hammer» schlag (Kreditanstalt), Rapp (Oest^uug. Dank), Weiner (Bodenkreditavstalt). Krasny (Nirderösterc. ESkompttgrsellschaft) und Lemberger (Lontbord- und ESkomptebank). ÄZiener Morgeuzeltmrg Afghanistan bittet um Frieden. London» 3. Juni. (Reuter.) Das Indische Amt gibt bekannt, daß der Emir von Afghanistan am 28. Mai schriftlich um einen ehrenhaften Frieden gebeten und mitgeteilt habe, datz die afghanischen Befehlshaber angewiesen wurden, die Feindseligkeiten einzustellen. Ausdehnung der Streiks in Frankreich. Versailles, 3. Juni. (Korr.-Bur.) Die Arbeiterbewegung in Frankreich nimmt zu. Wie der „Matin" meldet, hat die Streikbewegung in Nordsrankreich weiter an Ausdehnung gewonnen. In Nordfrankreich feiern heute mindestens 82.000 Mann. Die Bergarbeitervecbände im übrigen Frankreich haben beschloffen, am 16. Juni den Generalstreik zu erklären, falls sie nicht alle ihre Forderungen durchsetzen. Die Angestellten der Pariser Warenhäuser rühren sich ebenfalls. Im Warenhaus „Printemps" wurde heute der Generalstreik erklärt. 5000 Angestellte sind ausständig. Auch in der Provinz streiken zahlreiche Arbeiterorganisationen. „Populaire* meldet, daß auch die Wagenbau- und Flugzeugarbeiter aller Pariser Betriebe sich dem Metallarbeiterausftand angeschloffen haben. Es sind etwa 350.000 Arbeiter im Ausstand. Aus dem rumänischen Okkupationsgebiete i« Ungarn. (Bericht -er ,Micner Morgerizeitung.") TemeSvar, 1. Juni. Als die rumänische Okkupationsarmee in Siebenbürgen Assentierungen vornahm, wurde verlautbart, daß mit Ausnahme der Ungar« alle Nationalitäten als wehrpflichtig betrachtet würden. So geschah e8, daß die Sachsen, die sich unmittelbar nach Ausbruch der Revolution für den Anschluß an Rumänien ausgesprochen hatten, glelchfallS zum Waffendienste herangezogen wurdm, obwohl sie sich mit allen Kräften dagegen sträubten. Es kam hierbei zu Unruhen in verschiedenen Städten, ohne daß es chnen etwas geholfen hätte. Die rumänische Armee, welche heute gegen Ungarn marschiert, enthält daher auch Bestandteile der sächsischen Bevölkerung. Anders verhält eS sich mit den Juden, welche von den Rumänen als ein „mwerläßlicheS und mit den Ungarn syntpathtsicreudrs Element** bezeichnet werden und welche daher nicht mitasientiert wurden. Die Leitung des hiesigen jüdischen Nationalverbandes hat abgedankt; man wollte die, Juden zwingen, daß sie, gleich den Sachsen, den Anschluß Siebenbürgens an Rumänien verlangen. Jetzt versieht eine provisorische Leitung die Agenden. Das Blatt „Ujkelet“ (Ncu-Osteri) erscheint wohl weiter wöchentlich, wird aber stark zensuriert, obwohl es nur lokale Nachrichten bringen kann Denn Siebenbürgen und überhaupt die von den Rumänm besetzten Gebiete sind von der Außenwelt so abgeschloffen, daß man nicht einmal französische Zeitungen hereinlLßt. Die Paffagiere, die .nach dem Banat kommen, werdm so scharf kontrolliert, wie nirgends. Zeitungen, ja Notizbücher, Briefe «sw. dürfen nicht eingesührt werden. Die Juden haben unendlich viel deshalb zu leiden, weil — wie die Rumänen sagen — ihre Stammesbrüder in Paris einen großen Lärm geschlagen haben. Deshalb müffen sie jetzt büßen. Unter solchen Verhältnisse» sehen die, von Rumänen noch nicht besetzten Teile deS B a n r t e S, welche dem Anschein nach Rumänien angegliedert werdm sollen, mit großer Bestürzung der Zukunft entgegen. An den in Temesvar domizilierenden Jüdischen Rationalverband deS Banates kvmmm fast täglich Anfragen wegen Auswanderung nach Palästina und schon jetzt hat eine Maffenansiedlnng von Dorfjudm aus Gegenden, wo daS rumänische Imperium eingesetzt werdm sollte, in jene Gegenden deS Banates, die bereits von Serben besetzt sind, stattgesunden. Im Banat, wo die Serben ihre Besatzungstruppen habm, geht es allen Nationalitäten gut. ES wird für Ausrcchthaltung der Industrie und des Handels gesorgt, überall herrscht Ordnung, nur ist man von der Außenwelt abgeschlossen. Jedoch bei weitem nicht so, wie in Siebenbürgen, da Pariser und Londoner Blätter innerhalb sechs Tagm erhältlich strrd. Die Inden, die als Nationalität anerkannt sind, habm dieselben Rechte wie die Serben, Schwabm, Ungarn oder Rumänen. Nicht uninteressant ist eS, daß selbst ein Teil der rumänischen Bcvölkcnmg des Banates die Herrschaft der Rumänm nicht wünscht. ES wäre auch iür alle Nationalitäten eine Katastrophe, wenn dieser von verschiedenen, bisher in Eintracht lebmdm Nationalitäten bevölkerte Landesteil den Nürnanm zugesprochen werden würde. Bisher haben die die Mehrzahl der Bevölkerung bildendm Schwabm den vor 14 Tagen hier gewesenen Ententejournalisten offiziell erklärt, daß ste, wenn ste ntcht bei Ungar« bleiben, nur an Serbien angeschlossen werden wollen. Dasselbe sage« die Ungarn., finden Sie mittels Inserat im „Kleinen Anzeiger" der „Wiener Morgenzeitung" 4, Juni 1318 Nr. 136' o Tagesbericht. Unsere Schweizer Ktnderaktto«. Don Dr. San«! Beer. 750 jüdische Knrder haben der Frau Anitta Mülkev Sonntag, den 1. Juni, bei der Wreise in die SchweiK zugejubelt. Die Kinder, deren Jugend so viel Leid mtbi so viel Kummer gefrehen hat, deren Freude nicht laut werden durfte, die ^solange um ihren Vater und ihrer Brüder gebangt haben, sie fahren jetzt in das friedliche Idyll der Schweiz, mitfühlende Juden nehmen sie gastfreundlich aus. Ihre Jugend darf endlich ihr Recht fordern, sie dürfen spielen, frohlocken, singen uubi tollen — und sie dürfen sich satt essen.? Und gerade am Schowuothfeste werden unsevü Schützlinge die Schwelle der gastlichen Häuser betreten,, das ist das altjüdische Erntefest, das Fest der Erstlinge des Weizenbrotes. Unsere ausgehungerten SKttbas werden diese Erntezeit zu feiern wissen! Das Glück, das in den Augen dieser blasfckv Kinder strahlte, war wohl für die Leiterin der Aktion und die eifrigen Mitarbeiter der beste Dank für all feie aufreibende Arbeit, die da in kurzer Zeit geleistet wer-, den mußte. r Wie schwer war schon die Auswahl der ärmst«» und Erholung bedürftigste« Kinder unter den etwa dreitausend Angemeldeten! Ob es Kinder aus Mähren, Galizien, Bukowina«! oder Wiener waren, alle hatten gleiches Recht. Alle wurden von den Aerztnr einer regelrechten Musterung unterzogen. Die Kranken mußte man leider von vornherein ausschalten, denn sie wäre« für eine so weite Reise und Behandlung in der Familie nicht geeignet. Für diese wird hoffentlich rasch durch Aufstellung von Heimen (eventuell in Baracken) gesorgt werden müssen. Ich gestehe es offen, größer als die Zahl der nur Erholung Bedürftigen ist die der Kranken. Keine Stadt weist so viele, tuberkulöse und skrophulöse Kinder auf. Wien marschiert obenan. Die Aerzte in de« Ambulatorien verzweifeln schier an dem Ueberhandnehmen der tuberkulösen Erkrankungen. Si «wissen sich keinen Rat, bas heißt, sie wissen schon Rat, doch es fehlen die Mittel. Und ist es nicht beschämend, daß ein Staat tausende Millionen für die Vernichtung der Menschheit aufbrachte, während er ein paar armselige Milliönchen für die Gesundung und den Wiederaufbau des Menschen nicht übrig hat?. Es gibt doch jetzt sicherlich mehr Millionäre vor dem Kriege. Auch die einschneidendste Vermögensabgabe wird genügend Besitzende hinterlassen. Sollten sich jetzt, wo die Not des jüdischen Volkes so groß ist, wirklich keine Wohltäter finden, die einen mächtigen Griff in bi« Tasche machen und mit einem Schlage das. ganze Kinderelend bannen? So kann, um nur ein Beispiel anzuführen, das I. öffentliche Kinderkrankeninstitut, daS in Wien zwei Häuser zur Errichtung eines Kinderspitals besitzt, dieselben zum Spitalbetrieb nicht umbauen, weil es keine Geldmittel hat. Welch lächerlich kleine Summe ist da nötig, und wieviel Kinderelend, würde gelindert werden! Ich muß mich im Ambulatorium in der Kleeblattgasse täglich hundertmal für. die Menschheit schämen, die es ruhig hingeh'rn läßt, daß Kinder mit akuten Krankheiten, wie Lungenentzündung, Darmkatarrh, mangels häuslicher Pflege . zugrundegehen, weil sie keine Aufnahme in einem Wiener Spital finden. Die Durchmusterung bewies wieder, was' wir Aerzte schon längst wissen, daß die Kinder stark unterernährt sind. Alle erschienen muskielschwach, ohne j>ckeir Fettpolster, bei allen die Rippen deutlich sichtbar. Eine eindringliche, beredte Sprache sprechen die ZahLm über, die Abnahme des Körpergewichtes. ES fehlten beispielsweise auf daS richtige, dem Alter entsprechende Gewicht, achtjährigen Kindern sechs bis acht, zwölfjährigen' acht bis zehn, 14jährigen Kindern zwölf Kilogramm. Es sahen 13jährige Knaben oder Mädchen in vielen Fällen wie neunjährige auS. Fast der größte Teil dev Untersuchten zeigte nervöse Symptome. Eine Folge der. ungünstigen Ernährung war die bei fast allen Kindern beobachtete hochgradige Blutarmut. Zahlreich waren die Fälle von Spätrhachitis. Nur ein kleiner Teil der Angemeldeten und CBo dürftigen konnte diese erste Reise in die Schweiz mit* machen. Jüdische Familien nehmen unsere Kleinen auf und werden ihnen ein Eldorado von Küchen, Schokolade, Milch, Eiern und Semmeln gewähren. Jüdische Familien werden wetteifern, unseren Kindern für einige. Wochen. ein Glück vorzüihaubern, das sie durch fünf Jahre vermißt ober überhaupt noch nicht kennen gelernt haben. Keine lieblosen Worbe werden ihr unschuldiges! Herz vergiften, sic werden keine Zurücksetzung erfahren^ weil sie Juden sind. jj Gerade jetzt, tvo das städtische Jugendamt eine schwedische Kinderaktion einleitet und ausdrücklich bemerkt, daß nur christliche Kinder Aufnahme finden, wäre es endlich heiligste Pflicht der wirklichen Juden, sich der Kinder ihres Volkes zu erinnern und' hinter den Schweizer Volksgenossen nicht znrückzustehen. ES ist sicher, daß die wohlhabenden Juden WienS viel zu ivenig vor: dem spezifisch jüdischen Elend kennen, das sich in den dunklen, dumpfen, überfüllten Keller¬ und Hofwohnungen in den beiden Judenbezirken auStobt. Sie geben eventuell «in Scherflein für irgendeinen Verein und glauben, damit alles für ihr Volk aeln,§

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