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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-04 · Heft 136 (4.6.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 136 (4.6.1919)
Date
1919-06-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 SBien, Mittwoch Wiener Morgenzeituttg 4. Juni 1919 Nr. 138 vnd Dwojre'l hören und seufzen und beneide nihn, der alles weiß, alles! Abramtschik weiß zum Beispiel, daß ein Baum wächst. Zwar hatte er mit eigenen Augen noch nicht gesehen, wie ein Baum wächst. Von Bäumen ist in der Masse keine Spur! Jedoch weiß er (er hatte es im Cheder gehört), daß ein Baum Früchte trägt, und deshalb muß man vor dem Fruchtgenuß den.Segensspruch „Vore Pri Ha-etz" sagen. Abramtschik weiß (gibt es etwas, das er nicht wüßte?), daß zum Beispiel Kartoffeln -oder Gurken oder Zwiebel oder Knoblauch aus dem Boden wachsen, und deshalb sagt man über sie den Segsnsspruch ,Sore Pri Haadamah" — alles weiß Abramtschik! Nur weiß er nicht, wie dies wächst, denn er hatte dies auch nie gesehen, denn die Gasse hat keinen Garten, keine Felder, keine Bäume, keinen Grashalm. Gibt's nicht! Nur große Mauern, graue Wände, hohe Schornsteine, aus denen Rauchsäulen steigen, und viele Fensterchen, Tausende von Fensterchen und Maschinen, die ohne Hände nähen, und Wagen, die ohne Pferde fahren — sonst nichts! Nichts! Man sieht auch nur selten ein Vögelchen. Manchmal kommt irgendein verirrter Sperling — grau, wie die graue Wand, er pickt die grauen Steine an und eilt schnell davon. . . . Von Geflügel sicht man manchmal vor Sabbat ein Viertel Geflügel, ein Viertel mit einem blassen, ausgezogenen Fußknochen. Wieviel Füße mag so ein ganzes Geslügelstück haben? Wahrscheinlich vier! Nimm dir ein Beispiel von einem Pferd! So entscheidet der Aelteste, Abramtschik, und Abramtschik weiß ja alles! . . . Nicht nur Geslügelfüße — Mama bringt manchmal auch ein Geslügelköpfchen mit verglotztcn Aeuglein, mit einem weißen Häutchen überzogen . . . Tot — sagt derAeltere, Abramtschik, und die drei Köpfchen schauen einander mit großen Augen an und seufzen . . . Geboren und erzogen in der großen Stadt, unter großen Mauern, in großer Enge, Elend und Armut, hatten die Kinder nie Gelegenheit, einen Vogel oder sonst ein Tier zu sehen. Und doch kannten die Kinder die Namen sämtlicher Tiere. HVoher? Bon Abramtschik, vom Cheder, im Cheder weiß man alles. Nur für die Kenntnis einer Katze hatten sie das Cheder nicht nötig. Sie hatten eine eigene Katze, eine graue Katze, grau wie die graue, große Mauerwand — die einzige Lebensfreude. Sie spielen immer mit der Katze, setzen ihr ein Taschentuch auf den Kopf, nennen sie „Mehiteneste" (Braut- oder Bräutigamsmutter) und lachen, lachen, lachen ohne Ende! Kaum bemerkt Mama dieses Spiel, so bekommt's ihnen nicht gut; dem einen — einen Puff, dem anderen — einen Seiten hieb, dem dritten — eine Ohrfeige. Die Kinder gehen dann auseinander nach ihren Plätzen, der Aelteste, Abramtschik, erzählt etwas, und die jüngeren, Moisiejtschik und Dwpjrell, lauschen, schauen auf ihren ältesten Bruder und horchen. Abramtschik sagt, Mama habe recht, Abramtschik sagt, inan dürfe nicht rnit einer Katze spielen, weil eine Katz-e ein unreines Geschöpf und ein Masik (Schädiger) sei. Altes weiß Abramtschik, alles! Es ist lein Ding auf der Welt, das er nicht wüßte. IV. Alles weiß Abramtschik. Er weiß, daß ein Land auf der Welt sei, ferne, ferne von hier, das man Amerika nennt. Dort, in diesem Amerika, haben sie Freunde und Bekannte. Dort, in diesem Amerika, sei es für die Juden unberufen wohl und lustig. Dorthin, nach diesem Amerika, werden sie, wenn Gott will, im nächsten Jahre hinüberreisen, wenn sie die SchiffSkarten von dort bekommen werden. Ohne Schiffskarten kann man eben nach Amerika nicht reisen, weil man über ein Meer reisen muß, und auf dem Meer bläst ein Sturmwind und schleudert das Schiss hin und her — lebensgefährlich. Alles weiß Abramtschik. Alles — sogar was auf jener Welt vorgeht. Er weiß zum Beispiel, daß sich auf jener Welt ein Paradies, natürlich für Juden, befinde. Im Paradies wachsen Bäume und auf Len Bäumen oie schönsten Früchte. Dort fließen Baumöl-Teiche. Dort liegen Diamanten und Brillanten auf der Straße; willst du, so kannst du dir die Tasche mit ihnen füllen. Dort sitzen fromme Juden, lernen Tag und Nacht und genießen vergnügt die Sch'chine (Gottheit). So erzählt Abramtschik, und die Aeuglein Moistejtschlks und Dwojre'ls brenneu. Sie beneiden ihren älteren Bruder, der das Cheder besucht und alles weiß. Weiß er doch sogar, was im Himmel vorgeht. Abramtschik erzählt, daß der Himmel sich zweimal im Jahr „spaltet". In der Nacht des Hoschanah-Nabbah und in der Schowuothnach spalte sich der Himmel. Zwar hat er noch nie gesehen, wie sich der Himmel spaltet, da man von dorr aus keinen Himmel sieht, aber seine Kameraden haben e? gesehen, und sie schwören, daß sie es mit eigenen Augen gesehen haben, mögen sie so alles Gute sehen. Werden die doch nicht falsch schwören. Es ist jammerschade, daß es in ihrer Gasse keinen Himnrel gibt. Nur ein langer, schmaler, blauer Streifen ist da, aber was kann man ans einem solchen Streifen sehen? Es ist schon viel, wenn man einige kleine Sternlein erblickt und den Widerschein LeS Mondes. Und um seinen Bruder Moisiejtschik und sein Schwesterchen Dwojre'l zu überzeugen, daß sich der Himmel spaltet, geht dEramtschick aus Mama zu und zieht sie am Rock. „Mama, ist es nicht wahr, daß sich der Himmel an diesem Schcuvuoth an Mitternacht spaltet? „Den Kopf werde ich dir spalten!" So antwortet, ihm die Mutter und versetzt ihm einen Puff. Sie ist am Rüsttage des Festes furchtbar beschäftigt. Sie hat sich soeben mit dem Hinaustragen des Hekdesch (Schmutz) von Papas Kartons und Schachteln abgequält, nun kommt der und verdreht ihr den Kopf mit dem Himnrel. Nach dieser schmerzlichen Abfertigung von seiten der Mama wartet Abramtschik auf den Pater. Der Vater war nach dem Marktplatz mit einer ganzen Masse Schachteln gegangen. „Kinder, was bringt Papa heute nach Haus?" fragt Abramtschik, und die Kinder beginnen zu raten, welches Geschenk Papa heute bringen .wird. Sie zählen an den Fingern alles, was man vom Marktplatz holen kann, alles, was ein Menschenauge sehen und ein Menschenherz begehren kann: z Semmelchen, Hörnchen, Bonbons, aber niemand konnte es erraten. Auch ihr werdet's nicht erraten.; Pejsse, der Buchbinder, brachte diesmal keine Semmel, keine Hörnchen und keine Bonbons. Er brachte Gras, einen Haufen Gras,: wunderliche, lange, grüne, wohlriechende Grashalme! Und. alle drei schönen Köpfchen, Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l umringten den Vater. „Papa, was ist das? Das da?" „Das ist Grünes."' „Was heißt das: Grünes?" „Grünes auf Schowuos, Juden müssen Grünes haben auf Schowuos!" - ,LVo nimmt man das her, Papa?" „Wo man das hernimmt?. Man tauft es auf dem Mark e, auf dem Markte." So sagt Papa, in<em er das grüne, wohlriechende Gras über dem eben jetzt aufgelegten Fußboden auseinanderstreut, und er freut sich, daß es so grün und so wohlriechend ist, und er sagt zur Frau luftig, wie es so seine Art war: „Pesse, ein gut Jom-tow dir!" „Ma'el tow! Ein neuer Hekdesch! Die Bengel werden schon eine schöne Wirtschaft hier anrichten!" . ’ So antwortet Pesse, unzufrieden wie immer, und sie teilt dabei ein paar Puffe und wischt ein paar kleine Ohrfeigen ans. Eine ganz merkwürdige Mama, denken, die Kinder. Sie ist nie zufrieden, immer abgehärmt, immer, sorgenvoll, genau das Gegenteil von Papa. Und die drei schönem Köpfchen schauen auf die Mutter, schauen auf den Vater und aufeinander. Und kaum wenden sich Papa und Mama auf einen Augenblick ab, da werfen sich alle drei auf den Fußboden, fallen mit den Gefichtchen auf das wohlriechende Gras, küssen es, das wohlriechende Gras, das man „Grünes" nennt, das die Juden für Schowuos nötig haben, und das man auf-dem Markte kaust. Alles ist auf dem Markte da, sogar Grünes. Alles kaust Papa. Alles haben Juden nötig. Sogar Grünes! Sogar Grünes! Zwei Gedichte »ott Eugen HoefUch. Spruch. Liebe schleicht durch dunkle Gassen, Oie kein Sonnenpfeil erzielt, Frei nur darf zum Lichte schwingen Sich im westett Mord und Haffen: „rver dir lieb ist, möge sterben, Leben möge. dem dem Haßl“ Haus Iaakobs, kommt, wir «ollen gehen. Armee Hakler« Hinter den trommeln und Lahnen zogen die Lrieger; rot ward ihr Weg im Land der Gedrückten. Ale der Tag zu Ende ging und der ständige Marsch in der Lerne ein Dorf, schmächtig und dürr, kauerte in der steingebrannren Steppe. Hier zu halten befahl der General. Was ragte da aus schmutziyen Hütten ergebener Armut hervor - Greise in ehrwürdigen Bürten, Salz in den Händen nnd Brot, ehrfurchtgedierend flehten sie Schonung. Doch nimmer beuget sich Ehrfurcht nach tausend Tagen de» Blute» und an den enrsehnren Löwen wagt auch ein Schwein sich heran. Spore troff au» den Mündern der Helden, (Hunde werden ihr Heldentum fresset» und Schweine ihre Hügel zerwühlen!) Ihre Augen fraßen die Weiber. E» bräunte Blut den Lot der Straße, verzerrten Gesichtern entragren Bärte zum hilflosen Himmel. Tragende Lrauen entsagten dem Leben. Nicht eine Hand, die sich ballte, > nicht eine Lapst, die sich wehrte! Gell heulte hie Luft. Dke Nachricht bring ich zerrissener Sri' t. Doch tiefer noch schmerzt in der Brust, denn der Tod des Löwen, der hündische Blick ervehinsinkeuder Ohnmacht. ■- ■ i Rabbi Iizchak der Seher. (Eme alte Schowuvthgeichichte.) Von Menahem Frostig. Schon lange, sehr lange ist eS her, daß mir mein alte» Nebbe, Elchanari Mclamed, du Geschichte des Nabbl Iizchak, bei Sehers, erzählte, wie er einmal in der Mltternachlsstunde des. Srhawuolhsestcs den Himmel sich teilen sah*) — und dennoch tlmgl mir noch heute seine weiche Stimme warm im Ohr. Solch« Kraft war dieser Geschichte verliehen . . . Noch sehe ich .mich ir Gesellschaft der anderen Chcderiungen beim kleinen, weißen Lern» tisch sitzen und mit Ehrfurcht den Worten des greisen Rebbevlauschen. Die untergchcnde Sonne, die sich fromm im still-klarrv Master deS schlafenden FlnsseS Bug badet, um gereinigt und geklärt vor dem Herrn erscheinen zu können, zündet in den kleinen Fensterchen der Nachbarhäuser rotes Feuer an, daß man tn sie nicht zu schauen vermag. Dir gute Sonne I Sre schlittet ver» schwendrrrsch ihre prächtige rote Glm sogar über die winziger, JudenbäuSchen aus. O. wie schön es ist, gut zu sein!... Und im Cheder herrscht Pagodensiille — selbst die Fliege» wagen nicht zu summen. Nur die alte Nebbezin Chajch stört zuweilen mit ihrem scharfen qui"tschcndcn Husten. Im Ofenwinkrl sitzend, strickt sie an einem alten, weißen Strumpf. Und während sie ihre Auge» vom Munde des Rebbrns nicht abzuwende» wagt, bewegt sie leise ihre schmalen, trockenen Lippen. Zählt sie die Maschen, wiederholt sie die Worte des Nebben, oder ist es vielleicht eine Tcchmah. die sie ietzt sagt? Und dir Worte deS Nebben fließen ruhig und sanft im Keinen Raum des engen Cheders und erwecken eine süß-wehmÜtrge Sehnsucht nach der Vergangenheit. beginnt er lerse, „damals warm noch andere Zeiten. Damals war man noch aus der Stufe des sehenden Auges . . . man hat noch gesehen . . . aber heute, ob rmserer großen Sünden! Gute Juden, Zadtkim, sind noch immer da aber die Zeit ist nicht Würdig? Und des Nebben traurig umflorter Blick bleibt an einem drmllcn Punkt des kleinen Cheders haften, als müßte er dort die dräuende Gefahr erspähen, die auf die Jugend lauert, um sie ihrem himmlischen Vater zu entführen. Leise' sing er nochmals an. „Und rn jenem Jahr, als Nabbi Iizchak in der Nezach- Woche. der vierten Woche nach Ostern, den Apfelbaum blühen sah, da wußte er bestimmt, daß er diesmal sehen werde. Die§ sichere Zeichen hinterließ noch einer seiner Urahnen, Urgroßeltern, •n großer Mystiker aus Zefat, als Haustraditron dm Nachfahren. Seit er fein * siebzigstes Lebensjahr überschritten hat, die früheste Altersgrenze, da er sich mit „solchen Dmgm" beschäftigen durfte — pflegte er jährlich in der Zeit der. Sephirah in den Obstgärten zu wandern, um nach diesem himmlischen Zeichen zu suchen. Und als cs ihm diesmal gelang, des blühendm Apfelbaumes zu'der von der Ueberliefemng vorausbestimmten Zeit an sichtig zn werden, rüstete er sich, alle Vorbereitungen zu treffen, die zum Empfang der Schechinah notwendig waren.. ' Er trennte sich von den Menschen, machte „Jichndim" um „Zerustrn*, mystische Unifikationen und verschiedene kabalistische Buchsiabenkoristellationen, studierte „Tckumei-Sohar„ und beschäftigte sich mit dem .Sorer Jezirah". dem Buch der Schöpfung. Je naher das Wochenfest heranrückte, desto peinvoller wurde seine Mühe und in der letzten Woche, der Woche von „Malchnt*, schlief er nicht zu Hause. Bauern, die GrüneS für Schowuoth brachten, berichteten, daß sie chm hier und dort begegneten, doch er bewahrte sein Schweigen und verriet sich mit keinem Wort, Nur einmal entschlüpfte ihm, wie unversehens, rin Wort, das den dunklen Schleier von seinem geheimnisvollen Tun lüftete. Elohim Gott, sagte er bei dieser Gelegenheit, gleicht in feinet inneren Buchstabenzahl Tewa, Natur. Um des Göttlichen ansichtig zu werden, muß man sich zuerst in die Natur vertiefen. Und täglich ward er eifervoller. Sein Kampf mit dem Chizonim, mit den dunklen Mächten, dauerte so bis zum Vorabend des Wochewestes. An diesetn Abend lehrte er in fröhlicher Stimmung zurück. Man sah es ihm cm. Er war der Stärkere geblieben; er wird diesmal wtrlltch sehen... Und ein Schrecken bemächtigte sich aller Juden im Hause. Es ist doch keine Kleinigkeit! Wer weiß? . . . Man wußte, daß er, Nrb Iizchak, er verzeche es mir! sehr starrsinnig war und er konnte es noch, Gott behüte! zu weit getrieben haben . . . Al« es Nacht wurde, befahl er dem ganzen Hausgesinde, sich zur Ruhe zu begeben. Selbst die Männer, die doch in dieser großen Nacht wach sein müsien, um die Dckunet-Schowuoth zu sagen, mußten diesmal ihre Pflicht verletzen und schlafen gehen. Er werde, schon statt ihrer genug „sagen", bemerkte er lächelnd. Als die Hausleute de- Morgens, nach langem Zögern, m sein Zimmer traten, fanden sie ihn fast regungslos in seinem Bette lregen, in den Händen daS Buch Ezechiel, jenes geheimnisvolle Buch des göttlichen Rätsels, Über seine Brust haltend. Durch das offene Fenster schien die ausgehende Sonne i« ihrer ganzen Pracht, und daS Ztmmerchen war mtt einer derartigen Helle erfüllt, daß man einen Hauch der „Meziat Haschechmah", der göttlichen Gegenwart, verspürte. Nicht zu schauen vermochte mau in dieses Antlitz, welches in heiligem Frohsinn und wundersamer Zufriedenheit erstrahlte. Äls sein Schwiegersohn, der späterberühmt gewordene Rabbi Dow. das Ohr zn seinen sich kaum bewegenden Llppeü neigte, hörte er ihn ganz leise flüstern: „Denn kein Mensch kann meiner schauen und lebend bleibe n", und bald daraus hauchte er seine göttliche Seele *) Dem Volksglauben nach, teilt sich der Himmel jeden Schowuoth bei Nacht. Jeder bei dieser Gelegenheit geäußerte Wursich mnß in Erfüllung gehen. Nur »st die Zahl derer, die dieses Schausprel zu sehen bekommen, eine verschwindend kleine. (Der Vers.) aaanau^aamsaaumum I

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