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Wiener Morgenzeitung · 1919-06-04 · Heft 136 (4.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 136 (4.6.1919)
Date
1919-06-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, Mittwoch Nr. 186 Wiener Morgenzeitimg 4. Juni 1919 s««e'rs Aus der Offenbarung. Wenn du triffst den Ochsen deines Feindes oder seinen <£fel, der irre geht, -ringe ihm densel-en zurück. Siehst du den Esel deines Hassers zu. sammenbrechen unter seiner Last, «nd du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen, mache es ihm leichter. Beuge nicht das Recht eines Armen in seiner Rechtssache. Von einem falschen Ausspruch halte dich fern, und den Anschuldigen und Gerechten bringe nicht um, denn ich werde nicht für gerecht gelten lassen den Schuldigen. Bestechung nimm nicht, denn Bestechung blendet den Hellsehenden und verdreht die Worte der Gerechten. ' Den Fremdling bedrücke nicht; denn ihr wisset, wie dem Fremdling zu Mute ist, da ihr Fremdlinge gewesen im Lande Aegypten. Sechs Fahre besäe dein Land und sammle ein dessen Ertrag; Aber im siebenten lasse es brach und gib es Preis, daß davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mögen die Tiere des Feldes essen; so mache es auch mit deinem Weinberge, mit deinem Oelbaum. 2. B. M. Kap. 23. Festtägliches, Werktägliches. Von Ernst Müller. Es gehört zu dem Traurigen uuseres Lebens — traurig öijdEj lange schon vor Krieg und Lebensmittel^ot — was sich auch unter dem Acheine des befriedigtesten Lebens * verbarg: daß wir die^Feste verloren haben. Darum verläuft unser Leben so ahne Rhythmus, ohne Sammlung, ohne Schwung, ja, wagen wir es zu sagen: ohne den wahren Pulsschlag des Glückes. Dies gilt für alle — für uns Juden doppelt wie jede soziale Disharmonie ... ,■ Was ist ein Fest? Sein Sinn ist nicht zu finden als in Gegensah und Uebereinstimmung mit dem Sinn des, Alltags. Das Leben fließt ebenso im Alltag als zwischen den Festen, aber an dem Festtag will sich ein Neues entzünden, das ihm und von ihm ausstrahlend wieder dem Werktag Licht und Warme gibt. Mit der Einführung des Sabbats Itiittbe im Judentum der Grund gelegt zum regelmäßigen FesteZrhythnms, wie wenn neben dem Werktagsleben ein , höheres, ein Sabbatlebeu ständig fortlausen sollte ... Der fromme Jude empfand das religiöse Fest: als Duft, Seele und Weihe des Lebens. Nicht e r feierte das Fest, sondern dieses kam zu ihm, wie etwa der Frühling in Sinne und Seele cinkehrt. Der religiöse Rhythmus ward ihm Natur. Aber durch ihn ward ihm die Natur geistig ... Anders ist der Sinn des Festes im Pulsschlag des 'modernen Lebens, der reine und der getrübte. Jene heißt Erholung, Zerstreuung, Erfrischung, was .selbstverständlich ist, wo Werktag Frondienst, Anspannung, Ermüdung ist. Man denke an die beste Art, wie etwa der Arbeiter den Sonntag feiert. Wir Juden haben auch diese Art des Festes nur zögernd angenommen, höchstens die Jugend und was ihr nahe ist. Gemeint ist das Fest der noch reinen, physischen Natürlichkeit. Es ist auch nicht ganz dasselbe wie Ausflug und Sport. Da steckt schon Großstadtbetrieb darin, Leistungschrgeiz, Plage, und Genuß ... Genuß ist gerade die Marke des philisterhaften Festbegriffes. Er ist ja gar nicht der legitime Gegenpol der Ärbeitsplage, denn dieser heißt Freude, nicht Genuß. Genuß aber heißt: Freude als Daseinszweck gesucht, wo doch Freude, zum Zweck erhoben, Phantom wird. Ein feiner Kritiker des zeitgenössischen Lebens stellt unserer ganzen bürgerlichen Kultur das Zeugnis, daß sie die Tendenz hat, alles Höhere, Geistige in. den Genuß hinabzuziehen. \ Das Fest des .Genusses aber ist unrhythmisch, egoistisch,! ' ziellos: von ihm strahlt nicht Licht und Warme in den Alltag, aber dieserwirft in ihn die Schatten seiner Unrast,. seiner Ziellosigkeit, seiner Unnatur. Darum kann nur mit dem Alltag auch der Festtag sich erneuern . . . Wir haben es mit den nationalen Festen wieder versucht. Hier ist nicht nur anderes als Vergnügen, sondern auch Höheres als Freude sollte cs sein. Aber wir feierten noch mehr unseren Nationalismus als unsere wnrzelechten, nationalen Zusammenhänge, die seiner nicht bedürfen. Uebrigens bat auch jedes echte Volksfest etwas Massiges, etwas von Schaustellung, voll restloser und übermäßiger Gebärde an sich. Etwas Rauschend-Berauschelldes haben manchmal solche Feste, in Palästina, wo. unser Nationalismus wieder Naturhaftes' meint, wo das Naturh'afte des nationalen Lebens noch im Feuer eines produktiven Chauvinismus glüht. Und dennoch suchen wir noch die Seele unserer Feste . . . Wir können es uns nicht verhehlen: es lebt nicht mehr ihre alte, aber noch nicht ihre neue Seele. Es scheint, diese kann erst von ber nächsten Generation errungen werden. Glaubenslose Religionsübung, ungeistige Rückkehr zur religiösen Gewohnheit kann die Lösung nicht bringen. Die Feste unserer Eltern sind nur Erinnerungen an Feste, wie die unserer Großväter Feste der Erinnerung waren. Dennoch' ist die Erinnerung die einzige Klammer des Zusammenhanges. Nur gesellen wir auch die Hoffnung hinzu. Und wir feiern in Festen der Hoffnung auch die Hoffnung der Feste. Denn ob sie sich wieder erneuern, das bedeutet, ob sich uns jüdisches Leben wieder erneuert.. - - . Es gilt also, sich' darauf zu besinnen, wie wir-das jüdische Fest begehen können, daß es einmal wieder best großen Menschen 'angreifen könne, daß es - wieder volkshast und volkstümlich für .alle Schichten werde,'daß es aber auch von geistiger Macht und seelischer Weihe getragen sei. Es müßte die geheimnisvolle Kraft des Zeitenrhythmüs wieder in das Leben stellen, es müßte das Leben an sein c Harmonie binden: Harmonie der Zerstreuung und der Sammlung, der Natürrückkehr und der Geisteinkehr, der Befreiung vom Zwecke und der Erhebung zum Sinn ... Beginnen muß man um der Kinder willen. Ohne-katechetische Religionsbelehrung und ohne künstliche Erbauungstendenz vermag Las Kind in sinnvoll-schöner Zeremonie un- ' endlich mehr zu fühlen, als was ihm jene zu geben vermöchten. Aber diese Fähigkeit des Empfangens ist an die des Gebens geknüpft. Sv wird die Erneuerung der Feste die Er- 1 Neuerung des jüdischen Hauses . . Ans dem Wege dahin möge die neue jüdische Schule vorangehen. Festzeit ist Ferienzeit. Aber, nicht wie. freigelasseue - Gefangene sollen die Schüler von dannen gehen, sondern, der ihnen Wissen vermittelt, sammle sie auch in festlicher Besinnung und Beseelung ... Die Besinnung der Feste sei auch Besinnung des Werktags. Der Inhalt des Werktags soll wieder „Werk" werden, Leistung, wie gering sie sei, nicht im öden Zirkel des Erwerbszwecks und nicht in der frechen Höhenbahn der Profite, - sondern im 'Miensta'- - - ÄlgMeintzid-' LeVerMielS' und sozialer Bereicherung. Schon' läßt nationaler Idealismus einen neuen Begriff der Arbeit in Liebe uns ahnen. Lebensleere und sozial schädliche. Spekulation sollen aus - unseren Berufen schwinden, die emst tvieder Natur und Geist adeln mögen. Doppelt erleben wir am Schvwuothsestc die Offenbarung des Geistes, in Natur und Geschichte: das Wunder, wie der Frühling zur Reife' des Sommers sich entfaltet, und das andere, wie einst unser Volk höchsten Adel des Lebens aus dem Geiste empfing ... Verstehen wir die mahnenden und die weckenden Zeichen der Zeit, daß auch wir die zweifache Errreuerung, in der Natur und im Geiste, nicht bloß bekennen, sondern als Leben in uns aufnehmen! Grünes. Din Schaivuothbild von Scholem-Aleichem. Aus dem Jüdischen überseht von M. N. I. Wäre' die Feder eines Schriftstellers ein Malerpinsel oder wenigstens ein. photographischer Apparat, so würde ich dir, lieber Leser, ein Geschenk zu Ehren des bevorstehenden Festes darbringen: eine Gruppe dieser schöner: Köpfchen dreier armer, nackter und barfüßiger, aber anmutsvoller jüdischer Kinder. Alle drei Köpfchen schwarz, das Haar gekräuselt, die Augen groß und funkelnd. Sie schauen euch verwundert an und stellen «eine Frage an die Welt: Wozu? Ihr schaut sie an,, bewundert sie und fühlt euch ihnen gegenüber befangen, als vb ihr an ihrer Erschaffung mitschuldig wäret. Noch drei überflüssige Seelen in die Welt gesetzt! Die drei schönen Köpfchen: Abramtschik, Moisiejtschik und Dwojre'l, sind zwei Brüder und ein kleines, Schwesterchen. Mramtschik nnd Mvisiejtschrk — so pflegte sie ihr Vater, Pejsse, der Buchbinder, in unsilbischer Weisem die Namen verzärtelnd, zu nennen. Würde er sich nicht vor seiner Frau Passe schämen und wäre er nicht so bitter arm, so würde er seinen eigenen Namen von Pejsse der Buchbinder in „Petr Pierepliotschik" umwandeln. Mer da er ein wenig Angst hat vor seiner Prsfe und da er ein so furchtbares Ewjon ist, so beschloß er, bei seinem alten Namen „Pejsse der Buchbinder" zu bleiben, bis einmal die gute Zeit . ein treten wird, jene glückliche Zeit, wenn überhaupt alles anders werden soll, wie Bebel sagt, wie Karl- Marx mit Bestimmtheit behauptet und wie alle klugen, guten Leute sagen — dann wird alles anders werden. Mer vorläufig muß man von früh morgens bis spät I abends auf den Füßen stehen nnd Papierkartons I schneiden und an Kisten und Schachtel:: klopfen. Und so steht auch Pejsse ber Buchbinder den ganzem Tag auf den Beinen, schneidet Papierkartons, klopft! an Schachteln und singt während dieser Arbeit öftel und neue, jüdische und nichtjüdische Liedchen mit früh!-? lich-traurigen Melodien. Ms Beispiel zitiere ich ektj jüdisches Liedchen, bas - Pejsse der Buchbinder mit dem nichtjüdischen Melodie des russischen Volksliedes schenka Gvlubnschka" in näselndem Tone summt: Mir is gut, Oj, oj, vj! Ich bin a fröhlich Jude:', Nischt da zu essen, Oj, oj, oj! Sing ich mir a Li edel! „Vielleicht möchtest du schon einmal aufhöre n mit! deinem goi'schen Liedchen! Ganz verliebt hat sich der." Mann in die Goim! Seit der Uebersiedlung nach der, großen Stadt ist er ein ganzer Goi geworden!" So sagt seine Frau Pesse zu ihm und' „begräbt!, ihn neun Ellen tief" für seine goi'schen Liedchen und s ' die goi'schen Namen, die er den Knaben v.-rlichewi' hat. Als sie aber das dritte Kind, das' Mädc^cu, gebvren hätte, rief sie ihn zu sich heran und faste ihm-' so . streng, wie es nur ihre Kräfte ': •: - ", . j „Hörst du, Pejsse? Sollte sich an..) ... .. elt um-! drehen, meine Tochter muß nach meiner Mutter' Dwojre'l heißen. Ich werde den Muttermcmen Dwojre'l nicht verkaufen, nicht verwechseln, lassen! Ich will nicht! Ich will nicht!" - \ n. , '! . Alle drei: Abramtschik, "Moisiejtschik und Twojre'tswurden an einem Orte geboren und erzogen — zwischeni der Wand und dem Ofen. Alle drei sehen jeden Tag! das gleiche Bild: Der fröhliche Papa schneidet Papier-! kartons, klopft an Schachteln itnb singt Lieder, und! die sorgenvolle Mama kocht, backt, fegt das Zimmers aus und kann nie fertig werden. Beide sind immer) an der Arbeit: Mama am Ofen, Papa bei denj Schachteln. Wozu braucht mim so viele Schachteln?.! Wer braucht so viele Schachteln? Die ganze Welt'! .scheint mit Schachtelnüberfüllt zu sein! So denken; wahrscheinlich. die drei schönen Köpfchen und sehnen! sich immer darnach, Papa'"möge schon viel, recht Viel- Schachteln fertig kriegen und möge sie auf den Kopf! aufschichten und in beide Hände fassen — vielleicht, tausend Schachteln — und möge nach den: Marktplatz > gehen und vor: dort' znrückkchren ohne Schachteln,: nur mit Geld für Mama nnd mit Semmelchen, Hörnchen! und Zuckerwerk für die Kinder. Ein guter, ach, ein; guter Papa ist das! Ein Goldstück! Mama ist auch gut,j. aber zornig. Oftmals bekommt man von ihr einen' Seitcnhieb, eine Maulschelle. Sie mag es nicht, daß' mau ihr „ein Hekdesch (Unordnung) anmacht"; sie kann, es nicht vertragen, daß Abramtschik den Abfall der. Papierkartons zerschneidet, daß Moisiejtschik Kleister., beim Papa stiehlt, und daß Dwojrell Prot aus Sand nnd Wasser bäckt. Die Kinder sollen nicht Papg-Mamm spielen, still nnd ruhig solle:: sie sitzen. Die Mutter., scheint uicht zu wissen, daß das junge Blut kocht, dass! die jungen Köpfchen arbeiten, daß die jungen Seelensich mit aller Gewalt sehnen — wohin? Nach außen!! Zun: Licht! Znm Fenster! Zum Fenster! III. / ’ ' . Im ganzen ist nur ein Fenster, ein Stückchen! Fenster vorhanden. Alle drei Köpfchen schlagen -sich;! um das Stückchen Fenster, und was «sieht man dort?.! Eine Wand. Eine Hobe, breite, graue und nasse Wand.: Sie ist immer naß, sogar im Sommer! . . . Leuchters hier einmal die Sonne hinein! Gewiß leuchtet die Sonne.! hinein, das heißt, nicht die Sonne selbst, sondern eins Widerschein der Sonne. Geschieht dies einmal, so iftj: das ein Fest! Alle drei schönen Köpfchen drängen sich!! an das Stückchen. Fenster, schauen hinauf und sehen ganz oben einen langen, schmalen blauen Streifen. ' ■ O seht ihr, Kinder? Das ist der Himmel! So sagt Abramtschik. Mramtschik weiß es. Abramtschik besucht den Cheder. Er lernt schon „Kometz Aleph!" Der Cheder ist auch gar nicht weit, gleich! in: nächsten Haus, an der nächsten Tür. Ach, was' für Wunder Abramtschik immdr und immer wieder: erzählt! Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Äugend gesehen — möge er so alles Gute sehen — eine hohe, Mauer mit vielen, vielen kleinen Fensterchen. Abramt-', schik erzählt, er habe mit eigenen Augen gesehen —! möge er so alles Gute sehen — einen hohen Schorn-! stein und wie dem Schornstein eine Rauchsäule entstieg.-, Abramtschik erzählt, er habe mit eigenen Augen ge-'i sehen — möge er so alles Gute sehen — eine Maschine,! auf der man ohne Hand näht. Er erzählt, er habe! einen Wagen gesehen, der ohne Pferde fährt. Noch viele: ähnliche Wunder erzählt Abramtschik vom Cheder und'! > schwört daraus mit Mamas Schwüren, und Moisiejtschik: «imnir-ri IHll yi| imHimiffllllMM 1'HWIIIHMft liH1 M ri

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