Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 135 (3.6.1919)
- Date
- 1919-06-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1S5 LZien. Dienstag Wiener Morgenzertrrirg 3. Juni 1919_Seite 3 RiesendemoufLraLion irr New-VorK gegen die Pogrome. Kopenhagen, 1. Juni, (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Das Kopenhagener Zionistische Bureau LerLt mit r Die am 2). Mai \n Rew-Vork fLattgefunÄsuen Pr otestyeranstaL Lungen bedeuteLsn die gewaltigste Demonstration in der Geschichte deramerikanifchen JndenheiL. Zum Zeichen des Protestes verließen mittags 3W.W0 jLidifche Arbeiter ihre Werkstätten. Mden und Theater Metzen nachmittags geschloffen und Soldaten und Veteranen früherer amerikanischer Kriege durchzogen mit Trau erbändern am Arm die Straßen. Zu dem Massenmeeting im Madison-Sguare Garden versuchten nach Schätzung der „Rew-Vork World" und des Gerald" LW.vvv Menschen Einlaß z« bekommen. Pei dem Meeting waren 1500 Delogierte jüdischer Organisationen anwesend und es sprachen Nathan Strauß, Abraham E l k u s, der Präsidentschaftskandidat der letzten Wahlen, Charles Hughes, Stephen W ise, Lakob Schiff sowie -er Rew-VorkerBürgermeister Htz l an. Letzterer drückte seinen Kummer über die Ausschreitungen sowie die Erwartung aus, daß Amerika den Massakern sofort ein Ende wachen werde. Hughes hezeichrrete die Pogrome als Derrat an der Sache, für welche Amerika kämpfe. B irzermeiftsr Hylan protestierte namens der Christenheit gegen diese Schlächtereien. Wilsons Schwiegersohn, Senator Ealder, Gouverneur Smith und viele andere sandten Telegramme, welche den Anwillen über die Pogrome ansdrücken. Es wurde eine Resolution angenommen, welche sofortige Intervention der amerikanischen Regiernng zwecks Verhinderung weiterer Ausschreitungen und Bestrafung der Schuldigen verlangt. Präsident Wilson soll ferner bei der Friedenskonferenz Schritte unternehmen, damit der jüdischen Bevölkerung Polens, Rumäniens und der anderen osteuropäischen Länder unbedingt wirksame Garantien für volle bürgerliche, religiöse und politische Gleichberechtigung sowie die gleichen Minoritatenrechte, wie sie die anderen in diese« Landern wohnenden nativnaten Gruppen besitzen, gewährt werden. Alle großen New-Vorker Zeitungen brachten ausführliche Berichte und Leitartikel und unterstützten den Protest mit wärmster Sympathie. Professor Herren über den Völkerbund. Die Fusion der HampelMiiuner. Als bte bekannte Frau Pollak cnn Sonntag erfuhr, baß „ihr" Abgeordneter Fried mann in der Nationalversammlung einem antisemitischen Antrag zur Anuahm« verhakst soll ft? entrüstet „echt i übt f ch!" ausgerufen habest. Dagegen scheint man im bentschradikalen Lager den Verrat an einem Programm, das mtf den Wähkerstmsi speziell in „Daelitlschen" Kreisen angelegt war, eher für „echt arisch" zu halten; sonst könnte man sichden Juyel nicht erklären, nrit dem man sich dort die einigermaßen überraschende Bundesgenossenschaft der vor kurzem noch als Juden? chriütruppe stigmatisierten „bürgerlich-demokratischen" Partei nicht nur gefallen läßt, sondern sogar dauernd anszubanen an schickt. „W geschehen nych Wunder!" erklärt das dentschrcchM« Hauptargan. aber in feine begreifliche Verblüffung mengt sich kein Ton einer vorn rassecheoretischen Standpunkt diktierten Abwehr, und so scheint das Wunder auch über die sonst gerade von dieser Seite parteimäßig ans geschroteten natürlichen Abstammungsgcsche zp tritlmphieren- Denn wenn sich die Meldung einer Vereinigung Dr. Kleins mit Herrn Wolf als eine Ente entpuppt, so ist bas weniger der Mischen Abstammung, als vielmehr dem „jüdischen Kopfe" des klugen Staatsmannes zugute zu halten. Jedenfalls werden sich die Herren vom „Deutschnatioualen Vereine", was ihnen ja vom Rassenstandpuntt Mur angantehm sein kann, mit dem Dr. Hampel nnd dessen persönlichem Anhang begnügen müssen, und so bleibt als das ganze Resultat der merkwürdigen Parteifusion, daß ein paar „Hampelmänner" — heimgesund on haben . . . Mehr Vorteil als die Deutschradikalen dürften wir Jüdischnationalen aus dem politischen Ereignis Ziehen Ans die bisher unverbesserlichen Anhänger der Assimilation muß das köstliche Geständnis doch ausllyrend wirken, wie wenig hie neuen Brüder bisher eigentlich getrennt habe. Diese tzuanijtö nexUgöydls sind die „geehrten Mitbürger mosaischer Konfession". Es ist für alle Wählersthichtsn doch immer interessant, zu erfahren, wie hoch ihr Interesse Leuten, die sich atttt ihr Vertrauen beworben haben, eigentlich steht. Die „Hampelmänner" haben es bisher mit den Juden versucht und weil das erzielte Resultat ihren Amditionen nicht entsprach, probieren sie es jetzt einfach Segen die Juden! Ein erhebendes Beispiel deutscher «Treue! Schon haben sie, wenn man dem Sitzungsbericht des deutschnativnalerk Vereines glauben darf, der Aufforderung der deutschen Jnngmannschaft, sich der „semitischen Hochflut" entgegenzustellen, begeistert zugystlmmt. Bratzy! Mir Ziynisten wissen, daß diese Begeisterung nur ein anhörer Ansdruck für die Enttäuschung über die semitische Mhe im bürgEchdemokratischon Hager ist. Und so entnehmen wir ihr mit Vergnügen, daß di« jüdischen Wogen in ihrem dunklen Drange sich des rechten Weges wohl bewußt gewesen sind. Ein Vergleich unserer Wahlerfolge mit denen der Denischbürgerlichen zeigt deutlich, welcher Seite die Rassenverhetzung schon bisher den größeren Gewinn gebracht hat. Wir können den bürgerlich-demokratischen „Hampelmännern" für die Unterstützung, die nunmehr auch sie unserer Auflläruilgcar!-Ut angedeihen lassen, nur dankbar sein. sp. in einen Mantel gehüllt, so daß man nur undeutlich ihre Umrisse erkennen konnte. „Hoch zu verehrender Herr Moses Mendelsohn", begann er. — „«inen Augenblick, unbekannter Freund", unterbrach ihn Mendelsohn, „Sie wollten mir ein Geheimnis anvertrauen? Ist es unerläßlich, so schicke ich diese guten Leute, die von fern her gekommen ünb, Sie nicht kennen und wohl niemals im Leben Wiedersehen, fort" „Nicht nötig!" entgegnet« der Fremd«. „Im Gegenteil — Ihr kommt ans Polen, wie ich sehe? Auch Euch geht mein Anliegen an. Euch vor anderen vielleicht. Doch auch die Jilden in Deutschland. Ja die Inden in aller Welt. Lesen Sie, wertester Herr Moses, diese kurze Abhandlung, die ich Ihnen mitzubringen gewagt habe. Sie werden daraus sehen, daß das Glück Ihrer Nation mir fast mehr am Herzen liegt, wie das der meinen. Kein Wunder; ist sie doch des Glückes bedürftiger als jedes andere Volk — und wer weiß, vb nicht dessen würdiger? Denn warum sollte dieses Volk, das dev Menschheit den größten Dienst geleistet hat, verurteilt sein, ans elvig zu irren, nirgends ein Vaterland, nirgends eine Heimat? Lesen Sie" — er reichte Mendelsohn ein« schmale Rolle hin — „und Sie werden sehen, wie mein Plan alle Inden angeht und also auch diese, Ihre Besucher." Der Gast hatte sich in einen Sessel niedergeworfen und zog den verschüchterten Knaben liebreich an sein Knie. Mendelsohn laS die Blätter, die er ihm gereicht hatte, weit über den Tisch gebeugt, als wollte er sie verschlingen. Nach einer Weile erhob er sich in tiefem Sinnen und trat ans Fenster. Eine Weile blieb es still im Zimmer, dann wandte sich Mendelsohn mit einem Ruck und bohrte das leuchtende Auge, in dem es wie Tränen glänzte, scharf in den Blick seines Gastes. „Groß — groß scheint mir Ihr Gedanke, weise und groß; und daL Rad der Geschichte völlig umwälzend; mnb das leugne ich nicht — er dnrchtönt auch mein Herz mit der Melodie, die jedenl Israeliten seit seiner > Kindheit vertraut ist." Die „Tribüne de G 6 it e yj c" veröffentlicht einen sehr interessanten Artikel des ° bekannten, dem Präsidenten Wilson nahestehenden amerikantschen Professors George H e r r o n über den Völkerbund, worin es «wer anderem heißt: „Wir müssen den Völkerbund nehmen, so wie er uns geboten wird, aber wir diirsen uns keinen Illusionen über ihn hlngeben. Man muß ihn nehmen wie er ist und sich bemühen, ihn so umzngestalten, daß er tatsächlich als Völkerbund eme Pereinlgnng der freien, gleichberechtigten und brüderlichen Völker werde. Zn Varls ist kein Völkerbund geschaffen worden, sondern ein Bund ver Regierungen, und zwar ein Bund dreier Negierungen. Es wird immer klarer, daß das, was in Paris geschaffen worden ist. nichts anderes ist als eine Tripelallianz, und wenn nicht bald nu wirklicher Völkerbund zustande kommt, wird diese Tripelallianzzu einer teutonischen Allianz von ganz Europa östlich des Rheins und südlich der Alpen führen und der Friede von Europa, sowie sein angeblicher Völkerbund werden nur eine Vorbereitung dazu, daß zwei mächtige gegnerische Gruppen sich wieder die Vorherrschaft in der Welt streitig machen. Das edle geknechtete poLMsche Volk. Von vertrauenswürdiger Seite geht uns der folgende Bericht zu, den wir allen denen empfehlen, die sich etwa von der Phrase der polnischen Kultur einfangen ließen: Zn den besetzten Gebieten von Ostgalizien gehen die Polen mit größter Harte vor. Die polnischen Behörden stehen auf dem Standpunkt, daß es sich nicht um einen Krieg zwischen Polen und der Ukraine handelt, sondern sie betrachten jede gegen die polnische Herrschaft gerichtete Regung als H a ch v e r r a t. Die Polen haben eigene Strafabteilu ngen gebildet zum Einschreiten gegen die Bevölkerung, hie sich nicht zum polnischen Imperialismus bekennen will. Ukrainische und indische „Und also," sprang der Fremde-ein, „also erkennen Sie di« Möglichkeit? Fühlen Sie das Ziel, der vertriebenen Nation eine Heimat zu schaffen, ein Gemeinwesen, in dem die Juden Bürger sind und nicht nur geduldet« Fremdling«? In dem sie nach ihren Gesetzen leben können, ohne sich verstecken zu müssen?" „Verzeihe es mir der Herr", lvehrte Mendelsohn ab, „wenn ich durch' meine Unkenntnis der politischen Verfassung der Staaten und ihrer Geschichte von diesem Plane nicht mitreden kann. Was weiß ich von her Geschichte? Ich habe bisher geglaubt, der jüdische Mensch, der kein Vaterland hat, könnte sich von der Geschichte keinen Nutzen versprechen. Auch war ich zeitlebens mit dem Hirne kühn und ängstlich mit der Hand. Gedrückt habe ich hinter dem Pult gesessen, etngesperrt in eine Fabrik, weil die Intoleranz dieses duldsamen Landes mich so einengte, daß ich auf keine andere Weis« meinen Kindern Brot schassen konnte. Ergehe ich mich des Abends mit meinen Kindern, so fragt Nlich noch jetzt die liebe Unschuld: Papa, was Hatzen wir den Leuten getan, daß sie uns mit Steinen werfen?' Sehen Sie: all das hat meinen Mut gelähmt, wie den Mut meiner Volksgenossen. Ihr Plan aber fordert Mut Mut zur Freiheit, Und glauben Sie, daß der Druck der Jahrhunderte diesen Milt nicht bei meinem Volk getötet habe? Ach wir haben, so fürchte ich, von de: alten Tapferkeit unseres Juda Maecabi nur Mönchötngbnden zurückbeh alten. Unsere Stärke.besteht nur noch im Bolen und Leiden -* nicht mehr tut Wirken. Und dann scheint mi.r ein solcher Plan nur ausführbar, wenn di« größten Mächte Europas in einen allgemeinen Krieg verwickelt sind und jede für sich zu sorgen hat ..." „Gerade darum", rief der Fremde, „Made darum! Dies ist dt« Zeit! Der Krieg, der entsetzliche, landdauernde, ist eben erst vorbei; jede der Mächte ist mit sich selbst beschäftigt. Die Sieger teilen die Beute, die Besiegten heilen di^ Wunden — nein! alle haben Intellektuelle werden massenweiseverhaftet nnd interniert. Bstle von ihnen werden in elenden Kasematten in Przemtzsl gefangen gehalten. Letztens wurde der Vorsitzende deSZüdischen Nationalrates in Samkor Dr. R v t t en st r e i ch von den Pol«! verhaftet, nach P r z e m h s l geschleppt nnd soll angeblich vor ein K r i e g s g e r i ch t gestellt werden, Es wird ihm zur Last gelegt, daß er in einer Versammlung die zur Zeit der u k r a i n isch enHerrschaft in Sambor stattfand, gesagt habe, man solle sich weniger der polnischen, als vielmehr der jüdischen Sprache bedienen. Trotz des über ganz Galizien verhängten Stand rechtes ist die Lage in Przmhsl sehr ungemütlich, da die Soldaten *der Armee Haller beständig gegen die Inden exzedieren. Sie überfallen die Juden vor den Synagogen und m i ß h a n d e l n sie. Es geht ärger zu als in der Zeit der Kosakeninvasion. Unser Handelsweg «ach der Adria gesichert. B e r l r ne 2. Juni. (Korr.-Bur.) Das Wolfffche Bursau erfährt über Münster, daß eine Sonderklausel in dew österrei ch is ch en Friedensvertrage deu Handelsrveg nach dem Adriatischeu Meeresichert. Wunden zu heften. Dies — dies ist die Stunde;., wenn nicht jetzt, wann denn? so hat mich einmal ein alter Israelit belehrt." Mendelsohn schritt im Zimmer auf ttttb ab und blieb schließlich vor dem Fremden stehen, „Gäbe ich dieses auch zu; daß Dritte fehlt noch und von allem das Schwerste: das größte Hindernis lieFt im Eharatter meines Volkes. Tranen Sie meiner Nation die Kraft zur Einigung zu, ohne welche Ihr Plan scheitern muß?". „Dazu kenn ich sie zu wenig," meinte der- Gast.! „Wer seid Ihr nicht Galeerensklaven, aneinander gefesselt durch grausames Schicksal?^ Mendelsohn sprach weiter. „Auch ich glaube, ja mehr: ich erkenne für wahr und gewiß, wie mein L-rhrev Rabbi Moses ben Maimon es ausgesprochen hat, daß'' Israel nicht innrer umherirren wird unter den Völkern: daß Gott, der Herr, den Ueberrest feines Volkes dereinst in die Heimat zurückführen werde... Ich wünsche — ich glaube — ich bebe darum. Wer erwarten Sie! keine Tat von mix. Mein Auge ist, von Mnd getrübt, zu lllrzsichtig,als daß Ls das Dunkel der Zeiten dnrchdring?n könnte. Meine Kraft ist zu schwach, als daß ich die genwinou Schtvierigkeitcn des Weges bestehen könnte. Sv hat mich Gott geschafsen; und wtzr von tm8 kann seiner Größe ein« Spanne znlegen?" Mt eiiter halb entschuldigenden und halb bedauernden Gebärde reichte Mendelsahn, dem Gaste die Blätter hin. Der Fremdling nahm sie nnd schritt vhne ein Wort dem Ausgang zu. Da traf sein Blick ffeni Knabe» an der Tür, dessen sengendes, dunklesAuge aus bsm Mantel seines Großvaters hervor nach dem Gesicht des Unbekannten suchte. } „Ich — ich!" stammelte daZ Kind. Der Fremdling legte ihm Hst Han? ansS Haupt.! „Denke du an nraftre Worte,^ mein Sohn, Vielleicht' bah du einst meinen Weg beschreibst.. P | Im Dunkel entschwand er.