Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 134 (2.6.1919)
- Date
- 1919-06-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 zöien, Montag - Günstige Grenze gegen Ingosrawien. Der Schutz der Minoritäten in Deutschvfterreich. Ssrnt-Grrmain, 1. Jum. ^Journal des Döbats" mefbet: Es heißt, daß die FriedenSvorschläge bezüglich der Grenze Jugoslawiens und Deutschösterreichs für letzteres sehr günstig sein werden. Man sei überrascht, zu sehen, daß diesem in Kärnten sogar mehr bewilligt wird, als es verlangt hat und die jugoslawische Delegation soll einen energischen Protest wegen der großen. Zahl von Slawen erhoben haben, die so Deutschland und wie es heißt auch Italien inkorporiert werden sollen. Die Ansprüche Italiens sollen jetzt weit dasjenige überschreiten, was ihm im Londoner Vertrag versprochen wurde. Würden die verschiedenen Vorschläge angenommen werden, so würde Slowenien völlig verstümmelt und man stunde einer Wiederholung der Teilung Polens gegenüber. Man muß im Interesse des künftigen Friedens hoffen, daß den Beschwerden der Jugoslawen eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Frage der über Villach zur Adria führenden Bahnlinie ist in der Tat von allergrößter Wichtigkeit. Der „Tempr* bringt einen Leitartikel über das Recht der Minoritäten, in dem abermals festgestellt wird, daß der Vertrag für Deutschösterreich zwar die Bestimmungen über die Grenzen dieses Staates, nicht aber Klauseln über die Aufteilung der von ihm abgetrennten Gebiete enthalten werde. Die Minoritäten innerhalb Deutschösterreichs, insbesondere die Wiener Tschechen müßten, so sagt das Blatt, unbedingt durch ausdrückliche Bestimmungen des Vertrages geschützt werden. Sie müssen bei Gericht ihre Sprache schreiben und sprechen dürfen. Man muß ihnen erlauben, Schulen, Wobltätigkeitsanstalten, religiöse und soziale Institutionen zu unterhalten. Etwas anderes sei es mit dem Schutze der Minoritäten in den abgetrennten Gebieten. Da seien keine derartigen Bestimmungen in Len Vertrag mit Deutschösterreich aufzunehmen., Dis uneinige Friedenskonferenz. Berlin, I.Juni. (Tel. der^Wr. Msrgenztg.*) Der „Lokalanzciger" meldet aus Versailles: Die Abendblätter bestätigen die von der »Daily Mail" gebrachte Meldung, wonach fünf englische Minister in Paris eingetroffen sind, um an dm Beratungen über den Friedensvertrag teilzunehmen, und verraten gleichzeitig, daß sich innerhalb der englischen Delegation zwei Gruppen gebildet haben, von denen die eine unter Führung Lloyd Georges dafür sei, nicht nachzugeben, während Die andere auf Zugeständnisse dringt. Aber nicht nur unter der englischen Delegation haben sich zwei Gruppen gebildet, die ganze Konferenz scheint in zwei Lager geteilt zu sein und die französische Presse, die das weiß, eS aber wegen der Zensur nicht sagm darf, läßt eS Lurchblicken. Belgien schließt sich natürlich dem radikalen französischen Standpunkte an. Amerika scheint Verhandlungen für nötig zu halten. Japan steht Ler ganzen Erörterung gleichgültig gegenüber. Italien scheint auch nur ein mittelbares Interesse zu haben, das sich auf die Rückwirkung bezieht, die eine Aenderung des deutschen Vertrages auf den österreichischen haben könnte. Eine entscheidende Wendung. Berlin, 1. Juni. Die «Deutsche Allgemeine Zeitung* meldet aus dem Haag: AuS allen Nachrichten der amerikanischen Zeitungskorrespondenten scheine hervorzugehen, daß sich innerhalb der Friedenskonferenz eine entscheidende Wendung vorbereitet. Moore, der Vertreter der „New Jork Tribüne", drahtet seiner Zeitung: Wie in früheren Telegrammen bereits augedeutet, hat Präsident Wilson tatsächlich die Rolle eines Vermittlers zwischen den Deutschen und den Verbündeten übernommen und tritt für eine Milderung der Friedensbedingungen eiu. Da bei den Verbündeten kein Zweifel darüber besteht, daß nur die gegenwärtige deutsche Friedensdelegation den Vertrag unterzeichnen wird, kann mit Sicherheit erwartet werden, daß sich die Verbündeten zu wichtigen Zugeständnissen bereit finden, um auf diese Weise die Unterzeichnung des Dokuments zu erreichen, ohne gezwungen zu sein, zu einer weiteren Besetzung deutschen Gebietes zu schreiten. Die Antwort an Brockdorff. Versailles, 31. Mai. (Havas). Die Antwort Clemeneeaus auf die verschiedenen deutschen Noten wurde dem Grafen Brockdorff-Rantzau heute vormittags überreicht. Paris, 31. Mai. „Liberty zufolge soll ein Mtglied der französischen Delegation über die deutschen Gegenvorschläge gesagt haben, Frankreich könne in nitchs nachgeben und werde auch nicht nychgeben. Die mannhaften Schweizer. Zürich, 1. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Bundesrat hat heute dem französischen Botschafter in Bern eine Note an die Ententeregierungen übergeben, in welcher die Schweiz für den Fall einer neuerlichen verschärften Blockade gegen Druvchlanb ihre st r i k t e Neutralität erklärt. Die Schweiz werde von ihren Grundsätzen nicht a b w e i ch e n und die Lieferungen an Deutschland im selben Ausmaße wie bisher aufrecht erhalten. Wiener Morgenzeitrmg Budapest, 1. Juni. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die ungarische Regierung wird morgen eine Noüe wegen des Mittionendiedstahles an die Wiener Regierung richten. Der Standpunkt der ungarischen Rüteregierrmg in der Angelegenheit des Milli onendiebftahles in der Wiener Gesandtschaft ist solgenderr Die aufgefundenen 70 Millionen waren Eigentum der ungarischen Gesandtschaft in Wien, der vom dentschVsterreichischen Staatsamt für Aeußeres das Agrement erteilt Die Kampflustige Oberste Heeresleitung. Berlin, 1. Juni. Das Wolffiche Bureau meldet: Eine von der Obersten Heeresleitung am 21. Mai veröffentlichte Rundfrage: „Wie die Bevölkerung zu einer etwaigen Wiederaufnahme des Krieges stehe" ist von der R eichsregierung nicht gebilligt und durch telegraphische Anordnung eingestellt worden. Als Zweck dieser Rundfrage bat die Oberste Heeresleitung bezeichnet^ 1. für alle Falle Klarheit und sichtbare Unterlagen für Entschlüsse zu schaffen, vor die sie von M Reichsregierung gestellt werden könnte; 2. aber sei Hindenburg nach Bekanntwerden der Friedensbedingungen mit Ratschlägen und Protestkundgebungen jeder Art überschüttet worden, die den Eindruck machen könnten, als ob Volk und Heer zum Kampfe fest entschlossen wären, und zwar auch gegen den Willen der Reichsregierung. Der Obersten Heeresleitung sei sogar Mangel an Entschlossenheit vorgeworfen worden. Daher mußte sie ein richtiges Bild dieser Lage zu gewinnen suchen, um einerseits die Hitzköpfe beruhigen zu können, andererseits sicher zu erwartende Angriffe der öffentlichen Meinung mit schlagenden Beweisen abwehren zu können. Die Oberste Heeresleitung sollte ebensowenig wie die Reichsregierung eine Schuld für Störungen der friedlichen Reichspvlitik durch Hitzköpfe auf sich nehmen. Die Reichsregierung baut indes auf die Rechts- und Ueberzeugungskraft ihrer Gegenvorschläge, nicht aber auf eine Erneuerung des Waffenkampfes auf deutscher Seite. Dabei wird sie sich aber dauernd bemühen, sich in ihrer Aufgabe in den Ostprovinzen in keiner Weise beirren zu lassen. Generalstreik dev Bergleute in Pas de Calais. Versailles, 1. Juni. (Korr.-Bur.) Wie „Populaire" meldet, haben gestern 18.000 Bergleute im Departement Pas de Calais beschlossen, morgen in den General st reik zu treten, um eine Erhöhung ibrer Löhne, die Einführung des Achtstundentages und eine Verbesserung der Altersversorgung durchzusetzen. Die Arbeiter seien entschlossen, nicht eher wieder einzufahren, als bis sie ihre Forderungen durchgesetzt haben. Die ungarisch-tschechischen Kämpfe. Die Ungarn gewinnen die Oberhand. Budapest, I.Juni. Das Ungarische Telegraphen- Korrespondenzbureau meldet unter dem 1. Juni: Sämtliche tschechischen Kräfte von der Donau b i.s zum Hernad wurden von unseren Streitkräften zu Lande, Wasser und in der Luft auf der ganzen Frontlinie geschlagen. Der weichende Fernd wird von unseren siegreichen Truppen verfolgt. Die bisher von uns besetzten größeren Ortschaften sind Sziks. Sajoszentpeter, Putnok, Bameve, Rima-Szombat, Losone und Jpolysag. Wir stehen überall nördlich von den erwähnten Städten. Die Eipel-Linie wurde von unseren Truppen in ihrer ganzen Länge überschritten. Wir schoben unsere Sicherungen von der Gegend der Eipel-Mündung bis zur Gran vor. Mehrere hundert Gefangene, mehrere Geschütze, zahllose Maschinengewehre, eine große Menge von Munition» Waffen imb. Kriegsmaterial sind unsere Beute. Preßbrrrg, 31. Mai. (Meldung des Tschechoslowakischen PreßbureauS.) Gestern ist hier der französische General Mitterhausen mit feinem Stabe eingetroffen, um das Kommando über die. tschecho-slowakischen Truppen in der Slowakei zu übernehmen. Amerika für den Wettkredit. Ltzori, 1. Juni. (Funkspruch.) Aus Washington wird gemeldet: Der Direktor des Kriegsverbandes der Fmanz^ellen, Eugen Meyer, ist am 31. Mai nach Europa abgereist. Er beabsichtigt, mit den Leitern der wichtigsten europäischen Banken und der' großen Jndustrieunternehnmngen Verhandlungen hinsichtlich der Mitarbeit des amerikanischen Kredits an dem industriellen un d f i n a n z i e t l en Wiederaufbau Europas anzuknüpfen. Nach Ansicht Direktor Meyers kann die durch dm Krieg verursachte Zerstörung» deS Wirtschastslebens nur durch Ausbietung aller Hilfsmittel der ganzen Welt und bei Mitarbeit der Regierungen, Banken und Industriellen behoben werden. Senator O w en, Präsident deS Bcmkkomitees im früheren Kongreß, hat ein Projekt ausgearbeitet, das die Scha j jung einer unter RegierungSa u f sicht st e h ende w G e fett s ch a f t vorsieht, welche den Wechselkurs stabilisieren und die fremden Kredite stützen soll. 2. Juni 1919 Nr. 134 »furrdbMn 70 Millionen. wurde, daher, da eine Gesandtschaft stetS den Absenderstaat vertritt, Eigentum deS ungarischen Staates. Der Standpunkt der O e st e r r e i ch i schungarischen Bank, die wegen Kündigung des Privilegs Rechtsansprüche auf das gestohlene Geld erhebe, sei der Räte» regierung unverständlich, die ebenso wie gegen die anderen Banken, eben auch gegen die Oesterreichisch-ungarrsche Bank mit sSozialisterungsmatzregeln vorgegangen sei. Frankreichs zerrüttete Finanzen. Versailles, 1. Juni. In der vorgestrigen Seuatssitzung hielt anläßlich einer Interpellation über die Finanz- . läge Ribot eine dreistündige Rede, worin er hervorhob, daß das in Frankreich herrschende Unbehagen durch die Unklarheit Über die finanziellen Lasten, welche das Land zu tragen haben wird, verursacht sei. Ribot stellte fest, daß das Budget des Jahres 1919 ungefähr 44 Milliardm betragen werde, und erklärte,; daß die französische Regierung zur Deckung dieser AuSaben, welche, abgesehen von 16 Milliarden deS Ziviludgets, sich auf militärische Ansgabm beziehen, eine Anleihe von 30 Milliarden aufnehmen müsse. Ferner erwähnte er, daß Frankreich bis zum Jahre 1926 etwa 25 Milliarden für Kriegspensionen, 1b Milliarden für Beschädigungen, also insgesamt weitere 40 Milliarden werde ausgeben müssen. Die Deutschen werden bis zu diesem Zeitpunkte etwa 5 Milliarden bezahlen. Den übrigen Teil von 35 Milliarden müsse Frankreich also gleichfalls decken. Wenn Frankreich sein Budget durch die Zahlung der Deutschen nicht ausgleichen könne, müffe es eine Anleihe aufnehmen, aber Frankreichs Bundesgenossen dürfen Frankreich diese ganzen Lasten nicht allein tragen lasten. Die Ausgaben müßten in ein Verhältnis zu den Hilfsquellen jedes einzelnen gebracht werden. Solange diese Frage nicht gelöst sei, komme man nicht zur Klarheit. Von seiner langen Rede überanstrengt, brach Ribot am Schluffe seiner Ausführungen ohnmächtig zusammen, so daß die Sitzung ehte,. viertelstündige Unterbrechung erfuhr. Der polnische Kriegsbericht. Warschau, 1. Juni, (Funkspruch.) Polnischer. Kriegsbericht: JezupolundHalicz find unversehrt in unsere Hand gefallen. Bei Stanislau erbeuteten wir mehrere Geschütze, dann Maschinengewehre und viel Munition und sonstiges Kriegsmaterial. Bei der Besetzung von Rozniakow machten wir 300 Gefangene. Die Verbindung mit den rumänischen Truppen wurde bis zum 27. Mai mtt Flugzeugen aufrecht erhalten. Durch unsere letzten Operationen ist es uns gelungen, eine gemeinsame gegenbolschewikische Front und eine direkte Eisenbahnverbindung mit Rumänien herzustellen. Die Gattin des Redakteurs des „P öfter Llohd" Dr. Schiller ermordet. Budapest, 31. Mai. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Gattin des langjährigen Redakteurs des «Pester Lloyd", Dr. Heinrich Schiller, ist von ihrer Dienstmagd Anna Schmidt durch Beilhiebe so schwer verletzt worden, daß sie den erlittenen Verletzungen bald darauf erlag. Die Ursache des Mordes ist noch unbekannt. In Kärnten wird verhandelt. Klagenfnrt, 1. Juni. Amtlich wird gemeldet: Lage am 1. Juni 12 Uhr 30 Min. nachmittags unverändert. Unser Parlamentär ist zurückgekehrt. Das S. H. S.- Kommando hat in Verhandlungen eingewilligt. Die Feindseligkeiten werden jedoch erst nach Beendigung der Verhandlungen eingestellt. Unsere Unterhändler gehen heute nachmittags nach Krainburg ab. Bedingungm wurden nicht bekanntgegeben. Teilweise Aufhebung der Dermögenssperre in Tschechien. Einlagen dürfen bis Sv Prozent behoben werden. Pvag, 1. Juni. (Meldung deS Tschecho-llow. Preßbur.) DaS Finanzministerium vnvffrntücht folgende Verlautbarung: Die Besitzer von Emlagebüchern dürfen ihre Einlagm b i S zubt) Prozent beheben, wenn sie das Ernlagebuch beimLkorisknptwnsamt angemeldet haben und diese Anmeldung in Mn Eintagebuch bestätigt ist. Besitzer lausender ReA nungen dürfen ihrrEinlagen bis zu 50 Prozentbeheben, falls sie ihre Einlagen angeweldet haben uns» diese Anmeldung aus dem Rechnungsauszug bestätigt tft, der ihnen durch daS Geldinstitnl bis zum 28. Februar ausgestellt wurde. Die Frist zur Anmeldung auf die Valuta-Anleihe wurde bis aut Widerruf verlängert. Einlagm. auf die staatliche Valuta-Anleihe nehmen auch alle tschechischen Banken sowie deren Filialen, ferner die Böhmische Unionbank und ihre Filialen entgegen. Silbermilnzen deS ehemaligen Oesterreich-Ungarn und spätere Krvnenwährungen werden auf diese Anleihe necht angenommen. Für Gold- und fremde Silbrrmünzen sowie für fremde Valuten, zu Zwecken der staatlichen , Valuta-Anleihe fnnmeren ferner die Sammetstellen und Sparkassen sowie die Vorschußvereine XRmsteiscnkasscn). Die Kon- . sknption von Gold- und SilbermiinM, von Münzen unb fremdem Papiergeld ist beendet. Schenlimaen für den Goldschatz werden weiterhin angenommen. Fremde Valuten filr die tschechoslowakische Devtsen;enirale luljmcn auch dir Böhmische Unionbank und die Deutsche Agrarbank in Prag sowie ihre Filialen , entgegen. _