Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 134 (2.6.1919)
- Date
- 1919-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 134 Wien. Montag Tagesbericht. Der erste jüdische Kinderzug in die Schweiz. 750 Kinder unter Führung der Fran Auitta Müller. Der Jüdische Nationalrat sürDeutschösterreich hat bekanntlich eine große Ferienaktion für bedürftige jüdische Kinder in die Wege geleitet. Der erste große Erfolg dieser Aktion trat gestern zutage. 760 Kinder sind gestern unter Führung der Frau Anitta Müller, der hochherzigen Kinderfürsorgerin und, in Begleitung von bAerztenund 24Schwestem vom Westbahnhof au« in die Schweiz abgereist. Schon um 7 Uhr früh versammelten sich die Kinder unter Aufsicht der Gruppenleiterinnen im großen Saale der Produktenbörse, von wo aus nach einer Stunde die Fahrt in fünf Straßenbahngarnituren, welche die Gemeinde in entgegenkommender Weife zur Verfügung gestellt hatte, zum Westbahnhof angetreten wurde. In der Halle des Westbahnhofes entwickelte sich mm nach Ankunft der lebhaften Kinderschar ein buntbewegtes Bild, das dem Beobachter wohl unvergeßlich bleiben wird. Stadlschutzwache aus der Leopoldstadt, freiwillige Ordner aus" Studentenkreisen, junge Mädchen in der kleidsamen Tracht der Schwestern — auch Frau Anitta Müller machte die Reise in der Tracht einer Schwester mit — brachten die einzelnen Kindergruppen in die für sie bestimmten Wagenabteilungen. Mächtige Berge von Eßwaren in Kisten und Kübeln wurden einwaggoniert, nichts war vergessen worden, was fiir eine solche Reise nötig ist. Die freudige Erregung der Kinder, deren Körpergewicht ausnahmslos unter jenem des Friedens stand, wuchs von Minute zu Minute. Funkelnden Auges plapperten sie mit den zum Abschied getrommenen Angehörigen, welche dankerfüllten Herzens der gütigen Kinderfee Frau Anitta Müller immer wieder die Hände drückten. Als der Augenblick der Abfahrt immer näher heranrückte, wurde die Spannung und Erregung immer größer. Frau Müller ging noch einmal alle Waggons ab, da ging ein Jauchzen aus hunderten Kinderkehlen: Frau Anitta Müller hoch! Hoch unsere gute Frau Müller! Tücher wurden geschwenkt, Lieder wurden gesungen, ein brausender Kinderchor aus dankerfüllten Herzen! Unauslöschlich wird dem Zuschauer diese Kinderszeue in Erinnerung bleiben. Eine ergreifende Kindersynfonie! Das Signal zur Abfahrt ertönt, der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Iubelrufe dringen durch die langgestreckte Halle, aus hunderten Kehlen am Perron und in den Waggons wird „Auf Wiedersehen!" einander zugerufen. Aus allen Fenstern winken und flattern Wimpeln gleich die Taschentücher. Noch eine kurze Zeit sieht man sie flattern, dann entschwindet der Zug den Blicken der Znrückbleibenden, welche allmählich die Halle verlassen. Auf dem Perron hatten sich zur Begrüßung eingefunden: Die Herren Gilles und P i n e von der amerikanischen Mission, Oberrabbiner Dr. C h a j e s, Abgeordneter Stricker, Nationalst Adolf Böhm, Gemeinderat Dr. P l a s ch k e s, Bezirksrat Dr. Otto A b e l e s u. v. a. Ganz besonders hatten sich um das Arrangement verdient gemacht: Dr. B e e r, Dr. M a r k l, Mila Bloch, Fräulein Münz, Dr. F i n k e l st e i n und Herr Bruno Frei. Für ganz besonderes Entgegenkommen und Mühewalten sei hier den Beamten der Staatsbahndirektion und der Straßenbahndirektivn der Dank ausgesprochen. * Der Zug traf heute, 6 Uhr früh in Buchs ein, wo die Kinder von einem Komitee in Empfang genommen wurden. Morgen frlih findet die Ankunft in Zürich statt. _ Selbstmord dreier Geschwister. Samstag spät abends wurde im Hause Josefstadt, Lerchenfeldergürtel Nr. 66 eine Tat entdeckt, die schon vor zehn oder vierzehn Tagen auSgeführt worden fein muß: drei Geschwister, zwei ältere Mädchen und ein Mann haben sich gemeinsam ums Leben gebracht. Daß die Tat erst am 31. v. M. entdeckt wurde, lag an der Person der drei Lebensmüden, die als Sonderlinge galten. Wir erfahren darüber folgende Einzelheiten: In dem Hanse Lerchenfelderaürtel Nr. 66 wohnten seit etwa zehn Jahren die Geschwister Veronek, zwei Mädchen und ein Mann. Die ältere Schwester war die 49jährige Anna Beronck, Beamtin bei den Staatsbahnen, die jüngere die 41jährige Valerie Veronek, staatlich geprüfte Klavierlehrerin, der Bruder war der pensionierte 45jährige Staatsbahnbeamte Artur Veronek. Die drei Geschwister galten im Hause als Sonderlinge. Sie hatten absolut keinen Verkehr und man sah sie tagelang nicht. Man wußte nur soviel, daß sie in einfachen, aber geordneten Verhüt Missen lebten. Von Artur Veronek hieß eS, daß er nicht ganz normal sei. Einer Partei im Hause ist es am SamStag abends doch ausgefallen, daß die Geschwister so lange nicht' zum Vorschein kamen, zumal da ein Fenster der Wohnung offen stand. Die Wahrnehmung schien der Partei so enfft, daß sie sich an den Hausbesorger wandte. Dieser Wiener MorgerrzeiLung Höchste Zeit ist es, das Abonnement schleunigst zu erneuern, für diejenigen Abonnenten, deren Bezugszeit Ende Mai abgelaufen ist, damit die Zustellung-des Blattes keine Unterbrechung erleide. Bezugsbedingungen ab L. Juni: Für Wien: mit Zustellung Monatlich . . . Kronen 7.— Vierteljährig . . „ 20.— Halbjährig ... „ 40.— Ganzjährig ... „ 80,— Für die Tschechoslowakei: mit Postverland in tschechischer Währung Monatlich . . . Kronen 7.60 Burti-ljährig , . „ 22.— Halbjährig ... „ 44,— Ganzjährig ... „ 88.— Für Deutschöfterreich: mit Postversand Monatlich . . . Kronen 7.60 Vierteljährig . . „ 22.— Halbjährig ... * 44.— Ganzjährig ... „ 68.— Für Polen und die übrigen Nationalstaaten : mit Postversand Monatlich.... Kronen 8.50 Vierteljährig . . „ 25.— Salbjähr'g ... „ 50.— ganzjährig ... * 96,— Einzelexemplar 36 Heller. Für Deutschland monatlich 5 Mark, Schweiz 5 Franken, für das übrige Ausland vierteljährig 26 Kronen. Die Geldsendungen für die Tschecho-Clowakei sind per Erlagschein an das Postsparkasienamt P. S. Nr. 150.693 in Prag, für Polen, Westgalizien und Polnisch-Schlesicn per Postanweisung an die Wiener Lombard und Eskomptebankr, Filiale Krakau, für „Wiener Morgenzeitung", Krakau, Rynek 12, zn nchten. Administration der „Wiener Morgenzeitnng" Wien, ll.» Taborstraße 1—3. Telephon 44.038n. 43.319. konnte sich erinnern, daß er zum letzten Male vor etwa vierzehn Tagen eines der Geschwister gesehen habe. Man verständigte die Polizei, die eine Kommission entsandte; die Wohnung wurde gewaltsam geöffnet. Im Zimmer, dessen Fenster offen stand, fand die Kommission die drei Geschwister leblos auf. Anna Veronek und Artur Veronek saßen auf dem Diwan, Valerie Veronek war in einem Fauteuil hingelehnt. Die drei Geschwister waren, wie der erste Augenschein zeigte, t o t, und zwar dürfte der Tod schon vor zehn bis vierzehn Tagen eingetreten sein. Daß Selbstmord vorlag, war klar. Die Geschwister hatten sich mit Veronal vergiftet. Sie hatten die Wohnung, ehe sie an die Ausführung der Tat schritten, peinlich genau aufgeräumt. Die Kasten waren wohl versperrt; in einem Kasten lagen im Kuvert, das die Aufschrift „Schlüssel" trug, die Wohnungsschlüssel. Auch einige Briefe an Verwandte, einer an den Eisenbahnerverein in der Matrosenqaffe, einer an die Polizeibehörde fanden sich vor, ebenso eine Vermögensaufstellrnig, derzufolge die Geschwister über etwa K. 12.500 verfügten. In allen Schreiben, die durchwegs formellen Charakter trugen, fand sich aber nicht ein Wort über die Ursache der Tat, aber auch keine Angabe bezüglich des Datums der Ausführung. Dar Polizeikommiffariat Josefstadi ermittelte, daß es der Einfluß des Bruders gewesen fein muß, der den Anstoß zu dem gemeinsamen Selbstmord bet. Artur Veronek, der im Verkehrsdienst stand, soll vor etwa sechs Jahren einen Betriebsunfall erlitten und eine schwere Kopfverletzung davongetragen haben. Er stand damals durch längere Zeit im Krankenstände und wurde dann pensioniert. Die Verletzung am Kopfe äußerte die Wirkung, daß Artur Veronek immer mehr zum Misanthropen wurde, mit keiner Seele verkehrte und auch nicht ausging. Er wurde förmlich vom Verfolgungswahn Gefallen. Es heißt, daß er schon ein paar Jahre die Wohnung überhaupt nicht verlassen hat. Angenommen wird, daß die Geistesstörung auch auf seine Schwestern gewirkt hat und daß die unglücklichen Mädchen immer mehr unter demEinfluß des irrsinnigen Bruders gerieten, der sie endlich zu bestimmen wußte, mit ihm gemeinsam zu sterben. Keinesfalls sind finanzielle Schwierigkeiten die letzte Ursache der Tat gewesen. Nur der Irrwahn des Bruders, der vielleicht auch bann auf die armen Mädchen übergegriffen, hat die Geschwister veranlaßt, sich z« vergiften. Schietzerei auf der Kegelbahn. Mehrere Verwundete. Im zehnten Bezirk ist es <nn Samstag spät abends zu einer lebhaften Schießerei gekommen, bei der vier Personen durch Schüsse verletzt wurden. Wir erfahren darüber folgende Einzelheiten: Beim Hause Quellenftraße Nr. 28 befindet sich eine Gartenanlage, in der drei Kegelbahnen errichtet sind, die der pensionierte Eisenbahner Josef H olz-- bauer betreibt. Samstag abends unterhielten sich nun auf zwei Kegelbahnen größere Gesellschaften mit dem Spiel, als um etwa #9 Uhr eine aus etwa acht Personen bestehende Gesellschaft kam uud trotz der vor- -gerückten Stunde nach den Kegeln zu scheiben anfing. Bald wurde es völlig dunkel, Herr Holzbauer trat auf die Gesellschaft zu und forderte sie auf, daS Spiel einzustelten. Es entspann sich ein Streit, im Verlaufe dessen einer der Gäste gegen den als Aufseher auf der Kegel¬ 2. Juni 1919 Seite 3 bahn bestellten 39jährigen Eisenbahner Anton P r ein 10. Bezirk, Kudlichgasse Nr. 44 wohnhaft, mit mehre-? ren Kegelkugeln losging. Preinl flüchtete, hatte aber* das Unglück zu Boden zu stürzen und wurde in der Dunkelheit von den Spielern angegriffen und Miß-; handelt. Herr Holzbaiver eilte mit einen: Rechen dem'! Preinl zu Hilfe. Er ging gegen einen Mann, der an-! geblich Bitschossky heißen soll, los und griff ihn mt., Der Mann stürzte zu Boden. 'Die anderen Spielerj Verliesen sich im Garten. Indessen hatte siich Preinl! zu erheben vermocht; er zog einen Revolver; als dies Leute die Waffe sahen, ergriffen sie die Flucht. Um sie 'zn schrecken, gab Preinl einen SchUßl ab. Nun eilte die ganze Gesellschaft auf die Straße,'! auf der sich eine Menge Neugieriger angesammelt hatte.! Die Kegelspieler machten dann einen Angriff auf den Garten und suchten ihn zu stürmen. Holzbauer, der/ in Angst geriet, eilte >in sein Zimmer und holte ein M a n n l i ch e rg e w e h r. Mit der Waffe eilte er zum Eingang und brachte das Gewehr in Anschlag. Lang-' sam wichen vor dem Gewehr die Leute zurück; als' sie bei der Tür angetangt waren, gab Holzbauer einen Schuß gegen die Menge ab. Lauter Hilferuf ertönte und Pier Personen wälzten! sich in ihrem Blute auf der Erde. Die eine Kugel! hatte vier Personen getroffen, und zwar dem 28jährigen Schlosser Engelbert Sagfellner, 10. Bezirk, Erlachgasse Nr. 1 wohnhaft, dem das rechte Kniegelenk durchschossen war, die elfjährige Bolksschülerin Anna Skala, 10. Bezirk, Quellenftraße Nr. 79wohnhaft, die eine Splitterverletzung des linken Oberschenkels erlitten hat, die 12jährige Bürgerschülerin Josefine Mets che ch, 10. Bezirk, Quellenstraße Nr. 79 wohnhaft, die eine Splitterverletzung des linken Unterschenkels, erlitten hat, und den 32jährigen Kutscher Kaspar Hör n, der außer einem Streifschuß am Hals einen Durchschuß der linken Schulter mit 'Schlüsselbeinbruch erlitten hat. Die Rettungsgesellschaft wurde berufen undi verband die vier Verletzten. Sagfellner und Horn mußten ins Wiedner Krankenhaus gebracht werden. Nach 10 Uhr abends machten in der durch dien Vorfall sehr stark belebten Gasse die Teilnehmer an' der Kegelpartie wieder einen Angriff gegen die Kegelbahn, drangen ein und demolierten sie gründlich. Die Latten und Bretter der Bahn und der Häuschen neben ihnen wurden zerstört; erst nach dem Rachewerk' entfernten sich die Gewalttäter. Streik bei der Donau-Dampfschiffahrt- Gesellschaft. Die Donau-Dampfschiffahrt-Gesellschaft erläßt nach-! stehende Bekanntmachung: | Infolge eines Sonntag am 1. Juni 1. I. nachmittags! bei der Gesellschaft ausgebrochenen Streiks verkehren bis auf weiteres die fahrplanmäßigen' Personenschiffe nicht und können auch Güter weder aufgegebeu noch ausgefolgt werden. Erhöhte Berpflegskosten m den Wiener Spitälern. Eine Kundmachung der n.-ö.Land esregiernng! besagt: „Die niederösterreichische Landesregierung Hai im Einvernehmen mit dem n.-6. Landesrat die Taxen für Ver-, pflegung und Behandlung von Kranken in den neun öffentlichen. Fonds-Krankenanstalten Wiens vom 1. Juni I9i& angefangen für die III. Klasse mit 12 Kronen, für die! II. Klaffe mit 24 Kronen und für die 1. Klasse mit! 50 Kronen pro Kopf und Tag festgesetzt. Die nenn Fonds-' Krankenhäuser sind: Allgemeines Krankenhaus, Krankenanstalt Wieden, Rudolfrspital, Franz Josefsspital, Elisabeth-, spital, Stephaniespilal, Wilhelminenspital, sowie Rochus-? spital und Sophienspital.* Die gestern bereits in Kraft getretenen Erhöhungen bedeuten in der billigsten Verpflegsklaffe, die! bisher K. 5.37 kostete, eine Preissteigerung um mehr? als 100 Prozent. Noch weit größer stellt sich bic, prozentuelle Preiserhöhung in der II. Klasse (bisher K. 10,; jetzt K. 24) und in der I. Klasse (bisher K. 15, jetzt? K. 50 pro Tag). Größere Gerichtsverhandlungen im Monat Juni. In öffentlicher Verhandlung gelangen im Juni folgende' größere Prozeße vor z w e i Sessionen des Schwurgerichtes: Am? 3. Juni: Äloism Englisch und Genovcfa Hode 3 wegen Diebstahl, schwererKörperverletzung und Verleumdung; am 16. und 17. d. M.; Magdalena H ö ß, MarieZinkl, Johann Karl Z i n k l, Kalharma Th tuet' und Maria H 8 ß wegen Mord; am 18. d. M. Rudolfs S v a n n a r wegen Totschlag; am 21. d. M. Karl Wolfram wegen Totschlag. Juden und Jüdinnen! Reklamiert euer Wahlrecht zum Jüdischen Nationalrat für Deutschösterreich! Wahlberechtigt ist jeder Jude ohne Unterschied des Geschlechtes, der sich zur jüdischen Ration bekennt und das 20. Lebensjahr überschritten hat. / Armieldmn, zur Eintragung in die Wählerliste im Bureau des Nationalrates: Wien, II., Taborstr. 20 a i irTiiriiirimii~w-'ii—-rr^Triiir >, \tr 'urtimiimrii