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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-31 · Heft 132 (31.5.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 132 (31.5.1919)
Date
1919-05-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«fette 2 Men. Samstag Wiener Morgenzettnng 31. Mak 1919 Skt. M ® Polittsche^tun-schau. Die Aufteilung der Mitteilungen Lee französtichert Presse. Die französischen Blatter betrachten die Besetzung Smyrnas als Prolog zur Aufteilung der Türkei und ergehen sich in allerlei Prognosen über die Art der Teilung. Der „Temps" sieht folgende Lösung voraus: Die Vereinigten Staaten erhalten das Mandat für Konftantiilopel und Armenien» dem die Landstriche von Mersina und Adana angefügt werden, um einen Aus» gang zum Meere zu liefern,' Italien erhält Südana» tollen, wovon Adalia der Haupthasen und Konia das Zentrum fein soll, die Nordgrenze wäre gegeben durch die Kleinasien von Ost nach West durchziehende Wüste. Nordanatolien mit Broussa und Angora embegreisend würde die eigentliche Türkei bilden, wo der Sultan unter dem Schutze Frankreichs residieren würde. „1 n t i n* behauptet, daß, obwohl noch keine offizielle Entscheidung getroffen sei, sich wahrscheinlich keiner der Teile der Türkei mehr einer vollständigen Unabhängigkeit erfreuen werde. Frankreich werde feinen Anteil in Cicilien, Syrien und vielleicht noch anderswo haben. Der Anteil Englands ist hauptsächlich durch Mesopotamien und weniger wichtigere Punktes von Palästina bestimmt. Italien wird für Adalia und Konia verantwortlich sein. Die wichtigste Neuerung, welche bestimmt ist, das ökonomische Leben der ganzen alten Welt zm modifizieren, ist die Installierung Amerikas in Armenien und Konstantinopel Auch „Echo d e P a r i s" weist aus die Wichtigkeit der Tatsache hin, daß Amerika, wenn es das Mandat für Armenien Md KtMstMtinöpel änttimmt (nachdem letzteres von Frankreich kluger Weise abgelehnt worden sei) tief in die europäischen Angelegenheiten verwickelt werde. Das Blatt sagt weiter! England präsentiert sich mit seinem Mandat file Mesopötamien und vielleicht (!) auch für Palästina (da ClemeNceau mit einiger Hast ein entsprechendes Amendement zur Vereinbarung vom Jahre 1916 akzeptiert habe) seinen vorherrschenden Einfluß in Arabien und im Kaukasus. Frankreich soll Syrien zufallen, hoffentlich vollständig, das heißt mit Diarbekir und Adana. „Liberia" meint dagegen, die Idee den türkischen Stadt wenigstens nominell und teilweise aufrechizuerhallen, sei noch nicht aufgegeben, Und die Gebietsverluste würden vielleicht geringer sein als tnan glaubt. „New Park Hera ld* meint, baß in Frankreich nur Pierre Loti das türkische Regime verteidigen würde. Dagegen protestiert die„Humanttä" heftig gegen die Zerteilung der Türkei und schreibt: Ein infameres Werk hatte auch Hittdenburgs Sieg nicht herbeiführen Können. Das türkische Volk hat ein Recht, frei zu leben. Man darf die Türkei nicht zum Schaden seürer arbeitsamen Bevölkerung zerteilen. Im Gegenteil mutzte man eilte Federation der griechischen, türkischen und armenischen Nationalitäten Kleinasiens unter dem Schutz des Völkerbundes bilden mit kollektivem Mandat. Cs ist erstaunlich, daß Amerika sich au dieser unedlen, Zerstückelung des türkischen Rauoes betelllgt. Der Wusonismus ist von Konzession zu Konzession herübgestiegen, bis jtirtt vollständigen Aufgeben seiner Prinzipien. Die. Welt wird mit schmerzlichem Staunen erfahren, daß die Höhe Ällöral der 14 Punkte Wilsons sich mit einem solchen Kompromiß hat abfhtbert können. — Das „3 o u t n ä r weift auf die Gefahren des Verschwindens der Türkei bin und meint, man dürfe nicht glauben, die türkische Bevölkerung werde die Exekution ohne Widerstand hinnehmen. In Konstantinopel sei eine große Erregung bemerkbar. Auch anderwärts, insbesondere in Indien, Watt Whitman. (Zu seinem hundertsten Geburtstag.) Don L. Leonhard. Walt Whitman, Amerikas größter Dichter, steht in der Weltliteratur einzig da. Gr hat keinerlei Vorgänger, geht aus keiner „Schule" hervor und hat so gut wie keine Nachfolger; durch und durch feuriger Ncbell und dennoch ekstatischer Anbeter alles Bestehenden und Existierenden; Zerstörer und WiederauflMuer; sesseltoser, alle Schranken niederbrecheuder Pantheist; Künder wahrster Menschlichkeit und allumfassender, überwältigender Menschenliebe; Apostel und Erlöser nicht nur als Dichter, sondern auch im praktischen» heißpnlsierenden Leben; und endlich allen dunklen Gewalten zum Trotz ein schwärmerisch-verzückter Optimist, der alles und jedes, Menschen und Dinge, schön, groß, erhaben, göttlich findet. Whitman führte, was matt eitt „bewegtes Leben" heißt. Bereits im Alter von 13 Jahren (er kam am 81. Mai 1819 in West Hills auf Long Island im Staat New-Aork zur Welt) verdiente er sich selbst stin Brot. Er war abwechselnd Schriftsetzer, Farmer, Zimmermann. In New-Aork und anderen großen Stödten der Union trieb er sich „beschäftigungslos" umher, jedoch überall in engste seelische Verbindung mit seinen Brüdern aus dem Volke tretend. Damals wurde er bereits der große Demokrat, nicht im politischen, sondern int allgemein-menschlichen Sinne. Auch als Lehrer und Redakteur einiger Nerv-Parker Blätter War er tätig. Erst als er 33 Jahre alt getuorden, ofsrnbarte sich ihm seine Sendung. Er begann die prachtvollen Gedichte zu.schassen, die später unter dem Tilel Der Friedensvertrag mit Deutschösterreich. Saint-Germain, 30. Mai. (Korr.-Bur.) „Oeuvre" schreibe r Die gestrige geheime Vollsitzung war eine reine Formalität. Der Frledensvektrag mit Oesterreich ist nicht vollendet. Am die gerechtem höflichen Reklamationen des Kanzlers Dr. Renner zu besänftigen, hatte man beschloffen, ihm den Vertrag artikelweise mitzuteilen, und man dachte, datz wenigstens der erste Artikel heute überreicht werden könn e. Aber nichts ist bereit. Diese Verspätung ist recht lächerlich z stbeweist wieder einmal den Mangel an Voraussicht bei den Mitgliedern der Konferenz und die Uebereilung, mit der sie sich selbst dazu verurteilen, die wichtigsten Akte im letzten Moment zu improvisieren. Rußland muß durch die Nüssen gerettet werden. London, 30. Mai. (Reuter.) In der gestrigen Beratung über den Heeresvovanschlag deutete Churchill die Msglichkeit einer Aurückziehnng der fremden Truppen aus Rußland mit Ende Sommer infolge der günstigen Lage an. Cr erklürte» der leitende Grundsatz der Politik Englands sei> daß Rußland durch die Russen gerettet werden müßte. Alle fünf Großmächte wären im Begriffe, die bolschewikeufeindlichen Regierungen a n z n» erkennen unter der Bedingung, daß eine verfaffunggebsnde Versammlung kraft demokratischer FrtthelSsir zur Begründung neuer demokratischer russischer Staaten berufen werde. Keine telephonische Verbindung Wien—Budapest. Das Telegraphen-Korrespondenz-Bureau teilt «ns mit, daß es seit über 48 Stunden keine Möglichkeit hatte, eine telephonischeVerbindung mit Budapest herzustelleu, und daß andererseits auch von Budapest nicht anKerufen worden ist. Ueber die Gründe der Änterbrechung ist nichts bekannt. Englands Kump? in Indien. L o n d o «, 80. Mai. (Reuter.) Kriegsbericht aus Indien vom 25. Mar: Ielalabad wurde abermals wirksam mit Bomben belegt. Ein großer Teil des militärischen Stadt. Viertels ist ausgebrannt. Die Pulverfabriken und ein Fort von Kabul Laven wir gleichfalls beworfen. Es wurde eine große Explosion beobachtet. würde dies bei der mohammedanischen Bevölkerung Widerstand Hervorrufen. Der englische KolontalniiMrr Montagu hübe, unterstützt von anderen Vertretern ves indischen Islamtums vor dem Viererrat Einwendungen vorgebrachr, die nicht ohne Eindruck blieben. Düs „Journal de Gäneve", das gewöhnlich aut unterrichtet ist, stellt folgenden Teilungsplan auf: Die Griechen erhalten endgültig oder als Mandat die Westküste von Kteinafien, die Franzosen Syrien, die „Leaves of Graß" („Grashalme") erschienen. Da sich! kern Verleger für st« fand, setzte und veröffentlicht« er si« selbst. Schon durch ihre formelle Kühnheit, durch das gänzlich mne ihrer Ausdrucksweise, durch ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Menschen und aller Wesen überhaupt, beschworen sie einen Sturm der Entrüstung heraus; die Puritaner erblickten in dem Lobpreisen der Herrlichkeit des Leilss und aller leiblichen Genüsse die größte Gefährdung ihrer „Reinheit". Mau erklärte ihn überdies für toll. Was dieser .neue Dichter sang, war in der Tat unerhört: alle Rüssen stellte er einander gleich, bereite er als Bruderrassen; den Trinker, die Dirne, den Bettle« et liebte sie mit der gleichen inbrünstigen, alles umfässittden Lieb«, er fühlte sich eins mit ihnen. Und manchen prophezeite er unwillkommene Dinge: „Ich sehe Menschen marschieren und rückmarschieren in raschen Millionen, Ach sehe die Grenzen und Mgeschlossenheiten des alten Adels zerbrochen, Ach sehe die Grenzmarken der europäischen Könige beseitigt. c Ach sehe in bieen Tagen bas Volk Ml erstenmal seine Grenzmarken ziehen (alte übrigen geben; Raum)." ’ Ebenso wie Whitman seinen Gefühlen hemmungslos freien Lauf ließ, so legte er sich formell ke'.i erlet Zwang auf, icj'e er sich über jede hergebrachte Form hinttSg. &eiue Rhythmen haben den heißen, fliegenden Atem dos amerikanischen Leb?ns mtb bi Wenigen >e>ner Larihslerrtc, die ihn später richtig erkänMrn, Kein änderten in ihm den Homer der Vereinigten Staaten. In der Tat hat niemand vor und niemand nach ihm Engländer Mesopotamien und Palästina, die Amerikaner Armenien mit Mittelmeerausgang in Adana die Italiener das eigentliche Anatolien mit demHafev von Mülia und den Städten Angöra, Konia und DrsuM Zweifelhaft noch sei, ob sich düs italienische Mandco auf »das ganze türkische Gebiet von Anatoliev erstrechen oder der nördliche Teil ganz töt* - abhängig bleiben solle. Das Blatt fügt hinzs. man wisse fast nichts von den Entscheidungen, die über die Niederlassung der Juden in Palästina getroffen sein müssen. Was Amerika betreffe, so wird ihr Mandat m Armenien lange Zeit mehr humanitären als politischen Charakter tragen. Aber Konstantinopel, der begehrteste und bestrittenste Punkt Europas? Wie sei das mit der von Wilson beim Eintritt in den Krieg verkündeten territorialen Uneigennützigkeit und der Monroedoktrin zu vereinigen? Das »PetitJournal" sagt schließlich voraus, man werde in der nächsten Woche gar nicht mehr von amerikanischen oder ftanzöstsch-ewtzlisch-amerikanischen Mandaten hören, sondern der Rat der Fünf werde eine ganz neue Formel finden. N Der Pogrom in Pvoskttrolv. Dis Juden im Osten müssen eine eigentümliche Form des Kriegselends durchleben. Sie werden dalli von den Polen, ball» von den Ukrainern Überfallen. Au dem wechsetvollen Bild der Ereignisse im Osten ist das Schicksal der Anden eine bleibende Erscheinung. Ob es sich um nationalistische oder um bolschewisifche Vormarsche handelt — die Juden sind die Opfer. Diese grausige Tragödie der jüdischen Existenz wäre ja arg genug Und sollte Nicht noch berschimpfiert werden dadurch, daß Polen und Ukrainer einander die Pogrome Vorhalten. Einmal kommt der ukrainische Pressedienst mit de« frohlockenden Mitteilung, in einet polnische Stadt habe man schon wieder eitt paar Dutzend Inden erschlagen. Prompt antwortet die Polnische PreßaMtnr, das sei nicht wahr, vielmehr seien in der Ukraine fürchterliche Pogrome vorgefallen. Der ukrainische Pressedienst gibt sich aber nicht sö schnell geschlätzM und versendet Mitteilungen wie etwa die folgende, die uns heute zugeht. „Wien, fcttt 00. Mai. Die polnische Regierung sucht dir Anfmerr.'amkeit der tzävzen Welt von den gegenwärtig in Ostgalizien staNsittdeMn Pogroms gegen Juden Utto Ufiälriet düdUtch abzülßttken» daß sie angebliche Aug«N» zeugen der im März stattgesunüeiren Plünderungen jüdischer Geschäfte in Proskurow erfindet, die bezeugen können, daß mehrere tausend Jude» ums Levett gekommen Mn. Die Wahrheit Über PrvM-rviv ist -ras den Verhandlungen ber jüdischen Vertreter mit dem ukrainischen Direktorium Md aUs den Berichten der jüdischen Pressestetten im ganzerr .Ausland bekannt. Während aber seit oen Vorfällen in Taenopol und ProsMwiv, die schön mehrere Monate zurückliegen, sich keine neuen ereignet haben sind die blutigen Vorfälle überall dort, wo die polnische Gvtda'eska unter Führung von Regierungsbeamten Uttl» Offizieren nichtpolttisches BlUt Vergießen und nichtpolnifchen Besitz verwüstet, so noiortfch, daß ein besoubetet Hinweis sich wohl erübrigt." Die „Plüttdoruttgtztt" in Proskurvw. Sie fanden am 16. Februar statt und es kamen einige hundert Juden dabei ums Leben. Gleichzeitig wurden in Tarlwpol ähnliche „PlÜttberungeü" vvrgemntmen. Rach der Auffassung unserer raschlebigen Zeit sind viereinhalb Monate ein genügend lunger Zwischenraum, damit die Ukrainer solche Dinge vergessen und durch ähren Prrsse-- dienst stolz erklären können, seit damals hätten sich keine neuen „Vorfälle" dieser Art ereignet. Nur die Juden vergessen nicht. Aber dc>S mindeste, das sie sich allSzubitten das Recht haben» wäre, daß die polnischen und ukrainischen Offiziösen nicht das jüdische Märtyrertum zum Gegenstand journalistischer Sensationen machen. die Größe Amerikas so verherrlicht, seine Großzügigkeit so zum Ausdruck gebracht wie Whitman. Die Größe Amerikas wird ihln zunt Symbol der Welt und der Menschheit überhaupt. Aber gerade bas Hemmungs¬ und Fessellose seiner ekstatischen Hymnen und Verzückungen zeigt auch die Kehrseite seines SchafftnS. Viel« Kritiber (und nicht gerade die kleinlichsten) machen ihm zum Vorwurf, daß seine Gedichte oft bloße Verzeichnisse und Aufzählungen seien. In der Tat beschreibt oft Whitman Dinge und Wesen mit einer realistischen Genauigkeit, vor der sich mehr als «IN Moderner verkriechen müßte. Seine Anbetung des menschlichen Körpers entartet zu einer Aufzählung aller Teile vom Wirbel bis zur Zehe, wobei sich die Schilderung veö Weibes zum ekstatischen Hymnus auswächst. Nicht nur erblickt der Dichter in jeder Lebensäutzerung etwas Wunderschönes, Erhabenes — auch über leblose Dinge, Gegenstände kann er seitenlang schwärmeu. Wer in der Dichtkunst still« Poesie sucht, wirb sich von Walt Whitmans Wortlawinen rasch erdrückt und verschüttet fühlen. Für ihn ist die Welt und alles darin gut, groß, schön, ja herrlich in seiner Mannigfaltigkeit und Fülle. Er liebt jeden Mann und jebeS Weib und jedes Kind. Men will er Vater und Geliedier zugleich sein. ES kann unS nichts BöseS geschehen. Und dieser überwälii^eitde Optimismus WhitttlanS ist es, der vielen aus düsterster Verzweiflung emporgeholfen, ihnen etn«it neuen Daseinszweck gegeben hat. Ein Freund in London erzählte mir einmal, ohne Walt Whitman hätte er, vom Leben , angewtderi, Selbstmord begangen. Freilich, iw unserer eutnwuschwn Zeit wirkt dieser Optimismus seltsam, aber vielleicht habe» wir ihn heute nötiger dem: je.

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