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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-30 · Heft 131 (30.5.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 131 (30.5.1919)
Date
1919-05-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Men, Fretrvg Politische^tundschau. Die Entscheidung der Palästinafrage. Die Zeitschrift „Palestine" gegen eine Verschleppung. Die englische Zeitschrift „Palestine" führt in ihrer letzten Nummer folgendes aus: „Die beabsichtigte Internationale Komm ission ist noch nicht nach Syrien gereist, auch sind ihre Mitglieder noch nicht nominiert. Unterdessen gewinnt sie nicht mehr Freunde. „Manchester Guardians stimmt mit dem „Temps" darin überein, gegen ein System zu protestieren, das Verzögerung ansunbestimmte Zeit bedeutet, und zwar letzten Endes ohne Hoffnung ".s größere Einstimmigkeit oder größere Gerechtigkeit, als durch schnellere Entscheidungen in Paris erreicht werden könnte. Es ist ein großes Unglück, daß man in Paris nicht den deutlichen Unterschied zwischen der Wirksamkeit des Sachverständigen und den' Funktionen des Staatsmannes erkannt hat. Es ist Ausgabe des Sachverständigen, den Staatsmann mit den: Tatsachemnaterial zu versorgen, Sache des Staatsmannes ist es, Entscheidungen zu treffen. Der Sachverständige - ist nicht und muß nicht der Lehrmeister des Staatsmannes, er muß der Diener des Staatsmannes sein. Die projektierte Syrien komMission kann bestenfalls die Arbeit des Sachverständigen leisten. Es ist ein Irrtum, sich einzubilöcn, daß sie die Friedenskonferenz der Verantwortlichkeit, Entscheidurrgen zu treffen, entheben kann. Was sie bringen kann, ist nur die Verzögerung dieser Entscheidungen, und Verzögerung vervielfältigt die Verantwortlichkeit durch Vermehrung der Gefahren. Was auch mit dem Rest des nahen Orients geschehen mag, wir müssen eine schnelle Entscheidung bezüglich Palästinas haben. Hier gibt es keine Entschuldigung für Verzögerungen. Die Mächte haben prinzipiell ihre Zustimmung für ein britisches Mandat über ein jüdisches Palästina gegeben, und die jüdischen Führer haben ein Programm vorgelegt, düssen Klarheit und Mäßigkeit allgemein anerkannt wurde. Die einzige ungeklärte Frage ist die der G r e n z e n, und eigentlich nur die der Ostgrenze. Mau ist sich darüber klar, daß Palästina bis zur Heb sichas-Bahn reichen muß, und die einzige Frage ist nur, ob es sich über diese Bahn hinaus ausdehnen soll und welches die Zukunft der Bahn selbst sein soll. Es liegt kein Grund vor, die ganze Sache wegen dieser Einzelheiten unentschieden zu lassen. Wir sagen nichts über die heiligen Stätten, weil diese Frage mit etwas gutem Willen in einer halben Stunde erledigt sein . kann. Düs jüdische Volk sehnt sich darnach, mit der Arbeit für die Errichtung eures jüdischen Palästinas endlich zu beginnen. Es kann nichts tun ,so hange die provisorische Regierung andauert. Es kann seine Menschen nicht sammeln, seine Pläne nicht aufstellen und seine finanziellen Hilfsmittel nicht ausrufen. Unterdessen hat es in Palästina eine enorme Bürde an Hilfswerk zu tragen, welches nicht in Aufbauarbeit umgewandelt werden kann ,so lange nichts von der Friedenskonferenz entschieden ist. Der Druck, der aus den zionistischen Führern lastet, wächst von Dag zu Tag. Millionen Juden in Ostrrnd Mitteleuropa haben die Wurzeln ihrer Existenz durch den Krieg verloren. Die Flut der Bedrängten kann keinen Ausweg .noch Amerika oder Westeuropa finden, und die Augen der Juden sind mit verzweifeltem Begehren ans Palästina gerichtet. Sicher wird diese Emigrationswelle ein schreckliches Problem bilden und sicherlich wird Palästina außerstande sein, sie alle auszunehmen. Aber je länger es dauert, bis die Grenzen Palästinas geöffnet werden, desto schwerer wird der Druck auf den zionistischen Führern und desto mehr häufen sich die Schwierigkeiten. Der Frauenkongretz und die Zudenfrage. Von unserem Züricher Korrespondenten. Eine Woche tagte der internationale Frauenkongreß fiix einen dauernden Frieden in Zürich. Seine ersten Verhandlungen waren stockend, er wuchs aber unter der sickeren Leitung der amerikanischeil Svziplpvlitikerm Mrs. Abdams täglich zu größerer innerer Kraft. Die Engländer herrschten vor. Alle Weltteile waren vertreten. Auch aus Australien waren streitbare Frauen gekommen, die berichten konnten, daß sie der: zweimaligen Versuch der Kolonialregierung, die allgemeine Wehrpflicht fitr Kriegsdauer einzuführen, mittels des Referendums verhindern konnten. Nur die Französinnen fehlten anfangs. Die Regierung hat ihnen vre Pässe verweigert. Aül Vormittag des fünften Verhcuidlungslages bemerkte nun Frau Dr. Jakobs, eine holläitzdische Jüdin, eine der ältesten Vorkampferinnen dex Frauenrechte vom Präsidium aus, daß Mdme Sitmoitt cingetreten war, die sie als führende französische Pazi-- sistin foimic. Sic hatte sich unter der Vorspiegelung privater Angelegenheiten den Weg nach Zürich gebahnt. Unter stürmischem dlpplans des Kongresses wurde sie niif die Tribüne geleitet, wo sie Mrs. Addams feierlich und herzlich begrüßte. Mdme. Damont antwortete irt einer Ankara che, qie den Liesen Gegensatz zu den Männern bekundete, die für die V:rurller Episode, nne ne sie nannte, utn.»ovtficf) nm,. Tn rni trat Frau H c i nt a 11 » aitv Mbuchen auf sie zu. d'e F"aucn r. ii'yieir Wiener Morgenzettung einander/die Hände, der Kongreß jubelte, viele Frauen weinten. Beide Frauen hielten Ansprachen, in denen sie die Hoffnung ausdrückten, daß die Frauen die Brücke zwischen den Völkern wieder schlagen werden, die gewalttätige Männer abgerissenhaben und daß sie statt Haß Liebe säen werden. Die Szene erreichte ihren Höhepunkt, als alte anwesenden Frauen daraufhin die Hand zum Schwur erhoben, den Krieg in jeder Form zu bekämpfen und zu verhindern. Viel vorbereitende Arbeit wurde geleistet, den Frauen war es ernst, sie. gehen daran, nun ihre pazifistischen Organisationen .auszubauen, und die Grundsätze, die sie sich ausgestellt haben, zu verwirklichen. Der Kongreß war nach Nationen aufgebaut und erkannte folgerichtig auch die Minoritätsrechte an. Die f üb is che N atro n war nicht vertreten. Es fehlte nicht an bedeutenden jüdischen Frauen, aber sie kamen nicht als Jüdinnen. Mrs. Ethel Snotvden, der Star dos Kongresses, wurde für die jüdische Sache interessiert. Sie ist die Gattin des Führers der englischen Labour Party, selbst . eine führende Frau und bedeutende Mdneriu, die die Labour Party auf der internationalen 'Sozialistenkonferenz in Bern und der Völkerbundkonferenz vertreten hat. Sie erklärte sich bereit, die Resolution zur Judenfrage, die die internationale Sozialistenkonferenz in Amsterdam gefaßt hat, in der politischen Kommission zu beantragen. Die Kommission legte sie dem Plenum zur Beschlußfassung vor. Die Präsidentin, Mrs. Addams, meinte nun, es handle sich um eine zionistische Formulierung, die Partei-- charakier hätte und über den Nahmen des Kongresses hinaus ginge, der unr gegen eine Entrechtung der Jnd-en Stellung zu nehmen hätte. Als die Resolution zur Verhandlung kam, wurde sie von Frau Kulka (Wien) sehr wirkungsvoll vertreten, welche auch in einem Zusatze einen scharfen Protest gegen die Pogrome beantragte. Die Vizepräsidentin, Mae/M i l l i a n, brachte einen Gegenantrag sin, der dahin ging, daß der Kongreß * bloß gegen die Verkürzung der Rechte der Juden Stellung nehme, der Antrag Kulka wäre eine Partchfache. In der Debatte sprachen Fran Lehmann (Deutschland), Mrs. Moor (Australien) für den Kommissioii'Zantrng. Frau Kulka erklärte in ihrem Schlußwort, sie selbst sei keine Zionistin, die Berechtigung der von ihr vertretenen Forderungen fließe aber aus dem Selbstbestimmungsrechte der Völker. Die Präsidentin, offenbar eine erfahrene Parlamentarierin, teilte die Abstimmung in fünf Teile nach den Msätzen des Kommissionsantraaes und brachte es so zu Wege, baß ein Absatz der Resolution keine Majorität erlangte und daß dann nach Ergänzung der Antrag Mac Millian angenommen wurde, obwohl er bereits im angenommenen Teil enthalten war., Der Protest gegen die Pogrome wurde angenommen. _ NtMonalversLMMlrmg. Die heute stattfindende Sitzung der Nationalversammlung weist eine umfangreiche Tagesordnung auf. Sie ist fast vollkommen von sozialen Gesetzentwürfen ausgefüllt. Das Schlössergesetz, das Gesetz iiber das E n t e r g n u n g s v e r f a h r e n v o n W i r t s cha f t s b e t r i e b e n, das W ied erbe s i e d el u n g s g e se tz sind Vorlagen, die nur nach langen Verhandlungen und Kompromissen zwischen den bürgerlichen Parteien und den Sozialdemokraten bis in das Plenum gelangen konnten. Das Gesetz über gemeinwirtschaftliche Anstalten, für das ein Subkomitee eingesetzt wurde, und einige kleinere Vorlagen, die der Iuftiz- und Finanzausschuß erledigt hat, sollen womöglich ebenfalls noch auf die Tagesordnung gestellt werden. Falls das umfangreiche Arbeitsprogramm heute nicht bewältigt werden kann, soll auch noch morgen eine Sitzung der Nationalversammlung stattfinden. Die weitere Arbeitseinteilung ist dann in der Weise geplant, daß eine Woche immer den Ausschüssen eingeräumt wird und in der darauffolgenden Woche die Nationalversammlung die von den Ausschüssen fertiggestellten Berichte erledigt. Die Verhandlungen zwischen den Parteien, die zum Zwecke einer Erhohung der Abgeordn e t e n d i ä t e neingeleitet worden waren, sind mmmehr als g e f ch e itert zu betrachten, - da in der letzten Sitzung des Hauptausschusses die Parteienvertteter ihre Bedenken gegen eine gerade jetzt vorzunehmende Erhöhung vorgebracht haben. Auch das zweite Projekt, .den Abgeordneten durch Beistellung billiger Hotelzimmer entgegenzükommen, dürste kaum zur Ausführung gelangen, weil sich der Großteil der Abgeordneten mit aller Entschiedenheit gegen eine solche Unterbringung, die einer Kasernierung gleichkäme, aussprach. Die Vermögensabgabe. D'F Gruudzüge der Vermögensabgabe find fertiggestrllt. Es erübrigt nur noch die Feststellung verschiedener Einzelheiten, über welche Staatssekretär Dr. Schumpeter die Anschauungen der Parteien kennen lernen will, zu welchem Zweck er vor vollständiger ^uatisieriina der Vorlage mit den Parteien Fühlung nebinm u.ii. Für Mittwoch war eine solche Konferenz beabsichtigt, die jedoch entfiel, da nicht alle Parteiführer iii Wien anwe-en- ,waren. E§ türd jedoch zweifellos in Lck riiclijrtu T,m-:n 2: .alssikrelär Dr.£ chn:nb<:e d- - V - 1 -»;r;.u einer Aus'macln einl.iden. Sollten > > Be» iiniun'üi i:!i werden lönncu, io ..-i.»,-. ... . ..tafle k t'.n ft.i'ouuv.:.in; und bann m den Hmiplausschus;. so. vtiai ms wt.~is£" —--r—r-;-4 Erst bann wird sie tn der Nationalversammlung eingebra«^ werden. Es ist jedoch fraglich, ob die Friedensverhanolungen eint sofortige Inangriffnahme der Vorlage zulassen. Rückzug der Kärntner an der Drau. Klagenfnrt, 29. Mai. (Korr.-Bur.) Vom Presse, dienst des Kärntner Landesausschusies wird mitgeteilt! Lagebericht vom 29. Mai abends: Im Laufe der heutigen Tages mußten wir an die D rav zurück gehen. Unsere Linie ist derzeit Alteren Graden zwischen Lawamünd und Unterdrauburg sodann entlang der Drau bis. zum großen Zucherbach- Graden zwischen Rosenbach und Ferlach. Alle Drau« Übergänge stehen unter feindlichem Maschinengewehr' und Artillenefeuer. Saint-Germain, 29. Mai. (Korc.-Bur.) Dem Sekretariat der Friedenskonferenz ist heute die Verbalnote der deutschösterreichischen Delegation übergeben worden, in der die Aufmerksamkeit der Friedenskonferenz auf die schweren Gefahren gelenkt wird, die sich aus der Lage in Kärnten und S ü d st e i e r m a r k für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Zentrum Europas ergeben. Der neue Mahlgang. Ms am 4. November 1918 -er provisorische Jüdische. Naiionalrat für Deutschösterreich seine, feierliche Eröffnungssitzung abhielt, hatten alle Teilnehmer das Gefühl, einem historischen Ereignisse beizuwvhnen. Tatsächlich erwies sich diese Vertretung des bewußten deutfichösterreichifcheir Judentums als eure unbedingt nötige Körperschaft. In allen Fragen des Gesämtjuidcntums, ganz besonders aber in den jüdischen Fragen der im Entstehen begriffenen jungen Republik hat sie kraftvoll eingegrifsen und politisch große Bedeutung erlangt. Die Erfolge bei den Wahlen zur Nationalversammlung und zur» Wiener Gemeinderat haben erwiesen, daß ein weitaus größerer Teil der deutschösterreichische n Judenschaft fiir den nattvnaljüdischen Gedanken reif geworden ist, als es unsere protestierenden assimilatorischen Gegner in ihrer öffentlichen Kundgebung glauben machen wollten. Niemals hätte auch das Präsidium des Nationalrates unt solcher Zielsicherheit-feine Aktionen beginnen und durchführen können, wenn es nicht bewußt gewesen wäre, daß weite Schichten des Judentums hinter ihm stehen. Die Verhandlungen mit den Regierungsbehörden in allen kritischen Angelegenheiten, welche die Judenheit betrafen, die Inangriffnahme großzügiger sozialpolitischer Arbeit, die Ingerenz auf die vfffentliche Meinung in jüdischen Dingen wären, unmöglich gewesen, wenn die Tätigkeit des Jüdischen Nationalrates in Deutschöfter reich nicht von dem Willen des jüdischen Volkes getragen würde und wenn nicht — was uns von größter Bedeutung dünkt — der jüdische Nationalismus, wie wir ihn. meinen, also frei von jeder chauvinistischen Rückständigkeit und radikalnationalistischen Gebäude, der einzig richtige Weg wäre, / das Verhältnis der jüdischen zu den nichtjüdischen Staatsbürgern nach Tunlichkeit zu bessern rmd die gemeinsame Arbeit von Juden und Nichtsuden zumWvhlr des Staates zu ermöglichen. Nicht zuletzt die große,, erziehliche Wirkung der Arbeiten des Jüdischen Nationalrates für dir jüdische Bevölkerung selbst, das wichtige Moment der inneren Gesundung hat den Jüdischen Nattonalrat in kurzen Monaten zu so großer Bedeutung wachsen lassen, daß er aus dem öffentlichen Leben nicht mehr hipweggedacht" werden kann. Was bis nun mit vollem Rechte von der jüdischen Oesfentlichkeit beanstänbst wurde, war die illegale Zusammensetzung des Jüdischen Nativnalrates. Aber die . sich drängenden außenpolitischen und innerpolitischen Ereignisse haben es unmöglich gemacht, iu den Monaten, da alles im Fluß war, den provisorischen durch einen ordnungsmäßig gewählten Jüdischen Nationalrat zu ersetzen. Jetzt sind die Wählen ausgeschrieben worden und die wichtigste vorbereitende Arbeit, die Anlegung des Katasters, hat begonnen. Jeder Jude und jede Jüdin Dentschösterreichs, welche das zwanzigste Lebensjahr überschritten haben und sich zur jüdischen Nation bekennen,sind wahlberechtigt. Die Wählerliste wird im Büre au des Nationalrates (2. Bezirk, Taborstraße 20a) fertiggestellt und als letzter Tag der Anmeldung zum Wahlkataster ist der 30. Juni 1919 festgesetzt. Dieser Vorgang, der in aller Stille vor sich geht, ist von größter Bedeutung. Wenn es gelingt, einen' großen Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im Jüdischen Ratioiialrat zu vereinigen, dann hat diese legale jüdische Körperschaft nicht nur an sich ein bedeutendes Feld der Betätigung, sondern äst anch die wichtigste und berufenste Stütze unserer parlaiiwntarischeir Man- , datare, die sich an die Richtlinien und Aufträge des Jüdischen Nativnalrates halten können. Die jüdischen Korporatrviieir worben in Versainmlnuacn die Anmeldungen zu den Naiionalratswahlen fördern und an ihnen, liegt «s, dafür zu fdrg-eu, daß der ^atastep..«m 'Spiegelbild der ganzen Jndenschäft dieses Staates ist. Es erübrigt sich) zu eifrigster Mrbetütigkait aufzusordern. Der Dermin ist. kurz, die Wählen zum Jüdischen Nationalrat sind rmanfschiebbar, die 'Staats-^ Maschine ist nack Bollzng d.er Wahlen in die Der- 'tretungskvrpec i ^cmge und der- Jüdische Nationalrat tmi'i . : ■ . kommen.

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