Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 129 (28.5.1919)
- Date
- 1919-05-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. l2S Wien, Mittwoch wiener MorgenzeLLung 28. Mai 1919 Inland. Sitzung der NaLiorrnloersammlung. Die nächste Sitzung der Nationalversammlung findet Freitag um 11 Uhr vormittags statt. Auch am Samstag soll eine Sitzung stvttfinden. Es sollen noch erledigt werden: Das Gesetz betreffend die Errichtung von Bolkspfkgestätten (Schlöffergesetz): das Gesetz Liber das Enteignungsverfahren von W i r t s ch n f t s b e t r i e b e n; das Gesetz über gemeinwirfchaftliche Anstalten und Gesellschaften gemeinwirtschastlichen Charakters; das MrderbestMungsgefetz; das Gesetz über das G e f ch w o r n e tt m \ 1 t e I (Vergütung für die Schatzmeister des Hauptzvllamtes), sowie einige Vorlagen, die der Justiz-und - Finanzausschuß bis dahin dmchkeraten werden. Hauptausschutz. Der Hauptallsschuß hielt gestern nachmittags unter Vorsitz des Präsidenten S e i tz, eine Sitzung, m der Staatssekretär Dr. Bauer einen eingehenden Bericht über die internationale Läge erstattete. Nach einer längeren Wechselnde, an der sich sämtliche Mitglieder des Ausschusses de» teiligtttt, wurde der Bericht einstimmig genehmigend Mr Kenntnis genommen. Im übrigen erledigte der Ausschuß dir laufenden Geschäfte. SoztallsterungsaussHuff. In der gestrigen Sitzung des SoziaMerungsaMchnstes wurde das Gesetz über das Verfahren bei der E n t e i g n u n g von Wirschaftsbetrieben, einet zweiten Lesung unterzogen (genehmigt). Wie de« Supplente« geholfen werde« soll. 300 Kronen für die Ledigen» 400 bis 800 Kronen für die Verheirateten. ' In der gestrigen Sitzung des Finanz- und Budgetausschusses . gelangten ^machst die Vorschläge des Ausschußes für soziale Verwaltung betreffend die Maßnahmen zugunsten der Supplenten zur Beratung. Es wurden nach einen» Referate des Abgeordneten Dr.Mlchael Mahr die Erklärungen der beteiligten Staatsämter zur Kenntnis genommen, daß die Negierung den Supplenten eine einmalige sofortige Aushilfe gewahren werde, und zwar ledigen Supplenten 300 Kronen, verheirateten Supplenten mit einer Dienstzeit bis zu vier Jahren 40V Kronen, mit einer Dienstzeit über vier Jahre «00 Kronen. Die Kosten der Parlamentsdemoustrattou Die Nestaurierungsarbeitm im Parlamentsgebäude, das bekanntlich bei der am Gründonnerstag stattgefunderren Demonstration der Arbeitslosen, Invaliden und Kommunisten sehr arg verwüstet wurde und wobei eine ganze Wohnung ausbrannte und die anschließenden Klubräume starr beschädigt wurden, gehen nunmehr ihrer Vollendung entgegen. Die Kosten sind sehr hoch. Die WicderaMesserungsarbeiten am Gebäude selbst machen den Betrag voll K 200.000 aus utib der Schadenersatz für die ausgebrannte Wohnung, für die zerstörten Möbel und für die der Feuersbrunst zum Opfer gefallenen Aüsstattungsgegenstände beläuft sich auf eilten Gesamtbetrag von K 80.000, so daß dem Staate ein Verlust von k ööo.ooo erwächst. In die Beträge sind noch nicht jene einzelnen Schäden eingerechnet, die durch die Diebstähle m den Räumen der Abgeordneten und Dienet verursacht wurden. Ententekomurisfionen arr alle« deutschösterreZchischen Grettzen. Frankfurts 27. Mai. (Tel.-Komp.) Der Wiener Vertreter der ^Frankfurter Zeitung" erfährt zuverlässig, das iftt Laufe dieser Woche sämtliche Grenzstativnen Deutschö ft erreichs von. Ententekommissionen besetzt werden, die nichts und niemand ohne ihre Kontrolle passieren lassen. Die Kommission in Bruck an derLeiihk amtiert bereits. Als Zweck der Ueberrvachung wnb angegeben, daß die Lebensmittel, die von der Entente an Deutschösterreich geliefert werden» nicht ihren Weg über die Grenze nach Deutschland finden dürfen. mmMaamBmttaKmmmammmiBaammMmmmBmamMmmmmmiifm AhounemmtserneueruKg Am 1. Juni beginnt ein neues Abonnement auf die »»Wietter Morgenzeitung". Diejenigen nuferer Abonnenten» deren Bezugszeit Ende Mai abgetaufenist, wollen das Abonnement schleunigst erneuern» damit die Zustellung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Bezngsgebühren: Für Wien mit Zustellung ins Haus: Monatlich . Vievtell ayvig HtttbMvig . Ganzjährig. . K. » n « ,» » »» 7.— m— 40.- Für DeutschSstererich uud die SraÜSNütstüktett mit Puftuersünd: Monatlich , K» 7.50 Vierteljährig „ ÜÄ»-~ Halbjährig .. 44.— Ganzjährig .86.— Für da» Ausland: Vierteljährig ...N. 24.— Administration der „Wiener Sttosgenzeitunü": Wien, 2. Bezirk» Taborstraffe Nr. 1—8. Telephon 44.038, 43.310. nnmhmi 1 Seite ff ] -r-3 Krise in der tschecho-floumkischen Nepublik. Kramarsch and Stranvky sollen znrLcktreten. — Plünderungen «nd Exzess^ auf dem flachen Land. — Drohllng mit dem Galgen. — Arbeiter gegen Bauern.! Eine Spionageafiaire. Die Koalition gefährdet. Prag» 37. Mas.. (Del. der „Wiener MorgenzeillUlg.") Wie „Beitksv" erfährt, wollen die Abgeordneten der u a t i o- Ministör dieser Gruppen ävf ihre Äemlev perziKM. Doktor KräMarsch, Dr. Raschln Und Dr. SttaNskh würden von ihren Mmisterpoften zurücktreten. Eine definitive Entscheidung in dieser Angelegenheit sei nvch nicht erfolgt, doch werden darüber IßetähtnQeft avgehalten. Die nationale Demokratie begründet dieses Vorgehen damit, das; sie nicht weiterhin die Verantwortung übernehmen könne für das, was von den MtzterMigsMlen Küs geschehe, namentlich nicht für die AeNßeruNgm ttUb feie Politik Dr. Souküps, der das Recht des Volkes auf Selbsthilfe anerkannt habe. „Venkov" meint aber, daß sich bU Krise noch Überdrücken lassen werde. i Rekoustrnttivtt der Regimmg. Pvag, 27. Mai. (Lel.^omp.) Die ,,Nmvbui Lischt meldet: In den Couloirs der Nationalversammlung behanpttt sich hartnäckig das Gerücht von den» bevorstehenden Rücktritt der ganzen RMerung. Es heißt, daß Präfix dent Masaryk di.« neuen Minister baldigst ernennen wird und daß nvehrere im Amt befindliche Minister fÄt die neue Regierung» nicht Ehr in Betracht kommen. Sovknps Kerüntwortkichkeit für Hst Prager MndttMM. PtaK, 37. Mai. (Tel.-Komp.) Rach einer Meldung des „Berer" wollen die am Freitag änsgeplstnderten Plager Ge» schäftslente den Justizmintster Dr. Svvkup auf Schädenersah klagen» da dieser der eigentliche intellektuelle Urheber der freitägigen Plünderungen sei. Die geschädigten Geschäftsleute haben sich bereits <m ihre RechtsfreuNde. gewendet, um gegen Dr. Doukup gemeinsam die Klage auf Schadenersatz zu überreichen. .. , Bio Geschäfte geschlossen. ’ Prag, 27. Mai. (Tel. der „Wiener Mörgeuzeilüng.") Obzwar auf der Straße bereits Ruhe ein getreten ist, bleiben doch bis auf weiteres die Kaufläden Wege i bek Aufnahme der Vorräte tzeschlvssen. Rur die Lebensmittelläd^t halten ofstn. Uevergreifen der Leuemngsunruhett «aufs flache Laich. Prag, 27. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung.") Die Teuerungsdemvnstrationen in Böhmen hüben auch auf das flache Land übergegrlffen. In einer ganzen Reih« von Dörfern und Städten kam es zu Arrsschreitungeu und Bliindernuaen, sv in Minaritz, wo mehrere Landwirte aus ge raubt und bedroht wurden. In ^üügb nnzlau wurde eine VersamiNlung der Landwirke des Bezirkes, die die Lohnforderungen der Arbeiter mit diesen raten wollten, gesprengt, das Lokal ve.r wüstet Mo viele?! Teilttehmer blutig geschlagen. .. . PlündErttgen stt LchNtz. ■ ■ Dchkitz, 27. Mai. (Korr.-Bnr.) Heute vormittag künÄ es itt Teplitz zu Plünderungen, wobei eine gwM Anzahl von Geschäften in der ganzen Stadt von der Menge,! die aus aller; Teilen der Stadt und aus der Umgebung; zusämmöttgeströmt War, .aüssterärrmt wurden. Erst am spätechl Vorwittag gelang es der Polizei und tschecho-slowakischew! Besatzuugstrüppett Alt gefälltem Bajonett und Revolvern,! die Ruhe wiederherzustellerr. .Am Nachmittag fanden jedoch! die Zusammenrottungen in noch größerem Maß« statt. In Thurn bei Leplitz kam es gleichfalls zu Plünderungen^ Auch hier mußte das Militär eingreifen, das drei Salveu'i abgab. Kon Verletzten ist vorläufig nichts bekannt. Ausschreitungen in Brandeis. Prag, 37. Mai. (Tel.-Komp.) Dem ^Becer" zufolge/' kam es in Btaüdeis zu großen Ausschreitungen. Dortselbst! fand rjjw Volksversammlung gegen dtze TeüeruuK stattnach welcher die Menge vor dem Grundbesitz des: Großbauern KYtka zog, die Angehörigen der Familie verprügelte, bis ganze Wohnung demolierte Und zum Schlüsse, den Svhn zum Galgen führte. Hierauf zvg die Menge vor das Geschäftshaus N e d v e d und plündert es vor lkümmen auS. Sie warf die Fenster der Gendarmeri.e-' stat ion ein und schickte sich an, das Haus zu stürmen^! Die Gendarmerie gab mehrere Schüsse gegen die Menge ab< Erst besonnenen VertrauenSmäumm gelang es, die Menge, von ihrem Plan, die Gendarmeriekaserne zu stürmen, abM«; bringen. Schon wieder eine Spionageassur« in Böhmen. Prag, 27. Mai. (Tel.-Komp.) Der ,^8ec«r" berichtest! über ^eine angebliche neue deutschbolschewikische Spionage-l affäre gegen die tschecho-slowakische Republik und schreibst unter anderem: Aus Plan wird telephonisch berichtet, baft dort gestern vier deutsche bolschewikisch« Agita»? LoreU verhaftet wurden, welche unsere Soldaten gegen die Republik aufreizten. Gleichzeitig standen diese Agenten in fremden Ausspäherdiensten und iiöermittelten wichtige Meldungen in ein feindliches Land. Diese Agenten, die mist fremdem Gell» bezahlt sind, beherrschen die tschecho-stvwarische Sprache vorzüglich. .Sie wurden von italienischen: Legionären verhaftet. Gestern abends wurden sie beretts nachi Prag gebracht, wo sie sofort in das Garnisonsgefängnis ein-' geliefert wurden. Da sich aus dem Verhöre ergab, daß es sich tatsächlich um eine großangelegte Spionageafföre handelt, wurden sofort umfassende Maßnahmen getroffen/ (Es dürste sich um den Versuch handeln, die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Notlage abzulenken. (Die Red.) j Telegramme. Ein Kommissär der Bereinigten Staaten in Äviett. Lyon, 27. Mai. (FunLspr. des Kvrk.-Bur.) Aus Stockholm wird gemeldet» daß der Gerrecalkottsul det Vereinigten Staaten» H ü l S st e a d, ans Befehl seiner Regierung Stockholm verlassen hat, um nach Wien abzugehen, wo er als KommiM der Vereinigten Staaten fungieren wird. ir fW'nnflvni-rirurrüi Ein Appell der jüdischnationelrn Abgeordneten an Paderewski. l. Warschau, 37. Mai. (Tel. dev „Wiener Morgenzeitung".) Die jüdischuatrvuolen Abgeordneten haben, btt es ihnen nicht möglich ist, eine Interpellation emzubringen, einen offenen Brie fanden Minifterpräsibenttzn PaberSwski betreffend die antijüdische Hetze ist Holen gerichtet. Eingangs dieses offenen Briefs erinsteru die Äbgeordnejen den Ministerpräsidenten daran, baß er bei Antritt seines Amtes öffentlich erklärt habe, d-le jüdische Bevölkerung Polens werde volle Gleichberechtigung genießen und gleich den anderen Bürgern des Staates unter dem Schutze des Rechtes stehen. Obzwar diese Erklärung die Juden Polens als nationale Minderheit nicht befriedigen wunde, glaMsn sie doch, daß ihnen wenigstens dieses Mindestmaß von Rechte« ganz und voll gewährleistet sein werde. Die Wirklich« fett über brachte eine schreckliche Enttäuschung. Geheim.e Kräfte sind am Werke, welche die B-evölkerUng systematisch gegen die Juden aufhetzen und Pogrome und antijüdische Exzesse tit großem Maßstabe verursachen. Den Pogromen in Kalusz^ Busk, Dzydlow, Sietznira -und andern Orten folgten Pogrome in Wilna» Lublin, Miechow und ln stanz Mitielgalizien, besonders in Nzrszow und Kvlbuszvwa. Jlt der Arniee und in Irr Verwaltung wird eine unerhörte Judenhrste getrieben, es werden grundlos Mvisionen in jüdistbett Geschäfts», WibathaUssrn, ja sogar ln ganM jüdischen BiertölN vorgeuommsn» Wo die Juden ausgeraubt und ausgeplüudert werden. Oftmals werben solche Mvisionen in jüdischen Bethäusern vvrgenommsn, wobei die Thorarollen zerfttzt werben und bis Tenlp-eleinrtchklMg bttt'barisch zerstört wird. In Litauen haben die Jttdenlersökgungen ungeheuerliche Formen <Mße* nommen. Juden werdsit ohne Untersuchung vor Gericht geschleppt und erschossen. Die Schritte, Welche dis Negierung in Westgalizien und in Litauen zwecks Eindännnnjlg dieser Pogrom welle unternommen hat, sind I ungenügend und erreichen nur, daß die Pogrome nach anderen Orten verpflanzt werden. Jede Truppenbewegung im Lande bekommen die Juden am eigenen Leibe zu spüren. Die Posener und Haller scheu Soldaten plagen, guälen und terrorisieren die Juden überall,, wo sie ihnsn begegnen, auf entsetzliche Weise. In den Hauptstädten Warschau uud Lublin und aüen änderen Orten, auf den Bahnhöfen nick in Eisenbahnzügen werden die Juden in bestialischer Weise mißhandelt. Das schändliche Bärtabnehmen unter unsäglichen Qualerr ist zu einer alltäglichen Erscheinung in Polen geworden. Dies alles geschieht am hellichten Tage unter den Augen der Behörden, welche diesem Treiben tatlos gegenübsrstehen rrnd so bei der christlichen Bevölkerung die Ueberzeugung Hervorrufen, daß bas jüdische Leben und das jüdische Hab und Gut straflos vernichtet werden können. Gleichzettig werden Aufrufe veröffentlicht und Cvmmuniguess verbreitet, welche den Sachverhalt so darsteilen, als ob die Schuld mt all den Ausschreibungen deir Juden zUzuschteiben wäre. Aus dem ganzen Territorium des auferstandenen Polen wütet' jetzt ein einziger unaufhörlicher Judenpogrom, det sich von Stadt zu Stadt, von Station zu Station, von einem Eisenbahnwaggvn zum anderen sortpflanzt. Die Juden Werden aus allen ihren Positionen vertrieben. Jüdische Eisenbahner werden'entlassen, jüdischen Händlern und Geiverbeireibenden werden die Konzessionen entzogen, jüdische Versammlungen nicht zugelassen, über die jüdisch Presse wird die Präventivzensnr verhängt.^ Die jüdischnaiionalen Abgeordneten fordern den., Ministerpräsidenten auf, eine klare und eindeutige Antwort zu erteilen, welche Maßnahmen er ergreifen wird, um endlich dm Verfolgungen und dieser Entrechtung des polnischen Judentums ein Ende zu machen. Die Mgeyrdneten erklären sich bereit, alle vorgebrachten Beschwerden mit Tatsachen und Dokumenten zu belegen. Unterfertigt sind die Abgeordneten: Hartglas, Thon, Grünbaum, Rosenblatt, Halpern, Perlmutter, Ptilueki,! Hrischkorn und Weinzieher. Das Landtagsmanvat Pkttuekis Mttüüisrt. Warschau, 27. Mai. (Tel. der „Wiener! Morgenztg.") Der Oberste Gerichtshöf Unter dem Vorsitze des ersieu Präsidenten Ä z e d n i c ft t hat düs LüüdtägsMtidüt Nvttth Priluckis für ungültig! erklärt. Italien für die ungestörte Bahnverbindung zwischen Deutschöfterveich und der Adria. Ktatzeüsurt» 21. Mai. (Korr.-But.) Italien macht in per Frage der Ungestörten Bahnverbindung D e u t s ch ö ü e r r e i ch s m i t T r i e st und Venedig sowohl Über Tntvis ülS auch Über Aßling seinen ganzen Einfluß aelnnd. Italien wird nie Z n g e b e n» daß die Berbindungs-- unü von Mitteleuropa nach der Adria durch die Ei ns ch i e b u n g südslawischer Gebietsteile müerimtibcit werde.