Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 129 (28.5.1919)
- Date
- 1919-05-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 28. Mai 1919 Nr. 129 PoÜtische^trm-schau. Rußland «nd die Friedenskonferenz. Die Pariser Presse äußert immer lauter das Verlangen, daß Oe-ktreier Rußlands an der FrieLens-« konftrenz ieilnehmen. In erster Neiße denkt man dabei an die in Paris anwesend' gewesenen russischen Minister Gasonyw und Fürst Livtzw, ferner an MaklakdW, den Gesandten aus der KMenslizeik. Die Russen haben in Paris eine „p slltis che'B eratuii gsstelle" für Friedensfragen errichtet, deren Präsident Fürst Lwotv ist und der eine ganze Reihe früherer russischer Politiker und Diplomaten angehören,- unter anderen v. Giers, JswalSki und Sawinbow, der bekannte SsMlreöÄlutionä?. Die Beratungsstelle besitzt eine aus gebildete Organisation Mk eiüW tzifilSMSk ischen Abteilung, einer Finanzkommissivn, einer Abteilung für Versorgung und ei, er militärischen Wteiküng, an deren Spitze General Schtscherbatschew, öet frühere Oberbefehlshaber an der rumänischen Front, steht, und die in Bukarest eine eigene militärische Vertretung hat. Kerenski und seine Gruppe hüt vov einigen Tagen in der „HEanitö" eine Kundgebung vsrvffentlicht, worin Einspruch dagegen erh-obeu wird, dstz Rußland auf der Friedenskonferenz nicht vertreten sei. Die gegenwärtige Anarchie in Rußland könne nur zur Anarchie in der ganzen Kulkurwelt oder zur Reaktionund Zerstückelung Rußlands durch den intetMtkvualeu Küpi. ialismus führen. Rur ein regeneriertes Rußland lönne die freie Entwicklung aller Völker der Welt möglich machen. Der Wille Ser russischen Völker könne nur btttdj eine auf Grund m allgemeinen Wahlrechtes gewählte Konstituante zum Ausdruck kommen. Die Kundgebung appelliert an alle Weltdemokratien, daß sie darauf hinwirien, daß die Regierungen keinerlei Diktatur in Rußland anerkennen, und daß sie jede Intervention verwerfen, welche die Rechte der russischen Völker beeinträchtigt. Die gegenwärtig in Rußland bestehenden Regierungen, welche eine Konstituante nicht einberufen, dürsten von den Regierungen der freien Länder nicht unterstützt werden. Schließlich verlangt die Kundgebung die Entsendung einer Mission nach Rußland, die aus Vertretern der Mächte, der Demokratie und der organisierten Arbeit bestehen soll. Die Stimmung in Amerika. „M a n ch e st e r Guardian" enthält ein ausführliches Telegramm aus New-Dort Über die Stimmung in den Vereinigten Staaten gegenüber den FriedensbebingUngen. Es heißt in dem Telegramm, daß in den ersten Meldungen die Friedensbedingungen als eine gerechte Strafe für Deutschland angesehen worden seien. Das ändere sich aber, nachdem man Zeit hatte, die Bedingungen genauer zu prüfen. Man habe jetzt zwei Gruppen von E gnern. Die eine sei Gegner des Völkerbundes überham' , in welchen sie lediglich ein Moment der Verwirrung ' ' shalb sie auch den Präsidenten Wilson auß r Ungeschicklichkeit in seiner europäischen Poüul vorwerfe, die andere Gruppe bestehe aus den Liberalen im weitesten Sinne des Wortes. Ein solcher Fried« habe fr!*-’ :;tnbe Grundlage und könne nicht von Dauer fei.:. Gerade diese Liberalen kritisieren an den FriedenS- Lebingungen, daß darin alle Grundsätze nur zum Nutzen einer Seite angewenbet werden. So verliere Deutschland jetzt Gebietsteile, wo möglicherweise sich eine deutsche Mavorität befinde, während die Deutschen in Oesterreich und in den Gebieten , an der oberen Etsch aller ihrer Rechte beraubt Würben. Auf der einen Seite werde der deutsche Uebersee-Jmperialismus vernichtet, aber auf der anderen Seite werde keineswegs der Grundsatz der offenen Tür durchgeführt mit Ausnahme einiger weniger Plätze. Auch wenden sich die Liberalen gegen die Lostrennung der Kohlengebiete. Das wirtschaftliche Leben Deutschlands sei für eine Generation der Gnade seiner Feinde überliefert worden. Die Angelegenheit des Saargebietes werde von diesen Liberalen als eine glatte und absolut unzulässige Verletzung des Waffenstillstandes bezeichnet. Die Deutschen würden zu Millionen nach Rußland auswandern müssen, und man werde dort eine ähnliche Durchdringung Rußlands mit Deutschen sehen, wie Amerika von Iren überschwemmt worden ist. Dom Rhein bis zur Küste von China werbe der Völkerbund nur Bitterkeit und Haß züchten. Die Haltung der Liberalen sei von großem Gewicht, so sagt der Korrespondent, in der amerikanischen öffentlichen Meinung, da die Liberalen gerade von Anfang an zu den Fürsprechern des Völkerbundes gehörten. Polnische Komödie. Nach dem Plnsker Mord wurde auf Antiag der jüdischen LandtagSabgeordneien eine aemischte Kommission nach Pmsk gesandt. Di« Pressevertreter wurden aber tttcbi bis Mnsk gelassen. Sie wurden in Brest-Lllowsk zu einem feierlichen Abendessen geladen, wo sich der General ListowSk!, so gut wie tt konnte, rein wusch. Seme Taktik bestand darin, daß er zunächst gegen die LebenSmMelwucherer der jüdischen Bourgeoisie zu Feld zog, dre natürlich nichts mit dem Bolschewismus m mn hat. Da nachgewiesen worden ist, daß die Sitzung >m Volkshause, deren Mikaleder verhaftet Md erschossen wurden, eine von der Behörde erlaubte SitzMg der LebenSmittelkommifsion war. erfand er eine zweite Sitzung in einem anderen Stockwerk de- BoltShauseS. Iin ganzen sagte er etwa folgendes: »Wir fanden ern furchtbares jüdisches Proletariat in Pmsk vor, daS Not und Hunger litt. Wir versorgten die Bevölkerung ohne Unterschied der Nationalität mit Lebensmitteln. Gegen diese armen Jude« empfindet der Auf dem Weg zum Frieden. W t c n, 27. Mai. Die deutschösterreichische Note, m der um eheste Aufnahme der Verhandlungen, ersucht wurde, wird in den Pariser Blättern allgemein in dem Sinne besprochen, oaß der Wunsch der Deutfchöfterreicher nicht unbegründet sei. Aus einzelnen B'lätterstimmen erfährt man, daß die Arbeiten leider noch wett von der Votterrdung entfernt seien. Nicht nur die Wirtschaftsfk agen, sondern sogar noch das Schicksal einiger Grenzabschnitte seien noch zu re gell n. Es verlautet, baß man der Delegation Deutschösterreichs zunächst Teil« des Vertragsentwurfes Überreichen werde, da der vollständige Entwurf noch ausstehe. Die seit der Abreise Prof. Laudesbergers unterbrochenen Besprechungen zur Regelung der Mrsokgungsfragr? Mb Msiltäg nckchmiitags zwischen den Finanzvertretern der Elttente und jenen Deutichösterreichs wieder ausgenommen worden. Scheibemann hat heM die Parteiführer versammelt, um ihnen Mitteilungen über den Inhalt der deutschen Gegenvorschläge zu machen. Der Entwurf soll Csemeuceüu ehestens pörgelsgr werdsn. Wie der Versailler Mtztröttr der „Vasstfchßn Zeitung^ berichtet ,sei die Ablehnung in der Antwortnote der Entente aus die deutsche Rote bezüglich des Saarbeckens aus politischen Und Nicht üus wirtschaftlichen Gründen erfolgt. Wirtschaftlich wäre der deutsche Vorschlag für Frankreich von großer Bedeutung gewesen. In der allgemeinen Situation hat sich bisher nicht bas geringste geändert. Rach Berichten der Pariser Blätter fand in Paris eine große Kundgebung der Arbeiter zu Ehren der im Jahre 1871 gefallenen Komniuntsten statt. Man rief: „Es lebe die Kommune!" „Rieder mit Clemencea u!", forderte die Amnestie und ließ die russische Sowietrepublik hochleben. Es wäre jedoch falsch, aus vereinzelten Kundgebungen etwa auf die Solidarität oder die Macht des Ententesozialismus zu schließen, die imstande wäre, den Diktatfrieden unmöglich zu machen, wie man es in einzelnen Kreisen Deutschlands-erhoffen mag. Das ist im besten Falle Zukunftsmusik. Was Amerika anlangt, so ist der Viererrat zu einem Ausgleich gekommen, wonach die Bereinigten Staaten bie in ihren Häfen liegenden beschlagnahmten Schiffe behalten sollen. Eine Nachricht, daß Amerika Deutschland für den Fall der Unterzeichnung des Friedensvertrages ein Darlehen von 2v Milliarden ' i gewähren wolle, muß man vorläufig mit Reserve verzeichnen. Reuter erfährt, daß Wilson den Biererrat ersucht haben soll, sich darauf vvrzubereiten, daß die Bereinigten Staaten kein Mandat über Konstantinopel oder sonstige Teile der Türkei übernehmen werden. Man hält dies für eine Vorsichtsmaßregel Wilsons gegen eine eventuelle Weigerung des amerikanischen Kongresses und möchte in diesem Falle Konstantinopel einer internationalen Kommission aller Großmächte unterstellen und im Falle der Undurchführbarkeit dieses Planes die Verwaltung der Stadt Griechenland übertragen. In Amerika wiro, wie verschiedene amerikanische Blätter melden, die internationale Lage mit wachsender Besorgnis betrachtet. Der völlige Text des Friedensenlivur^s ist in den Ententeländern bisher nicht veröffentlicht worden und das Schweigen, das über der Pariser Konferenz lastet, schafft, so heißt es, eine Atmosphäre deS Mißtrauens und der Intrigen. Namentlich die liberale Partei Amerikas ist mit dem bisherigen Verlauf der Friebensverhandlungen unzufrieden und fast scheint es, daß Wilson die wachsende Opposition fürchtet . Ueber Ungarn soll die Blockade, wie der Oberst« Wirtschaftsrat der Alliierten' verlauibart, aufgehoben werden, sobald dort eine Regierung vorhanden sei« werde, welche die Rückkehr zu geordneten Verhältnissen verbürgen kann. Cs fragt sich, wann dies der Fall sein wird. Im allgemeinen ist eines sicher: für die Ungeduld von Millionen nehmen die Der- Handlungen in Paris eins« viel zu schleppenden Gang. * Paris. 27. Mai. (Del-CSmP.) Die Vertretet G ü dchinas überreichten auf der Friedenskonferenz ein« Botschaft, in der gegen die Uebertragung der unbilligen Rechte, die Deutschland in S chä n t U tt g besaß, an Japan protestiert wird. ■ Die Botschaft schließt, China würde in diesem Falle selbst zu den Waffen greifen. Abänderung des Friedensvertrages? Rotterdam, 27. Mai. (Tel. der „Wiener MorgenMung".) „9lew Park Sun" meldet, daß die Alliierten sich entschlossen haben, nicht am starren Text des Friedens- Vertrages se st zuhalten. Man glaubt/ daß dies auf dre Mitteilung Lloyd Georges znrückzuführen fei, datz die Trade Union den Friedensvertrag für zu strenge halte und ihn nicht zu unterstützen beabsichtige. Italien fordert die österreichische Handelsflotte. Lyon, 27. Mai. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Italien scheint hauptsächlich auf eine Kriegsentschädigung seitens Oesterreichs zu rechnen. Italien erhebt Einspruch gegen die Entscheidung des Dreier-Rates, daß die in Pola, Triest und Fiume beheimatete österreichische und ungarische Handelsflotte unter die Alliierten aufgeteilt werde. Orlando unterstützt seine Forderung durch die Behauptung, daß die Schiffe dieser Hafen nur durch italienische Seestreitkräste gekapert wurden, deshalb sollen sie Italien zufatten. Die Süd grenzen Oesterreichs find noch nicht festgelegt, da neue Schwierigkeiten wegen Kärnten aufgetancht find. Frankreich will mit den deutschen Einzelstaaten verhandeln. Lyon, 27. Mai. (Funkspr. des Korr.-Bur.) falls die deutsche Reichsregierung den rieben nicht unterzeichnet. Plant Frankreich, mit den einzelnen deutschen Staate nFriedensverhandlungen eizuleiten. Sachsen, Bayern und andere Staaten würden sich nach sranzöstscher Ansicht in diesem Falle gänzlich lossagen. Großbritannien scheint diesem Plaue zuzustimmen. Belgien mobilisiert. Alle Grenzen geschloffen. Amsterdam, 27. Mai. (Korr.-Bur.) Der Niederländischen Telegraphen-Agentur wird gemeldet, daß die belgische Grenze geschlossen worden ist. Niemand darf Belgien verlassen. Im Zusammenhang mit dem Ablauf des der deutschen Delegation bewilligten Terminam 29. d. M. wurden alle Mililärutlanbe rückgängig gemacht und die allgemeine Mobilmachung angeordnet. ta polnische Sotd.at feinen Haß. Anders ist sein Gefühl gegen daS jüdische Bürgertum, wtlchrS seine eigenen Brüder auSbentet. Dnfe Klaffe ist demoralisiert usiv. Bei der Suche nach Waffen fanden wir große LebenSmütelvünäke. Außerdem zeigen sich die jüdischen Frauen aut den Straßen in so glänzenden Toiletten und mit so vielen Brillanten, daß dies aus dre polnischen Soldaten einen schlimmen Eindruck machte. (Dicken mit Brillanten besäten Teil der Bevölkerung wrrd man unmöglich für Bolschewiken halten.) »Hierzu kommt noch dle boüchew'kische Propaganda, die dazu geführt bat. daß m P insk wahrend der Herrschaft der Bolschewiken die Fuden sich zahlreich zu Kommissären ernennen ließen «sw. Wir erhielten nun die Nachncht, daß die Bolschewiken alle Orte um PinSk besetzt hätten, und entdeckten einen Verräter innerhalb einer Militär« abteilung selbst. Ferner erfuhren wir, daß die in PmSk zurückgebliebenen Bolschewrkm eine Uederrumpelung durchführen sollten. 50 Bolschewiken wären dank der geographischen Lage imstande gewe-en, den Bahnhof in PinSk?u besetzen, wodurch 8 00 pole nische Soldaten dem Hungertod preisgegeben worden wären. Was sollte Major L n t 8 z i n 8 k i tun? Ich übernehme die voll- Verantwvrtung für seine Handlung. Es ist im Grunde nicht von Bedeutung, daß er kernen Unterschied machen konnte der jüdischen Konferenz über die LcbenSmitkelfiage, die ewen Stock höher vor sich ging, und der Konferenz Über die Organisierung dekommunistischen AufsiandeS. die einen Stock Niedriger statt« fand. Selbst, wenn wir w rkllch annehmen, daß zehn Menschen unschuldig erschossen wurden, so kenne« sie doch darussische Sprichwort: „Beim Holzhacken müssen Späne fallen." In ähnlicher alberner Weis« erzählte General Li stow Ski in einem Gespräch mit den jüdrscheu Presievextretern, daß er fak» tische Beweise dafür habe, daß die Bolschewiken jüdische syphilitische Mädchen herumschicke«, um das polnische Militär mit ihren Krankheiten anzustecken. (Aehnlich'e Schauermärchen sind öfters während des Krieges verbreitet worden.) Lloyd George gegen die Afstmilanten. Einer der amerikanischen Delegierten zum Pariser jüdischen Nationalkongretz, Herr de» Haas, \\t nach Amerika zurückgekehrt und hat über die jetzige Lage des Zionismus Bericht erstattet. Er bezeichnete sie als öutzerst befriedigend und stellte fest, datz die englischen unv amerikanischen Friedensdelegierten mit Einschluß von Wilson tiefes Interesse an der jüdischen Frage nehmen. Allerdings gäbe es noch einige Gegner des Zionismus, die sich kürzlich bei einem Bankett zusammenfanden. Sie fordem, daß die englische Regierung ihre bekannte Erklärung zugunsten des Zionismus zurückztehen solle. Schließlich stand der als Gast anmcsende Minister Lloyd George auf und sprach ihnen in bitteren Worten seine Mißbilligung aus. Es sei schmachvoll, daß Juden gegen die nationalen Interessen ihres eigenen Volkes sprächen.