Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 129 (28.5.1919)
- Date
- 1919-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wilsons Prinzip ist aus dem Boden der Demokratie erwachsen und es erscheint konsequent, daß er wenigstens in der Theorie das Volk zum Souverän über sein Schicksal macht. Aber es läßt sich doch andererseits nicht bestreiten, daß die restlose Durchsetzung.dieses Grundsatzes manche Gefahr schwerer Erschütterungen für die Welt in sich birgt. Oekonomisch-politische Dinge unterstehen anderen Gesetzen als nationale und - die geistigen Interessen eines Volkes müssen durchaus nicht nach derselben Richtung wie seine wirtschaftlichen tendieren. Der Verlauf des Krieges hat es mit sich gebracht, daß eine ganze Reihe von Völkernvon äußerem Zwange frei wurde, die ihr Geschick selbst in die Hand nehmen konnten, und es ist psychologisch durchaus zu begreifen, daß alle diese Völker sich sofort zu staatlicher Selbständigkeit entschlossen. Dieses Verhalten ist aus den Erlebnissen im Kriege völlig zu verstehen. Die verschiedenen Völker oder'Volksteile innerhalb der gewesenen österreichischungarischen Monarchie, Deutschlands oder des alten Rußland standen unter einem nationalen Druck, gegen den sich ihre besten Kräfte in fortwährenden Kämpfen anfzehrten. Dieser beständige Gegensatz, der sich durch den Zwang zu verhaßtem Waffendienst für vielfach heterogene Interessen ins Ungeheure steigerte, hatte zur Folge, daß diese Völker im Augenblik, als ihre Ketten gefallen waren, auch an die Gründung eigener Staaten schritten. Was hier geschah, war völlig aus dem Geiste der Wilsonschen Formel vom Selbstbestimmungsrecht geschehen. Als man aber die erste provisorische Ordnung ins Land gebracht hatte und sich die neue Regierungsgemalt genügend gefestigt glaubte/ ging man ans Studium der Frage, wie der neue Staat am besten gesichert und konsolidiert werden könnte. Der durch den plötzlichen und unerwarteten Erfolg neu genährte nationale Chauvinismus begegnete sich hier durchaus mit staatspolitischen Machttendenzen. Und die wirtschaftliche oder historische Begründung für die Notwendigkeit von Wmexionen volksfremder Gebietsteile war bald gefunden. Der tschechische Staat „braucht" für seinen Bestand die Industriegebiete von Deutschböhmen, das Karwiner Kohlenbecken „brauchen" wieder die Polen, Preßburg ist zwar deutsch, bildet aber als künftiger Donauhafen den Mittelpunkt für die geplante Verkehrspolitik Tschechiens. Aehnlich liegt es bei den Forderungen der Jugoslawen, Rumänen usw. Man sieht, wie die Umsetzung des Prinzips der Selbstbestimmung in die Wirklichkeit zum geraden Gegenteil dessen zu führen droht, was von Wilson beabsichtigt gewesen sein mag. Der Grundsatz der Selbstbestimmung, wie er gewöhnlich aufgefaßt wird, wirft freie nationale Betätigung in einen Topf mit der Frage der Staatszugehörigkeit, ohne die Unterschiede zwischen diesen bewen Begriffen entsprechend zu berücksichtigen. Die Wahrhell ist, daß das schrankenlose Selbstbestimmungsrecht von einem Kleinvolk im Rahmen der alten ökonomischen Bindungen niemals restlos praktiziert werden könnte. Nationale Autonomie ohne das Korrelat einer Wirtschaftsordnung, die völlige nationale Freiheit erst ermöglichen könnte, müßte sich in der Praxis bald als Unmöglichkeit erweisen. Ein sich bis zur letzten Konsequenz der staatlichen Selbständigkeit äußerndes Selbstbestimmungsrecht verstößt leicht gegen die ebenso legitimen Interessen der Nachbarn» wenn der neu entstandene Nationalstaat sich durch Einverleibung von volksfremden Nachbargebieten seine ökonomische Existenz sichern will oder es benimmt ihm die Aussicht aus wirtschaftliches Gedeihen, wenn er das Prinzip in seiner Reinheit anwendet und nationale Uebergriffe vermeidet. Die Aktivierung der beiden Begriffe bedarf einer Neugestaltung der gesamten Staatswirtschaft als ihrer unumgänglichen Grundlage. Ein solches künftiges System würde aber neben dem wirtschaftlichen auch nationale Unterdrückung völlig ausschließen, ebensowenig wie in ihm Platz wäre für eine Politik einander gegenüberstehender Staatsallianzen, die die Völker immer wieder aufeinanderhetzt. In einem Aufsatz der „Heure" hat Marcel Sembat ein höheres Niveau füt die Beurteilung der schwebenden Fragen gefordert. Es genüge nicht, die Der Friede mit Deutschösterreich. Ueberreichung am 30. Mai. Sarnt-Germain, 27. Mai. Staatskanzler Dr. Renner hat als Präsident der deutschösterreichischen Friedensdelegatwrr heute abends folgendes Schreiben erhalten r „Paris, 27. Mai. Herr Präsident! Ich beehre mich, Ihnen den Empfang Ihres Schreibens vom 24. Mai zu bestätigen, worin Sie die Eröffnung der Friedens- Unterhandlungen mit Oesterreich in möglichst kurzer Frist verlangten. Der Rat der Hauptmächte der Verbündeten und Affoziierten wünscht Ihnen als Antwort auf diese Mitteilung zur Kenntnis zu -ringen, daß der Entwurf des Friedensvertrages am nächsten Fr ei tag den 30. Mai, mittags, in Saint-Germain-en-Lahe zur Ueberreichung an die österreichische Delegation fertiggeftettt sein wird. Jedoch werden die folgenden Fragen einer späteren Prüfung Vorbehalte« bleiben müssen: Erstens die Stärke der militärischen Kräfte, die in Zukunft in Oesterreich zu unterhalten sein werde»/ zweitens die Frage der Schadensgutt w a ch u n g und der Schulden. Diese zwei Fragen haben einen besonderen Charakter infolge des Zerfalles des österreichischen Reiches in mehrere Teile. Dieser Zerfall macht die Prüfung dieser Fragen unter dem Gesichts« punkte ihrer Rückwirkung auf die Interesse« und auf die Haltung dieser verschiedene« Teile notwendig. j Genehmigen Sie Herr Präsident die Bert' sicherung meiner besonderen Hochachtung. Gez. C l e m e n e e a tu" Das Pariser Komitee der jüdischen Nationalräte und Me Pogrome. Kopenhagen, 27. Mar. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.") Wie aus Paris berichtet wird, find dort als Vertreter der Juden von Rußland und der Ukraine Aleinikoff,-Idelsoh«^ Raiditsch, Salkind, Gold ft ein und Kaplan eingetroffen und brachten dem Korrsites der jüdischen Delegationen schreckliche Berichte über die im Osten stattgesundene« Pogrome. Das Komitee der jüdischen Delegationen beschloß in seiner letzten Sitzung, eine Spezialkommisfion zu ernennen, welche sich mit dev Frage beschäftigen soll, wie das Leben der bedrohten Inden v e r t e i d i g t w e r d e n k ö n n t e. Den Vorsitz dieser Kommission führt Louis Marsha ll. Die Kommission plant, in Frankreich eins Vereinigung.mit den gleichen Zielen zu gründen. Diese wird einen A p p e l I a n die g e fa m t e M ens ch heit richten» Die Gründung von Vereinigungen mit gleichen Tendenzen ist für Italien und andere Länder geplant. Die „Liga der Menschenrechte" in Paris hat ein Protest Meeting gegen die Pogrome veranstaltet. Wilson und die polnischen Pogrome. L h o n, 27. Mar. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Präsident Wilson hat am 26. d. M., nachmittags, den Vorsitzenden des Pariser Judentomitees empfangen, der ihm einen langen telegraphischen Bericht über die Iudenprote st Versammlung von Madisonsquare ln Rew-Bork überreichte, in welcher die polnischen Pogrome erörtert worden waren. Wilson wird den überreichten Bericht prüfen und mit dem Ministerpräsidenten Paderewski erst nach Klärung dieser Frage über die polnischen Gebiets-! fordernngen verhandeln.! Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes festzustellen, man müsse vielmehr untersuchen, woher der Irrtum komme. Nicht durch Beachtung des alleinigen Nationalitätenprinzigs könne man zu einem dauerhaften Frieden kommen. Man muß es, sagt Sembat, durch das Prinzip der Wirtschaftssolidarität und der Dündnisabkommen ergänzen. „Ob es sich um den Hafen von Danzig oder von Fiume handelt, ob um Preußen und Polen oder um Oesterreicher, Magyaren und Südslawen: der europäische Friede ist nur möglich und dauerhaft, wenn die politischen Grenzen durch Wirtschaftsverträge gemildert und neutralisiert sind." Und in der Besprechung der deutschböhmischen Frage erklärte neulich Masaryk, die gleichberechtigten und vor Entnationalisierung geschützten Deutschen in Böhmen — was freilich noch zu verwirklichen wäre — könnten nicht das Selbstbestimmungsrecht Wilsons anrufen, dem ein, nationales Prinzip nach europäischen Begriffen nicht innewohne. Es handle sich bei alledem nicht um Nationalität, sondern um Internationalitäl. Die Entwicklung dränge zur Bildung des Völkerbundes oder der Vereinigten Staaten von Europa, daher müsse, was in der Schweiz möglich sei, auch in Böhmen durchführbar sein. In einer solchen idealen Neuordnung der Dinge verlöre die Ueberspannvng des Staatsgedankens langsam ihren Sinn. Es ist leicht möglich, daß in einer neueren freien Ordnung, der die Menschhell trotz allem zustrebt, sich Völker wieder zu staatlichen Gemeinschaften zusammenfügen werden, die vor kurzem mit aller Plötzlichkeit voneinander gegangen sind und alle wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten zerrissen haben. In einer solchen Zukunftsordnung, die erst nationale Freiheit, auch ohne staatliche Einheit, mit ökonomischem Wohlergehen in Harmonie bringen kann, wird erst die Unterscheidung zwischen nationalen und wirtschaftlichen Tendenzen zur vollen Klarheit kommen. In dieser Beleuchtung gewinnt auch die Frage des Anschlusses an Deutschland' ein anderes Bild. Das Urteil wird insolange erschwert, als nicht klar gesagt wird, ob es sich um eine parteipolitische Angelegenhell der Sozialdemokraten, um die Frage der wirtschaftlichen Existenzmöglichkeit Deutschösterreichs oder um ein spezifisch nationales Problem handelt. Parteifragen stehen hier nicht zur Erörterung. Wie sich die Lebensmöglichkeiten unserer Republik gestalten sollen, das hängt zunächst von der Pariser Entscheidung gab, die allerdings niemals durch voreilige Kundgebungen hätte beeinflußt werden dürfen. Damit hängt aber auch die nationale Seite des Problems durchaus zusammen, das nach dem früher Ausgeführten nicht nach ~ bloß nationalen Gesichtspunkten zu betrachten wäre. Die völkische Existenz der Deutschen in unserer Republik ist auch ohne den Anschluß völlig gesichert. Und über all den katastrophalen Ereignissen des letzten Halbjahres wäre eines nicht zu vergessen: daß das alte Oesterreich durch seine Sünden für immer zusammengebrochen ist, aber keineswegs die Idee, die, durch eine verderbliche österreichische Machtpolitik völlig verdunkelt, trotz all ihrer Verborgenheit dem alten Oesterreich zugrundelag. Die Balkanisierung großer Teile von Europa kann ebensowenig eine letzte Lösung bedeuten wie die Konzeption des gottlosen Pastors Naumann von einem unter der Führung des wilhelminischen Deutschland stehenden Mitteleuropa.