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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-27 · Heft 128 (27.5.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 128 (27.5.1919)
Date
1919-05-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Söten, Dienstag Wiener Morgenzektung 27. Mai 1919 Nr. 128 Der Friedensvertrag »nd die Juden. Von Dr. Lryn Reich, Delegierter des Jüdischen Nationalrates für Ostgalizien in Paris. Endlich ein Sonnenstrahl. Nach den Gewittern im April und den sonst — in dieser Jahreszeit — seltenen Frösten glänzte n gestern zum ersten Male Aber die im Taumel der Vergnügungen und des Luxus verwöhnte und im Ehsss der Konferenzen und Meetings verpolitisierte Residenzstadt sowie Mer haß Gtähtchen, in dem hie Seele Frankreichs zittert, das Städtchen, mit dessen Namen unzertrennlich die Erinnerung Frankreichs an die Zeit des Glanzes und des Ruhmes sowie des Zerfalles und der Erniedrigung verbunden ist, begonnen von Louis XIII., durch die französische 8tepp* lution hindurch, bis zum Jahre 1870. Der erste echte Maitag, als ob sich die durch Kriegsstürme geplagte unh enttäuschte Menschheit gegenwärtigen müßte, daß sie endlich einer sonnigen und klaren Zeit entgegengehen soll. Was bedeuten all unser« kleinen Alttagssorgen gegenüber der großen Tatsache, die gestern die bisherige Weltgeschichte beschloß und die ein neues Buch der Geschichte eröffnet«? Was bedeuten unsere Kpxgen und Freuden gegenüber hem Flug der Ihre, jv-lchs in Versailles dem jetzigen und zukünftigen Geschlechts, Heu Menschen und Völkern, die guten Willens sind, leuchtet, den Frieden prophezeiend und drn Völkern den Segen BchWMs Wh der iiMätuna kündend? Mer werden dis geplagten Völker wirklich suf Grund der Verträge, wenn schon nicht die Sicherheit, dann zumindest die Möglichkeit einer freien Entwicklung erhalten, und — was uns besonders interessiert — wird das jüdisch? Volk, zwischen alle anderen Völker eingezwängt, auf Grund der Bestimmungen.der Ver? trage die Fesseln der nationalen Beschränkungen sprengen und zur Höhe der eigenen Bestimmung sich erheben können? Statt einer positiven Antwort werte ich mich auf die Beleuchtung einiges Punkts bfl Pex-, träges beschränken, die, genügend erörtert, ß jedem Leser ermöglichen Werben, sich eine selbständig? MiNUNg zu bilden, Die Krönung des FriebenswerkeZ ist zWifellpD her Völkerbund (^Svcistä des NgLtiQpe®) Als iujHiMtisNHlß Instanz, die auf der Wacht für hen Weltfrieden steht. In Wirklichkeit aber wixd dieser Bund seinem Mmen zum Trotz — lein Völkerbund, sondern sin Staatenbund lund überdies nicht einmal ein Bund aller Staaten sein. Sch^n aus der Einleitung des Friederi§vert?ages ist zu ersehen, haß die Repräsentanten her Diplomatie — selbst in ihrem eigenen Bunde ----- zwischen zwei Kategorieu von Staaten unterscheiden, »nd zwar hßn ^krlncipalss xmsßantzßq tzlliösL st associsss" (Amerika, Großbritannien, Frankreich, Italien, I pan) und allen anderen alliierten Mchtc \" („Puisnnßes alli^es et associdqs#). Mitglieder 5;'3 Bundes sollsn sowohl Mächte her ersten wie auch hex ■ " "egorie sein, außerdem noch die hesonders^na,..,. achten Staaten, die man zum Mitwirken einlrcht und die zwei Monate, nachdem der Friedensvertrag ins Lelen tzetrew-' sein wird, entsprechende Erklärungen abzn- . .j.zjen. Alle anderen Staaten können später dem Völkerbund beitreten, wenn zwei Drittel der Mitglieder des Pundes mit der Aufnahme einverstanden sein werben. Der betreffende Staat müßt? dann die LshMtät feiner Jntßnt^n, sich hen internationalen Wuudsähen anzupassen, beweisen können, und müßte sich hen Grundsätzen hes Völkerbundes in betreff der Erhaltung der militärischen und Mßvssmacht anschl eßen- Dan den Kolonien und Ländern, die unter einem Protektorate stehen, werden hem Völkerbund unter diesen Byraussetzungen nur diejenigen beitrx^n können, welche sich selbständig verwalten, („tzni SS gouverna lihrement.^) Aus diesen Grundlinien folgt erstens, baß das Mische Volk vorderhand dem Völkerbund nicht an« gehören wird, und zweitens, daß die Ausnahme der Staaten nicht von ihren inneren Einrichtungen abhängig ist und daß sie ohne Rücksicht darauf, ob dw Verhältnisse in diesem oder jenem Staate den F-orderunkM des Fortschrittes und der Gerechtigkeit entsprechen, nnd ob bin diese Staaten bewohnenden Völker Gleichberechtigung und Freiheit haben, erfolgen kann. Das jüdische Volk wird also vorläufig dom Völker« bund nicht angehören. Es wird offiziell «■* wir hoffen es --- als Volk, dem eine eigene nationale Stätte zn« gewiesen wird, anerkannt worden, und «o iM werden dom jüdischen Volke staatlich-schöpferische Fähigkeiten zugesprochen Diese Fähigkeiten werden j^vch die Juden erst in Abhängigkeit van einem Staate, der das P«ytektionsmandat erhalten wird, verwerten können- Ob und in welcher Zeit die Juden ans der Epoche dieser Abhängigkeit in die Epoche des «»elf gquverne, ment#, welches das Recht des Eintrittes in den Völker« -und gibt, übergehen werden, ist zweifellos abhängig von der Form und vom Tempo, in dem die jüdische Arbeit in Palästina syrtschroiten wird. Warden di» Juden, wenn sie nicht dem Völkerbund» angehören, das Recht haben, selbständig dem Bund» Proteste, Petitionen und Beschwerden yarzulogen? --- Aus diese Frage gibt wohl der FriehenSvertrag kein» Antwort und or scheint sogar Im allgemeinen e'nen negativen Standpunkt »Vun&fjm»«, »9 Ist jedoch sticht ausgeschlossen, daß die FrioderrSkommtsfion, die geg-m« wärtig das Problem der ethnischen Gruppen zu lösen Dem Frieden entgegen. Wien. 26. Mai. Das Ersuchen Dr. Nenners, die Ueterreichung der FriL'Lnsbedinguugen zu beschleunigen, ha: dm Rat her Vier t-s-sulaßt, wie Hotlgndsch iftmwßbumu Ms Paris Ntoldol, die Ueberreichung zu beschksuui ge», die ursprünglich e.-st nach der Unterschrift des Friedxnspertrages durch di« deutschen Delegierten kt« folgen sollte. Man glaubt, dqß die Bedingungen cm Mittwoch überreicht werden. Der Hauptgrund der Verzögerung ist in den Schwierigei eu zu suchen, welche die Lösun g der österreichischen Finanzfragen bereitet. Die Kommission, der das österreichische Fmanzpx^hlem vorläufig anvertraüt ist, besteht aus Davis, Karuch, Le Mo nt, Dulles und Mac Kormick für An^e.ika, Lord Cunliffe, Hoch Bummxr, General Smuts und Heynes für England, Klotz, Loucheur und Jouanet für Frankreich, Crespi und d'Ameglio für Italien. 'Das „Journal" erfährt, die Frage der Verteilung hör Vskkriegs schulden bsMw verhältnismäßig geringe Schwieriglßi^n, da alle gutmw übersingskpMMN fk'.en. &{* Verteilung nach hem Prinzip der Stenerletstung gegenüber dem tlUn Staat poxzunehmon. Wott fchwißrtzche sei die Lösung d»8 KriegsfchuldenfkaL», da die Wettet«? dar -estetlea Länder sich welgecn, einen Küstentzsstrag M emsg Knog zu mm m ttym aulgezwungen worden sei. Das „J-urngl" bemerkt dazu, dtssk Länden scheinen zu vergessen, daß ihNßN tzbon diesex Krieg die Befreiung gebracht hat. Ueder^ies sei ein Zusammenbruch unvarnveldlich, wenn man Deutschösterreich die ganze Kriegsschuloenlast aufbürden wollte, und diese'' Bankerott wäre gleichzeitig verhängnisvoll für die Staatsbürger der NatiVnalstaaien, die, wenn auch nur gezwungen, Kriegsanleihe gezeichnet haben. Man müsse daher nach einer gerechten Lösung suchen,'hie für Frankreich von um sy größerer Wdeutung sei, als e§ hryL Milliorden in Oesterreich plaeiert hake. Der „Mim" meldet im gleichen Zusammenhang, dH Dr. Kramarsch« der 1.7 Jahr« hindurch Präsident de« BudsstkoninlissivN 8es österreichischen Wgeordnetenhaus?s gewesen sei. über diese Fräse eiuvernommen werben fökk. Die „Daily Mail" meldet in ihrer Pariser Ausgabe, haß ähnlich wie hie Kriegsschulden auch hi» von Italien nachdrücklich geforderten Entschädigungen auf die RatiomlstaaM aufgetetlt (?) werden sotten- EiO Teil beS in der Ftumauer Frage gekroffenen Kompromisses habe darin bestanden, baß Italien angemes'ßne Entschädigungenzugebilllgt wurden, Zwischen der deutschen Delegatar und her Entente dauert der Notenaustausch fort. Die deutsche Erwiderung aus Clemeneeaus letzte Note wider-- legt, wie die „Vosfische Zeitung" meldet, die fal'che Bezugnahme auf die Not« .Lanfings vom 5. November 1918 und verweist auf die Entstellung des darin verwendeten Wortes „aggresslon“ in der Äntwokt Elemencmus. Die deutsche Nqte gibt Deittschlands Epsatzpflicht gegenüber Bslgien und Nordsrankreich zu, stellt aber die gleichen Ersatzansprüche Deutschlands für die Schäden dizrch ditz Hungerblockade fest. Mußerungen, hie Prockdorff dem Berichterstatter te? „Vorwärts" gegenüber gemackit hat, bekunden seine Absicht, den Vertrag nicht zu unterzeichnen. „Di« deutschen Delegierten", sagte er, „würden sich an den Interessen gerade der deutschen Arb-iterttasse schwer versündigen, wenn sie die Bedingungen unterschrieben, die nichts anderes als verewigte Hungersnot und Arbeitslosigkeit bedeuten." Auf die Frage, was der Minister von der Aenßerung Haases halte, „der Friede mü'se unterschrieben werden, die kommende Weltrevolution werde ihn zu einem Fetzen Papier machen", antwortete der Minister.: „Als ich nach Versailles kam, hatte ich die feste Hoffnung, daß die Zeit der Papiersetzen endlich abgeschlossen sei und daß ein neues Zeitalter beginnen würde, in dem man nur Unterschriften dollzieht, die vvn beiden Seiten geachtet sein werden. Diese Hoffnung auf eine Gesundung der internationalen Maral habe ich nicht aufgegeben und werde auch darnach handeln. Ein „Ssrap pf Pap«?“ ein bloßer Fetzen Papier, wird meine Unterschrift niemals tragen." Inzwischen meldet „Daily Mail" nach einem Bericht des „Vorwärts", daß die englischen und amerikanischen Heerführer Maßnahmen für den Fall der Richtunterzeichnung des Friedensvertrages durch Deutschland beraten hätten. Es sei unter anderem «ine ständige Beschießung der graßen deutschen Städte bei Tag und bei Nacht durch Flugzeugtz, , namentlich Berlins und Münchens, voxbereitet. Eins große Anzahl von Fliegerpffizieren fei bevsits am Rhein singetwsseu. Andererseits erklärte General March ist einem Interview, daß yar d»m 1- Juli sämtliche amerikanischen Truppen mit Ausnahme hex regulären Truppen des freiwilligen Heeres auf dem Rücktransporte aus. Eurapa sich befinden werden. Auf die Frage, was geschehen werde, falls Deutschland den Friehensvertrag nicht unterftstiigt, entgegnete March, für diesen Fall seien noch kxiW Bestimmungen getroffen worden. Voraussichtlich werden die zurückgebliebenen amerikanischen Truppen zusammen mit den Briten und Franzosen unter Marschall Foch eine genügende Macht geben, um für alle Ereignisse porbermtet zu sein- Wie übrigens in wohlinsyrmjerten amerikanischen Kreisen verlautet, sind hie Alliierten bereit, eine Aenderung in der Regelunger Frage vonDanzig vvrzunehmen, die tatsächlich im deutschen Sintre erfolgen würde. Man hofft, daß diese Aenderung die deutschen Delegierten veranlassen werde, ihre Stellungnahme zur Unterzeich»rung des Friedensvertrages zu ändern. bemüht ist, dies«r Frage ihre Aufmersiamkeit zuwendan und eine lßsahstnde Antwort erteilen wird. Für den Völkerbund ist für jeden Fall maßgebend der Staat. Ich erinnere mich der heißen Debatten auf dem knternallonalen Kongreß in Bern, der Mitte März stattfand und an dem ich — auf der Durchreise nach Paris teilnahm. Aus diesem Kongreß waren alle Länder vertreten. Aus dem alten Oesterreich war Profess>yk Lammasch zugegen. Das Judentum, das d«rt yfftztell unter dem Nair.en „Zion" eingetragen war, hatte drei Vertreter, die zeitweise oder stabil in der Schweiz ansässig sind; einer von ihnen war Dr. Klqtzktn. Eine her eifrigsten Diskussionen bildete „der Völkerbund" und der Inhalt der Resolution, die diesbezüglich gefaßt wurde, ist folgender: „Der Bölwrbnnd umfaßt alle autonomen Völker, die entsprechende Institutionen zur Durchführung der Aufgaben de; Völkerbundes besitzen.... Dieses Recht kann dem jüdischen Volke, das auf demokratischer Basis aufgebant ist, nicht versagt werden." So sprach damals die Theorie — in Versailles sprach jetzt die Praxis- Aber wie oft in der Geschichte waren wir schon Zeugen von Metamorphosen, dis an Gielle der Praxis von heute die Thvoris von gestern fetzten?! Wenn auch im Inhalte des Frieden-Vertrages die Völker als solche, be'onders die nationalen Minoritäten, keine Vs ücksichtigung finden, so find dort trotzdem Beschlüsse gefaßt. aus denen wir Hoffnung für die Zukunft, und zwar für die allernächste schöpfen können. Im Sinne her gegenwärtigen Beschlüsse, die sich auf Polen beziehen, verpflichtet sich Polen in den weiteren Verträgen, mit den Hauptmächten („pj-togipalea pntssaneea alltees et »siocideB*) Dispositionen, welche diese Staaten als notwendig erachten werden, um die Interessen der sich durch „Rasie. Sprache >' r WffWo*i" von der Majorität unterscheidenden Bewohner zu schützen, amunehmen. Es wird zwar — w'e erli d \i, - keine Gruppe beim Namen genannt und es wird ehenso schamhaft der Name einer Nationalität oder einer nationalen Minderheit vermieden, für jeden aber, d-gr die fozlorotzifchen Verhältnisse und die der Bsvölkenmg kennt, ist es vollkommen klar, daß unter den Einwohnern, die sich durch „Nasse, Sprache oder Religion", Myner gesagt „Rasse, Sprache und Religion", unterscheibsn, niemand anderer als die Juden gemeint sind. Und wenn wie wir hoffen in den weiteren Verträgen mit Polen, Rumänen und den scheren „Fuiesajiaes M-ss et k^ooisss" diese unsere Rechte der „Rasse, Religion nnd Sprache", also b«r nationalen Rechte, schützenden Beschlüsse, tatsächlich genauer beschrieben sein werden, dann wird das in Paris unter dem Namen „tzolniiäa äv» D$14gations juivea «wprds de la Conference de U Pai** arbeitende Komitee der erreichten Erfolge gedenkend, mit Stolz von sich sagen können! „Magna pw» 5«.* Melzmqnir vor der englischen Friedenskonferenz. Die i m e s" vom 16. Mai berichtet über die Sitzung der englischen zionistischen Zs e h e r a t t o n folgendes: Während der in dieser Woche abgehaltenen Konferenz der zionistischen Federation gab I. M. S i e f s einige. Einzelheiten über die Leistungen der zionistischen Kommission in Palästina. Das türkische Regime, sagte er, habe einige der heften Kolonisten aus dem Lande getrieben, andere mutzten hohe Lüfegelder zahlen, um 6er Plünderung oder Devottation zu entgehen. Ohne Unterstützung der Kommission wäre ein Teil der Kolonien unwiderbringlich ruiniert worden. Die Kommission hat die jüdische Fischerei in Jaffa gefürderd Genolsenschasten unterstützt, um die Preissteigming der Lebensmittel zu unterbinden, und Entwäslerungsarbeitm eingeleitet. DerKvnferenzwmdemitgeteilt, dah7v.oooPfund für den Miederherstellnngsfonds für Palästina versprochen wurden, die in diesem Jahre eingezahlt werden sollen. Der Präsident W e i z m a n n sagte, das sei die arötzte Konferenz welche die Federation abgehalten habe. Er Habs allen Grund anzunehmen, datz er yon der Friedenskonferenz die ökonomischen Grundlagen erhalten werde, welche notwendig wären, um ein jüdisches Palästina aufzubauen.

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