Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 125 (24.5.1919)
- Date
- 1919-05-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette L Men. Samstag Wiener Morgenzeitnng 24 Mal 1919 Nr- 125 Die Diskussion über die tschechischen Ansprüche 1$ also von einer Bedeutung, welche weit über das lokale Interesse hinausgeht. Ob man den Tschechen das Recht aus Lhye Sprache im Prinzip einräumt oder nicht, wird praktisch keine Wirkungen auslöstn, prin* zipieN aber hängt es VS« der Entscheidung ab, wie Deutschösterreich im Kreise der Völker «lNgejchätzt werden will. Wir Juden stich an hem Streite selbst Nicht Unmittelbar interessiert. Wir Hatzen weder die Möglichfeit noch die Absicht, für unsere Vertreter im Gemeinderat das Recht auf eine eigene, nich.'deutsche Sprache in Anspruch zu nehmen. Wir können demnach die Austragung der Angelegenheit den beiden Beteiligten überlassen. Wer gerade deshalb, weil wir hier durchaus unbefangen urteilen können, haben wir keine Veranlassung, zu verbergen, daß wir stets und überall Wegüer jeglicher nationalen Intoleranz sind. Der Schutz der nationalen Minoritäten bildet den Hauptpunkt unseres politischen Programms und an bie'en werde« wir unbeirrt festhalten, ohne uns durch den nsuerwachten Chauvinismus irgendwelcher Gruppen, sei es in Deutsch* Ssterreich. fei es in her Tfchecho-Slowakei oder sonst wo, beeinflussen zu lassen. Cr bars keinerlei Ver'gtwaltigung und keinerlei nationaler Gewissenszwang geduldet werden. Wir se^en unsere Aufgabe barm, dazu beizntragen, eine neue Atmosphäre zwischen den Völkern zu schaffen, eine Atmosphäre der gegenseitigen Achtung und Anerkennung. Politische Gruppe«, die diesen netten Geist bekämpfen und die in kurzsichtiger Beschränktheit nästö* nalistische Begriffe zu Aistrumenten des HüsseS, der Isolierung und der Verhetzung schmieden, werden UNS stets als Gegner finden. Politische^lundschau. «Die höhere Form der Menschenrechte." Der „Temps" für Erteilung nationaler Rechte an die Juden in Polen. Zu dieser Frage schreibt der „Temps": Die nationalen Minoritäten müssen innere autonon« Organisationen erhalten, die ihre eigenartigen Jnberessen befriedigen; sie müssen d .e Möglichkeit haben, in ihren Sprachen zu reden, zu drucken und zu lesen- Diese Sprachen wären somit die Sprachen der Schule und der inneren Organisation. Präsident Wilson steht fest auf dem Stand Pu ukt, daß d ie Rechte der natisnalen Minderheiten garantiert werden müssen. llebrigens gibt es unter den Diplomaten, die sich mit hem FrieberrsverLrag und mit her Angelegenheit der Bölkerliga beschäftigen, keinen.einzigen, der gegen nationale Minderheitsrechte wäre. Das Volk, das bislang außerhalb der Gesellschaft steht und für sich nationale Minderheitsrechte fordert, ist das jüdische Volk. Man war stets bemüht, die Juden in den Rahmen einer Religion einzuschließen, sie haben jedoch Wefat Rahnwtt gesprengt, schon zufolge ihrer MassensieblUttgen in Osteuropa. Sie wollte« UUf die Möglichkeit, sich frei tzit entwiMn, Nicht verzichte« und fordern jetzt ihre nationalen Rechte. Die slawischen Völker, die jetzt Mit TriUWPH ihre Wiederauferstehung feiern, Halen die natlörralen Rechte dek Jude« größtenteils bsvelts anerkannt, zum Beispiel hier Ukrainer Und die Tschechö- Slowaken. Bloß die Pole« sind eS, die biSNUtt Luf diese Frage keine klare Antwort gegeben haben. Die Juden tu Polen bilden 16 Prozent der GesamtbevSlkerung. Falls Polen alle Gebiete, die es fordert, umschließen sollte, würbe es fünf Millionen Juden zählen. Das zaristische Rußland Art seinen 160 Millionen Einwohnern hat ebenfalls keinen Rat gewußt bezüglich e'.ner so großen Minderheit. ES Mt ln Polen kr inen einzigen Juden, der nicht bereit wäre, sich für sein Vaterland zu opfern, falls dieses für ihn einen Ort der Sicherheit und deS Schützes bilden würde. Gäbe Polen den Juden alle Bürgerrecht, würbe jeher Jude alle Pflichten freudig auf sich nehmen. Der Jude tut es heute bloß deswegen nicht, weil gewisse Kreise von ihm den Verzicht Nuf seine Eigenart verlangen. Wir zweifeln nicht, daß jene Polen, ivelche über ein größeres Maß politischer Ortetttietung verfügen, es rasch begreifen werben, baß nicht bloß die bürgerlichere und individuellen, sondern mich die «ntwnalM Rechte dtt Juden anerkannt in erben müssen. -S Anß den Juden ertaubt fein, sich zu organisieren, Ihre Sprache zu entwickeln, ihre Schulen zu leiben und die jüdischen Sil.'« und Gebräuche zu psteaen. Mit einem Worte sie müssen de« Juden krtanven, Polen und gleichzeitig national« Juden in ihrer «üMnalvn Gemeinde Kit sein. Das Recht zur Bildung einer Ration ist die Höhere Fovm der Menschenrechte. 8« hat diesem Recht dir Siuude der Verwirklichung geschlagen. Clemeneean will zurücktreten? Leipzig, 23. Mai. (Tel.-Komp.) Der Kovrespondeut der „Leipziger Neuesten Nachricht n" in Bern wM auf der dorti en französischen Gesandtschaft zrtveetWF erfahren haben, daß hi Demission Clemeneeftus unmittelbar bevor st e h e. Sein Nissiger Briand sein. Der Grund des NttLrttieS L eine«e?ans leien Differenzen mit Wilson und Lloyd Georges. Der Vormarsch der Polen. Warschari, 22. Mai. In seinem politischen Expose an den Landtag teilte Präsident 9haderewssti nnt, daß die polnischen Truppen die Städte Sambor, Jolstiew, Sostal, Brody und Z l o e z o w erobert haben und vor Stanislau stehen. Bei Vodwsloözyska fei aber eine starke Gowietarmee in Galizien eingebrochne. Ausbruch des Tttomboli. Rom, 25.Mal Ml.-Komp.) D^rStromboli begann am 28. Wn gegen *i Utzr morgens große Mengen glübenver Lava ansznspeien. Große Brände, die am Montag mit dem Hervsrbrschm von Mutmetten entstanden, richteten ungeheure Verheerung an. Es sind Lote und Verwundete zu beklagen. Von Messina ist Hilfe unterwegs. Die Eruption dauert in fehrheftiger Weife an. Die pol ifche tzetzpreffe. Der Warschauer Berichterstatter der Zeitung ,,Das jiddische Volk" hatte eine Unterredung Ast dem polnische« Landtagsabgeordneten Dom bat, der als der hauptsächlichste Initiator der Pogromhetze in Mittelgalizien bezeichnet worden ist. Dombal bestritt für sich wie auch für seine« Kollegen Okon auf daS entschiedenste, daß er jemals gegen die Juden agitiert habe- Die Schuld an den Vorkommnisse« trage allein die galiziiche Hetzpresse, so vor allem „JtlusttowaNY KuriM Codzieimy" und der „Czas" in Krakau. Der polnische Dauer, der, wenn überhaupt, so nur diese Blätter liest, ist angesichts der gegenwärtige« allgemeinen Notlage für eine judenfeindliche Propaganda sehr empfänglich. Nachträglich wollen sich die Blätter von der Schuld reinwasche« und die angeblichen bolschewikischen Umtriebe der b-eiden genannte« Abgeordns en für alles de-antwortlich machen. Abgeordneter Dombal beabsichtlgt, gegen die Heuchelei der Nationaldemokraten aufzutreten, welche einer'eits jüdische Kommissionen wählen, UM scheinbar di« jüdische Frage gütlich zu lösen, andererseits aber die ganz« Bevölkerung gegen die Juden aufhetzen. Pogromdebatte fttt englischen AtnterhNttS. Wie dem Jüdischen Preßbureau Wien aus Kopenhagen -'telegraphiert wird, interpellierten am 19. und 20. Mai im englische« Unterhaus die Abgeotdn-elen James Kilev (White* chatel), Colonel Wedgwood und Shüm wegen ver polnische« Pdgrome in Ptnsk, Lid r und Wilna. Sie fragten die Regierung, vv diese bereit sei, energische Vorstellungen bei der polnische« Regierung zu erheben und daraus hin'llwci'en, dab die Pogrome n allen Umständen ruf ö.en müßei oder aber, taff je « britischie Hilfe fü Po en eilt Ende l,ad:n würde. Aba. Wegdwim^ ^.airtragte, anläßlich der Vorfälle t« PinSk der pötttlsche« Negternng mitzutellen, daß England mit äußerstem Bebauern die gegenwärtige Aktion der Pole« verfolg«. — Unterstaatssekretät de- Axnßern Eeeil Harmswvrty antwortete, daß dev englische Vertreter in Warschau die Instruktion erhalten habe, beider polnischen Regierung bringende Vorstettungen zu erhöbe« falls die betkössende« Nachrichten sich als wahr erweisen sollten. Bezüglich der Vorfälle in ' Pinsk hätte die polnische Regierung mitgeteilt, daß die e r s ch o s s e N e n Juden in ein Komplott verwickelt waren, welches darauf auSging, sich der polnischen Borposten au der Ostfront zu bemächtigen und sie zu tSten. Hinsichtlich deS Pogroms in Wilna habe der englische Vertreter in Warschau berichtet, daß ihm hierüber noch jede Information fehle. In London hat sich ein besonderes Komitee gebildet, welches die Veranstaltung eines Trauertages und von Protestmectings in ganz England vorbereitet. Inland. Der A«schl«h an Deutschlaad. Die „Neichspost" meldet: „Füst glekchzeiriK Ast der« Sektionschef Mbk, btt nach verschiedenen Sw** ferettze« Mit den Kltchrestrenten für Anfchknfffragen nach Berlin gereist Ist, stnö mehix>re amtlich« Kvmmisst.om« Nckch Deutjkchland geschickt worden, ein«, für Unterrlchtsangelegenhesten, eine andere für Angleichung der Strafgesetzgebung, di« Vk der Richtung des Anschlusses zu arbeiten haben. Die Entsendung dieser Kommissionen ist amtlich verschwiegen worden, vermutlich, um unsere eigene OesstznMchMt nicht zu beunruhigen." Das zitierte Blatt hat in den letzten Tagen wiederhött Enthülümgett über m Anfchkußpolltik des Aeußeren Amtes veröffentlicht, die durch Dementis abgeschwächt, aber nicht ihrem ganze« Inhalt nach"entkräftet werden konnten. Die oben wiedergegebeue Mitteilung bedarf aber einer ins Einzelne gehenden Erklärung. D-^ntt es erscheint fast unglaublich, daß Doktor Bauer, dem doch das Fiasko seiner Anschlußpolitik heute schon klar geworden sein müßte, die GeheimverhandluNgsn in einem Augenblick fortfetzt, wo die Stellung Unserer Friedensdelegation in Saint Germain mißlich genüg ist, um sie noch durch Mißtrauen in Frankreich und in Wien zu gefährden. Die cheistlichsoziale Parteikorrespondenz „Austria" vsrüsfentlicht folgend« Mitteilung: Gelegentlich der Notifizierung Deutschösterreichs durch den Präsidentou Dr. D i u g h o f e r beim deutschen Botschafter Grafen Wedel am 23. Oktober I. warnte letzterer vor jeder öffentlichen Kundgebung d?r Unschlußabsicht vor abgeschlossenen Friedensverhandlungen. Präsident Dr. Dinghofsr berichtete hierüber im Staatsrat. Gleichzeitig wurde in Konferenzen mit de« in Ernährungsstagen in Berlin wellenden Vertretern Deutschöfterreichs unter anderem von den Abgeordnete« Erzberger, Naumann, Gröber, Hausmann usweindringlichst abgerate«, die Anschlußfrage vorzeitig aufzurollen und strengste Reserve bis «ach Friedensschluß empfohlen. Auch hierüber wurde offiziell in Wien berichtet. Das Konnte nicht hindern, daß der von diesen Dispositionen Deutschlands unterrichtete Staatssekretär Dr. Bauer die Anschlußbewegung Mm Schaden der Durchführung unserer Bereinigung mit dem Deutschen Reiche intensiv betrieb. DaS Einreiseverbot. Bei der letzten Länderkonferenz wurde von den Vertretern der Länder betont, daß sie di« strengen! AHsperrungsmaßnahmen hauptsächlich deswegen getroffen haben, um -inen Zustrom unerwünschter' Elemente vor allem aus Ungarn, von wo noch immer Agitatoren Deutschösterreich überfluten, vorzubeugen. Die Vertreter der Länder gaben der Staatsregierung zu verstehen, daß sie nur daun eine Milderung der schärfsten Bestimmungen ter Einreiseverbote und der Aufenthaltseinschränkungen eintreten lassen werden, wenn sich die Regierung entschließen würde, eine wirksame Einschränkung des Asylrechtes für GtaatSfremd« durchzuführen. Diese Haltung der Länder ist daraus zurückzuführen, daß daS Staatsamt für Teureres wiederholt dem Ungarische« Regime genehme Verfügungen getroffen hat. Erst kürzlich hat, wie erzählt wird, Dr. Bauer eine bereitausgefertigte Ausweisungsverfügung des Wiener Polizeipräsidenten gegen ungarische Räteagenten aufheben lassen, dagegen gegenüber westungarischen deutschen Flüchtlingen Ausweisungsmahnahmen verlangt. Die zumeist christlich sozialen Lündervertreter Möchte« es gsrne sehe«, wen« man die Agenten Kuns nicht inS Land ließe, aber die lvestungarischen Agitatoren, t-ie sämtliche im Dienst der magyarischen Aristokratie stehen, ihr llnwesett in Wien treiben ließe. Wir sind dafür, baß man es beiden Parteien unmöglich macht, Ihre Balkansitten nach Wien zu verpflanzen. * Die Kurorte bei SalzkaMMerguteS erklären, keine Einwendung gege« die Eiureise von GoMNlerfrischlern zu erheben. Anterrtchtsreformen in Ltttgürn. Budapest, 88. Mai. (Korr.-Bur.) Wi« „BöröS Ujfag" meldet, hat das Volkskommissariat für UuterrichtSwesen ei« Umfangreiches Unterricht!- Programm ausgearbeitet, welcheschon tm Herbst durchgeführt werben soll- Dieses Programm bestimmt im wesentlichen, daß die a l l g e m e i n e S ch u l p f l i ch t vom 3 bis zum 16. Lebensjahrbauert. Vom 3. bis zum 3. Lebensjahr müsst» alle Kinder die Spiel* schule ibesuchen, von wo sie tn bte Volksschule kommen, bereu ünberricht acht Jahre dauert und die gleichseitig als Arbeitsschule fungiert. Sodann folgt die Be rufst« ah l, wobei diese Nicht nur den Ktuberu, sondern auch den Äerzren, Lehrern, Eltern und Päba* gegen zufällt. Hierauf folgt je nach der Berufswahl der Besuch von Fachschulen oder Spezial* schulen. Im Rah en brr erste-en r-esinden sich H e h r. Werkstätten, doch wirb auch theoretischer Unter* richt erteilt. IN den Spezialschulen wird das Hauptgewicht auf bi« Vorbereitung zu Spezialfächern gelegt» doch wirb auch die physische Arbeit nicht vernachlässigt. Hochschulen werdtzit die Vorbereitung für jede Laus* bahn im weitesten Sinne umfassen. Gleichstellung dev weibliche« Studierenden bet den medizinischen und pharmazeutischen Vorlesungen. Dir llttterricht-verwaltüng hat verfügt, baß von nun an weiblicht Smdlerende bei den medizinischen und pliarmazentischen Kollegien m jedem Belange nach-dm glrrchen GrM>säyen za behandeln sind, wie die Studierenden mLnnüchen Geschlechts. Damu tourt eme Berordnnttg aus dtm Jahre 1900 außer Kraft aff««!, wonach die Zulassung von weiblichen Hörern zum Besuche solchtr Kollegien immer noch an dl« Zustlmmung deS betreffenden . Dozenten gebunden war. FUv anseve Kriegigesangeuen ln Italien Amtlich wird mitarterU i Auf witduholte Vorstellungen des StüNtsNttlteS für Heerwesen bat dis i t a! i t«t f ch e W a fs e «» stltlstaNdSkvmmissivn bekanntgegebrn, daßB nefe an die Kriegsgefangenen m Italien nunmehr ttt doppeltem Brief-- umfcklag, ttt« der deutlich geschriebenen Adresse »es KrieOgefattgfnett versehen, an daS ZrvilpvstnMt tu Innsbruck Ät senden sind. Ebenso stnd für KrtegßgeftiNgene bestimmte Telegramme an da« Z l v t l p v lt a mt tu Innsbruck zu senden. ÄerbaNdlMisien Über befchleuuigte ileberwelfnng von G e l d b e t r » g e n an KricgSgefaNgene «n Italien sinh >m Gange. FeMer hat die italientsche Wnmnstlllttandßkomni'ssion d,e H e r M b t f S r d e r U tt g dtMösterreMcher KnegSgesangmer, die zu landwirtschaftlichen Arbeiten oder in t n d u!'t r i e l l e» U ti t c rit e hm ilngen benötigt werden, beim italienischen Kriegsministerutm befürwortet.