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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-24 · Heft 125 (24.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 125 (24.5.1919)
Date
1919-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die optimistischen Schwärmer unter den Sozialisten muß sie mit Entsetzen erfüllen, sie legt sich wie Rauhreis auf die Hoffnungsblüten. Für diejenigen, welche ehrliche Freunde des sozialen Fortschrittes sind, aber die Sozialisierung nur als Endprodukt einer harmonischen Entwicklung erwarten und niemals als Resultat einer Laune des Krieges, für diesebedeutet die Regierungserklärung weder eine Enttäuschung noch eine Ueberraschung. Dieses Eingeständnis der Ohnmacht mußte ja früher oder später erfolgen. Welche Betriebe werden sozialisiert? Kohlenbergbaue, sofern sie nicht der örtlichen Versorgung oder der Versorgung einzelner Unternehmen dienen. Deutschösterreich besitzt aber keine solchen, man müßte denn die wenigen versprengten Kohlenlöcher, welche von einigen Dutzend Arbeitern bedient werden, mit dem Adelsprädikat „Deutschösterreichischer Kohlenbergbau" belehnen. Ferner die Wasser- und Elektrizitatswirtschaft, auch' nur foferne, als sie nicht örtlichen Bedürfnissen dient. Vielleicht werden einstens in unserem Staate derartige Unternehmen in nennenswerter Fahl vorkaWn sein, heute -ist- Wetters sollen , die großen Forste sozialisiert werden. Hier hätte allerdings der Herr Vizekanzler die einschränkende Bemerkung „foferne sie noch uns gehören und nicht an ententistische Gläubiger verpfändet sein werden" hinzusügen müssen. Schließlich der Großhandel mtt Kohle uiid Hotz. Die „Sozialisierung" dieser beiden Handelszweige läuft letzten Endes dahin, die im Kriege geschaffenen Holz- und Kohlenzentralen aufrecht zu erhalten, höchstens die leitenden Personen zu wechseln. Damit ist der Sozialisierungsplan erschöpft. Es ist charakteristisch und sehr leicht verständlich, daß nicht der eigentlich hierzu berufene Staatssekretär für Sozialisierung, der Sozialdemokrat Dr. Bauer, die Erklärung abgegeben hat, sondern der an der Angelegenheit wenig interessierte christlich soziale Vizekanzler. Es war auch nur selbstverständlich, daß die christlichsozialen und deutschnationalen Abgeordneten Befriedigung zeigten und die Sozialdemokraten betreten schwiegen. Die großen, mittleren und kleinen Unternehmungen Privater sind von dieser Sozialisierung unberührt, ebenso die Millionen industrieller und gewerblicher Arbeiter. Die Führer der deutschösterrelchischen Sozialdemokratie sind im Verlause des Krieges in den nämlichen Fehler verfallen, wie die Führer des Kapitalismus. Die letzteren erhofften von einem Siege die Befestigung des Kapitalismus für unabsehbare Zeiten und eine Stillegung aller sozialistischen Entwicklung. Die Sozialdemokraten erblickten hingegen in der militärischen Niederlage des herrschenden Regimes die endgültige Ueberwindung des kapitalistischen Systems. Fn diesem Irrtum befangen, haben sie in den Reihen m Arbeitenden Hoffnungen auf eine rasche Sozialisierung erweckt, die sich nun als unerfüllbar erweisen. Produktion und Handel sind ruiniert, die Unteruehmunüm sind infolge des Krieges verkracht, aber .der Kapitalismus ist noch lange nicht überwunden. Die Theorie, daß das kapitalistische System sich nur auf mllttärische und politische Gewalt aufbaut und restlos zu beseitigen ist, wenn diese beiden Stützen gebrochen sind, daß es nur des Umsturzes und nicht der Entwicklung bedarf, ist heute brutal widerlegt. Der Kapitalismus in Deutschösterreich hat keine Kanonen, keine Bajonette, keine Minister und keine Polizei und steht doch, er zittert ein wenig und fallt nicht um. Der Sozialisienmgsminister Dr. Bauer ist ihm mit kraftvollen Worten an den Leib gegangen, aber nicht Bauer, sondern der christlichsoziale Vizekanzler Fink hat vorläufig das letzte Wort gesprochen. Statt des von Dr. Bauer versprochenen großen Kranzes industrieller Riesenbetriebe hat Fink dem arbeitenden Volke ein krankes, mageres Bülchelchen verwelkter KnoipmdaitzueichL. Die Negierung Karolqi bestreitet die Nechtsgüttigkeit der Verfügungen der RSteregieruyg. Szeged in, 23. Mai. (Tel.-Komp.) Die Negierung des Grafen Julius Karolyi erläßt folgende Kundmachung; Die wirtschaftlichen Verhandlungen und Abkommen, in denen die Budapests Näteregiernng einzelnen ausländischen Interessenten und Behörden gegenüber Verpflichtungen anfftellt, legen esdem in Szegedin amtierenden ungarischen Ministerium nahe, öffentlich zu erklären, daß eine Nechtsverbin dl i ch k e i t solcher Abmachungen keineswegs anerkannt werden wird. Opposition gegen Wilson im amerikanischen Kongreß. Saint-Germain, 21. Mai. (Korr.-Bm.) „Journal des D ö b a t s" meldet ans Washington: Die antiwilsonfchen Gefühle treten bei den führenden Elementen des neuen Kongreffes stark hervor. Die Gegner Wilsons werfen diesem vor, daß er versucht habe» die Geschäftswelt zu einer Pression für die sofortige Natifizierung des Vertrages zu bewegen, indem er eine Klausel einführte, wonach der Vertrag nach Natisizierung furch drei aMierte Mächte in Kraft treten soll. Diese KlanfeL ruft in Washington 'l-estigs-L^^.n-f r-L.M>m.h^i.trihervor.7 Me Gegner Wilsons sagen, daß die Länder, in denen die Ratifizierung sofort geschieht, Amerika gegenüber in einem kommerzrellsn i Vorteil fein werden. Wilson fei für den : daraus entstehenden Schaden verant- -wörtlich.! Protest Amerikas und Englands gegen die polnische Offensive. i Warschau, 23. Mai. (Ukrain. Pressedienst.) „Mustrowanh Kuvyer Codziennh" meldet ans Warschau r „Ihr Korrespondent erfährt, daß die Gesandten Amerikas und Englands heute beim Ministerpräsidenten P aderewski gegen die polnische Offensive in Ostgalizien Protest eingelegt haben." Italien will sich von der Friedenskonferenz zurückziehen. Lugano, 23. Mai. (Tel. der „Wr. Morgen- Zeitung".) „Seeolo" meldet, daß Mitte nächster Woche die Pariser Delegation zurük erwartet wird. Sollte bis dahin keine Einigung erzielt sein, so zieht sich Italien gänzlich von der Friedenskonferenz zurück und bahnt mit Deutschland eigene Verhandlungen an. Die sozialistisch gesinnten Demokraten, welche das Heil immer nur in der Entwicklung erblickt haben, Können diese Vorgänge nicht mit'Schadenfreude begrüßen, sondern sie müssen sie ehrlich bedauern, denn die Folgen werden traurige sein. Die Enttäuschung wird nach beiden Richtungen eine starke Reaktion auslösen. In der Arbeiterschaft wird es zu schweren inneren Kämpfen kommen und ein wilder Radikalismus wird überhandnehmen. Die reaktionären kapitalistischen Kreise hinwiederum werden nicht verfehlen, die Niederlage der derzeitigen sozialdemokratischen Leitung als eine Niederlage der sozialistischen Idee zu bezeichnen und werden viele dahin bringen, sich dieser grundfalschen Anschauung anzuschließen. Der Glaube an die Notwendigkeit einer harmonischen Entwicklung zum Sozialismus wird viele Anhänger verlieren, und das i wird eine der tranigsten. Kriegsfolgen jestr. Der Sprachenstreit. Es hat den Anschein, als ob Deutfchösterreich * oder wie die Franzosen es von jetzt ab nennen wollen2 Neuösterreich — trotz seiner Entwicklung vom Natio-i nalitätenstaat zum Nationalstaat eine. Neuauflage den Sprachenfrage erleben sollte. Zwar ist es wohlvon vornherein unsinnig, anzunehmen, daß diese Frage jemals! wieder von praktischer Bedeutung werden und die öffentliche Verwaltungsmaschine so beeinflussen und schädigen könnte, wie es in der alben Monarchie der Fall war. Mer gerade deshalb, weil eine wirkliche, greifbare Verwicklung nicht mehr gefürchtet zu werden braucht, gerade; weil sich aus einer ruhigen und leidenschaftslosen Er-> örterung dieser Frage keinerlei Schädigungen für das! politische Leben des neuen Staates ergeben können^ muß man sie mit jenem versöhnlichen Geiste zu lösew versuchen, von dem allein wir eine bessere Zukunft dev Menschheit erhoffen können. Worum handelt es sichÄ Die Tschechen, welche einen immerhin beträchtlichen! Prozentsatz der Bevölkerung darstellen und welche ihre zahlenmäßige Stärke durch den Ausfall der verschieden«; Wahlen in aller Oeffentlichkeit dokumentiert Habens wehren sich dagegen, daß das Gesetz ihnen den Zwang zu einer Sprache auferlegen will, die sie nur als Ver-- kehrssprache ,nicht aber als Muttersprache anerkennen! können. Sie haben nicht die Wsicht, praktische Konsens (prenzen daraus zu ziehen, sie werden sich bei ihrer Anteilnahme am politischen öffentlichen Leben und uw Rahmen der öffentlichen Körperschaften zweifellos stets der deutschen Sprache bedienen, da sie schwerlich heut« noch di« Absicht haben, den Gang der Geschäfte so zn obstruieren, wie sie es im alten Parlament getan haben. Es geht ihnen also nicht darum, daß sie durchaus ist! einer anderen Sprach« als der deutschen reden wollen^ und schon .daraus ist ersichtlich, daß der deutsche' Charakter der Stadt Wien keineswegs sich in Gefahr besMsie Mken' nW MH 'MsdÄch bringen, daß jede nationale Gruppe das Recht auf die eigene Sprach« besitzt und daß sie auf die grundsätzliche Zubilligung dieses Rechtes auch dort nicht verzichten wollen, wo sie seine praktische Anwendung nicht beabsichtigen. . Dieses Verhalten der Tschechen hat in den deutschen Kreisen große Empörung hervorgerufen. Es scheint mtS* daß hierzu die Veranlassung fehlt. Daß Deut sch oster" reich einen ausgeprägt deutschen Charakter besitzt, ist eine so feststehende Tatsache, daß die Parole: das' Deutschtum sei in Gefahr, jeglichen Sinn verliert tttttf denjenigen, der aus ihr auch heute noch eine Richtlinie des innerpolitischen Verhaltens machen wollte,! der Lächerlichkeit überliefert. Umgekehrt wird aber das! deutsche Volk, wenn es unter solchen Umständen nach' wie vor rücksichtslos jedem Wunsche nichtdeutscher Minoritäten feindselig entgegentritt, den Eindruck erwecken,, als ob der alldeutsche chcluvinistisch« Hochmutsgeist in ihm noch unverändert mrd ungeschwacht lebendig sei.' Dieser Geist allein war es, der den Deutschen die Feindschaft und den Haß der ganzen Wett zuzog. In Berlin herrschte er unumschränkt, und wenn sich heute in Paris zeigt, daß mau Wien gegenüber eine ungleich versöhnlichere Haltung an den Tag legt, so dürft« nicht als letztes der Umstand daran schuld sein, daß gerade in Wien dem alldeutschen Geist durch die nationale Minoritätentheorie der Renner-Bauer scheu Sozialdemokratie «in Gegengewicht geboten würde. Dieses Gegengewicht allein bildete die Hoffnung und Erwartung all der-! jenigen, die an ein« befreite Zukunft glaubten. Heute hängt alles davon ab, ob Deutschösterreich, ob Wien in der Lage sein wiick>, sich das einst erworbene Vertrauen zu befestigen. Renner hat in Paris eine freundlich« Aufnahme gefunden, aber das „Journal des De-ats" zum Beispiel hat es nicht unterlassen können, darauf hinzuweisen, daß. Renner während des Krieges von seinem ursprünglichen Prinzip des Föderativstaates zum PangermaniSmus übergegangen sei. Das Blatt knüpft an dies« Feststellung die Hoffnung, daß Renner, wie' seine letzten Aeußernngen zu verraten scheinen, sich lotetet auf seinen ursprünglichen Standpunkt besinnen werde. Die Stimmung, wem)« Auguste Gauvain damit ' zum AusdruÄ bringt und die von ganz Frankreich ge-! teilt wird, ist unverkennbar: einem von alldeutschem Mist beherrschten Deutschösterreich wird man nicht ba§ geringste Entgegenkommen zeigen, einem Oesterreich dagegen, das den neuen Geist begreift und das bereit ist, mit der Ueberwindung des Einheitsstaates durch den Nationalitätenbund endlich Ernst zu machen, jede feindselige Abgrenzung 511 verhüten imb sich in den Dienst der Vöttecoersöhnung zu stellen, einem solchen Oester« * HÄ Wird. »M das größte. Elttgegt:.nkW.nzeI bMUgM

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