Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 122 (21.5.1919)
- Date
- 1919-05-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die InLernaLionalität des Geistes. Wenn imrn früher von Idealismus sprach, so brachte man damit gewöhnlich das deutsche Volk in Zusammenhang. Die Zeiten haben sich gewandelt. „Der Idealismus des amerikanischen Volkes," lautete das Thema einer Rede, die Wilson am 10. Mai in der „Akademie der moralischen und Politischen Wissenschaften" in Paris gehalten hat. ES wäre nichts Auffallendes daran, wenn sich Wilson darauf beschränkt hätte, zu beweisen, daß der Amerikaner nicht jener Doflarjäger sei, als welchen man sich ihn gewöhnlich in Europa vorftellt. Aber er ging weit darüber hinaus und versuchte, den amerikanischen Idealismus dadurch zu beweisen, paß er ihn in ausgesprochenen Gegensatz znm Deutschtum stellte. „Ich habe mich stets bemüht," erklärte er, „die amerikanischen Universitäten vom deutschen Einfluß zu befreien." Wilson war, bevor er Politiker wurde, Universitätsprofessor und Gelehrter. In seinem Munde verliert eine solche Aeußerung den rein politischen Charakter. Sie beweist, daß - es sich ihm nicht darum handelte, politisch das Deutschtum zu schwächen, sondern es ging ihm um eine Abgrenzung gegen den deutschen Geist. Deutlich sprach er aus, was er darunter versteht: „Allzu häufig sprachen die Herren der amerikanischen Universität vom Staat wie von einer Einheit, welche den einzelnen ignorieren darf; wie von einer Sache, die das Vorrecht hat, bas Geschick der Menschen durch eine Art absolute und geheiligte Autorität zu beherrschen. Aber ich, der ich vor allem anderen Demokrat Lin, ich habe nie eine solche Auffassung des Staates akzeptiert. Nach meiner Auffassung haben sich die Regierenden zu bemühen, das, was jemand zu sagen hat, so geringfügig ec auch sein möge, zu erfassen und zn verstehen, und jeder einzelne hat ein Anrecht darauf, daß seine Stimme gehört, daß-sein Rät vernommen werde, so oft er dessen würdig ist." Hier leitete er auf Frankreich über, dem Lande, das als erstes sich diese Anschauung zu eigen gemacht habe und knüpft an die Worte an, mit denen ihn Morizot-Th ibault in der Akademie begrüßt hatte: „Sie find hier zu Hause, Herr Präsident, denn hier ist der Ort, wo der Kult des Rechtes im Dienst der Moral gepflegt wird." Ein Wort, das feine Berechtigung hat: die prominentesten Intellektuellen, die aus der Akademie hervorgegangen sind, haben von jeher diesen Geist zum Ausdruck gebracht. In feine« ersten Jugendwerk wendete sich Paul L?r»h-Br««1ieu gegen die Gefahr der Geheimdiplomatie, M de Molinari trat für den Völkerbund ein, Frsdsrie Passy wurde zum Friedensapostel, Louis Renault leistete Bedeutendes auf dem Gebiete des Völkerrechtes. „Sie antizipierten die Zukunft," bemerkt Andrs Gauvain im Journal des Dsbats". Das ist zwar übertrieben, denn wenn es vielleicht auch Wilson gelingen sollte, baS, was er als Gelehrter predigte, in der Politik zu verwirklichen, so steht das französische Volk dieser Stufe noch bedauerlich fern. Seine Politik liegt immer noch uneingeschränkt in den Händen rachedürstender und beutegieriger Machthaber. Versailles bedeutet zumindest für Frankreich den Triumph der VLlkerraserei, des Blutransches, die Niederlage jeglicher Jnternativnalität des Geistes. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Kluft zwischen der Negieung und den Sozialisten sich täglich vertieft, daß die Spannung zwischen beiden Funken erzeugt, die morgen schon einen neuen Brand entfachen können — heute ist Clemenceau, nicht Lvnguet der Ausdruck Frankreichs. Mag aber in Frankreich HD alte Geist »och unbehindert herrschen — eins hat es vor Deutschland voraus: seine Intellektuellen. Es ist noch in Erinnerung und wird den Deutschen nie vergessen werden, wie ihre Intellektuellen den Krieg innerlich bejaht, gebilligt und oft verteidigt haben. Der Aufruf von Henry Barbusse sogar blieb ohne Echo. Vereinzelte Stimmen wurden laut, daß man die dargeboteneHand ergreifen müsse — aber nichts rührte sich. Anders in Frankreich. Inmitten der vom Siegesrausch betäubten Horde sammelt sich heute eine Gruppe von Denkern, Schriftstellern, Dichtern, sammeln sich alle geistigen Arbeiter zum gemeinsamen Kampf im Dienste des internationalen Geistes. Wieder ist es Barbusse, der in der „L'Humanitä" für die neue Gruppe wirbt. Sie nennt sich, wohl um ihn zu ehren und da sie sich eins mit ihm weiß, nach seinem neuesten Roman „Clart6". Anatole France steht an ihrer Spitze. Sir wollen ihre ganze geistige Produktivität in den Dienst der Ueberbrückung von Menschen- und Völkerhaß stellen und so eine neue Generation heranziehen. Daß der morgige Tag ihnen gehört, ist außer Zweifel. Heute herrscht noch Clemenceau, indessen Frankreichs Zukunft hängt nicht mehr von ihm ab. Polnische Judenpogrome in Kowel. Durch die Hallcrschen Truppe«. Berlin, 20. Mai. (Korr.-Vur.) Der „Lokalanzeiger" meldet aus G l e i w i h r Die Hallerschen Truppen find itt Kowel eingetroffen und haben dort große Judenpogrome veranstaltet. U»ber«N, wohin die Truppen HallerS kommen, werden die Geschäfte geschloffen. Fach bereitet Militärische Maßnahmen vor. Falls Deutschland nicht unterschreibt. Paris, 20. Mai. (Funkspr. des Korr.-Vur.) Marschall Fach wurde nach seiner Rückkehr ans den bef tzten Gebieten vom Ministerpräsidenten C l e m e n e e a » empfangen, dem er über seine Besprechungen mit den Führern der verbündeten Armeen sowie Über die m i l itärischen Maßnahmen Bericht erstattete, die für den Fall der Weigerung der deutschen Delegierten, den Entwurf des Friedensveriraa es zu unterzeichnen, vorgeschlaoen werden. Im Laufe einer Unterredung, die Clemenceau mit Wilson und Lloyd George hatte, sind die von Marschall Foch festgesetzten militärischen Maßnahmen erörtert worden. Die Aufteilung der österreichischen Schulden. Genf, 20. Mai. (Tel. der ,Wr. Morgenztg/) Der Spezialberichterstatter der „Tribrma" in Paris telegraphiert an fein Blatt, daß ein Punkt deS Friedensnertrages die Frage der Aufteilung der Schulden der e hemaligen österreichischungarischen Monarchie sei und daß diese Schulden von sämtlichen aus diesem Staate neu erstandenen Reiche getragen werden müssen. Hierbei werde spezielle Rücksicht auf Orte und Länder genommen werden, die während deS Krieges sehr stark gelitten habe«. Blutige Unruhen in Smyrna. Genf, 20. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Telegraphischen Meldungen zufolge haben in Smyrna während der letzten Unruhen seitens der Griechen Plünderungen stattgefunden, wodurch insbesondere in den türkischen Basaren und in den europäischen Geschäften großer Schaden verursacht wurde. Eine türkische Abordnung sprach bei den eurypäischen Konsulaten vor und erbat die Intervention irgendeiner Macht, nur nicht die der Griechen, um Schutz vor den Ausschreitungen zu finden. Die europäische Bevölkerung hege ernste Besorgniffe, da bei den bisherigen blutig verlaufenen Ereignissen die Türken ungefähr 500 Tote zu beklagen haben; aber auch Europäer, darunter Italiener, wurden teils schwer vetr letzt, teils tot geschlagen. Die europäische« Konsulate erhoben gemeinsam beider griechischen Regierung schärfsten Protest gegen die Haltung der griechische« Soldaten und da» Vorgehen der griechischen Bevölkerung. Die hiesigen Blätter bezeichne» es als eine« der größten Fehlgriffe der Pariser Konferenz» die Bewilligung znr Besetzung Smyrnas Griechenland zu übertrage», da man mit Sicherheit hätte voraussehen können, daß es z« sch»rerenZnsamme nftößen kommen werde. Cs war zu erwarten, daß diese Versklavung der Türket z« einer berechtigten Emp vrnng führen werde. Politische^Rundschau. Die anrerikanische Kampagne gegen Wilson. Die Republikaner, welche in ihrer Opposition gegen Wilson verharren, wünschen, wie^L'Humanits" berichtet, daß der Abschnitt Über den Völkerbund vom Friedensvertrag losgelöst und emem Referendum unterbreitet werde. Auf diese Weise hoffen sie, Wilson zu überstimmen. Der Senator Borah (Republikaner), der Führer der Opposition gegen den Völkerbund hat hierüber folgende Erklärung abgegeben, die in politischen Kreisen großes Aufsehen erregte: „Wenn die republikanische Partei*, sagte er, „hinsichtlich dieser Frage die Waffen niederlegen sollte, so würde ich den Staub von den Schuhen schütteln und von dannen gehen. Die Republikaner müssen unbeirrt bei ihrer Opposition verharren, selbst wenn sie aussichtslos sein sollte. Es handelt sich darum, die geheiligten Traditionen Amerikas zu verteidigen, die amerikanischen Einrichtungen zu beschützen und die Unabhängigkeit und absolute Souveränität der Republik unangetastet zu lassen". Die Republikaner verlangen, daß Amerika sich ganz auf sich beschranke und sich nicht mit europäischen Konfliktsmöglichkeiten belaste. Minister Thugutt über die Iudensrage in Pole«. Sn der Unterredung, die der ehemalige polnische ter des Innern, Thugutt, ein Führer der polnischen Demokraten, dem Pariser Mitarbeiter der „Tribüne de Gendve" gewährt hat, finden sich auch einige Ausführungen, die die Juden in Polen betreffen. Nach Auffassung des Ministers erfreuen sich die Inden in Polen der vollen Freiheit (!) und sind im Besitze aller bürgerlichen und politischen Rechte, in demselben Maße wie die anderen Polen. Ich hoffe, so sagte er dem Aussrager, daß die Juden sich in Polen endgültig besreit fühlen werden. Die polnische Linke tritt sÜr ihre volle menschliche und bürgerliche Freiheit ein» Kann gber andererseits nicht darübet hinausgehen. Sie wird sich tändig einer Umbildung Polens m ein Iudenpolen, ener verbrecherischen Absicht, die den jüdischen Nationalisten so teuer ist. entaeaenstellen. Diese Forderung i ist unannehmbar und undtskutierbar für jede polnische! Partei, mag sie sonst so extrem sein, wie sie will. t Die Judenfrage im polnischen Landtag. Die konstituierende Sitzung der Landtagskommission. Am 14. d. M. fand die erste Sitzung der seitens des polnischen Landtages eingesetzten Kommission für die jüdischen Angelegenheiten statt, in welche außer den 16 Mitgliedern der ver chiedenen Lan tagöf.aktivnen auch vier Vertreter der Wischen Parteien, und zwar Dr. Thon, D'r. Schipper, N. Prilueki und Rabbiner Halpern gewählt wurden. Die P.P.G. ist in dieser Kommission durch die Abg. Barliekt und Dr. Di am and vertreten. Abg. Dr. Thon wünscht vor der Vornahme der Konstituierung hie Erweiterung des Wirkungskreises dieser Kommission ttitö die Ermöglichung einer unmittelbaren Einflußnahme auf die Gesetzgebung des Landtages durch die Zuweisung aller die Juden betreffenden Gesetzesvorlage,r und Anträge seitens des Landtages an diese Kommission. Der diesbezüglich Eingebrachte formelle Antrag Dr. Thons wurde jedoch nach einer kurzen Diskussion gegen die Stimmen der jüdischen Mitglieder abgelehnt. Bet der hierauf erfolgten Konstituierung wurden Fürst Czetwe rtyns ki (Nationaldemokrat) zum Vorsitzenden und Äbg. Mailanka (Piastgrnppe) zum Vvrsitzenden-Stellvertreter gewühlt. Der den jüdischen Mitgliedern angeborene Sitz im Präsidium wurde durch Dr. Thon mit Rücksicht auf den Charakter der Kommission abgeleh'ut. Ein Antrag Dr. Dtamands auf Einsetzung eines Subkomitees zum Zwecke der Ausarbeitung eines Fragebogens für eine Enquete Über die jüdisch-polnische Frage und der Festlegung der Richtlinien für die Arbeiten der Kommission rief eine längere Aussprache hervor. In diesem Zusammenhänge wies Abg. Doktor Thonbesonders auf. die Pogrome in Mittelgalizien hin. Er komme soeben'ans P<ms, wo er sehr oft Bemerkungen gehört habe, hie ihn gerade als Bürger des polnischen Staates tief schmerzen mußten. Schließlich beantragte Dr. Thon, die Kommission möge im Landtag einen Antrag auf Erlassung einer die antijüdischen Exzesse energisch und entschieden rerurteilenden und auf die Strafgesetze verweisenden Proklamation einbringen. Nur durch einen solchen Antrag würde die Kommission ihre EMeinbvrech tigung erweisen. Enqueten würden zu nichts führen. Uebrigens könne , man nicht erst deren Ergebnis abwarten, da in der ' Zwischenzeit noch viel Unglück kommen könne. Per ( Antrag wurde indessen abgelehnt.