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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-21 · Heft 122 (21.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 122 (21.5.1919)
Date
1919-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sein Ende kommt nicht überraschend, vielmehr kann es fast als ein Wunder erscheinen, daß sich die Türkei bis heute erhalten konnte. Schon vor drei Jahrhunderten sahen europäische Politiker ihr Ende, zumindest aber die Verdrängung der osmanischen Herrschaft aus Europa als »nahe bevorstehend" an. Das Geheimnis ihrer Erhaltung ist schon vor nahezu zweihundertJahren von einem französischen politischen Schriftsteller, Aousiet, enträtselt worden. Er schrieb darüber: »Offenbar verdankt das Osmanische Reich seine Erhaltung nur der Eifersucht und den Interessen einiger christlicher Staaten, welche in Wahrheit nicht sowohl den Verfall dieses Reiches, als das Wachstum der Macht derjenigen fürchten, welche sich in feine Trümmer tellen würden." < Die Ursachen des Verfalls dieses einst so mächtigen Reiches, das ganz Europa in Schrecken gesetzt hatte, sind mannigfaltig. Vielfach sind sie im Grundcharakter der herrschenden Rasse der Türken gelegen. Diese waren, seit sie in das Licht der Geschichte getreten sind, ein Volk von Kriegern. Aehnlich wie die Araber in ihrer Heroenzeit, brausten sie, einmal von ihrer Urheimat losgerissen, über die Länder hin, alles besiegend, was sich ihnen in den Weg stellte. Mit der Eroberung Konstantinopels, 1463, begann ihre europäische Machtstellung. . Unwiderstehlich, solange sie siegten, strebten sie immer weiter westwärts, bis ihrem Vordringen 1683 bei Wien Halt geboten wurde. Von da an galt es für sie, den Eroberungsrügen immer mehr zu entsagen und nicht mehr durch Ausbeutung der Unterworfenen, sondern durch Konsolidierung ihres Reiches die Mittel zu seiner Erhaltung herbeizuschaffen. Dieser Ausgabe war der türkische Stamm auf die Dauer nicht gewachsen. Wohl lieferte er. der Züge einer wahren Herrenrasse zeigt, dem Reiche viele tüchtige Gouverneure und Beamte, aber die meisten der großen Staatsmänner, die das Reich immer wieder hervorbrachte, entstammten anderen Völkern, waren Albaner, Armenier, Araber. Der Türke selbst war zuviel Soldat und reine Herrschernatur, als daß er schwierigen Verwaltungsausgaben gewachsen gewesen wäre. Dazu kam, daß auf dem 'tückischen Stamm die Hauptlast der Wehrpflicht lag und er in den ewigen Kriegen immer stärker dezimiert wurde. Schon im vierzehnten Jahrhundert wurde deshalb das Janitscharenkorps gebildet, das aus Christen bestand, die als Knaben zwangsweise ausgehoben und. zu Mohammedanern gemacht worden waren. Aber dieses Korps wurde allmählich zu einer wilden PrätorianerhorHß die fortwährende Umstürze provozierte und schließlich abgeschafft werden mußte. Wie die heutige Geschichtsschreibung den Untergang Roms mit der Ausrottung der echten Römer in ihren fortwährenden Kriegen verknüpft sieht, so ist auch der Verfall der Türkei zum Telle auf die Dezimierung der besten Kräfte des herrschenden Stammes zurückzuführen. Dies hätte einigermaßen aufgehoben werden können, wenn es die Türken verstanden hätten, die anderen Völker des Reiches, die weit in der Ueberzahl waren — die Türken machten zuletzt nur ein Drittel der Bevölkerung aus — und die ihre geschloffenen Siedlungsgebiete hatten, zu treuen und Zufriedenen Bürgern des Reiches zu machen. Dies gelang ihnen nicht, allerdings wurde es auch durch die fortwährenden Aufstachelungen der einzelnen Völker von außenher verhindert, was sich wie ein roter Faden durch die ganze türkische Geschichte zieht. Es ist wenig bekannt, daß schon Peter der Große diese Politik, die nach ihm namentlich Rußland bis in die jüngste Zeit verfolgte, inaugurierte, der bereits 1711 Montenegrinern, Serben und Bosniern seine Mithilfe zur Befreiung vom türkischen Joch verhieß. Die Türken, die im Grunde ein wohlwollendes Naturell haben, wurden von da an nicht in Ruhe gelassen, selbst zu Zeiten, wo es ihren christlichen Untertanen ganz gut ging. Schließlich wurden die christlichen Balkanvölker 1878 von Rußland befreit und nur die Eifersucht der Mächte verhinderte es am Berliner Kongreß, daß die Türkei schon damals ihren ganzen europäischen Besitz bis auf Der amerikanische Senat gegen die Ratifikation des Friedens. Berlin, 20. Mai. (Korr.-Bur.) Der „Abend" meldet ans Basel: „Washington Post" berichtet, daß die Tendenz der Senatoren noch mehr als früher gegen die Ratifikation des Friedensvertrages sei. Es fehlen mindestens zehn Stimmen für die zur Ratifikation notwendige Zweidrittelmajorität. Die italienisch - jugoflawischen Verhandlungen. D e r l i tt, 20. Mai. (Korr.-Bur.) Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" meldet aus Lugano: Die Grenzverhandlungen zwischen den Italienern und den Jugoslawen bewegen sich auf der Grundlage, daß die Linie Laibach—Fiume von keinem italienischen Gebiet geschnitten und die von den Italienern zu fordernden wenigen Inseln unter Aufsicht des Völkerbundes gestellt werden. Przemysl und Lemberg vor einem neuen Bombardement. Die ukrainische Artillerie in Bereitschaft. Berlin, 20. Mai. (Korr.-Bur.) Der „Lokalanzeiger" meldet don der Schweizer Grenze: Das ukrainische Preßbrrreau meldet : Die u k r a i n t s ch e n T « Uppen stehen uoch.'L- Kilsm^ter-...bou > entfernt. Die Veschießung de« F e ft u n g mit schwerer Artillerie kann.stündlich erfolgen, nachdem die Akrain er ihre Geschütze in Stellung gebracht haben. Auch Lemberg ist unmittelbar in Gefahr. Der Waffenstillstand zwischen Polen Änd Akrainern ist noch nicht perfekt. Stambul verlor. Abdul Hamid II., der trotz seines Verfolgungswahnes ein genialer' Herrscher war, verstand es meisterhaft, die Rivalitäten der Mächte zugunsten der Erhaltung des Reiches gegeneinander auszuspielen. Nach innen hielt er am Absolutismus fest, der, wie sich später zeigte, allein imstande war, die zentrifugalen Kräfte mit eiserner Gewalt noch eine Zeit lang niederzuhalten. Durch zweiunddreißig Jahre gelang es ihm, durch dieses System das Reich, allerdings in immer mehr verkleinertem Umfang, zu erhalten. Mit der, jungtürkischen Revolution 1908, die ihn stürzte, brach das Ende herein. Die auswärtigen Mächte fürchteten, daß die Türkei als konstitutioneller Staat erstarken könnte und damit kam für sie die Zeit, das Erbe, das ihnen nicht mehr so sicher schien, zu liquidieren. Balkankrieg, Tripoliskrieg und Weltkrieg vollendeten, das Werk. Das Erbe wird in Paris verteilt. Allerdings: Die Furcht der Mächte, die Türkei werde sich konsolidieren, war unbegründet gewesen. Die Iungtürken standen bald nach Eroberung der Macht vor unlöslichen Aufgaben: Die Völker des Reiches verlangten Autonomie, und da sie an den Randgebieten des Reiches geschloffene Siedlungen besaßen, wäre ihre Autonomie der Anfang für die völlige Lostrennung gewesen. Die Iungtürken wurden deshalb zu Zentralisten und osmanischen Chauvinisten, sie predigten den „Pantiirkismus", eine aussichtslose Idee, da die nichttürkischen Völker den Osmanen an Kultur und Zahl überlegen waren. Auch die zweite Grundfrage des Reiches, die wirtschaftlich-soziale, wußten sie nicht zu lösen. Die Türkei ist heute noch ein Agrarstaat, der tief im -Feudalismus stecken geblieben ist. Eine richtige Politik hätte mit einer gründlichen Befreiung der Bauern und mit einer großzügigen Agrarreform beginnen müssen. Aber bei der Rückständigkeit der armen, ausgebeuteten Bauern und Pächter waren die Führer der Völker entweder städtische oder ländliche Grundherren, die das gegenteilige Interesse hatten. Sie ließen sich auch von ihren Hintersassen zu Abgeordneten wählen. Natürlich war mit einem so zusammengesetzten Parlament keine Agrarreform zu machen; auch ist eine solche eine Sache, die Jahrzehnte zu ihrer Durchführung! braucht.- Die Mächte ließen aber, der Türkei kaum drei Jahre der Ruhe. Doch auch die dringendstem kleineren Reformen, die der Grundverfassung, des Oschers usw. vermochten die Jungtürken nicht zur Lösung! zu bringen. Sie waren zu sehr von widersprechenden politischen Einflüssen und Rücksichten beherrscht, als daß sie sich zu energischen Reformen, gegen die eine mächtige Klasse sich heftig wehrte, hätten auf-, raffen können. Die Mischung von politischer Rücksichtslosigkeit und Unentschlossenheit bei wirtschaftliches Reformen machte ihre ganze Regierungszeit zu einer unfruchtbaren. Im Weltkrieg artete ihr Regime zum Despotismus aus. Auch sie, trotz ihrer westlichen! Bildung, waren Kinder ihres Milieus, das durchs Jahrhunderte durch Intrigen und Korruption neck derbt worden ist. Schließlich sahen alle Völker in den Ententestaaten ihre Retter, voran die Armenier, die« so unsägliches von ihren mohammedanischen Nachbars zu leiden hatten, und die Araber, die als uraltes stolzes!, Kulturvolk das türkische Joch nicht zu tragen willens waren. j Noch ein weiteres Moment trug zum Zerfall des Reiches bei: Seine ungeheure Ausdehnung bei einer ganz abnorm schütteren Bevölkerung. Das türkische Asien, das im Altertum Hunderte Millionen Menschen ernährt hatte, zählt heute nur zirka achtzehn Millionen Bewohner. Schon im Frieden waren die Aufgaben dev Verwaltung, Pazifizierung, des Produktentransportes und -austaufches. ufw. ungeheuer schwierige. Im Kriege vollends, wo Heerestransporte, der Etappendienst usM auf riesige Strecken, die vielfach nicht einmal von gangbaren Wegen durchzogen waren, organisiert werden mußten, stand man vor fast unlöslichen Aufgaben^ Nicht umsonst hatte Abdul Hamid seine Energy hauptsächlich auf Verstärkung des Eisenbahnnetzes ge^ richtet.- Äuatolische, Bagdad-- und Hedschasbahn ent-, stammen seiner Initiative. Aber, all das genügte nicht; an der äußersten Peripherie, zu Basra, Koweit, Aden nisteten sich schon unter seinem Regime die Engländer ein und brachten die Stämme der Umgebung in ihre Machtsphäre. Auch die ungeheure Organisationsarbeit der Deutschen im Kriege konnte die Schwierigkeiten der Lage nicht besiegen und so war das Ende schon lange vorauszusehen. 1 Wir Juden haben allen Grund, dem unter-' gegangenen Reiche eine dankbare Erinnerung zu bewahren. Die Türken haben sich immer judenfreundlich gezeigt. Es ist bekannt, daß die Juden Spaniens bei der Austreibung 1492 in der Türkei gastlich auft genommen wurden und dort immer in Frieden leben konnten. Sie spielten zu Zeiten sogar auch eine große Rolle im Staate. Bekannt ist jene von Don Josef von Naxos, dem Sultan Suleiman eine Konzession zur Besiedlung Palästtnas durch Juden gegeben hatte. Die Juden der Türkei genossen in ihren „Millets" immer die größtmögliche Autonomie in allen kulturellen Angelegenheiten. Als Theodor Herzl die zionistische Organisation gegründet hatte und sich nach Konstantinopel - begab, um mit dem Sultan zu unterhandeln, fand er bei Abdul Hamid die glänzendste Aufnahme. Allerdings konnte sich dieser mißtrauische Herrscher nicht ent-« schließen, die - von Herzl verlangte Konzession zu erteilen; er fürchtete, es würde ein selbständiger Indens staat entstehen und sich von der Türkei losreißen. Unter dem jungtürkischen Regime, das anfangs dem Zionismus günstig gesinnt war, wurden die Regieren^ den mit dem Steigen ihres Chauvinismus noch viel mißtrauischer als Abdul Hamid. Im Kriege beschuldigten sie die Juden Palästinas der Enlentesteundlichkeit und Djemal Pascha ging mit Ausweisungen und Deportationen vvr. Den Gedanken, daß ein Zustrom von Intelligenz, Arbeitskräften und Kapital durch die Zionisten dem Reiche eine gewaltige Forderung bringen könnte» wollten die Jungtürken nicht fassen, so unermüdlich er ihnen gegenüber auch' von dm Zionisten vertreten wurde. j Nun ist das Schicksal des Reiches besiegelt'und! das Ende seines jahrhundertelangen Siechtums gekommen. Auf den fruchtbaren Gefilden, das es um-> spannte, wird sortan großartige Kulturarbeit zum Nutzen der Völker, die darauf siedeln und der ganzen Menschheit geleistet werden. Als Pioniere dieser Arbeit werden die Juden in Palästina einziehen. Das „ewige Volk", das soviel Reiche und Völker übeilebt hat, tritt sein historisches Erbe an.

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