Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 121 (20.5.1919)
- Date
- 1919-05-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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7 ^..er-s.a» Die Grenzen Polens. Ein Expose Paderewsstis. Marsch au, 19. Mai. (Tel. Hx „Wiener Morgen» zeitung".) Im Seniorenkonvent des polnischrn Landtages gab Paderewski Aufschlüsse über dir von der Entente geplante Festsetzung der Oftgrenze Polens. In Ostgalizjen soll die Grenze längs des Bugbis Kamion ka Strumilow a, dann längs der Ostgrenze der Bezirke Lemberg, Rudki, Sambor,. der Südgrenze des Bezirkes Dobromül und der Ost grenze des Bezirk e s S a n o k laufen. Paoercwski bemerkte, daß die Entente den Polen noch vor zwei Mvnaten ein «größeres Gebiet in Ostgalizien zugesprochen habe, und zwar auch Teile der Bezirke Stryj, Skole, Turka, ferner den ganzen Bezirk Drohobyez. Stary Sambor und Lisko. Nunmehr will die Entente das Naphthagebiet der Ukraine unter Kontrolle einer internationalen Kommission überlassen. Die neuen Vorschläge der Enten e stützen sich auf die Vorschläge Bothas, die jedoch für' die Polen unannehmbar sind. Paderewski bestätigte sodann die Blattermeldung, daß England und Amerika bezüglich der Vertuendung der Tru ppen Hallers in Ostgalizien Verwahrungen eingelegt haben. Die Polen müssen die Bugl-inie und das NaphthagebieL in Qstgali'zien erlangen und eine Vereinigung mit der rnmä Nischen Armee zwecks Bildung einer einheitlichen Front gegen die Bolschewiken erzielen. Bezüglich der Ukraine sagte Paderewski, daß die Entente an die Schaffung eines unabhängigen ukrainischen Staates nicht denkt. Eine sehr ernste Gefahr für Polen bildet die russische Frage. Jswolski und Sa san0w entwickeln eine lebhafte Tätigkeit in Paris. Die Entente erteilt ihnen volle Unterstützung zur Organisierung e'ner bewaffneten Erhebung zum Sturze der bolschewikifchen Regierung. Die Entente wünscht ein starkes Rußland in ansehnlichen Grenzen wiederherzustel en. Eine große Gefahr für Polen bildet auch das B estreben der Tschechen zur Erlangung einer gemeinsamen Grenze mit Rußland-, Dieses Bestreben wird von den russischen Diplomaten unterstützt und die Entente ist geneigt, diese Wünsche z u realisieren. Paderewski teilte ferner mit, daß die polnischtschechischen Verhandlungen in Kürze in Prag zwischen Masaryk als tschechischem und Paderewski als polnischem Vertreter stattfinden werden. Betreffend Litauen und Weißrußland hat England besondere Plane. Die beiden Länder sollen in föderalistische Republiken ümgcwandelt werden und einen Zugang zur Ostsee über Libau, welcheunter englischer Kontrolle stehen wird, erhalten. Die Operationen der polnischen Truppen in Litauen und in Weißrußland betrachtet die Entente als erwünscht, insoferne sie gegen die russische Sowietarmee gerichtet sind. * Der Pariser Korrespondent des Krakauer „Czas" meldet: In Paris weilen Vertreter Petluras, weiche den Polen Vorschläge unterbreiten. Unt^r anderem - schlagen sie die Sangrenze mit Lemberg als Freistadt vor. Diese Anträge betrachten die Polen als unannehmbar. Die Profefsore«. Die Orgiastil deS Hasses, die bas Wüten der Mordwerkzeuge, an den Frontmr begleitete, blieb in der traurigen Kriegszeit nicht auf die Zeitungen beschränkt, die teils unter dem Drucke der Gewalten, teils unter eigenem Antrieb unendlich viel dazu beigetragcn hatten, die Gegensätze zwischen den Völkern zu verstärken uno zu verewigen. In Deutschland, wo der Herr Professor seit langem aufgehört hat, die stereotype Witztlatterscheinung zu sein, die in beständige Kämpfe mit dem eigenen Regenschirm verwickelt ist. erlaßen die Vertreter der Wissenschaft und durch sie die Wissenschaft selbst ohne Widerstand dem allgemeinen Wahn, der wie eine echte Massenpsychose sich ü'e: das ganze Land ergoß. Erprobte, wissenschaftliche Methoden mußten herhal.en, um alle Uebergriffe eines toll gewordenen Soldatentums zu begründen, es regnete von Erklärungen und Kundgebungen, eine ganze akademische Hetz- und Lügenliteratur entstand und die Bessergesinnten schwiegen stille. Die Universitäten wetteiferten miteinander, die erfolgreichen Heerführer zu Ehrendoktoren zu ernennen, ohne Gefühl dafür, daß auf solche Weise die Freiheit der Wissenschaft geschändet werde und jede sinnreiche Verbeßrung einer Prothese wurde als eine solche Errungenschaft deutscher Forschung gepriesen, daß dem» gegenüber der Arme bedairernSwert schien, dem das Schicksal seine beiden Deine oder Arm« gelassen hatte. Eine rieuerfundane weittragende Kanone, ein besonders „wirkungsvolles" Gas tvar ein wahrer Triumph! Mit schmerzlicher Scham gedenkt man jener Kundgebungen, unter welche die dekanntestenGelehrten ihre Unterschrift setzte». Mit dem Sinn für Ziel und Maß ging fede Mäßigung verloren. Männer, die bi« emsige, opferdolle Arbeit von Jahrzehnten der Erforschung und Aufhellung selbst geringfügiger Details in Geschichte, Philosophie und Dichtung Englands gewidmet halten, die. Max.ÄWnaltec gemüht batten. Bariantcu V 1 Massenversammlung. Heu§e in kett Elcherrfalen, 'X., Favoriten» firaste 71 (L?nie O, 66 rmd 67). Das Programm de« iüdischnationalen Vertreter. Referenten r Äbg. Robert S t r i Ä e r, Gemeinderat Dr. Plaschkes, Gemeinderat Dr. Pollack-Parnau. JÄdisches Massenmeeting. Donnerstag den 22. Mai um '/ß Ahr abends findet im Vrisittafaale, XX., Wlnteraaffe 27, anläßlich des zionistischen Wahlsieges eine jüdische Massenversammlung statt. Redner; die Gsineind erste Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Leopold Plafchkes, Dr. Bruno Pollack und Abg. Ing. Robert Strecker. Juden und Jüdinnen erscheinet in Massen! Zionistische Sektion Brigittenau. Die SchrvelzerfRhrt jüdischer Wiener Kinder. Die oft haben wir in diesen Jahren des Leides der Schweiz gedacht, mit Neid, mit Wehmut, mit Sehnsucht. Wie an die Ruhe und den Frieden selbst. Ein landschaftliches Idyll und ein politisches da-zu. Und dem Idyll gegenüber, das unsere Seele begt, steht das jammervolle grau und blutigrot gefärbte Bild der Not, das wir täglich vor Augen sehen. Ganz fern aber ist die Schweiz der Kricgsnot nicht gestanden. Sie hat sie mitgefühlt. Ganze Züge von Invaliden sind durch sie durch gegangen, gan'e Scharen von Exilierten haben hier eine Stätte gefunden. Und auch dir notleidenden Kinder zog die Schweiz, an sich, schon manches Tausend ist in ihre Bergtäler gereist und froh wiedcrgekehrt. Nun wollen die dweizer Juden das Leid Wiener jüdischer Kinder lindern und ihnen geben, was ihre jungen Körper verlangen. Wir wissen es ja. jüdische Kinder haben so selten das Glück, in die größt» Aktionen, die sich der Kinder, annehmen, einbezygen zu werden. Vielleicht liegt wirklich der erste Grund dafür darin, daß man so wenig von der spezifisch jüdischen Not weiß. Das Elend in den dumpfen Straßen der Leopoldstadt, in den Hütten des 30. Bezirkes ist nicht laut. Auch gibt Ctc jftbi che Mut e" ihr Kind nur schweren Herzens den Helfern des anderen Volle) hin. Sie weiß zu gut, wie oft ihr ein liebloses Wort das Gemüt vergiftete, als sie selbst noch ein Kind war. Jüdische Hilfe dem jüdischen Kinde, das war darum der Gedanke des jüdischen. Nätionalrates, als er zwei seiner besten Männer, Oberrabbiner Doktor ChajeS und Dr. Margulies nach der Schweiz sandte. In Gaus, in Be n. in Bel und St. Gallen und manchen anderen Orten erzählten sie von der jüdischen Not in Wien. Das soziale Organisaki-onsamt des Nationalrates, dar Frau Aniita Müller leitet, hatte ihnen Aktenmaterial über jüdisches Elend mit-- gegeben. Es bildete sich das Komitee der Schwe'.'.-rr Hilfsaktion zur Versorgung jüdischer Kinder aus Wien. Dr. MargulieS und der Sekretär des Nationalrates und Lesarten klarzu steilen, fühlten nicht, daß sie ihr eigener Lebenswerk negierten, indem sie ein verlogenes Zerrbild von Englands Geschick) t Politik und Geistigkeit zeichneten, bvf'en böswillige Verallgemeinerung ein einziger Hasseshauch belebte. Einer der erprobtesten deutschen Historiker, Ordinarius für Geschichte an Deutschlands erster Universität, schrieb das berüchtigte Pamphlet über Englands staatlich« und politische Entwicklung, ein kenntnisreicher, begabter und scharfsinniger Volkswirt stellte dem deutschen „Helden" den britischen Händler gegenüber. Kritische Stimmen von Engländern über die Zustände ihrer Heimat, die doch nur den freien Sinn des Autors beweisen, wurden zur Waffe deutscher Verhetzungslust in den berüchtigten Schriften: Engländer über England, die Zertretung Belgiens mutzte historische Afterwissenschaft als berechtigt beglaubigen uud der Vertreter des Völkerrechts an der Universität Berlin und der um seine Zeitschrift gescharte Kreis erklärten ungefähr, Lügi.e n und Schwindlern gegenüber gebe e! überhaupt nur nackte Gewalt. Es wäre unwahr, wollte man behaupten, baß es nicht im Ausland Ähnliche Erscheinungen gegeben hätte, aber in solchem Maße war dies keineswegs der Fall und immer erhoben sich gewichtig« Stimmen, die solchem Beginnen das Gegen» gewicht hielten. Die große Augustproklamation der 93 Professor«», baS Auftreten von 1100 Professoren gegen die Mehrheitsresolution d«S Reichstages sind traurigste deutsche Spezialität. Wie all diese Dinge aus baS Ausland gewirkt und die deutsche Sache in der Welt geschädigt haben, wird in geklärte e,i Tagen jw erkennen sein. Treitschk hat in einer se'uer kleineren Schriften über das zunehmende wissenschaftliche S»e„i»sist«ntum geklagt und den spezialisierenten Fachmann mit der Raupe verglichen, di« auf ihrem Blatte sitze/ «hne den Daum Überblicken zu können. Hier wie'ec vat die Wtstensehast, ihrem Fachforschen hingegeben, vergessen, daß ihr letztes Ziel das abjoluw Stre.em »ach Wahrheit bilden mutz und ist an Norbert W e l d l e r verblieben in der Schweiz u|tb stellten den Kontakt zwischen dem dortigen Komitee und dem Wiener Nationalrat her. Die Nachrichten, die sie ihm senden konnten, waren gut. Es meldeten sich zahlreiche jüdische Familien zur Aufnahme eines ober zweier Ferienkinder. Andere lösten di« Ferienelternschast in barem Geld« ab und leisteten den Betrag von 300 Franken, um welche Summe ein Kind während der sechZ Wochen keines S chweizer Au'en'haltcS si' e Heimr-"-pflegung finden kann, oder steuerten kleinere Beträge bei. Siebenhundertundfünfzig Wiener jüdischen Kindern soll dieses Schweizer Sommerglück geboten werden. Der fieberhaften Tätigkeit in der Schweiz schließt sich die Arbeit des Wiener Komitees an. Frau Anitta Müller arbeitet hier, Herr Adolf Böhm unterstützt sie, als Vertreter der israelitischen Kultus Gemeinde wirkt der Leiter t«3 Jugendamtes, Herr Ungar, imb Herr Bruno Frei, welcher die Erhellungen über jüdisches Wohnungseleud in Wien in erschöpfender Weise burchgeführt, widmet sich auch der Aktion der Kinder mit dem ganzen sozialen Eifer, der ihn auszeichnet. Dse Sechs- bis Vierzehnjährigen werden zur Musterung ge-- laden. Eine traurige Heerschau, d enn sie zeigte die furchtbaren Schäden, ne che Unterernährung und der traurige Einfluß der Elendswohnungen au unseren Kindern angerichtet haben. Im I. Wiener Kinderkran keninstitut, das Professor Dr. Hochsinger zur Verfügung stellte, sind die Aerzte Frau Dr. Mela Bloch, Herr Doktor Sanel Beer und andere an der Arbeit. Die Wahl dev Erholungskandidaten gegenüber der Fülle bedürftiger Bewerber fällt nur zu schwer. Mehr als zwei-' tausend Kinder habensich bis heut« schon gemeldet. Alle „im höchsten Grade erholungsbedürftig", ganz wie es die Bedingung vorschreibt, allen würde man, aus vollem Herzen, Milch, Sonne, Fröhlichkeit, die Wonne der Reise ins Märchenland gönnen —- und dennoch müssen so viele Zurückbleiben. Wenn die Juhen Wiens den zwingen^ den Gedanken der Losung „Jüdische Hilfe fürs jüdische Kind", so herzenswarm erfassen, wie eS die Schweizer getan, dann bestünde wohl di «Hoffnung, die Aktion auszudehnsn urck vielleicht dem ersten Siebenhundertfünfzig nach Ablauf ihres Sechs -Wochen- Sommerglücks ein zweites -nachzuseuden. D ie Wiener Juden wtssen noch zu wenig von dem jüdischen Elend, das Tür an Tür und Gasse an Gasse mit ihnen lebt. Auch die Schweizer sind/ schon oft^Alnd oft von Hilfsaktionen in Anspruch genommen worden. Auch sie lernten, immer wieder von neuem zu geben für Menschen eines fremden Landes. In dem Wiener Juden aber, dem Wiener jüdisches. Elend im Raume so nahe gerückt ist, mutzte wohl die Hilfsbereitschaft um so tiefer und stärker sein. Die Schweizer gaben so reichlich — sollten die Wiener Juden zurückstehen? Ende Mai tritt die kleine Schar die Reise an.. Kinderivcinen wird in diesen Zug gepackt, Kinderlachen. soll mach sechs Wochen zu uns zurückkehren. Die Innsbrucker nationalen Juden werden die Reisegesellschaft speisen, Aerzte und Lehrer werden sie aus der weiten. Fahrt behüten.; i Möge die besitzende jüdisch« Bevölkerung WieuS etz ermöglichen, daß die Aktion erweitert werden kann und keinen Aus.e,blick vergessen: Er müssen sehr vieks,- furchtbar herabgekommene Kinder zurückbleiben. —-->4- ■. ihren eigenen Aufgaben irre geworden, blind dafür», daß die exakiesten Methoden ivertkoseS Spiel bedeuten,^ wenn sie ihr letztes Ziel aus den Augen verliert. Z» diesem Bankecott der deutschen Wissenschaft konnte enur kommen, indem jenes Preußentum die absolute' Herrschaft über alle Lebensgebiete angetreten hatte, das in einem entschiedenen Machiavellismus seinenfwlitischstaatlichen Ausdruck fand. Seit Bismarck und feinem h storisch-polilischen Widersp'.el Treitschke hat man den Staat:' als die absolute, gottgegebene Ueberorbnuug über alles Sein ausgegeben ,die Menschen unter mißbräuchlichster Berufung auf Kants Pflich^nlehr« in tausend Formen militarisiert, im ujngen Herrengeftthl die Macht als Recht de- Staates hingesteckt und unter Uebertragung biologischer Erkenntnisse auf das me.:sch'iche Gemeinschaftsleben die machiavellistifche Machtmoral als Axiom den Hirnen eingehämmert. Durch Tausende von Kanälendurch zahllose Professoren und Oberlehrer wurde damachtavellistische Gift ten Generationen eingeimpft. Man kann die „D.'rpr-eußung der deutschen Wissenschaft" an ihren Früchten erkennen. „Der Geist ist," urteilte richtig ein englischer Gelehrter, „ein Sklave d«S Instinktes geworden, nicht sein Meister." In diesem Augenblick, ha einem angesichts d«S Diktats von Paris die alte Wahrheit bewußt wird, datz Gewalt stets die Mutter neuer Gewalt wird, tritt das Buch einedeuIschen Professors, besten Denken und Fühlen durch eine Welt von dem früher gezeichneben Typus getrennt wird, mit der vollen Wucht seiner ethischen Ueberzeugung werbend für die alte, geschmähte Wahrheit ein. Die Aufsätze, die der bekannte Pazifist und Sthltzer Fr. W. Förster in seinem Buche,,Wel> pvltztik und Weltgewissen" (Verlag sürKulturpolilik, München 1919) vere'.nigt, sind zum größten Teil noch während de) Krieges, im Frühjar 1918, niebergeschrieben. Daß vieles darin heute, da die Nebelschleier von den Gehirnen zu fallen beginnen,, für „bessere Europäer" zur Selbstverständlichkeit ge-