Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 121 (20.5.1919)
- Date
- 1919-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Am liebsten wäre es. freilich den Sozialdemokraten, wenn sie die Erbschaft, die ihnen die Christlichsozialen überlassen, nur sto weit zu. übernehmen hätten, als Aktiva vorhanden sind. Die glorreiche Zeit Luegers und Weiskirchners, in Verbindung mit derGemeindekriegswirtschaft, endet mit einem Passivum des GemeindevermSgens in der Höhe von 230 Millionen Kronen. Straßenbahn, Gas- und Elektrizitätswerke sind an die Entente verpfändet. Eine Ironie der Geschichte fügt es, daß die Ruhrnestat Luegers, den Engländer ans den Gaswerken verdrängt zu haben, nun in die Wiedereinführung des internationalen Kapitals in die Gemeindeunternehmungen mündet. Die Entwicklung, welche die Wiener Gemeindeverwaltung in den letzten 50 Jahren genommen hat, zeigt ungefähr das gleiche Bild wie die Verhältnisse im Parlament. Ursprünglich die Liberalen, Vertreter einer kleinen Clique von Hausherren, Architekten, Großfleischhauern und.Advokaten; dann der Einzug des Kleinbürgertums indas Rathaus, wodurch im großen und ganzen an dem alten System nicht viel geändert wurde. Es zeigte sich nur der. Unterschied, daß die von Lueger geführte Partei es sich angelegen sein .ließ, Ml) stä li chen Einrichtungen au nahmsloö in den Dienst der Partei.zu stellen. Aus dem demokratisch-sozialen Programm, welches Lueger von. Mandl übernommen hatte, wurde ein. ganz Hewöhnliches Regime ü la Tammany hall.'mit. all.den Auswüchsen und Schäden einer kontrollostn, aufMuAgogie gestützten Herrschaft. nur im Wiener Rathaus hatte, trug sich , eine Zeitlang mit dem ehrgeizigen Play, eine Reichspartei zu bilden, deren Aktionsradius von Wien nach Bregenz und Czcrnowitz reichen sollte. Wohin sind die Tage geschwunden. Ln denen sich Ernst Schneider in Paris von Drumvnt feiern ließ, in denendie Bukarester Straße Lueger zujubelte, in' denen Geßmann in die Bukowina auf Eroberung auszog.? Wo sind die Vergani, Schwer, Warner, Gregor,ig', .die alkoholisiertes Garde des internationalen Antisemitismus, die in Wien jeden schüchternen Widerstand mit dem Hausknechtspar-agraphcn und Ochsenknechten sich vom Hals hielt? Sie alle sind vom Meer der Zeit verschlungen worden. Die Tage der.Reichspartei waren schon in den ersten Kriegsjahren gezählt.. Vergebens waren ihre Anstrengungen, alles was rückständig fühlte, was zum Krieg hetzte, was die Monarchie verwüstete, um ihre Fahne zu sammeln. Als Oesterreich zusammenbrach, fiel auch die Reichs- Partei und ihre letzten Reste schwemrnt nun die Welle einer neuen Zeit fort. Die Sozialdemokraten haben nun Gelegenheit, ihr großes Gememdeprogramm auszuführen. Bei der Aufstellung dieses Programmes, die vor langen Jahren erfolgte, Sonnte niemand annehmen, daß die Sozialdemckratll ihre Herrschaft in der Zeit des größten Elends bei lurei Kassen und einem Nie ewesizit werde antreten müssen. Um so größer ist die Verantwortung, um so schwerer die Aufgabe, welche der neuen Mehrheit im Gemeinderat und Stadtrat harrt. Die Verantwortung fällt ganz und ungeteilt auf die sozialdemokratische Partei, die aus den letzten Wahlen so stark herausgekommen ist, daß sie für sich allein die Mehrheit hat. Die Mahnungen der neuen Aera sind ungemein ernst. Wir haben gesehen, Mit welchen Hindernissen und.Hemmungen unsere Staatssekretäre in den Zentralstellen zu kämpfen haben, wo ihnen überall der stille Widerstand der noch im alten' System befangenen routinierten Bureaukraten entgegenärbeiiets. Die christlich-. soziale Bureankratie ist nicht besser. Bedenken wir, vpn welchen Gesichtspunkten sich die bisher herrschende Partei bei der Auswahl ihrer Beamtenschaft leiten ließ. Partei- und Familienzugehörigkeit war wichtiger als sachliche Tüchtigkeit. Nirgends ist eine selche Protektion geübt worden wie in der Wiener Geniemdeverwältung. Vom letzten Gemeinde- und Schuldicner bis. hinauf zu den obersten Referenten entschied das Parteibekenntnis. Erinnern wir uns an die krassen, das Empfinden jedes Staatsbürgers verletzenden Nechtsbrüche der Luegerschen Zeit, an die Angelobungen, nit die Verkündigung des Prinzips: „Juden, Schönertaner und Sozialdemokraten werden nicht angestellt!" Der Friede mit Ungarn. i Genf, 19. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Wie in hiesige« politischen Kreise« ve« lautet, soll Oberst Cunninghame Ende dieser Woche aus Paris nach Wien zrirüökkehrenB Er bringt angeblich den Vertrag für Ungarn mit, der ein D ikLatfri ed en im eigentliche«! Sinn des Wortes sein soll. Der Friede soll angeblich in Budapest selb überreicht werden. Die im Raume von Szegedin stehenden französischenKolonialtrnppei sollen in Budapest einrücken. Das würde das Ende der Räteregier«» bedeuten, an deren Stelle zunächst ein Koalitionskabinett, möglicherweise das 5. Mai in Arad gebildete, unter Leitung des Grafen Julius Karolyr treten soll. Genen F r a n ch e t d'E sperey, der Kommandant der Orientarmee, der die Operationen die Rote Armee leitet, wird seinen Sitz in Budapest nehmen. Die Austeilung der Türkei. 'London, 19. Mar. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Dis türkische Frage soll wie folgt geregelt werdenr Der Sultan verzichtet auf die Herrschaft in den arabischen Teilen des früheres Ottomiuischen Reiches, wie Syrien und Mesopotamien, seine Macht bleibt auf das eigentliche Kleinasien beschränkt. Die übrigen Teile des Landes werden von den einzelner^ Großmächten als Mandataredes Völkerbundes verwaltet werden, so Konstantinopel, Armenien, Adana und Mersina von den Vereinigten Staaten, der Küstenstrich mit dem Zentrum Smyrna von Griechenland, Sudanatolien mit Adalia von Italien und Rordanatoliert von Frankreich. Das Ottomanische Reich würde aus B r u s s a und Angora bestehen, ryo! auch der Sultan unter dem Schutze Frankrsichs residieren würde. ' Kümpfe zwischen ErrMnderU unb BölscheWikem Helsingsors, 19. Mai. (Reuter.) Ein bolschewMsches Geschwader fuhr am Morgen aus Kronstadt aus. Gleichzeitig beschossen bolsKeAMM^ K ü uL'u^aH-in' G'v^j a die Küste. " B r i tis ch e K ri egss ch i s fe schWer^ Wch Einern Gefecht von 35 Minuten das bolschewikische Geschwader in die Flucht. Es wird gemeldet, daß ei» bolfche^ w ikis ch e s S chiss gefunken und e i n z w e ite s g est ra n d e t ist. Griechisch-türkische Kämpfe in Smyrna. Kon st a n t i n o p e X, 18. Mai. (Haoas.) Als griechische Truppen gestern abends bei Smyrna landeten, wurden sie mit Gewshrfeuer aus dem türkischen Lager empfangen. An Toten zahlt man 300 Türken und 100 Griechen. Die griechische Bevölkerung nimmt eine feindselige Haltung ein. Die Türken haben Massenkundgebungen veranstaltet. Die Lage gilt als außerordentlich schwierig. Vorstoß der Sowiettruppen. Olorrez wieder besetzt. Paris, 19. Mai. (Havas.) Eine amtliche Mitteilung von der russischen Front vom 16. Mai meldet die Wiederbesetzung von Oloriez durch die russischen Truppen. Die Feinde haben im finnischen Meerbusen auf der Höhe von Kazolowo Truppen gelandet, lieber die Krhn sei der Belagerungszustand verhängt worden. Die Wiener Gemeindeverlvaltung bildet eigentlich einen Staat für sich. Das Wohl und Wehe von zwei Millionen Menschen hängt ab von der Einsicht und der j Energie der Gemeindeverwaltung. Daß bisher auf! allen Gebieten des sozialen Lebens, namentlich auf dem Gebiete der. Wohnungsfürsorge, der Kinderfürsorge, der! öffentlichen Hygiene, des Verkehrswesens so wenig geleistet wurde, liegt im Wesen der ab tretenden Rathaus- Partei begründet, die nur vorgab, die Partei des kleinen Mannes zu sein, in Wirklichkeit aber mit tausend Nück- : sichten auf den Kapitalismus belastet war und eigent-- - lich eine Vertretung von Haus- und Grundstückspekulanten darstellte. Die Verstadtlichung der Verkehrsmittel und des Belenchtungswesens wurde nicht durchgeführt, um den lllemrfnisseu der Bevölkerung zn ge- ' nügen, sondern um den politischen Einfluß der Gemeindepartei durch die Aufstellung eines Heeres von Beamten und Angestellten zu stärken. Wir werden nun - Gelegenheit haben, Leute am Ruder zu sehen, welche die soziale Verwaltung als einen sehr wesentlichen Punkt ihrer Grundsätze ausgestellt haben.. Sozial verwalten heißt die Bedürfnisse der Bevölkerung rechlzütig j erkennen und ihre Verwirklichung in die Wege zu leiten. Die Kritik der sozialdemokratischen Minderhsit im Rat- England verzichtet auf das Mandat über Syrien. London, 19. Mai. (Funkspr. des Tel.-Korr.- Bur.) Dis „Times" erklärtr Großbrrtanttien verzichtet aus dasMandat über Syrien. Großbritannien wünscht bloß jenen Verpstichtnngen gerecht zu werden, die in seinem Namen von Oberst Lawrence gegenüber F e i s n l eingegangen worden sind, den es als Haupt des arabischen Volkes anerkennt. haus war eine für die Christlichsvzialen recht erträglich^ Sache. Man hat gestritten und sich dann wieder ver-> j tragen. Nunmehr aber ist die Minderheit von früher.? selbst der Kritik -ausge'etzt, und man weiß aus den Zeiten ll des^'Bürgermeisters Prix, was christlich soziale Kritik? bedeutet. i :'y; Das Tun und Lassen der Sozialdemokraten aber nicht nur von den Christlichsozialen, sondern von. der ganzen Beb olkerung mit der gespanntesten Auf--' merksamkeit beobachtet werden. Weite Kreist der Be-' Völkerung, die bisher im Rathaus nicht vertreten waren,.£ entsenden nunmehr ebenfalls Mandatare in das-Rät-»s Haus, in das zum ersten Mal auch freigewählte Ber--' treter der nationalen Minoritäten einziehen. Vornehm-;; lich die jüdischen Gemeinderäte als die Vertreter des^ fleißigsten und wirtschaftlich regsamsten Elementes bringen den besten Willen mit, das Ihre zu einer wahr- - Haft sozialen Verwaltung beizutragen. Es wird Pflicht' der sozialdemokratischen Mehrheit sein, diese Mt-', arbeiterschaft daichbar anzunehmen. Die soziale Arbeit: in der Gemeinde darf nicht von einer Partei monopoli-- siert werden und es muß jedem Gelegenheit gegebenwerden, seinen Willen und' sein bestes Können in deuj t Dienst der Allgemeinheit zu stellen.