Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 119 (18.5.1919)
- Date
- 1919-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 119 Wien. Sonntag Wiener Morgenzeitmrg 18. Mai 1919 Zu diesem Artikel des amerikanischen Journalisten, den wir seines informativen Gehaltes wegen — nach den Uebersetzungen der „Jüdischen Presse-eirtrale Zürich" — wiedergeben:, müssen seiner kritischen Stellungnahme wegen einige Bemerkungen gemacht werden. Es ist eine heute bereits im jüdischen Volke verbreitete Anschauung, daß die zionistische Vertretung beim Friedenskongreß zu wenig an politischen Rechten für Palästina gefordert hat. Es ist nicht schwer für diejenigen, welche keine Verantwortung tragen und in die Einzelheiten der politischen Aktion nicht eingeweiht find, gegen die Führer derartige Vorwürfe zu erheben. Wenn wir auch zugeben, daß in manchen Einzelheiten Fehler geschehen sein können, vor allem in der Vorbereitung unseres Pariser Bureaus, so ist doch die wesentlichste Anklage der Kritiker, zu denen auch einzelne prominente Persönlichkeiten aus der ersten Zeit des Zionismus gehören, hinfällig, da schon ein Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse jeden objektiven Beurteiler belehren muß, daß die Forderung der sofortigen Errichtung eines vollendeten Jndenstaates ein Ding der Unmöglichkeit ist. Palästina ist heute ein sehr schwach bevölkertes Land; von der Bevölkerung sind aber höchstens 15 o/o Juden. Unter solchen Umständen ist es, ohne daß man noch weitere Gründe anführen müßte, ausgeschlossen, die Errichtung eines jüdischen Staates zu verlangen. Das jüdische Volk muß erst wieder in seine Heimat zurückkehren; daher mußten die zionistischen Führer die Forderung aufftellen, daß Palästina als die jüdische Heimstätte auch völkerrechtlich anerkannt wird. Ist dies geschehen, so liegt es an den Juden, ihre Heimstätte mit allen Kräften auszugestalten, da ihnen keinerlei Hindernisse mehr in den Weg gelegt werden. Ein Staat kann keinem Volke geschenkt werden, am allerwenigsten in einem- Derritorirun, wo es noch nicht tatsächlich siedelt. Die Postulate der Zionisten, die der amerikanische Journalist so übersichtlich zusammenstellt, bieten die Möglichkeit, alles zu erfüllen, was das jüdische Volk braucht, und was angesichts der Tatsachen bei Anspannung aller Kräfte zu erreichen ist. Denn diese Postulate von der Friedenskonferenz akzepjtiert werden, so ist dies nicht ein halber, sondern ein ganzer Sieg._> Unterzeichnung oder Blockade. London, 17. Mai. (Reuter.) Außer den notwendigen militärischen Maßregeln, die man für den Fall, daß Deutschland den Friedensvertrag nicht unterzeichnen fällte» wurde beschlossen, auch wirtschaftliche Schritte zu unternehmen, die die Wiederaufnahme der vollen Blockade in ihrer schärfsten Form zur Folge haben würden. Andererseits hat der Oberste ÄZirtschastsrat auch dafür gesorgt, daß die Blockade im Falle der Unterzeichnung des Friedensvertrages durch Deutschland aufgehoben und es Deutschland ermöglicht werden wird, die Bestimmungen des Vertrages anszufÄhrs«. Die Angliederung Westungarns. Ge«si 17. Mai. <Tel. der „Wr, Worgenztg.") Rach hier verbreiteten Informationen hat die Entente befchloffen, DenLfch-Westungarn an DeutfchSsterrerch anzufchlietzen. Die Oftgrenze soll die Naab bilden. Der „Temps" gegen territoriale ZrrgestLndrriffe an DemLschösterreich. Bern, 16. Mai. Unttr dem Titel „DieNachfolge d erHabsburger* bringt.der „TeniPs" einen Artikel, der sich gegen territorialeZugeständnisse an Deutsckosierreich erklärt. Die von Deutschösterreich diesbezüglich behaupteten Bedürfnisse dürfen die Ententemächte nicht rühren. Es gebe keine territorialen Konzessionen, die man machen könnte. Der Artikel behandelt speziell die Frage West- Ungarns und sagt, wenn man dauerhafte Ordnung in Europa schassen wolle und speziell in jenem Mitteleuropa, as in cm Chaos zu versinken drohe, so müsse man vor allem die Rechte und dieSicherheit 2. l l e r Nationen, d i e f ü r d i e E n t e n t e P a r t e i ergriffen haben, achten und garantieren. 255 hieße nicht für einen gerechten und stabilen Frieden arbeiten, venu inan diesen Nationen etwas nehmen würde, was ihnen zukommt, und wenn man dem neuen Oesterreich, besten Unabjängigkeit die Probe der Zeit noch nicht bestanden hat, erlaubte, .'inen deutschen Kerl in Wcstnngarn zwischen Tschechen und Jugo-- ilawcn zu treiben. Wien sei durch Politik ruiniert vordcn, es könne nur durch Kredit gerettet verden. Scheint der „Temvs" durch diese Worte auf die finan» > i e l l e Hilfe hinzudeutm, so weist er tatsächlich nichts anderes, »ls Oesterreich auf das t s ch e ch i s ch e Beispiel hinzuwciscn. 8c schildert die tschechischen Fmanzmabnahmen auf dem Gebiet »er Währmg und die geplanten tschechischen Verfügungen in Bezug auf dce Schulden »es alten Staates und schließt: Man kann dieseveispiel den österreichischen Delegierten nicht genug empfehlen. Der Beistand der Entente wird ihnen nicht fehlen, aber man!ann ihnen nicht oft genug sagen: Hilf dir selbst und der Himmel wird dir Helsen. Sekte 9 - Der Stiele für Deulfchöfterreich. Harte GebietsforderLKgL«. — Wirtschaftliche Konzessionen. — England, Frank-j reich und Italien sollen Oesterreich mit LeSensmittelm versorgen.—Zwei Verträge? —y Wien, 18. Mar. Am Dienstag oder Mittwoch soll der Friedensvertrag für Deutschösterreich dem SLaatskanzler Doktor Renner eingehändigt werden. Doch liegen schon jetzt bestimmt lautende Meldungen vor. welche davon wissen wollen, daß die Forderungen auf Gebietsabtretungen außerordentlich hart sein sollen. Südtirol mit Bozen und Meran soll an Italien, Deutschböhmen und Deutschmähren an die Tschecho-Slowakei fallen. Bezüglich des Teschener Gebietes schwebt noch der Streit zwischen Tschechen und Polen, doch dürste die Entente dieses Gebiet neutralisieren und unter den Schutz einer Verbandsmacht stellen. Was Südmähren und. Westungarn anlangt, sei die Entente geneigt, den Gedanken einer Volksabstimmung näher zu treten. Dagegen sind die Konferenzmächte bereit, auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse von Deutschösterreich einzugehen und die großen Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Die Staatsschulden werden von sämtlichen Sukzessionsstaaten nach den Bestimmungen des Friedensvertrages - gemäß einem festzusetzenden Schlüssel aufgeteilt werden. Eine Valutaanleihe von einer oder eineinhalb Milliarden Franks zur Ordnung der Währung soll Deutschösterreich bewilligt werden. Ein langfristiger Kredit für Rohstoffe und für die Wiederaufnahme der Arbeit soll ebenfalls zugestanden werden. „Natürlich wäre auch mit diesen Konzessionen die künftige politische Unabhängigkeit Deutschösterreichs noch nicht gewährleistet, das nicht aus eigenen Mitteln leben kann und den Nachbarn, die ihm schon bisher so wenig Wohlwollen gezeigt haben, auf Gnade und Ungnade ausgeliesert. Das würde wieder eine unaufhörlich pendelnde Politik verursachen und die innere Unsicherheit bis zur Unerträglichkeit verschärfen. Um Deutschösterreich wirtschaftlich zu sichern, müßte ihm einerseits der freie Zugang zum Meer, also zur Adria, garantiert werden, andererseits müßte aus den Nationalstaaten eine zollpolitische Einheit gebildet werden, die den ruhigen und gesicherten Austausch von Lebensmitteln gegen Jndustrieartikel ermöglicht. Dies würde auch die Stellung Wiens als großer Austauschmarkt heben und dieser so schwer bedrohten und so schwer leidenden Stadt ein neues Ausleben verbürgen. Die Entente spricht so viel von ihrem Wohlwollen für Wien; jetzt wäre der Zeitpunkt dafür da. dieses Wohlwollen praktisch zu erweisen. Unsere Friedensdelegation hat sich in Saint- Germam bereits eingerichtet und es scheinen auch schon gewisse unverbindliche Vorbesprechungen mit Vertretern der Entente im Gange zu sein. Darauf würde die Abreise von Fachmännern der Industrie und des Handels aus Wien hindeuten, die in der nächsten Woche erfolgen soll. Auch die französische Wirtschaftskommission, die im Auftrag gewichtiger französischer Handelskreise in Wien Verttäge über die Lieferung von Lebensmitteln, Stoffen und anderen notwendigen Bedarfsartikeln abgeschlossen hat, hat sich nach Paris begeben, um dort Vorschläge über die Regelung der Valutasrage Zu machen. Einer Pariser Ägenturmeldung zufolge werden die Tage bis zur Ueberreichung des Friedensvertrages dazu benützt, um durch eine vertrauliche Fühlungnahme den Standpunkt kennen zu lernen, den die Delegierten Deutschösterreichs bezüglich des Anschlusses einzunehmen wünschen. Man nimmt an, das; Dr. Renner in seiner Antwort nach Ueberreichung des Friedensoertrages den Standpunkt Deutschösterreichs zur Anschlußfrage präzisieren wird. Seitens der Alliierten verlange man Kenntnis von dem Wortlaute dieser Erklärung, da man meint, daß Dr. Renner darauf Hinweisen werde, Deutschösterreich sei durch den Beschluß der Nationalversammlung in Wien bereits ein Teil Deutschlands geworden. Wichtig sei es, ob Doktor Renner dieser Feststellung noch eine Erklärung anschließen werde, die ein Eingehen auf die Bedingungen des Friedensvertrages bezüglich des Anschlusses als gegeben erscheinen lasse, oder ob man andere bestimmte Garantien seitens der Delegation erhalten werde, denen zufolge die Alliierten damit rechnen könnten, daß das Anschlußverbot respektiert werden wird. Diese Feststellung sei deshalb nötig, weil es derzeit zwei Fassungen des Friedensvertrages gebe, die eine für den Fall, daß Deutschösterreich auf den Anschluß nicht 'freiwillig verzichtet, die zweite, wenü auf der Durchführung des Anschlusses beharrt wird und somtt Deutschösterreich als Provinz Deutschlands zu behandeln wäre. Im übrigen werde das Anschlußverbot derart verklausuliert sein, daß es Oesterreich nicht möglich fein werde, aus praktischen Erwägungen für den Augenblick nachzugeben in der Absicht, später eigene Wege zu gehen. Der Völkerbund würde mit seinen Machtmitteln in einem solchen Fall in der Zukunft intervenieren und Deutschösterreich ebenso wie Deutschland zwingen, seine eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Es liegen uns folgende Meldungen vor: Die militärischen Bedingungen. Prrls, 16. Mai. „Daily Mail" meldet, daß der Viererrat gestern früh unter Verziehung militärischer Sachverständiger die m i l i t ä r i s ch e itj Bedingungen für Oesterreich beraten habe. Es verlaute, daß die Bedingungen ähnlich den Deutschland auferlegten sein und die A b s ch a f f u n g der Wehrpflicht sowie die Verminderung der Armee umfassen werden. Angeblich sei auch die Schließung der Munitionswerke ins Auge gefaßt worden. Man erwartet, so schreibt! das Blatt, daß der Vorfriedensvertragi am Dienstag oder Mittwoch beit österreichischen Delegierten überreicht werden kann. Die Lebensmittelversorgung Oesterreichs. Paris, 16. Mai. (Funkspruch.) Die vorbereitenden Beratungen der technischen D el e< gierten Deutschösterreichs und ber, Alliierten, die den in Versailles ftöttfinbcnbenl konform find, werden am Samstag und den folgendem Tagen mit den Vertretern Englands und! Italiens ihre Fortsetzung finden. Diese beiden.' Mächte werden zusammen mit Frankreich die Lebensmittelversorgung der österreichischen Länder durchführen. Die Prüfung der Vollmachten. Saiut - Germain-en-Laye, 17. Mai. Das! Datum für die Prüfung der Vollmachten ist! noch nicht endgültig bestimmt; wahrscheinlich wird die! Formalität am Montag stattsinden, und zwar iw einem der Säle des Pavillons Henry IV., wo die interalliierte Milttärmiffion untergebracht ist. Noch keine offizieKen Verhandlungen. Paris» 16. Mai. Bis zum heutigen Vormittag war die offizielleFühlungnahrne zwischen Soim-Gerrnriri und PariS noch immernicht erfolgt. Die deutschösterreichische Delegation ist im großen und ganzen installier Die Ernrichrung der Bureauräumlichkeiten ist im Zuge. Der projektierte direkte telegraphische Verkehr mrt W r e n ist noch nicht ausgenommen, doch sind für diesen Zweck Hughesapparate bereits installiert. Zahlreiche Arbeiter sind, mit der Fertigstellung der Linien und dem Legen von Telephonen beschäftigt. Im Salon deS Staarskanzlers haben gestern vor» nnttags, nachmittags und abends Beratungen über einzelne wichtigste Materien der Friedensverhandlungen stattgefunden. Der fröhliche Nenner. Paris, 16. Mar. (Tel.-Komp.) In einem der Ankunft der deutschösterreichischen Delegierten gewidmeten Artikel schreibt der „Temps": Die Delegierten wurden inmitten von frischem, von der Natur dargebotenen Grün empfangen^ wodurch der Empfang einen intimen Charakter trug. Der Bericht schildert D r. Renner als fröhlichen Menschen, der lebhaften Auges die Umgebung betrachtete und die Begrüßung des Präfekten höflich, ohne jede undemokratische Etikette, den Filzhut in der einen, die Zigarre in der andern Hand, anhörte. Auffallend sei Dr. Renners Fürsorge für seine Begleitung. Eine Warnung vor Larmnafch. Berlin, 16. Mai. Die „Deutsche Mg. Zig." meldet aus Lugano: Mit bitterem Groll verzeichnet man in Italien die mehr als nur korrekt höfliche Aufnahme, welche die ö st e r r e i ch i s ch e Delegation bei ihrer Ankunft in Saint-Germain seitens Frankreichs erfahren hat, und knüpft an diese diplomatische Tatsache resignierte Betrachtungen voll von maßlosem Groll.! „(Sortiere bclla Sera" warnt Frankreich vor dem Plane des Professors L a mm a f ch, der als der E r b e d e r P o l i t i fe Franz Ferdinands vor kurzem kein Hehl daraus gemacht habe, daß die Zuteilung Südtirols zu Italien zu neuem Blutvergießen führen müsse, sobald die deutsche Nation wieder genug zu Kräften gekommen sei. Ein Donaubund sei nur die Wiederherstellung Mittel-Europas in neuer Form. Ein Donaubund mtt deutschfeindlicher Tendenz sei eine Täuschung.; Soll ein neues Oesterreich geschaffen werden? Paris, 16. Mai. „Gcmvam" veröffentlicht einen Leitarttkel im „Journal des Debats" über* die Friedenskonferenz, beginnend mit einigen Liebenswürdigkeiten für die deutschösterreichischen Delegierten, speziell für Staatskanzler Doktor Renner. Besonders scharf wendet sich der Artikel gegen die Erklärungen des „Corriere della Sera", der vom Friedensvertrag sagte, daß er die Aussicht auf eine kontinentale Hegemonie Frankreichs eröffne, und der erklärte, daß sich die italienische Regierung in Paris einer solchen unheilvollen Präpotenz rvidersetzen müsse. Der „Corriere della Sera" protestierte gegen das französische Projekt, ein Oesterreich nä r,6um del~ phini, das heißt ein slawisches und ant ideutsches Oesterreich-Ungarn zu schaffen. „Gauvain" bemerkt dazu: Jawohl, wir und die Anglo-Amerikaner wollen mit den aus der Zerstückelung derhabsburgifchen Monarchie hervorgegangenen Staaten einen slawischen und antigermanischen Block konstituieren, der unseren Sieg und die Ruhe in der Welt garantieren wird.