Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 119 (18.5.1919)
- Date
- 1919-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wim. Sonntag Wiener Morgenzettnng 18. Mat 1919 Nr. 119 Die bevorstehende Rückkehr Paderewskis nach Paris. Krifenstimmung in W r./cha». Krakau, 17. Mai. (Tel. der ,Wr. Morgenztg/) Wie polnische Dllltter berichten, kehrt Ministerpräsident PaderewSki demnächst wieder nach Paris zurück, da feine Anwesenheit dortselbst anzestchts der bevorstehenden Entscheidungen Über die Sstgrenze Polens notwendig ist. Die maßgebenden Faktoren der Entente drangen zur Einstellung der polnisch-ukrainischen Feindseligkeiten. Dem Krakauer „Krrryer Codziennh" zufolge hat B a l f o u r in einer nach Warschau gerichteten Rote das Aufgeben der beabsichtigten Offensive in Ostgalizien verlangt und mit der Einstellung der Zufuhren nach Polen gedroht. Polnische Blätter erklären einmütig, daß die vorgeschlagene Demarkationslinie sür die Pole« unannehmbar sei, da in diesem Falls das galizische Raphthagebtet in ukrainischen Hände« verbleiben würde. Zn diesem Sinne hat auch dain London gegründete internationale Komitee zum Schutze der galizische« Naphthaintereffeu bei der Entente interveniert. Aus Aeußerungen Paderewskis geht hervor, daß die Teschener Frage einige Zeit hindurch sich sür die Polen ungünstig gestaltet hat. Die tschechischen Vertreter in Paris verlangten die sofortige Anerkennung Teschens und drohten mit der Abreise a « S Paris. Dank der Intervention PaderewSNS wurde« die beiden Parteien zur Lösung der Teschener Frage im Kompromißwege veranlaßt. Rach Warschauer Berichten scheint flch in Warschau eine politische Krise vorzubereiten, deren Resultat eine Rekonstruktion des Kadi nett SPaderewSki sein dürfte. Er kann sich aber ereifern und andere mitreißen, wenn von unseren nationalen Rechten die Rede ist. Er ist eines der Mitglieder des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, die über Vorschlag des Präsidenten vom Senat ernannt werden. Ein fähiger Jurist nimmt in Amerika eine hohe gesellschaftliche Siellung ein. Er ist auch der Präsident der Zionistischen Föderation in Amerika, die seht außerordentlich mächtig und einflußreich ist. Hier in Paris wurde er einstimmig zum Vorsitzenden unseres »Comttä des Delegations" gewählt. Weiters der auch außerhalb Amerikas bekannte Louis Marshall, einer der angesehensten Advokaten in New-Pork. Er ist Anwärter aus einen Ministerposten, ungeheuer einflußreich, auch bei der gegenwärtigen Negierung der Vereinigten Staaten. Er war vormals ein hartnäckiger Gegner des Zionismus unb der „nationalen" Rechte der Juden, aber während der Kampfe für den jüdischen Kongreß erklärte er seinen Anschluß an diesen und einigte sich betreffs der diesbezüglichen Forderungen auf eine Kompromißformel. Der Typus eines nationalen Afflmilanten. Ein gutes, heißes jüdisches Herz schlägt in dieser energischen, starken Erscheinung — und er besitzt einen starken Witten, seinen Vrüdem zu dienen, die minder glücklich sind, als ihre Landsleute in Amerika. Zusammen mit dem anwesenden Cyrus Adler ist er der Hauptleiter jenes „Conjoint Distribution Committees", das während des Krieges für das Rettungswrrk zugunsten der vom Kriege betroffenen Juden in Europa sowie in.Palästina Millionen sammelte. . .Hier in Paris ist vor allem Marshall der Träger des Gedankens, die französische und englische Assimilation, die flch um die Alliance Israöüte und des Londoner Joint Committee gruppiert, zur Unterstützung unserer nationalen Forderungen zu bewegen. In dieser Hinsicht hat er allerdings wenig Glück. Wer könnte auch erwarten, daß Feinde des Zionismus wie die bekannten Herren Vigart von der Alliance und Lucien Wolf sowie Claude Montesiore sich zur Unterstützung unserer Forderungen vor der Friedenskonferenz hergeben werden? Wir sind mit ihrem Versprechen, uns nicht zu schaden, zufrieden. . Prof. Frankfurt e r, eine junge elegante Erscheinung. befreundet mit Wilson, ist gleichfalls Jurist. Er wurde in den letzten Jahren sür den Zionismus gewonnen, wie Vrandeis, Mack und viele, viele andere. Ihm wurde seitens der Leitung der Zionistischen Organisation eine schwere und verantwortungsvolle Mission übertragen. Er arbeitet für die Friedenskonferenz das öffentlich-rechtliche Dokument betreffs der nationalen Heimstätte in Palästina aus, das die Rechte und Pflichten der drei Dertragsteile enthalten soll : der D ö l k e r l i g a. die England das 'Mandat über Palästina überträgt. England, das der Zionistischen Organisation die zur Schaffung des „National Home14 nptigen Rechte und Berechtigungen erteilt und jHließlich der Zionistischen Organisation, die mit England die Vereinbarung trifft. Neben Frankfurter das gute, brave Geflcht des Lieblings der jüdischen Masten. B a r o n d e tz. Ein vorzüglicher Dolksredner, voll Schwung und Humor, spricht am liebsten jüdisch. Er wurde in Beßarabien geboren, kennt das Ostjudentum und seine Leiden; wenn er von ihnen spricht, steigen ihm die Tränen in die Augen. Oberst Culler ist ein anderer Typus. Ein Wortkarger, an Dokumente, und das Handeln gewöhnt, leitet er in der Föderation eine Institution, die sich speziell mit der moralischen, rellAösen und physischem Fürsorge für die jüdischen Soldaten in der amerikanischen Armee befaßt. Als Präses dieses „Iervifh Welfar Board" veranstaltete rt zwei Sederabende, wie er überhaupt für die gesamten rituellen Bedürfnisse der 50.000 jüdischen Soldaten in Frankreich sorgt und die diesbezügliche Institution leitet. Zu den Sederabeuden. die in Paris, in einem schönen Saal, für 500 jüdische Offiziere veranstaltet wurden, lud er auch unser Komitee ein. Unvergeßlich bleiben diese Abende, wo an einem Tische neben den politischen Repräsentanten des amerikanischen Judentums die hervorragenden Vertreter der Juden Osteuropas saßen: neben Marshall und M a ck — T h o n, U f s i s ch k i n. R o s o f s und B r a u d e, die Palästinenser Pellin und W i lkansky, die Delegierten aus Rumänien und Tschechien. Und dazwischen ein frariMscher General, ein Christ, als Gast, in Dertceluna des Maksckalls Fock, und ein zweiter Nichtjude — ein Mitglied des amerikanischen Kongresses. Man sieht erst, welchen ungeheuren Einfluß das amerikanische Judentum aus seine Regierung und Gejellschast hat, wenn man die durch Cutler zur Verlesung gebrachten Telegramme und Briefe verschiedener Persönlichkeiten hört, die diesem Iewish Welfar ihre Oslerwünsche entboten. Der Hauptkommandierende des amerikanischen Heeres, Pershing, der Maüneminister Daniels, der Kriegsminister Baker, der englische Minister S am u e l und Marschall Fach — dies bloß ein Test der Gratulanten, die ich erwähnte. tn fl Ami WtHntratHfrw imift Waruntf. , |üt aiutgtt «me. »mtlamU« H« t HÜI. Lcop. ftmjcr, Wien, VH., Wesiblchnstraße 23. Tritt) iw« 81647. 8«9 „Erreichtes trab Versäumtes." In einer dltiht von Artikeln schildert Rüben Fink im New-Yv rler „Jiddischen Kämpfer", davon der zionistischen Detegati-n in Paris Erreichte und Versäumte. Irl seinem elften Sonderartikel legt er bar, baß die Zionisten und ganz de,anders die Delegierten deamerikanischen jüdischen Kongresses viel zu spät nach Paris gekommen sind und dadurch vor allem die geradezu einzige Ge e^nljeit, gleich den anderen Nationen sich viitcn Delegierten am FriedenStisch bei den Beratungen zu sichern, tuie auch die Möglichkeit, die jüdische Frage gleichzeitig mit den Vorschlägen betreffs der Liga der Nationen zu erörtern, versäumt haben. (Auch Dr. Syrkm berichtet in ähnlichem Sinne in einem Briefe an da- Zenrralkvmit« der amerikanischen Paale Zion) In seinem zweiten Artikel weist Rubcn Fink aus das in Paris Erreichte hin, und schreibt: „Jetzt wollen wir sehen, was sie. die Zionisten, bekommen haben. Ich will gleich erklären, daß ich unter „fte" die Führer der Zionisten meine, in deren Hand die ganze Sache gelegt wurde. Das ist wichtig. Das, was die Führer erlangt haben, hat vielleicht recht vielen Zionisten aller Schall ic. ungen nicht gefallen. Das „Volk" hüll« sicher ein anderes Programm vorgelegt. Ob daS Volk dies Programm Hütte durchführen können oder das Spiel ganz verloren hätte darüber kann mau nur Vermurungen austeilen. Es ist alle: Vings möglich, daß man latjüchlich envaS mehr hüt:e erreichen können, als di« Führer verlangt haben. Ich will jedoch nochmalstark unterstreichen, daß die zionistischen Führer im allgemeinen alles erreicht haben, wa» sie verlang len. - Ein Ersvlg, dessen kein anderes Volk bei der Friedenskonferenz sich rühmen kann, nicht einmal die ganz Große,» von den „mächtigen Zehn". — Die Hauptpunkte, die die zionistischen Führer verlangt haben und die ihnen auch so gut wie ganz bewilligt wurden, sind folgnw-r 1. D»e Ftüdenskouserenz in Pari» anerkennt ohne irgendwelchen Do r behalt du» Prinzip, daß ein jüdisches „ common in Palästina wünschen-ivert ist und daß dieses „Commonwealth“ von den VSckru unterstützt werden soll. 8. Unter Palästina hat man jenes Territorium zu verstehen, weiches zur Zeit der Bibel mit diesem Nmi-en bezeichnet »vvrdon >st. das heißt das Land, da» die Juden in den erfolgreichsten Jahren ihrer Geichichte besaßen, das Land, das sich von Dan bis Beerseüa hinzieht und das daS „größere Palästina" geirannt wird. b. Palästina soll unter bi« Aus sicht der Liga der Rationen gestellt werden. 4. Dies« Liga der Nationen soll einem ihrer Mitglieder — uw» mcitu damit sicher England — im Namen der Liga das Mandat Über dieses neue Reich erteil unb das Mandat soll laut den Vorschriften und. Gesetzen der Liga ausgeübt werden. Wie lange diese» Manbat audauern sott, ist unbestimmt, und hängt von späteren Umstünden ab, laut dem Witten und der Fähigkeit der Einwohner von Palästina. 5. Die Juden in Palästina sollen nationale Rechte haben und volle Gervalt über ihre eigenen Angelegenheiten unter allgemeiner Aufsicht des Mandatars. Die jüdischen Gemeinden in Palästina, jede besonder- und alle znsamtnen als Ganzes, sollen diesenationale Recht bei der Einrichtung ihrer eigenen Institutionen besitzen. Sie sollen eine Art aulonome- Leben in allem führen, war die Juden in Palästina berührt. Dies wird unb »'singt so verstanden, daß daiüdisclie national« Recht von dein Mandatar anerkannt wird - S. Palästina wird heim —* „kOin«i*A4M -■* tereffen der Juden in allen anderen Ländern wie auch die Interessen der Nichtjuden in Palästina nicht berühn werden. 7. Die Juden sollen eine pwponionelle Vertreterschaft laut ihrer Macht und ihrem Einfluß in den verschiedenen „NegierungScouni-iis" und anderen administrativen Einrichtungen Huden. L. Die Juden sollen daS absolute Recht erhalten, die Aufsicht über die jüdische Immigration in Palästina zu führen. Die Juden sotten die Einwanderer an daS Laich anpassen und sie für die zukünftigen Bedürfnis,e und Beschäftigungen vorbereiten können. Es wird unzweideutig verstanden, daß diese Regulierung ausgearbeivet und kontrolliert wird von dem jüdischen administrativen Komitee. Daher wird die nichtjüdische Bevölkerung di« Juden, die sich in Palästina niederlassen wollen, nicht stören können und gleichzeitig werden die Juden Bestimmungen treffen können, trotz liberalstem Reglement nur diejenigen zur Einwanderung zuzuiassen, die dem Lande behilflich und nützlich sein können. st. Der Besitz von Boden sott so geregelt werben', daß er nicht in die Hand von Spekulanten gerate« kann. Der Boden soll nur denjenigen verkauft werden, die ihn bebauen wollen und darüber soll die jüdische Administration zu entscheiden habe». Sie soll auch im eigenen Namen Land für die Landarbeiter, kaufen könne», so daß eS nicht vertrustet »verden kann. 12. Es wirb verstanden und anerkannt von de» Völkern der Friedenskonferenz. von der Mandatarmacht, wie auch von den Nationalitäten, die Palästina bewohnen, daß Palästina sä>on jetzt ein jüdisches ,Home" wird und daß ein möglicher Juden st aal in der Zukunft errvartet wrrd, laut den Umständen der Bevölkerung und anderen Faktoren. (Bei diesem Punkt drückt man sich nicht ganz klar auS.) Diese Punkte sind die „zehn Gebote", die die zionistiscl)en Führer in Parigefordert und erlangt haben. Ich schildere sie hier in meiner eigenen Sprach« und nach meiner eigenen Anordnung. Die Zionisten wecken wahrscheinlich »ach einiger Zeit alleveröffentlichen und einige meiner Punkte noch berühren und von anderen Punkte« bloß kürzere Details Mitteilen. Aber nach der Ansicht von Welzmann. Rosow, Jaoobsohu, Lhatmjo» und selbst Sokolow habe ich damit di« wichltgste» Puukie milgereilt. Nach mannigfachen Unterredungen und Betrachtungen mit ihnen habe ich dieherausbelouimen. Wie man sieht, haben also die Führer im allgemeinen alles erreicht, was sie verlangt haben» und weshalb- Weil sie ein solche» Minüitum verlangt haben, daß gar keine MügltchkeiL mehr zum Verlieren übrig blieb. Den Umständen und den sehr descheideiwn Forderungen, die von den Zionisten aufgestellt worden sind, entsprechend, mußten sie gewinnen, speziell wenn man die Prvlekiton betrachtet, die sie gehabt, und di« große Arbeit, die sie geleistet haben. Deshalb haben sie mehr Erfolg gehabt als sv manche große Macht. Wir haben also einstweilen nicht mehr wie eine Art „Homeland" (ein sehr unbestimmter Terminus) in Palästina, und wir bekommen dort nationale Rechte (wie die Juden sie jetzt in Litauen haben und wie sie die Inden in Saloniki zn haben pflegen) — das ist jetzt, das ist vorderhand. Später, werin die Inden in Palästina die Majorität bekommen, werden diese nationalen Rechte eine andere Bedeutung haben. Dann — so wird es verstanden (obwohl es nicht klar bezeichnet ist) wird erst der wirkliche jüdische Staat in Palästina -«schassen »necken. Jener Staat, den wir ei,»e zeitlang erhofft ha»-en. Jetzt haben wir emen halben Sieg — die endere Hälfte de» Siegshängt davon ab, wie schnell die Judsn nach Palästina Übcmlledk'kn wollen. ES heißt also, metm &**» wollen, so staden wir Paläsiiim. jüdischedadurch solle» die Zn- 1 bk