Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 119 (18.5.1919)
- Date
- 1919-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Auf diese Weise wird das Balkanchaos nicht kleiner, sondern noch größer, um so mehr, als zur nationalen Unzufriedenheit sich noch die autonomische gesellt, die bereits in Sarafevo, Belgrad und Sofia wie in verschiedenen rumänischen Städten zu blutigen Zusammenstößen zwischen dem Militär und der Zivilbevölkerung führte. Die Motive der Unzufriedenheit der Bevölkerung des Balkans und der angrenzenden Territorien entspringt wohl verschiedenen Motiven, aber insoserne sind sie gleichartig, als man in Belgrad, Sofia, Bukarest, Cettinje bis tief nach Albanien hinein eine täglich wachsende Unzufriedenheit mit-den Regierungen konstatieren kann und eine vollständige Aenderrmg des herrschenden Systems fordert. In Serbien herrscht ein reaktionäres System der Soldateska, welches trotz der pseudo-demokratischen Maske mit brutaler Gewalt die soziale Bewegung aus der Welt schaffen will, sogar Maifeiern verbietet und mit den italienischen Imperialisten einen Wettlauf im nationalen Chauvinismus veranstaltet. Hierzu tritt noch die nach preußischem Muster sich gebärdende Großschnqutzigkeit des zentralistischen Großserbentums, das gegen die Slowenen.und nyÄ mehr gegen die Kroateti und Muselmanen so öorgeht/wie man von Berlin die süddeutschen Staaten aber besser .gesagt, wie man von polnischer Seite die Mrainer. behandelt. Die Früchte dieser Politik sind in Kroatien und Bosnien dieselben wie in Galizien. Die Unzufriedenheit gegen den Belgryder Zentralismus äußert sich nicht nur in dem Anwachsen der radikal-sozialistischen Strömung in den südslawischen Gebieten, sondern auch darin, daß man ernstlich von einer baldigen Opposition des Ministers Dr. Korosee und seines slowenischen Anhanges sowie de? Führers einer großen bosnischen kroatischen Fraktion des Dr. Sunaric in eingewcihten Kreisen spricht. Sehr verstimmt ist man auch gegen „die Schwäche der, Belgrader Regierung gegenüber den maßlosen Forderungen der italienischen Machthaber nach sioweno-kroatischen Gebieten". Soweit ist man verbittert,,' daß man sogar nach Belgrad in gewissen Kreisen — droht, lieber eine nationale Autonomie des gesamten sloweno-kroatischen Volkes unter' Italien einem nach Verlust großer Gebietsteile verstümmelten und von Belgrad aus zentralistisch regierten lebensunfähigen großserblfchen vulgo südslawischen Staate vorzuziehen. — Vorläufig ist ja eine solche Strömung nicht ernst zu nehmen; sie ist aber symptomatisch für die Stimmung eines großen Teiles der.slowenischen und kroatischen Bevölkerung. Wer nicht nur nach innen, auch nach außen'ist die Lage Jugoslawiens keine günstige. In Bulgarien herrscht noch immer Verbitterung gegen die Belgrader Machthaber, welche manche römische Kreise dazu ausnützen möchten, um ein bulgarischitalienisches Vüdnis gegen die südslawische und die ihnen nahestehende griechische Regierung zustande zu bringen. * Die italienischen Interessen kreuzen sich nämlich ebenso mit den griechischen wie mit den südslawischen in Albanien, wo es neuerlich bedenklich gärt. Angesichts dieser Umstände legt Italien auch einen großen Wert auf die Befriedigung Rumäniens im —- Banate, das auch die Serben ganz für sich begehren, zumal eine Niederlage der diesbezüglichen Ansprüche der jetzigen Bojarenregierung sehr leicht ihre Position erschüttern könnte. Wohl hat Rumänien als Ersatz die Zusage auf ganz Bukowina. " Allein die dortigen Urkrainer werden der Einverleibung in den rumänischen Staat ebenso wenig ruhig zusehen, als ihre Stammesgeuosien in Ostgalizien sich der polnischen Herrschaft oder die in Ungam der Tschechisierung sich fügen würden. — Nein, wenn so das Selbstbestimmungsrecht der Völker anfgesaßt wird, dann stehen wir am Anfänge eines endlosen neuen Völkerkampfes. Friede zwischen Polen und Ukrainern. Paris, 16. Mai. (Tel.-Komp.) Das Zustandekommen eines Friedens zwischen de« Polen und denAkrainern wird, wie in hiesigen politischen Kreisen angenommen wirH, anf die bolschewMsche Bewegung inSrußland von großem Einfluß sein. DieMramer haben wegen der Feindseligkeiten mit den Polen über Zwei D rittelihres Gcb rat e s a n b i e V o lsch ewrken verloren. Der Friedsnsvertrag enthält eine VeftimmnnZ, daß die Polen sich zur Aufstellung einer Armes verpflichten, die zur Befreiung der ukrainifchen Gebiete von den Bolschewiken bestimmt ist. Dagegen würde Polen d i s G r e n z e n erhalten, d i e e s w ü n s ch t. Es ergibt sich somit, daß eine neue starke Armee gegen Lenin ins Feld gestellt wird. Die polnische Armee wird durch drei Divisionen des Generals Haller verstärkt und kann als die beste und disziplinierteste Armee in Osteuropa angesehen werden. Sie wird den gefährlichsten Feind darstetten, der Lenin bekämpft. Erfolgreiche Offensive der russischen Sowietarmee. Die rumänische Front durchbrochen. Moskau, 17. Mai. sFunkspr. d. Tel.-Korr.-Bur.) Kriegsbericht der Sowietrepublik. Die Ukrainischen Roten Truppen hahen die rumänische Front durchbrochen, den Dnjestr bei Tiraspol überschritten und die Stadt Lschoibrutschk eingeno m men. Zwischen K asarr und Perm hat die Offensive der Rote» Truppen begonnen. Ko rowaj und Bjelousowskoje find erorbert. Am OberlatH der Kawa zogen die Roten Truppen in M aka rowskoje ein. Am Sidorjaka» südlich von' Selej, wird noch gekämpft. Unsere Offensive im Rayon Lugansk macht gute Fortschrittes ein Regiment der Grigvrjewschen Division ist zu uns übergegangen. Das 10. Regiment der Division Kappel wurde bei Ratjonschtadasewo vernichtet und 700 Gefangene eingebracht. An der Krirrrfchen FrontschWerten feindliche Angriffe. An der Ostfront gehen ganze Truppen» teile, auch neye , Forbrationem zu -uns über. Die Offensive der Roten Armee gegen SterMamak schreitet fort. Buguma wurde von uns genommen. Seit 20. April ist der Schiffverkehr auf der! Wolga und ihren Nebenflüssen wieder eröffnet. Fiume und Konftautrnopel. A m K t v b « m, 17. Mai. (Korr.-Bur.) Der Pariser Korrespondent des „Daily Telegraph" erfährt von unterrichteter Seite, Latz die Fra e von Fiume nunmehr so gelöst worden ist, Latz die StadtI t a l i en g ege benwird, das durch einen Staatsvertrag die B e- Nutzung des Hafens de« Südslawen überlätzt.; Die Zukunft K o n st a n t i n o p e l scheint gleichfaNs endgültig geregelt zu sein. Die Stadt wird E i g e u tum des Völkerbundes. Amerika, Frankreich und England werden wahrscheinlich gemeinsam als Mandatarmächte auftreten. Ein Synhedrium des Mischen Volkes in Paris. Von Dr. Michael Ringe!» Delegierter des Lembergs Jüdischen Nauonalrales m Paris. Vor 113 Jahren gab der Kaiser Frankreichs und der Herrscher über ganz Europa, Napoleon l. — zu jener Zeit am Gipfel seiner Macht — den Rabbinern und Notabeln in Frankreich und Italien den Befehl, sich als jüdisches Synhedrium an einem bestimmten Tag in Paris zu versammeln. .Dabei legte er ihnen, streng und militärische eine Reihe von Fragen vor, welche das Verhältnis der Juden zur französischen Nation und zum französischen Staat betrafen. Die Beantwortung wünschte er in seinem Sinne und in unserem . . . Konnte doch das durch die große Revolution den Juden erteilte Menschenrecht rückgängig gemacht werden» und die Ghettomauern standen noch unberührt, als ob sie drohen würden ... Die Antwort dieser Kinder des Ghetto war voller Kompromisse und Konzessionen. Und t nm den Preis der Emanzipation verleugneten sie die jüdische Nationalität. Im März 1919 versammelten sich — neuerdings in Paris — nicht Notabeln, sondern. Vertreter der Juden, vom Volk auf der Grundlage weitester Demokratie gewählt, Sie kamen her nicht auf Befehl von Herrschern -7im Gegenteil, nach Ueberwindung von Schwierigkeiten, die ihnen seitens der Behörden ihrer Wohnländer bereitet wurden. Sie kamen, um ihre Forderungen als Nation geltend zu machen. Nach den zionistischen Kongressen ist das der erste Anfang einer allgemeinen Versammlung der Juden 70 Milliarden österreichischungarische Kriegsschulden, i Alle neuen Staaten müsse« zahle«, h, Haag, 17. Mai. (Tel.-Komp.) »tzimdelss blad" meldet aus Paris: In den wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensvertrages mit Oefterreich-Angarn wurde ei« G e» famtbetrag v 0 n 70 Milliard e« für die Bezahlung der Kriegsschulden festgestellt. Ce soll wegen seiner Höhe über alle Staate« Oesterreich-Ungarns verteilt werde«, wogegen sich jedoch die «engegründete« Staaten auflehnen. der ganzen W elt, die verkünden, daß sie als Nation für die in der Diaspora verbleibenden Volkstelle nationale Minderheitsrechte fordern. , Das Napoleonsche Synhedrium bedeutete Ghetto und Resignation, unsere Konferenz ist die stolze Proklamierung von Fordemngen an die Adresse der Weltmächte. die auf der Friedenskonferenz zv Paris versanmrelt sind. * Am 18. März haben die Verhandlungen begonnen. Die Delegierten, die von beiden Halbkugeln herkamen, wollen sich kennenlecnen, sich nach beinahe fünf Jahren Krieg und Trennung die Hände reichen, ihre ersten Eindrücke und Gedanken austauschen. An erster Stelle stehen die Amerikaner: hinsichtlich ihrer Zahl, ihrer SelbstsichLcheit und der Derschiedenartigkeit der Typen. Es sind dies die Abgesandten des ganzen Judentums in Amerika — dreier Millionen Juden, die unter langen und hartnäckigen Ideenkämpfen alle Telle „ m einem einheitlichen Kongreß und unter geineillfamen nationalerr Losungen vereinigt haben. Wer das amenkanifche Judentum aus der Vorkriegszeit kennt, kann sich nicht genug wundem über das mrgrhruse Anwachsen des nationalen Gefühls bei den Juden sowie der Zahl der zionistischen Anhängerschaft in diesem Lande rücksichtslosester. Freiheit und Gleichheit. Sie werden angeführt von „Iudgo Mack", „Richter Mack" wie man ihn überall und stets tituliert. Ein typisches Gesicht eines Amerikaners, glatt rasiert, Ruhe und Unparteilichkeit in jedem Worte und jeder Bewegung'