Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 118 (17.5.1919)
- Date
- 1919-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 118 Wien. Samstag Die Verhandlungen Die Ankunft der Deutschöfterreicher. Saint-Germain, 16. Mai. Bei der Ankunft der 8 st e r r e ich t,f ch e n Delegationin Saint-Germain am Mittwoch um 6 Uhr abends hatten sich auf dem außerhalb des Städtchens gelegenen Bahnhof der Grande Ceintmc (Pariser Um-' gebungsbahn) der Präfekt des Departements Seine-et- Oife C h a l e i l und die der Delegation zugeteilten französischen Offiziere unter Führung des Mäjms Bourgeois eingesunden. Z ah l l o s e Journalisten aus den Ententelänvem und viele Photographen drängen sich um die Waggons. Staatskanzler Dr. Renner erwiderte die höfliche Begrüßung des Präfekten mit einigen Worten des Dankes, in denen er der Befriedigung über das Entgegenkommen der französischen Regierung während der Reise Ausdruck gab und die Hoffnung aussprach, seinerseits mit freuoigem Herzen von Frankreich scheiden zu können. Mit zahlreichen Autos wurden die Delegationsmitglieder in ihre Quartiere befördert, die sämtlich in zwei abgesperrten, sich kreuzenden Straßenteilen in der Nähe der Terasse und des Schlosses liegen. Ein Teil d es Parkes ist durch einen L a ttenzaun abgegrenzt. Hier und in den beiden Dillenstraßen haben die Mitglieder Bewegungsfreiheit. Der Staatskanzler wohnt in der prächtig gelegenen Villa Josef Reinachs, die, für diesen Zweck geräumt wurde. Eine offizielle Fühlungnahme ist noch nicht erfolgt. Heute vormittags wurden die Bureaus eingerichtet. Die Aeberreichung des Vertrages schon wieder verschoben. Paris, 16. Mai. Dem „Petit Pansien" zufolge werde der Text des Friedensvertrages mit Oesterreich warfcheinlich nichtvorMitteder nächsten Woche den österreichischen Delegierten übermittelt werden. Das Dokument werde sehr umfangreich sein. Gegen das Anschlutzverbot. Versailles, 16. Mai. „P o p u l a i r e" protestiert gegen die Absicht der Ententeregierungen, die Vereinigung Deutschösterreichs mit Deutschland zu verbieten. Die Völker würden gegen diese augenfällige Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes Einspruch erheben. Der Viererrat und der Fünferrat hätten längst eingesehen, daß sie durch dieses Verbot gegen die Grundsätze Wilsons verstießen, aber schon seit langem treten sie ihre Skrupel mit Füßen. Es sei aber noch etwas anderes zu berücksichtigen. Wenn man nämlich' den voraussichtlichen Willen Deutschösterreichs verletze, so schaffe man k ü n f t i g e K o n f l i k t e. Man brauche nur daran zu erinnern, wie anläßlich der Vereinigung Osttumeliens mit Bulgarien und der Angliederung Bosniens und der Herzegowina an Oesterreich-Ungarn Weltkonflikte auszubrechen drohten. Wilsons Rückzug in der Fiumaner Frage. Versailles, 16. Mai. Wie der „Temps" m.ldet» scheint seit gestem das neue Bestreben zu herrschen, das Fiumeproblem durch einen nichtoffiziellen Meinungsaustausch zwischen Italien und Südslawien einer endgültigen Lösung zuzusühren. Es sei beabsichtigt, Fiume und Susan in drei Zonen zu teilen. Auf dem östlichen Reeinaufer soll Susak mit dem Hafen unter südslawische Sou.veränität kommen; aus dem Westuser soll die Stadt Fiume italienisch werden, während der H a s e n in zw e i Tel l e geteilt werden soll. Der westlich vom Dahnhos gelegene Teil soll vorbehaltlos an Italien fallen, während der Teil zwischen der Recinamündung und dem Bahnhof den Südslawen aus 99 Jahre verpachtet werden soll. Die verpachteten Gebiete vürfien von einer gemischten italienisch-südslawischen Behörde verwaltet werden. Zwischen Wilson, Lloyd George und Clemeneeau habe eine Aussprache stattgefunden, die damit endete, daß Wilson sein Desinteressement bezüglich des Londoner Vertrages erklärte, da es noch vor dem Eintritt Amerikas in die Alliance abgeschlossen worden sei. Damit scheint Wilson einen Ausweg aus der für ihn schwierigen Lage gefunden zu haben. Prüfung der deutschen Noten. Paris, 16. Mai. (Havas.) Der W i r t s ch a f t eausjchuß, die Sch adenersatzkomMissio n und die Kommission für die Festsetzung der deutschen Grenze sind mit der Prüfung der letzten drei von der deutschen Delegation eingereichten Noten beauftragt. Dolksabstimmung in Deutschland über den Friedensvertrag? Berlin, 16. Mai. Wie die „Germania" mitteilt, beschäftigt sich das Kabinett nach wie vor mit der Frage der Volksabstimmung über die Friedensverhandlungen für den Fall, daß keine Abänderungen des Friedensentwurfes der Entente möglich wären. Einen endgültigen Beschluß habe das Kabinett noch nicht gefaßt. Auch in den Fraktionen der Nationalversammlung werde die Frage erörtert. Wiener MorgenzLitung in Gaiut-GerMM» Kriegsentschädigung an die Tschechen. * ' Berlin, 16. Mai.' Die „B. Z. am Mittag" meldet, aus Versailles: Ein Leitartikel des .„T emps" verrät, daß O e st e r r e i ch auch Schade ne r s a tz a n I t a l i e n zahlen soll und daß die T s ch e ch o -Slowakei auch an der österreichischen Kriegsschuld teilnehmen werde. Italien Verlangt neue Kolo men. Versailles, 16. M-i. Dem „Petit Parijien" zufolge verlangt Italien nunmehr auf Grund des Vertrages vom Jahre 1915 angesichts der Vergrößerung des französischen und des englischen Kolonialreiches in Afrika die ihm zustehende Schadloshaltung an den Grenzen seiner Kolonien. Ein Ausschuß, in dem Lord .Milner England, Henry Simon Frankreich und M a t t i n o Italien vertritt, soll diese Frage erörtern. Man wolle Italien zwei von den Vorsprüngen an der tunesisch-tripolitanischen Grenze, einen Teil von Knglisch-Somaliland und ein Gebiet nördlich von Dschibuti abtreten. Keine deutschen Schiffe für Polen. Paris, 16. Mai. (Reuter.) Der Rat der Minister des Aeußern hat das Ersuchen der olnischenRegierung um Zuweisung eines eiles der deutschen Handelsflotte ab ge wiesen. Der Krieg gegen die russischen Bolschewiken. Versailles, 16. Mai. Die Pariser Ausgabe des „New BorkHerald" meldet, daß ein Ausschuß für Ostseeangelegenheiten gestern von der Friedenskonferenz eingesetzt wurde. Es wurde beschlossen, daß eine verbündete Flotte in die Ostsee geschicktundeineAnzahlInfanterie- 'bataillone aus den Armeen des Verbandes gebildet werde. Wenngleich der Zweck dieser Expedition amtlich noch nicht bekanntgegeben worden ist, liegt doch Grund zur Annahme vor, daß eine Ö p e r a i i o n gegen Petersburg staitfinden soll, da Admiral Koltschak darauf besteht, daß man den ,Finnen nicht erlaubett dürfe, gegen Petersburg zu ziehen. Das „nie-ergefchmetterte Oesterreich". Amsterdam» 16. Mai. Die „Tim es" schreibt in ihrem Leitartikel vom 13. d. M., Oesterreich müsse gezwungen werden, die alten Uebel ungeschehen zu machen und eine solche Ver» gütung leisten, wie seine Mittel gestatten. Andererseits wurde es so vollständig niedergeschmettert und erscheint seine Aussicht auf Wiedererlangung des Großmachtranges sohoffnungsl o s, daß man ihm gegenüber vielleicht Mild e zur Anwendung bringen können wird, die im Falle Deutschland eine Torhett wäre. Das Blatt empfiehlt den österreichischen Delegierten, nicht die Haltung der deutschen D e l e g i e r t e n nachzuahmen und sagt, eine gemäßigtere Haltung würde politisch klüger sein. Die Anscklukfraae. Rotterdam, 16. Mai. (Wolfs.) Nach dem „Nieuwe Notterdamsche Courant" schreibt der Pariser Korrespondent des,D aily Telegraph", man dürft nicht glauben, daß die Frage des Anschlusses Deutschösterreichs an Deutschland in Paris einseitig beurteilt werde. Die auf der Hand liegende Tatsache, daß der Anschluß die Bevölkerung des Erbfeindes Frankreichs um mehrere Millionen verstärken würde, ist nach dem Urteil verschiedener französischer Diplomaten keineswegs ausschlaggebend. Sie sind der Ansicht, daß der Anschluß Deutschösterreichs an das verkleinerte Deutschland den Schwerpunkt innerhalb der Grenzen Deutschlands beträchtlich verschieben und der preußischen Oberherrschaft einen gewaltigen Schlag versetzen würde. Dre katholische Bevölkerung Deutschösterreichs und die wichtige Hauptstadt Wien dürsten zusammen mit den ohnehin nicht mehr zufriedenen s ü d d eu ts ch e n S t a a t e n das Uebergewicht Preußens jetzt ganz ausheben. Die ukrainische Frage. Paris» 15. Mai. (Tel.-Komp.) Oberst Hause hatte mit den Delegierten der ukrainischen R e p u b l i k eine Konferenz, an der sich auch ein amerikanischer Senator beteiligte. Außerdem wohnten der Unterredung auch Dr. B i l y k und Petr uszeiviez als Delegierte der Ukraine in Kanada bei. Es fand ein Gedankenaustausch über die für die ukrainische Republik bedeutsamen Angelchenheiten statt, die im Zuge der Friedens- Verhandlungen der Erledigung zugesührt werden sollen. Italienische Truppen Im Marmarameer. London» lg. Mai. (Tel.» Komp.) Dir Landung italienischer Truppe» am M o r m a r o tn 11 r e roivb von wuttibannt erklärt, baö fit einen Teck der von den allnmen vorbemteten mil'tfW fcfienbi!d". Dre nalien"'eben Truppe» haben britifdr IvubncM aus b t v $ o b vu b f tfi o abgel 8 st. d t nach Kiemasien abgrgangrn sind. Die Jwi euer wnbtn gleichfalls nach Burgas transportiert werden. rS bleiben aber französische und briuscht Tnrppen in dieser Gegend. 17. Mül 1919 * 'Seite 3 Telegramme. Aus Polen. Die polnische Regierung gegen die Pogrome in Mirtelgalizien. h Krakau, 16. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Aus Initiative des Ministerprästdenten- P a d e r e w s k i hat, wie P. A. T. meldet, der polnische Ministerrat die Entsendung einer Kommission nach Galizien-beschlossen. Diese Kommission soll aus Vertretern der Ministerien für Justiz, Krieg und Inneres bestehen und an Ort und Stelle die Ursachen und den Umfang der bedauernswerten Geschehnisse untersuchen, welche in den letzten Tagen in den Bezirken Kolbuszowa, Ropczyee und Rzeszow statt- * fanden und die teilweise (?) gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet waren. Gm jüdischer Minister oder — Blockade. Behufs Lösung der innerhalb der lettischen Regierung ausgebrochenen Krisis forderte die in Libawa befindliche Ententemiffion die Bildung eines Kabinetts, . das aus sieben Mitgliedern des bisherigen Ministeriums mit dem Ministerpräsidenten Ulmanis an der Spitze, aus drei Balten, einem Letten u n d e i n e m Juden bestehen soll. Ülmanis weigerte sich jedoch, einen J.u d en in die Regierung a uf zune h m en, woraus die Mission erklärt haben soll, daß, falls die. neue Regierung nicht im Sinne ihres Borschlageszusammengesetzt werden sollte, die Entente alle Beziehungen zu ihr abbrechen und dieBlockade fortsetzen würde. Empfang das Abgeordneten Prilueky durch Pttfudsky. Nach seiner Rückkehr aus Pinsk wurde Abgeordneter Prilueky durch Pilfud s ki empfangen. Abgeordneter Prilucki schilderte dem Staatsoberhaupt die allgemeine politische Lage im Pinsker Rayon und verwies auf die Notwendigkeit der Zurücknahme des seitens des General Listowski an die jüdische Bevölkerung in Pinsk ergangenen Kontributionsbefehles. Auf die Lage in Wilna übergehend, regte Abgeordneter Prilucki die seitens des Abgeordneten Grünbaum dem Generalkommissär für Litauen und Weißrußland gegenüber bereits vorgeschlagene Einsetzung eines jüdischen Referenten beim Zioilkommissariat für Litauen und Weißrußland an, der das Bindeglied zwischen der polnischen Macht und der jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete abgeben ., würde. Pilsudski versprach den vom Abgeordneten Prilucki berührten Angelegenheiten seine Aufmerkfamkeit zuzuwenden. Der Kampf um Lemberg. Warschau, 16. Mai. (Poln. Tel.-Ag.) Heeresbericht vom IS. Mai. G a l i z i s ch e Front: Am L e m b e r g e r' Abschnitt griff der Femd mit erheblichen Kräften unsere Stellungen . bei P a s a d a C h h.r o w s k a und D o 5 r o m i e an. Er wurde im Gegenangriff zur Flucht gezwungen, wobei er sehr ' starke Verluste erlttt. Südlich von Lemberg griffen starke ukrainische Abteilungen, SolankaMala und P o r s z n a an, wobei es ihnen gelang, zeitweilig bis zurSokolniki vorzubringen. Unser Gegenangriff warf den Feind brs zu seinen Ausfallstellungen zurück. Nördlich von Lemberg erstürmten unsere Abteilungen Kulrlow und M i e r z e n i z e. Während des Kamvles beschossen unsere Flieger die feindliche Infanterie au8 Maschinengewehren und belegten die feindlichen SMmgcn mtt Bomben. Der Pogrom in Kolbuszowa. Krakau, 16. Mai. (Tel. der «Wr. Morgmztg.") Der Pogrom in Kolbuszowa begann am S. d. M. nachmittags. Die Bauern der Umgebung — diesmal noch unbewaffnet — plünderten die Wohnung des David Eckstein und das Geschäft deS Josef Rosenseld aus. Die OctSgendarmerie jagte sie auseinander. Am 6. d. M.. einem Wochenmarkttag, bemühte sich das Militär, die von allen Seiten zuströmenden Bauern nicht m dio Stadt zu laffen. An einer Stelle durchbrach jedoch die bewaffnete Bande den M i 1 i t ü r k o r d o n und gelang so in die Stadt. Die Banditen warfen sich auf die j ü d i s ch e n Geschäfte, die sie vollständig ausvlündertm. Hervorzuheben sei. datz ausschl'tA'-ch jüdische Geschäfte, und zwar alle ohne Ausnahme, geplündert wurden. Die christlichen Geschäfte blieben unberührt. UeberdieS wurden fast alle jüdischen Wohnungen a u S g e r a u 6 t. Die Meute schlug jeden Juden, der ihr in de» Weg kam. Getötet wurden: Salomon Schnur (9$ Jahre, lag im Bette krank), 3. Peifach L i ch t m a n n (68 Jahre), 8. Sarah Blitzer (zirka 70 Jahre), 4. Markus Silber (zirka 70 Jahre). 5. Niwka Auchhiesiger (55 Jahre), ß. Markus Krrschbaum (24 Jahre, wurde auf dem Fried- 6o;, wo er sich . versteckt hatte, erschollen), 7. Sarah Hena N a t o w i c z (zirka 65 Jahre), 8. N a f t a l i, Sohn erncS LehrrrS (20 Jahre), S. Dte Frau des Hersch B r e n e n st o ck (zirka 65 Jahre). Die Zahl der Schwerverwundeten betragt zirka hundert. Biele Personen wttrdcn leicht verwundet. Jüdische Nationalratswahlen im Bezirke Stanislau. Stanislau, 16. Mai. (Ukrainischer Preffedienst.) Hier werden am 18. Mai die Wahlen des j tt d ischen Bezirksnationalrates stattfinden. . Auch die Frau nr haben das aktive und passive Wahlrecht. Im Wahlkamps stehen die Zionisten, die Volkspartei der früheren Affimilanten, die Poale-Ziomsten und die jüdischen Sozialdemokraten. Die Orthodoxen unterstützen die Zionisten, die mit der Volkspartei den bürgerlichen Block bilden, während die beiden Poale-Ziouisten zum sozialistischen Block gehören. Dos Wahlinteresse der jüdischen Frauen ist sehr bemerkenswert.