Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 117 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Freitag Wiener Morgenzetnmg 16. Mai 1919 Nr. 117 Deutschösterreich in Saint-Gerrrmin Jud', schrei Hurrah! Bon Ä. S. Lirik. (Ausdem Warschauer „Jüdischen Volk".) Var kurzem sah ich folgendes Bild: Beim „Bristol" stand eine tauscndköpfige Menge mit verschiedenen flatternden Fahnen und lärmte und julelte doll Patriotin scher Begeisterung. Es war ein waymer und nebliger Abend. Die Abendbeleuchtung ließ die entblößten Hailptes dastehende und jubelnde Menschenmasse etwas phantastisch erscheinen. Inzwischen kam von einer Straßenecke, wie ein Schatten, ein langgekleideter Jude gegangen. Mit seinem Schritt, seiner Kleidung, seinen entsetzten Augen kam er wie irrend eine unerwartete fremde Erscheinung vor. Er wollte seinen Weg fort-- setzen. Da hielten zwei junge lustige Christen den entsetzten Inden an und gleich ward er von einer ganzen Gruppe Patrioten umzingelt, die den Juden an den Armen saßten und ihn wiederholt ermahnten: „Jud' schrei Hurra!" Und dieser Jude öffnete weit seine Augen, wollte, protestieren, aber er konnte nicht, und schließlich fing er an, mit einer reinen Bärenstrmme nachznrnfen, was ihm diktiert wurde. Vorerst r'es er laut: „Es lebe Paderewski!", dann: „Es lebe die nationale Negierung!" und schließlich: „Es lebe K-orfanty!" Aber die verwilderte Menge konnte sich an dem Juden nicht genug tunHbtktierte ihm immer etwas Neues und der Jude wiederholte es automatisch, mit einer schrecklich unnatürlichen Stimme. Endlich war die Meute gesättigt und jagte ihr Opfer, diesen unglücklichen Juden, von sich . . . Und stets, wenn ich von sogenannten „Exzessen" gegen Juden höre und lese, erinnere ich mich jenes Bildes, wie eines schönen Frühlingsabends ein aufgeschxeckter Jude dastand, umringt von allen Seiten und rrtit heiserer Stimme imn.ee wiederholte „es lebe!" Ist dieses Bild nicht eine lebendige Allegorie für die jüdisch-polnischen Bez'e mngen in der letzten Zeit? Wir bilden zwei ganz verschiedene Welten. Während die einen sich freuen und Feste feiern, weinen die andern; während dort Fahnen wehen und das Lied des Sieges und Stolzes ertönt, sind unsere Köpfe aschebedeckt und wir beweinen unsere Toten. Eine große Scheidewand wurde ausgsrichtet zwischen zwei Völkern, die doch auf derselben Erde und -unter ein und demselben Himmel leben, und es erscheint mitunter unglaubhaft, daß es einst zu einer Aussprache und zu einer Verständigung zwischen uns kommen kann. Und klagen wir, daß hier das Leben für uns unerträglich geworden ist, wird uns entgegnet: Ihr seid Fremde, ihr seid Feinde, denn unsere Freudentage sind nicht die euren, unsere Feste nicht die euren. Pinsk, Lida, Wilna — es tut nichts: „Jud', schrei Hurra! Jude!" Rufet laut, Juden, daß ihr ein Groß-Polen wünschet, rufet laut, daß ihr euch überglücklich fühlet darüber, daß Litauen von den Bolschewiken befreit ist, daß ihr.Polen heiß liebet. Ihr? dürfet nicht einmal erwähnen, daß gegen euch Pogrome gemacht werden. Die Wissenschaft hat den Begriff Pogrom noch nicht genau definiert. Das klassische Land der Judenpogrome war auf dem Gebiete der Wissenschaft überhaupt nicht stark vertreten. Die neuen Länder, die jetzt Pogrome veranstalten, sind mit wichkigeren Dingen beschäftigt, so daß wir bis heute keinen genauen Begriff davon haben, was eigentlich ein Pogrom ist. Es wird redoch eine Zeit kommen, in der man eine wissenschaftliche Kommission zwecks genauer Desimerung des Pogrombegriffes wird e.nsetzen Müssen. Könnt Jhreuch denn die Lage eines jüdischen Zeitungsmenschen vorstellen, der tagtäglich Pogrome gegen Juden registrieren muß? Das Leben entkleidet alle Dinge ihrer Weihe. Einst war ein Pogwm eine seltene Erscheinung, eine unerwartete Katastrophe, und er enthielt die Heiligkeit und die Feierlichkeit eines jeden großen, menschlichen Unglücks. Das Leben und auch die Presse machten diese Heiligkeit zur unglücklichen Phrase, zur Alllagserscheinung. Ueber Pogrome wird heute fast in demselben Stil und in derselben Sprache geschrieben, wie man einst über einen Tramwayunfall oder über einen Brand in irgendeinem Städtchen' zu schreiben pflegte. Und der bedauernswerte Zeitungsmensch zerbricht' sich den Kopf: Wieviele Menschenopfer muß es geben und wieviele Geschäfte müssen geplündert werden, damit man dies als „Pogwm" bezeichnen kann? Genügen etwa zehn Tote und das mehrfach Geplünderte, oder beginnt der »„Pogrom" erst mit den Hunderten von Opfern? „Exzesse" heißen wir es heute. In diesem und diesem Städtchen wurden insgesamt drei Menschen getötet und einige Geschäfte ausgeplündert — dies sind „Exzesse" oder einfach „Geschehnis^; in jenem Ort lebte die gesamte Bevölkerung einen Tag in Todesangst Und soundfovicle Frauen und Kinder lagen in Ohnmacht — dies sind „kleine Exzesse"; in einem anderen Orte ist dasselbe geschehen, nur daß dort infolge der Pani! auch einige Menschen gestorben sind — dies find bereits „mittlere Exzesse" usw. usw. Großer Gott, wie billig sind jetzt des Menschen Blut und des Menschen Ehre! . . . findenSie am leichtesten durch ein Stellengesuch im „Kleinen Anzeiger" der Wr. Morgenzeitung Die Ankunft der Delegation. Paris, 15. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die von Dr. Renner geführte Friedens* d-legation der deutsch österreichischen Republik ist gestern nachmittags in Saint- Germain an bekommen. 3n den Maßnahmen siir ihre Ant-rbringung war im letzten Augen» blick eine Aenderuna vorgenommen worden. Dev ursprünglich als Wohnung der Delegierten in Aussicht gei'vri""erre Pavillon H?nrtz IV. wurde nicht den Delegierten, sondern den Offizieren der französischen Militärnrlssion einaeröumt, während die Delegierten in der Villa Josef Reinachs, die übrigen Delegierten in benachbarten kleinen Villen nntergebracht wurden. Die Mahlzeiten können gemeinsam im Pavillon Frarrxois l oder getrennt in den Villen eingenommen werden. Die Absperrunasmasrnabmen scheinen weniger schark zu sein als in Versailles. Sine Begr^ßun^ der Delegation durch den Grafen Vrockdorff-Rantzau oder durch ein anderes Mitglied der deutschen Abordnung fand nicht statt. Oesterreichs Freunde in Paris. A m ft e r d a m, 14. Mat. „Algenreen Handelsblad" meldet aus Paris, daß die Ankunft der deutschösterreichischen Delegation den zahlreichen freunden, die das frühere Oesterreich noch immer in Len Pariser p olitiscken Kr ei send es itze, ein Anlaß sei, daran? zu dringen, daß Frankreich feinen bistorischen Traditionen einer ne^enüberOesterreich wohlwollenden P o litik treu bleibe. ' Lammasch ist optimistisch. Zürich» 14. Mai. iTck-Komp.^ Professor L a m m n f di erklärte vor seiner Abreise ntttfi Paris dem Vertreter der „Neuen Zürcher Zeming" seine Berner Unterredungen mitdenVertretern derEntente berechtigen ihn zu einem gewissenOvtimismuö bezüglich der bevorstehenden Friedenkverhandiunflkn. Die Deutsch 8 st e rreicher würdeniedenfallsbesser als die Deutschen behandelt werden. Freundlicher Empfang. Berlin, 15. Mai. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Versailles: Aus der Schilderung der Zeitungen über den Empfang der österreichischen Delegation ist zu merken, daß die Behandlung der Oesterreicher auf einen ganz anderen Ton gestimmt sein wird als die der Deutschen. Die Liebenswürdigkeit Dr. Renners, der einige Worte Politische^Rundschau. 1 Der kompromittierte Rationalismus. Sonntag hat die ' sozialdemokratische Anschluß-Prcipagcmba brlauntlich große Versammlungen einberufen, die gegen das Pariser Verbot des Anschlusses an Deutschland protestieren sollten. Gleichzeitig haben die deutschnationalen Studenten wüste Exzesse verübt, die tschechische Gesandtschaft ange;.ö'elt, ncckü. lich auch ti'. obligaten anlisemlischenNoleilen produziert. Auf einen Nus „Hoch Deutschland" kamen vier Rufe „Nieder die Juden". Der „Äidensklj Dennik" hat darauf hlngewiesen, baß Deutschösterreich zur selben Zeit, wo es um Oftrauer Kohle bittet, derartige Unanständigkeiten gegen die Ts'e.hen toleriert. Die regieru>«gs-so.',itckbcinokratische Oeffentlichkeit — voll dev Begeisterung über die würdevollen Kundgebungen vom Sonntag — hat die unangenehmen Begleiterscheinungen nicht zur Kenntnis genommen. Erst gestern, Donnerstag, besinnt sich die „Arbeiter-Zeitung", die offenbar aufmerksam gemacht wurde, wie schwer der sozialdemokratische Nationalismus durch diese Gesellschaft kompromittiert wird. Sie schreibt imtct dem Schlagwort „Paralyse der bunten Mützen" unter anderem: „. . . . daß ein Großteil btr akademischen Jugend Deutschösterreichs die Paralyse der bunten Mützen noch immer nicht Überwunden hat, daß er noch iMner in dem Aberglauben befangen ist. man manifestiere für das deutsche Volk am würdigsten durch, zweckloses Herumfuchteln mit Totschlägern olmmächtige Steinwürfe, wüsteS Geschimpfe und Gebrüll, stündlich zweimaliges Absingen der „Wacht am'Rhein", unterbrochen von bkerbaßtiefem .Hetlgejohle", um sich dann abends mit dem befriedigten Gefühl, eine „nationale" Tat vollbracht zu haben, zu einer eitbtöfen Sauferei zusammenzusetzen, das Ist eine unser ganzes Volk tiefbeschiimende Tatsache. Doppelt beschämend im Ange'icht der weltgeschichtlichen Ereignisse, die volle Würde und restlosen Ernst des gesamten deutschen Volkes vor allem aber seiner Intellektuellen — erfordern, nicht aber Bierjungenstreiche unreifer Jungen, auch wenn sie „bunte MÜjieu" tragen." — Es ist hoch an der Zelt, daß daS deutsche Volk zur Besinnung gerufen wird. Ob allerdings dev neue sozialdemokratische Nationalismus mit seiner sanatifchen Unduldsamkeit gegen daS Fremde geeignet ist, einer ethischeren, höheren Form deS Nationalismus den Weg zu bahnen, kann man bezweifeln. Die Sozialdemokraten werben die Geister, die sie gerufen haben, nicht leicht los werden. Zur Landestrauer in Deutschland. Die Landesregierung des Freistaates Gotha hat folgende Bekanntmachung erlassen: „Die. Landesregierung kann sich dem Wunsche dsS Reichsministeriums betreffend die achttägige Landestrauer aus Anlaß der harten FrkdeiiSbedingungerr nicht anschließen. Wie wir den Krieg l ekämpft und .verabscheut haben, von Anfang an, so sind wir auch Gegner seien GewaltsrtevenS. Wir erleben heute keine „bittere Enttäuschung", wie es in der Kundgebung der Neichsregicrung heißt, sondern wir sehen nur die uaturnoUveudige Fo.gc be« Krieges über das schöne Frankreich sagte, wird hervorgehoben. Dr. Lammasch wird als würdiger Gelehrter geschildert. Kein spöttischer Untertan wie bei der Ankunft der deutschen Delegierten ist festzustellen, im Gegenteil, „Daily Mail" hebt den scharfen Gegensatz zwischen Deutschen und Oesterreichern hervor. Wie die deutsch'österreichische Delegation wohnt und beköstigt wird. Zürich, 15. Mai. (Tel.-Komp.) Der Pariser Korrespondent der Schmmeräckien Telegraphen-Jnioumnion besuchte die Villa Reinach, in der Staatskanzler- Dr. Renner wohnt. Das Haus ist von einem Prächtigen Garten umgeben und bietet einen herrlichen Ausblick in des Scrnetal. Der Präfekt von Scunt- Germain hat die österrerch'schcn Delegierten rmvfangen und.zu, den ihnen angewiesenen Wohnsitzen gcleiket. Die Delegierten speisen gemeinschaftlich un Pavillon Franz I.» wo eure e i g en c K ü ch e eingerichtet worden ist. Aus Paris wurde Hotelpersonal und Bedienung besorgt. Der prächtige Garten ist für dw österreichischen Delegierten zu Spaziergängen reserviert. Wer wird Angarn vertreten? B rn, 15. Mai. Der „Matin" behauptet, die Friedeusvertrage mit Oe st erreich und Ungarn sollen zu gleicher Zeit unterzeichnet werden. Zweifellos werden zwei verschiedene Verträge abgeschlossen werden. Während aber die Oesterreicher in Saint-Germain eintrafen, ist von Budapest noch keine Delegation nach Paris abgereist. Die Sowietregierung Ungarns, die von rumänischen und serbischen Streitkrästen bedrängt wird, befindet sich in einer viel zu unsicheren Lage, um die Magyaren auf der Friedenskonferenz vertreten zu können. Die Deutschen und Deutschösterreicher dürfen nicht direkt miteinander verkehren. Berlin, 15. Mai. Die „DeutsHe Tageszeitung" meldet aus Versailles: Dl»; Blätter betonen, daß jeder unmittelbare Verkehr zwischen den Deutschen und den Oest'rreichern völlig ausgeschlossen sein werde. Allenfalls könnten sie, trotz der räumliche« Nrihe, durch Kuriere über Berlin ihre Ansichten anstaufchen. Die nationalistische Presse warnt davor, dem Aaschlutzverzicht der Oesterreicher x« trauen. Für den Augenblick werde sich Dentschösterreich in allem gefügig zeigen, um nicht in den d ents ch e n A b g r u n d l, neingeriffen zu Werden. Wenn aber die Völker ihre Zeit für gekommen erachten werden, werde sie keine Gewalt am Zusammenschluß hindern. imb würden auch im umgekehrten Falle, wenn Deutschland den Gewaltfrieden der Entente aufoktroyiert hätte, protestiert haben." Dieser Beschluß der Landesregierung von Gotha dürfte manchem auf den ersten Blick überraschend erscheinen, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Deutschland allen Anlaß hat, zu trauern. Mittels des grausamen Diktats von Paris springt ihm die Entente an die Gurgel, und es besteht wenig Hoffnung, daß dieses Machtwort in wesentlichen Punkten äbgeändert werden wird, dessen Folgen noch künftige deutsche. Generationen spüren werden. Der Beschluß der Regierung deS kleinen Freistaates Gotha zeigt, daß eS auch in Deutschland Kreise gibt,-die in ihren politischen Fühlen und Urteil nicht mit der herrschenden Mehrheit übereinstimmen. Die Kundgebung steut sich offen-; bar als ein deutlicher Protest gegen die NeichSregisrung dar, wenn gesagt wird, daß der Gewaltfriebe der/ Entente für sie keine „bittere Enttäuschung", sondern nur die naturnotwendige Aolge des Krieges bildet. ES ist traurig, daß sich die proklamierte Landestrauer. In Deutschland nur alS Trauer Über eine mißglückte Unternehmung, nicht aber als Ausdruck einer berechtigten sittlichen Entrüstung werten läßt. Und die Konstatierung ist schmerzlich,, baß in dem niedergebeugten und an seiner Zukunft bedrohten,. Lande trotz aller demokratischen Veränderungen im Gründe der alte Geist herrscht. Die berechtigte Entrüstung über daS Ansinnen der Entente verliert ihre Heiligkeit und wird durch Wortführer enlstrertet, welche in siegreichen Tagen nicht müde wurden, selbst bas gleiche Programm der Vernichtung des Gegners' zu^ verkünden. Zur Bekämpfung der Kommnu^sttzn und dem Streikenden verwendet Noske Knüppel und Feuerwaffen'- roher und unzuverlässiger Negierüngstrup'1'en. Ein täg-'' lich übermütiger wer-bender Militarismus erlaubt sich stets neue Uebergisfe. In Strettin hat neust.ch ein Haufen , von „Ostschutzfreiwilligen" unter einer friedlichen Volksversammlung mit Nevotvern und Handgranaten eist: Blutbad angcstiftet. In Libau haben die Ostschutz^ kvmmandanten mit den baltischen JunkKK konspiriert,^ um die demokratische Negierung zu Fal.e zu bringen. Die Mörder an Liebknecht und Rosa Luxevlburg fnU man in Übel angcwenbetsm LcgitiiiiismuS vor ein'. Militärgericht gestellt und sie sind mit Sirasen von. unglaublicher Milde davougelomme». wä-rend mau .'s zur Entsetzung Münchens nuf einen üiwbci:nii>rbet-{|il)t'n Kampf ankonuneu ließ, dem Hunderte Yon Mrnjmrn, zum Opfer sielen.