Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 116 (15.5.1919)
- Date
- 1919-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rk. ne Wien. Dowerstas SBienetf MorgenzeiLung 15. Mai 1919 Seite 3° Inland. Hauptausschntz. Der Hemptausschuß ist gestern nach' der HauSsitzung unter d«m Vorsitz de- Präsidenten Seitz zu einer Sitzung zusammengetreben, in der die Bollzugsantveisung betressend die Ausnahme! von Urbsitem in gewerbliche Bstriebe zun» Zwecke der Hörminderung der Zahl der Arbeitslosen beraten wurde. Das Referat erstattete Staatssekretär Kr soziale Verwaltung Zaun sch. Der Hauptmlsschuß stimmt« dieser Volk-' zugSanweisung einhellig z«. Sodann brachte Präsident Seitz dem Hauptansfchrlsse die Kundgebungen der großen Städte zur Kenntnis, worin sowohl die sozialdemokratische wie auch die chrifilichsoziale und die großdeutsche Partei einmütig unter Berufung auf Wilson das Selbstbestimmmrgsrecht Deutschösterreichs proklamieren und sich für den Anschluß an Dentschkand erttären. Lüuderkonferenz in Satzkueg. Aus Salzburg wird einer Parkamrnts-Korresponbenz berichtet: Vorgestern fand hiev unter dem Vorsitz des Landeshauptmannes Meyer eine Konferenz der Vertreter der Länder statt, die sich nicht nur mit den aktuellen wirtschaftlichen, sondern au chmit den politischen und Versassnngsfrageu beschäftigte. Es waren vertreten die Länder Salzburg, Tirol, Kärnten, Steiermark und OberSsterreich. Zunächst wurde die Frage der Einreisebewilligung einer eingehenden Erörterung unterzogen und zu dem jüngste« Erlasse der StaatSregiernng Stellung genommen. TS wurde hierbei betont, daß es nicht angehe, die Angelegenheit mit einem Schlage ändern zu wollen und wurde beschlossen, bei der Gtaatsregierung dahin vorstellig zu werden, daß dieser Erlaß vorläufig außer Kraft gesetzt werde, bis diese Frage endgültig geregelt sei, Bei der Erörterung der politischen Fragen kam -auch die de- Anschlüssean Deutschland z«r Sprache, doch wurde diesbezüglich kein Beschluß gesM. Hingegenwurde ans dar nachdrücklichste betont, daß eine Aenderuug der Verfassung notwendig sei, waS sowohl im Interesse dev Länder, wie auch des Staates gelegen sei. Die Konftrenztetlnehmer fanden in der hierüber abgesührtsn Debatte das KanLonalfystsm alz das sympathischeste, da «S den JnArssstir der Länder am besten entspricht. Gage» die von Ser sstsgievwM hermrSgegebeneir Weifmigen über die Befug Nisse der Landeshauptleute wurde lebhafte Kritik geübt und namentlich die Erweiterung der Befugnisse dev LandsKhauptmamrstelroertryter verlangt. Es wurde beschlossen, diese und andere in der Konferenz erhobenen Forderungen in dar. nächsten Konferenz der Landesvertreter in 2tzten zur Sprache zu bringen. Schließlich gelaugte die Vorm 5gsnSabgabe zur Erörterung, wobei der Meinung Ausdruck gegeben wurde, daß die in Sen Ländern ein gehobenen Beträge so lange in bereu Kaffen verbleibe» sollen, bis die Friedenskonferenz die Staatlichkeit Dentschöfterreichs endgültig festgesetzt habe. Der Beekeyv Pretzhurg—Men wieder eröffnet. PrekLuwg, 13. Mai. (Tschecho-fkowakisches Prsßömeau.^ Vom Donnerstag den 15. d. M. an* gefangen ist wieder der Personenverkehr aus Preß* bürg nach Men über Marchegg eröffnet. Räumen definsteren Gebäudes wimmelt «S von Mnfchs-n aller Nationen, Berufs, Bildungsgrad«. Wenn die Häftlinge spazieren, sieht man Doktor Kranrar sch, her mit worgensigtem Kopf, von Land* ftürmern bewacht, di« Seiten des großen HoftierecksS entlang läuft, und in einem entsprechenden Mstand stelzt mit langen Schritten Dr. Raschin, ebenfalls sorg* fältig von Landstümnern umgeben. Machar notiert: „Was wird aus alldem werden? Es gibt keine selbstmörderische Politik, als einer unzufriedenen Siatton Märtyrer zu «zeugen Dem Dichter geht es übrigens leidlich. Gr ist, wie er nachträglich erfährt, wegen vier Gedichte, die schon vor dem Kriege gedruckt waren, in Untersuchung. Eine scheinbar lächerlich« Wache, aber er ist auf das ärgste gefaßt. Pie Zell« Nr, 60 ist die sogenannte „JutelligenzzM". Wie beherbergt außen Müchar einige verdächtige Ftalkntzr, einen Hwittamr RaftM mehrere GaWaner, di« in «ine AensuraMra verwiWt waren, «tuen Redakteur, den König der ungarischen Taschendiebe, einen englischen Schneider, einen polnischen Gutsbesitzer, einen Mörder intö mehrere farblos« Individuen. Dies« verschiedenen Tempermnentr und Charakter« bilden ein« Zwangsgemeinschaft. an deren Rkibnngssläche die tiefste Güts und maßloseste Verworfenheit der menschlichen Natur sich entzünden. Das Gran des Kerkerlebenwird manchmal von dämonischem Humor, dramatischen Episoden und tiefen Erschütterungen belichtet. Im Verworfenen blitzt der Strahl des Göttlichen und Gefallen« weisen auf die Schuvd der Gerechten. Machar sieht die Wacht des Unreinen vnb fühlt die Dual der Menschheit in schmerzlichster Bewegtheit. Und als man dem Unschuldigen die Kerkertar« Sfstret, di« Bonne des lichten Tages den kranken Mann bearüßt, ist es ihm zu tiefst bewußt: dasß die Herrscher und Henker der verblutenden Menschheit ihren letzten Trumps ausgespielt haben. Die Friedensverhrmdlungen Manche Kurzsichtige Optimisten in Deutschösterreich gaben sich der Hoffnung hm, daß die Alliierten um in finanzieller Hinsicht eine mildere Behandlung angedeihen laßen müßten, da aus unserem ausg§- svgenm und verhungerten Lande nichts mchr herauszuholen sei. Sie dürsten durch die im „Matin" veröffentkichten Absichten der Entente eine bittere Enttäuschung erfahren haben. Wenn eingewendet wird, daß diese Bedingungen noch nicht offiziell seien, so erinnern wir daran, daß den Bedingungen für Deutschland analoge Publikationen vorausgingen.. Die vor dem Kriege emgegangenen Schulden der früheren Monarchie sollen pryportional auf alle Sukzefstonsstaaten aufgeteilt werden; was jedoch die wahrend des Krieges kontrahierten Schulden anlangt, so sollen DevtschÄsterreich und Ungarn sie allein zu tragen haben. Falls sich diese Forderung bewahrheitet, so bedeutet sie unseren vollkommenen wirtschaftlichen Ruin für die Zukunft. Bor dem Kriege beliefen sich die Verbindlichkeiten Oesterreichs auf über 16 Milliarden, diejenigen Ungarns auf etwa 10 Milliarden. Die Kriegsausgaben Oesterreichs betrugen bis 31. Oktober v. I. ungefähr 68, die Ungarns 33 Milliarden. Unser verelendeter Staat, der 6 Millionen Einwohner zählt, hätte — abgesehen von , der Beteiligung cm den Vorkriegsschulden — für die Verzinsung der 69 MMarden, das wären jährlich über SVj Milliarden, aufzukommen, das heißt, jeder einzelne Einwohner, Kinder» Greife, Invalide, Arbeitslose usw. inbegriffen, hatte durchschnittlich 600 Kronen pro Jahr allein für diesen Zweck zu zahlen. Ebenso soll Ungarn, das durch die Sntentebeftimmungen zu einem Ländchen reduziert wird, für die Zinsmlast fssirer 33 MMarden aufzukommen. Es ist unklar, auf welche Weife btc Friedenskonferenz, die sich doch letzten Endes von praktischen Erwägungenlenken lassen muß» diese Rissensummen aus uns heraushvken will. Gewiß. Dmtschöfteneich wartet auf den Augenblick, wieder die geregelte Arbeit ausnehmen zu können. Aber wenn wir arbeiten sollen, Müssen wir auch leben Können. Wir müssen auch unter dem Bewußtsein arbeiten können, daß uns dmch die ausgebürdeten Lasten kein schreiendes Unrecht widerfährt. Wir alle wissen uns unschuldig der Verbrechen, die von unseren Machthabern begangen wurden, und dafür aus solche Art Butze tun zu müssen, scheint uns vorläufig unvereinbar mit unserer Ueberzeugmra, daß am Ende doch der gesunde Verstand im Viererrat siegen mutz: nicht allein zu unserem Frommen, sondern auch zum Frommen der Entente. Drei Noten des Grafe« Rantzau. Versailles, 13. Mai. Reichsminister Graf Broctt Mrff* Rantzau hat heute cm dm Präsidenten dex Friedenskonferenz Clerneneea« drei Roten gerichtet. In der ersten Note heißt es; Bei Ausführung der territorialen Bestimmungen des Friedensvertrages würden im Osten die wichtigste» ProduktionSgediete für Getreide n»d Kartoffel» verlovengehe«. DaS wäre gleichbedeutend mit einem Ausfall von 31 Prozent der Gesamternte » diesen Lebensmitteln. tteberdieS würde unsere landwirtschaftliche Produktion in ihrer Intensität stark zmückgohen. Einmal wäre die Zufuhr von bestimmten Rohstoffe» für die deutsche Düngemitkekindnstrie, wie Phosphate«, erschwert. Sodann würde diese, wie jede andere Industrie, unter Kohlenmangel leiden, denn der Friedensvertrag sieht vor, daß wir f a st ei« DrittelnrrsererKohkenpradnktion verkenn». Außerdem werde» uns für die ersten zehn Jahre ungeheme Lieferungen an Kohle an bestimmte alliierte Lände» auserlegt. Weiter soll Deutschland nach dem Vertrage faß drei Biertekseiner Eisenerzproduktron tmb nm mehr al-dreiyü«fkrlfei»erPr»d»ktio»a» Zink zugunsten seiner Nachbar» abtrete». Nach dieser Einbuße an eigener Produktion, nach der wirtschaftlichen Lahmlegung dmch den B e r l n st d e r Kolonien, der Handelsflotte und der answärtigen Besitztümer wäre Deutschlandnichtmehr in m einem gewaltigen Umfange erloschen. Gleichzeitig würde dei Bedarf an Lebensmitteleinfuhren erheblich steigen, während die Möglichkeit, ihn zu befriedigen, außerordentlich senken müßte. Deutschland wäre daher in kurzer Zeit außerstande, dev vielen Millrsnen ans Schisfahrt und Handel angewiesenen Mensche» Arbeit » n d B r s t zu gewähren. Diese Menschen müßten ,ms Deutschland aiiswcmdem. DaS ist aber technisch unmöglich, Zvmd sich viele der wichtigsten Länder der Welt gerade g e g e« dredsntscheEin Wanderung sperren würden. Werden die Fried-ensbedingungen durchgeführk. so bedeutet das einfach, daß v i e k e Millionen Menschen i-v Dentschkand Z n g r u n d e g e h e u mi'rfsen. Dieser Prozeß würde sich rasch entwickeln, da durch die Blockade während deck Krieges und deren Verschärfung wahrend deS Waffenstillständedie B o t k - g e s » n d h e i t g e b r o ch e n ist Wer diesen Friedensvertrag unterzeichnet, spricht dauüt das Todesurteil über vieleMillionen deutscher Männer, FrauennndKinder aus. In der z w r i t e n Note werden die Beweise dafür gefordert, daß Deutschland der Alleinschnldigr oder Hauptschuldige am Krrege ist. Die dritte Note beschäftigt sich nnt Gebietsfragen. Wir Elsaß-Lothringen mtb die an Dänemark abzutretenden Gebiete schlägt sie eine besondere Behandlung vor, See geht auf daS S a » r g e b i e t, aus den au Belgien abzutretenden Kreis imd auf die schleswig-holsteinsche Grenzregulierung näher ein. Das Gericht über Deutschösterreich. Die öfterreichlsche Delegation wird morgm vormittags in Saint--Gerinain erwartet. Die Berißzierung der Vollmachten wird einige Tage in Anspruch nehmen, so daß die offizielle Uodergabe der Friedensbedingungen nichtvorder nächsten Woche erfolgen wird. Bei der Zeremonie in Saint-Germain werden weniger Mächte vertrete« sein als seineezeit in Versailles. Es werden nur die Vertreter derjenigen Länder anwesend sein, die Oesterreich den Krieg erklärt oder die Beziehungen zu diesem Staate ad gebrochen hatten, nämlich (chronologisch geordnet) Serbien. Montenegro, Frankreich,England, Japan, Belgien, Sau Marino, Italien und die Vereinigte» Staaten. FHpfetzung der Grenzen Deutsch österreichs und Angarns. Der Vieren'at hat sich in seiner vorgestrigen Bormittagsitzung mit verschiedenen Fragen beschäftigt, die sich auf die Ankunft der deutschösterceichischen Bevollmächtigten und die Uebergabe der Friedensbedingungen für Deutschösterreich beziehen. Die A b-- grenzung Deuts chösterreichs und Ungarns ist am Montag nachmittags durch den Zehnerrak f e st g e s e tz t worden. Gegenwärtig besaßt man sich mit den finanziellen Bestimmungen, die in die Leiden Vertrage anfzmchmen fein werden. Sogleich nach der Beendigung der Vorbereitung dieser Leiden Verttäge wird der Viererrat den mit Bulgarien abzuschkirßenden Vertrag in Behandlung ziehen. Der Vertrag mit der T ü r k e i wird erst an letzter Stelle erörtert werden. Das künftige Deutschöfterreich. Das Schrcksal des südlichen Teiles von Kärnten, der Steiermark und des Gebietes um Kkrgenfurt und Marburg wird durch BokWbftimnnmg entschieden. Somit ist Dautschosterreich auf einen Teil vonKärnten, Steiermark, anfOber- und Niederösterreich, Salzburg und Tirol beschränkt. Bezüglich Südmährens liegt keine Mit--" teilnng vor. Wie der „Petit Pawsien" hinznfügt, erhält Italien Südtirol bis zumBrennerpaß. Ungarn besteht nurnochausderDouau-- ebene. Zuweisung der Bukowina «nd Siebenbürgens an Rumänien. Die Mitteilung der Pariser Blätter über dir BestimmMge» betreffend Rumänien lautet: Jetzt erhältRumänien die ganze Buko-- w i n a, obwohl ihr nördlicher Teil unbestreitbar ruthenisch imd ukrainisch ist, un d S i e b e n b ü r g e n. derLage, KenügendRohstasseausdemAusa n d c z« beziehen. Die deutsche Industrie müßte daher ^MM>NM>MMWW»>>WWWMW>MW>>WNW>WWW>W>WW>>>NMM Die Bundesverfasiung. Schon gelegentlich der Borkag« über bpi- StaatstvappW hatte die Regierung den Ausbau DeutschösterretchI zu einem Bundesstaat ongekündigt, indem sie davon sprach, daß später die Wappen der einzelnen Bundesstaaten in das StaaLsabzeichen ausgenommen werden Hollen. Zugleich hatte sie von der edentuekken'Nngliedarung der deutschen Gebiete West Un garns gesprochen. Heute liegt nun ein von den Christlichsvzialen ans gearbeiteter Entwurf einer Bundesverfasfimg vor, der die Bestimmung enthält, daß Deutschösterrelch in neun freie Staaten zerfallen soll, die miteinander eine» Bundesstaat bilden. Als Deift des Staates bezeichnet der Entwurf, wir schon berichtet, dis selbständigen Länder Niederösterreich, Oberästerreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Tirol, Borarlberg, Heinzenkand (Deutschwestmigarn) und die Freistadt Kien, deren Gemeinderat die Rechte und Wichten «inoS Landtages erhallon soll. Der Entwurf hat im Abgeordnetenhaus großes Aussehen hervor gerufen, wenngleich er eigentlich nur dazu dienen sott, den bisherigen gesetzlosen Zustand und Leu Streit Lrnr!'ckM.,den LDdorn irrch der ZENtralaewatt zu beenden. Die Ehristlichsozialen erklären, daß ihr. Entwurf den Zweck verfolgen soll, die immer stärker auftretenden Separationsbestrehungen der Länder in gesetzliche Form zu bringen. Da aber die Christlichsozialen selbst an der Spitze dieser Separationsbestrebungen stehen, ist ihre plötzliche Liebe für die Gesetzlichkeit nur daraus zu erklären, daß sie den bei denk letzten Landtagswahlen zutage getretenen Rückgang der Sozialdemokraten politisch ausntttzen wollen. Sie wollen gewissermaßen die Sozialdemokraten in Wien isolieren und ihre eigene Macht in den Ländern erhalten. Es ist bekannt, daß der Staatskcurzler Dr. Renner im Verlaufe der verschiedenen Konferenzen mit den Vertretern der Landesarrsschüsse erklärt hat, nach dem Bekanntiverden des Frieöensvertrages eine Bundesverfassung auszuarüeiten. Di-e Christlichsozialen kommen ihm nun zuvor und benützen die Abwesenheit des bei dew Friedenskonferenzen weilenden Staatskanzlsrs, um ihre Anregung zur Diskussion in der Orfsentlichkeit zu stellen. Man muß zngeben, daß dies der richtige Konstitutionelle Weg ist. Nach dm bisher genrachten Erfahrungen hätte man sicher damit rechne» ruüssen. daß dis Regierung die BundesratKideL geheim durMeraten,