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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-14 · Heft 115 (14.5.1919) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 115 (14.5.1919)
Date
1919-05-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wiener Morgenzettrmg 14. Mai 1919 Güte 5 Nr. 115 Wien, Mittwoch «JV|aii—■' - —.- - - ".. 1 - ■ ■ Tagesbericht. Eine Massenkundgebung der orthodoxen Juden. Die dreitanse»»dköpfige Menge,, die auf den Rüf des „Jischuw Erez Israel" Sonntag in den großen Konzerthaussaal herbeigeströmt war, nur für ein jüdisches Palästina zu manifestieren, bot schon äußerlich ein ungewohntes Bild. Die Scheidung, die diesen Kreisen zwischen Männern und Frauen notwendig erscheint und darum die ersteven im Parterre, die letzteren ober in Logen, Balkon und Galerie Platz nehmen ließ, tat der feierlichen Stimmung keinen Eintrag. Die vierzig Rabbiner mit den würdevollen, nachdenklichen Gesichtern, diese Männer in ihren langen Gewändern und den wallenden Bärten gaben dem äußeren Bilde dieser Versammlung ein eigenartiges Kolorit. Zuerst tritt ein junger Rabbiner.S. Friedmann aus Sadagora, auf die Tribüne, beginnt seine Rede mit einer herzergreifenden Selbstanklage .gegen das orthodoxe Judentum, welches der ans die Erneuerung des Judentums gerichteten Bewegung passiv gegenübersteht. „Me wagt man es, dreimal täglich im Gebete Gott zur Rückkehr nach Jeruscholajirn anzurufen, wenn man nicht selbst 'Hand anlegt an das Werk der Rückkehr?"- Der Redner gedenkt mit großer Ergriffenheit der .großen Opfer der letzten Pogrome, insbesondere derer von Prosknvow. Die Versammlung erhebt sich, in vieler Augen ' glänzen Tränen. Redner beschwört zum Schluß die Orthodoxen, sich in' die Reihen der Kämpfer für Volk und Land zu stellen; diese Massenkundgebung möge die Jnaugurierung einer Massenbewegung des jüdischen Volkes , für Palästina sein. Oberrabbiner Dr. Ehajes, mit brausender Ovation begrüßt, erklärt, keinen Vortrag, sondern ein Referat über den Stand der Palästrnasache erstatten zu wollen. Er erörtert und beleuchtet das von der zionistischen Leitung der Friedenskonferenz vorgelegte Memorandum Punkt für Punkt, referiert über die Vorgeschichte dieses Meinoraudmns, setzt die Haltung der Mächte auseinander. Besonders interessant ist der nicht allgemein bekannte Umstand, daß Präsident Wilson sichznerstslir ein jüdisches Palästina eingesetzt hat und ihm die Veröffentlichung - der . Balso urschen Erklärung vom 2. November 1917. in erster Linie zu verdanken sei. Redner spricht sein Bedauern darüber aus, daß selbst die zionistische Presse alle die sensationellen Nachrichten, die von Zeit zu Zeit über die Palästinafrage auftauchcn, wahllos wiedergibt, die aber größtenteils von gegnerischer Seite lanciert werden, um die öffentliche Meinung irrezuleiten. Man schreibt absichtlich von einem „selbständigen Staat", um den Glauben zu erwecken, daß die Zionisten eine solche Forderung! erhebe»:,- »um, -einerseits die > Gegper,,,ausznpeitschen, andererseits dann, wenn weniger erreicht wird, unter den Juden Depression hervorzurufen. Er warne darum vor zu großem Optimismus, mußaber vor jedem Pessimismus besonders warnen, da gar - keine Veranlassung hierzu vorhanden ist. Das Protektorat Englands über Palästina sei so gut wie sicher und die- Beziehung Englands zu den Zionisten ausgezeichnet. Ucber die Formen der inneren Verwaltung Palästinas wird ein jüdischer Weltkongreß, der in der ersten Hälfte des Jahres 1920 stattfinden und von allen Juden der Welt beschickt sein wird, entscheiden. Enthusiastischer, minutenlanger Beifall folgte diesen Ausführungen. Herr Adolf Stand warf einen historischen Rückblick auf die Entwicklung des Zionismus, verglich die Haltung der Orthodoxie von einst und jetzt, wies auf den Unterschied von „Jischuw Erez Israel" und „Agudas Israel", deren verderbliche unjüdische Trutz- und Trennungspolitik sie selbst unmöglich mache, die es nicht wagen würde, eine solche Versammlung einzuberufen und sorlerte die Anwesenden auf, dem Jischuw Erez Esrael beizutreten, um so in gesonderter Formation doch auf gemeinsamem Weg nach Zion zu marschieren. Die Versammlung nahm mit begeisterter Zustimmung eine Resolution an, die die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk als Lebensfrage bezeichnet und der Leitung der zionistischen Weltorganisation das uneingeschränkte Vertrauerr cmsspricht und dieselbe als ausschließlich autorisiert, erklärt, im Namen der gesamten Judenheit zu sprechen und zu handeln. —tz. Vvr dem Ende der Gaskrise. Die Entscheidung über die Verschärfung der 'Gasspar,uaßimhmcn, welche eine gänzliche Mschaltung der privaten Haushalte im Gefolge gehabt hätte und für Nestern erwartet wurde, ist gefallen, aber die verschärft«» Sparmaßnahmen werden nicht » itt Angriff : u oinuteu we.den. Die- Bc s ü r ch't tun gen, wclche insolge der geringen Kohlenzuschübe am Sonntag und Montag gehegt wurden, sind erfreulicherweise nicht in Erfüllung gegangen. Sie sind sogar durch die gestrigen Zufuhren beinahe gänzlich zerstreut worden. Die allgemeine Kohlen läge ist wieder befriediginb, so daß die beabsichtigten Sparend Sperrmaßnahmen unterbleiben. Die zermürbte Bevölkerung darf wenigstens in Hinsicht rvieder etwas cmsatmen.. Jüdisches Massenmeeting | Morgen Dsnnerstag den 15. Mai, 7 Uhr abends, findet in Swobodas I Phönix-Palast, n., GroßeIufahrtsstraße 26, anläßlich des zionistij schen Wahlsieges eine Jüdische Massenversammlung statt. Es werden sprechen: Die Gemeind eröte Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Leopold P l as ch kes, Dr. Bruno Pollack, Frau Anitta Müller, Abg. Ingenieur Robert Stricker Juden und Jüdinnen! Erscheinet in Massen! j Unser- Gaswerk ist bekanntlich' auf Ostrauer Kohle eingerichtet, deren Zuführung infolge des dortigeirStreiks beinahe ganz abgerissen war. Es befand sich bereits am 22.. März in einer ähnlichen Situation und drohte .schon damals mit der Abschaltung der privaten Haushalte. Doch glaubte es, die Bevölkerung vor einer Katastrophe zu bewahren. Wir beziehen aber auch! Kohle aus Westfalen und ganz besonders ans Oberschlefien. Es ist bekannt, daß die Zufuhren auch aus diesen Gebieten mit großer: Schwierigkeiten zu kämpfen haben, weil die Durchfuhr von den Nationalstaaten uns so erschwert wird. Deshalb hat sich, wie wir gestern gemeldet haben, unser Staatsamt für öffentliche Arbeiten im Wege des Auswärtigen Amtes an die Entente gewendet, damit die Kohle uzufuhren nach Wien schleunigst in die Wege geleitet werden. Dieser Schritt ist von Erfolg begleitet gewesen. Gestern nachmittags langte nämlich, wie wir erfahren, an das Staatsamt für öffentliche Arbeiten aus Prag ein Telegramm an, welches die Mitteilung enthielt, daß die itschecho-slo wakffche Kohlenverteilnn gs stelle Mährifch- Ostvatt angewiesen habe, das Wiener Gaswerk sofort und ausreichend mit Kohle zu versorgen. Gleichzeitig kam die Nachricht, daß der Streik in den Gaskvhleschächten unmittelbar vor seinem Ende stehe und bedeutende B erkehrsv erbesfernngen di-r Kohlenzuftrhren nun beschleunigen werden. Um aber in dieser Angelegenheit einen gewissen Nachdruck zu verleihen, ist Oberst Carrsey von der Ententekommissian noch gestern abends nach Prag gereist, um dort in ihrem Namen persönlich zu intervenieren. > Es ist also tatsächlich eine allgemeine Entspannung eingetreten, zu welcher auch die, wenn auch bescheidenen Zufuhren aus Westfalen und Polen beigetragen haben. Für die zukünftige Kohlenversorgung Wiens werden aber von ausschlaggebender Bedeutung die jetzt geführten Verhandlungen in Warschau mit unseren Vertretern aus dem Staatsamt für öffentliche Arbeiten fein. Seit 8 Tagen befindet sich dort Ministerialrat Dr. Klo ß, um wegen der Kvhlenbelieferung Beratungen zu pflegen. Gestern langte nun ein Telegramm von ihm hier an, daß die Verhandlungen in Warschau wegen Kohleulieferung nach Wien sehr günstig verlaufen. Das war also gerade an jenem Tage, an welchem die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Um diese günstig fortschreitenden Beratungen zu beenden, begibt sich Staatssekretär Dr. Zerdik morgen nach Warschau und wird auf der Rückreise in Mährisch-Ostrau mit der dort befindlichen amerikanischen Mission in Fühlung treten, um die Kvhlenfrage für Wien endgültig zu regeln. Abflauen der Tabaknöt. Wie mitgeteilt wird, ist es dier Tabakre'gie gelungen, mit holländischen Tabakfirmen Abschlüsse zu erzielen, die, ohne unserer Valuta zu schaden, Zigarren- und Rauchtabak in so großer Menge aus Niederlän disch-Jndien . nach Deutsch österreich bringn werden, daß man erhoffen kann, Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten Jahres speziell in der Zigarrensabrikalron die Höhe der Friedensproduktivn wieder erreichen zu können. Die niederländischen Firmer: werden und Zigarrentabak mu- Sumatra und I aw a in ausreichender Menge liefern. Dadurch soll die Tabakregie in die Lage konnnn, in 7 bis 8 Monate:: die Zigarrenfabrikation in dem Ausmaß vufzunehmen, wie vor dem Krieg. Die Tabakregie hat vor dem Krieg für Deutschösterreich' allein an Zigarren jährlich etwa. 350,000.000 Stück hergestellt und war während des Krieges gezwungen, auf die Zahl von 124,000.000 Stück herunterzngehen, also auf ein starkes Drittel des Friedensbedarfes. -In der Zigarettenerzeugnng ist die Reduzierung nicht so groß gewesen, da Mazedonien und Ungarn hauptsächlich Zig^rettentabat lieferten. Während für ganz Deutschvsterrrich vor dem Kriege etwa sieben Milliarden Zigaretten in: Jahre hergostellt wurde»», ist die Produktion an .Snuuvito.n einjcbließlU her Pakete mit Zigarettentabak so hoch', daß die jährliche Herstellung \ zwischen zwei und drei Milliarden schwankt. Der Ansfall' an Zigaretten war also verhältnisinäßig. gering. Durch den großen Zigarrenmangel aber wurden die Zigarrenraucher gezwungen, sich mit Zigaretten auszuhelfen, wodurch die Nachfrage bedeutend in die Höhe getrieben wurdet - Die Tabakregie beabsichtigt, ehe sie mit einer E^-- ' höh ung d.er Ration hervortritt, durch mindeste»»- t" drei Monate Reserven anzulegen; um nicht in absehbarer Zeit wieder, zur Rationierung greifen zu »nüssen. Mar kann daher hoffe»:, daß mit Ende dieses oder Anfang ( des nächsten Jahres sich bereits die erhöhte Lief «*. ' rung auch für den Konsumenten fühlbar machen wird. Jedenfalls aber wird sich' das Jahr. 1.920 , für die Raucher bedeuteird günstiger gestalten als bis v orh er g egangenen Jahre, und wenn auch an eine A u fhebung der Rauchcrkarte nicht gleich gedacht werden kam:, so sind die Bezilgsvedingmigen durch den Ankauf des holländischen Zizarrentabaks wesentlich günstiger geworden. s Der Bannfluch gegen jüdische Preis- ' treiber. (Von unserem Lemberger KorrespouSenten-) Einer der' vielen Vorwände, welcher sich die Polar». > zur Beschönigung ihrer Pogrompolitik bedienen, ist di« ' Behauptung, daß die Preistreiberei »m Laude nur aus' » ' die Juden zurückznführen ist. Unter dem Ei»»drnck dieser AnKage hat sich in Lemberg eine Gruppe verängstigter orthodoxer Juden, darunter Rabbiner, zusammcngetan und ein Komitee zur Bekämpfung jüdischer Preistreiber. , gebildet, welches den jüdischen Handel überwachen und , über die Schuldigen die Strafe des Bannes verhängen soll. Das Komitee hat folgende Bestimmung^ V'erlautbart: ' 1. Das Heraus führen von Lebensmitteln ans/ Lemberg, um sie außerhalb der Stadt zu teureren Preisen als den vom Komitee festgesetzte!: zu veräußern, ist verboten. Wer in dieser Absicht die Waren »vegführt, verfällt den: Banne. . 2. Wer aus den amer:ka»:ischen Lebcusmittelgab-cn Milch, Mehl oder Oel erhält, darf diese weder verkaufen noch verschenken. Wer zuwiderhaudclt, verfällt ’ dem Banne. ' 3. Fleischhauer, die der stwenannten Znwage f (Knochen u. dergl., welche zusammen 20 Prozent pro Kilogram»:: nicht übersteigen dürfen) Magenteile, Kopfkuochen oder Gedärme beimengen, 4. Fleischhauer, welche den Innereien die genannten Teile beimengen, 5. diejenigen, die unsere Kontrollorgane in der Ausübung ihrer Funktionen hindern oder sie geringschätzend beha»:deln oder sie überhaupt nicht zulassen, sind zu bannen. 6. Butter darf weder mit. Wasser, noch» mit Speck, Margarine u. dergl. gemengt, »verden. Wer dies tur oder solche Butter zum Wiederverkauf ersteht, unterliegt dem Banne. Verkäufer, welche die behördlich festgesetzten Maximalpreise nicht einhalten und die Wären teurer (hier folgt eine lange Preisliste) verkaufen, unterliegen außer der behördlichen Strafe auch dem Bannspruch. Packpapier, Spagat u. dergl. dürfen nicht separat ausgerechnet »verden. Die wichtigsten Vorschriften des Schulchan-Arnch (Kodex der Gesetzes treuen) bezüglich des Bannes lauten: ' 1. Man darf innerhalb eines Kreises von vier Ellen um euren »nit dem Bann belegten Menschen nicht ' verweilen. , 2. Es ist verboten, n»it ihm gemeinsam zu speisen ' oder zu trisiken. . « 3. Es ist verboten, ihn in ein Minjau (vvrgeschrie-. bene Gebetverfammlung von 10 männlichen Personen) emzubeziehen. 4. Man darf sein Haus nicht betreten. V 5. Jeder geschäftliche Verkehr mit ihm ist verboten.. 6. Stirbt er während des Bannes, läßt . das' Rabbinat (Beth-Din) einen Stein a»:f seinen Sarg - niederlegen. , 7. Nach seinem Tode »rnterbleibt das vorgeschriebene Zerreißen der Kleider (Kriah). v / 8. Es darf kein Nachruf gehalte»r werden »»nd dsi Tra»:ervvrsch»nften finden keir:e Antvendung. . 9. Das Rabbinat (Beth-Dm) kann den Bann außer Kraft setzen, wem» die mit dem Baun b:le.>tc Prvsyn -- ehrlich bereut uird Buße tut. ... . Diese Verlautbammg ist ein iranrige-:-. ..u::ent. - . Die Angst vor den polnische»: Pogromhelden »md., Schlächtern treibt die jiidischen Opfer z»:r Berzweifsimg imd bringt sie um die Vernunft und die Selbstachtnirg. Sie stellen sich' freiwillig »rnter ein doppeltes Strafrecht, unter ein Ausnah»»»sgesetz, und fugen sich-so der An- „ schammg ihrer bl»»t»gsten Feinde, sie verzichten auf. Gleichberechtigung.. Sie bediene»: sich des aus brnr sinsterflen Mittelalter herübcrgeholte»: Strasrnitttels des Bau nflucheZ und glaube»: die Wut der entfesselten Bestie damit zu stillen, daß sie den Toten Stcmc »»achloerseu Stnb ihr Grab und ihr Ande»:k»l ächten. sindenSic aml^chtestrr» durch ein Steilmgesuch im „Kleinen Anzeiger" der Wr. Mocgenzeitung

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