Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 115 (14.5.1919)
- Date
- 1919-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2_Wien. Mittwoch_' Wiener Morgenzeitung 14. Mai 1919 91t 115 Deutschösterreich und Bulgarien. Wirtschaftliche Zukunftsfragen. Von unserem Sofioter Berichterstatter. Während des Weltkrieges wurde durch den politischen Zusammenschluß die Wirtschaftslage zwischen Oesterreich und Bulgarien auf eine staatliche Basis gestellt, in beut der Privathandel vollständig auSgeschaltyt' und der Güterverkehr t.;.., .entralstellen organisiert und bewerkstelligt wurde. Immerhin aber blieh noch etwas Raunt für die persönliche Berührung zwischen dem Prodtlzenten und Konsumenten übrig, so daß sich wichtige Erfahrungen bezüglich der gegenseitigen Wünsche ergeben konnten. Der Warenaustausch bewegte sich irr den Bahnen, die durch die natürliche ökonomische Beschaffenheit der beiden Länder vorgezeichnet wurden- Bulgarien bemühte sich, das Gleichgewicht zu finden zwischen agrarischer und industrieller Produktion, eins Aufgabe allerdings, der gerade während des Krieges die größten Schwierigkeiten sich entgegenstellten, während Oesterreich seinerseits durch die Höchstspannung der industriellen Betriebe für den Kriegsgebrauch mehr denn se ans die Einfuhr vpn BvdenerMgnissen angewiesen war. Oesterreich versorgte den bulgarischen Markt in erster Linie mit Eisen-, Holz- und Papierwaren; das find dieieniaen Artikel, die nunmehr auch Deutschösterreich weiterhin wird ausführen können. An bulgarischen Artikeln kamen für die Ausfuhr Kornfrüchte (Mais und Weizen), Tabak, Opium, Wolle, Fel^, Eier und Vieh in Betracht. Diese Aufstellung ergibt auch für die künftigen Richtlinien des Handels den richtigen Fingerzeig ümd läßt den zwingenden Schluß zu, daiß Deutschösterreichs wirtschaftliche Zukunftin der Hebung der Industrie, Bulgariens Wiederaufrichtung in her Förderung und rationellen Ausgestaltung der Bodenkultur liegen. Bulgariens Gesamtausfuhr an Bodenprodukten beträgt rund 500 Millionen Kronen, wovon -nur ungefähr die Halste auf Deutschösterreich entfallen dürfte. Da aber Bulgarien zur Sanierung seiner Finanzen mindestens 1.5 Milliarden bedarf, kann diese Ausfuhr nicht hinreichen; es wird sich daher um die Unterstützung durch ausländisches Kapital bemühen müssen. Was die deutschösterreichischen Banken in Bulgarien anlangt, ist ihr Aktionsradius, seitdem die Ententt den Balkan besetzt hält und. die kräftigsten Anstrengungen macht, sichihn finanziell und wirtschaftlich zu sichern, äußerst eingeschränkt. Sie werden nur existieren können, wenn sie Anschluß an das Ententekapttal finden, was natürlich mit großen Opfern verbunden wäre. Aber eine andere Möglichkeit ist unter hen gegenwärtigen und voraussichtlich auch künftigen Verhältnissen nicht vorhanden. Für den Güteraustausch als solchem zwischen Deutschösterreich und Bulgarien sind die Aussichten durchaus nicht ungünstig. Der wichtigste, weis kürzeste und billigste Verkehrsweg, die Donau, wird seinen Zweck erfüllen, wenn er stet, wenn er internationalisiert wird und nicht anderen Staaten, wie beispielsweise den Jugoslawen, als Monopol zusällt. Bulgarien mit seinen acht ausgebauten DonauhAfen, von denen sechs mit Bahnverbindungen ausgestattet sind, muß die Möglichkeit haben, die Donaustraße ungehindert benützen zu können, schon aus dem Grunde, weil feine Bewegungsfreiheit im Mittelmeer durch Griechenland und Italien sehr eingeschränkt sein wird. Zu berücksichtigen ist beim Warenverkehr zwischen Bulgarien und Deutschösterreich die verhältnismäßig geringe Valutaspannung, die sich bei Eintritt des internationalen Handels auf ein Minimum reduzieren wird. Denn wie die politische Lage sich heute überblicken läßt, dürften sich Bulgariens Finanzen nach Abschluß des Friedens noch schlechter gestalten. Die reichen Tabakgebiete — vielleicht mit Ausnahme von Tanthl — von Serres, Drama und Kavalla sind verloren und die eigenen in Haskovo und Dupnitza, die qualitativ und quantitativ minderwertiger sind, werden den schweren Verlust nicht ersetzen können. Hierzu kommen noch als Passiv post die Zinsen für die Staatsschulden, und zwar an die Bulgarische Nationalbank, an das alte Oesterreich-Ungarn und Deutschland und die Lasten der inneren Anleihe. Wie mal: sieht, ist dieses Bild nicht sehr erfreulich; aber die Tüchtigkeit, Sparsamkeit und der Ehrgeiz des Bulgaren lassen die ernstesten Bemühungen um die Verbesserung der wirtschastspolitischen Situation in absehbarer Zeit erhoffen. Es ist selbstverständlich, daß der Güteraustausch zwischen Bulgarien und Deutschösterreich auch eine politische Annäherung schgffen. wird, zumal da die demokratischen Staatsformen der Heiden Länder eine solche begünstigen. Und sie wird unbedingt geschaffen werden müssen trotz der Bestrebungen der Jugoslawen oder — gegen sie. Werbet Wiener Morgenzeitung Verlanget sie in alle« Gast» «. Kaffeehäusern Der Anschluß an Deutschland. Staatskanzler Dr. Renner zu Kompromissen bereit. Bei der Durchfahrt der deutschösterreichischen Friedensdelegation durch Innsbruck fand auf dem Bahnhof ein feierlicher Empfang statt, der sich zu einer Kundgebung für Dentfch-Sttdtirol gestaltete. Ein Vorstandsmitglied des Bundes „Heimat" hielt eins Nsde, in der er fagter „Wir sehen eine besondere Gefährdung unserer Heimat im hartnäckigen Fe^sthalten am sofartigen Anschluß an Deutschland. Wir werten nationale Taten nicht nach dem augenblicklichen Bilde der Gegenwart, sondern nach der Wirkung auf die Zukunft des deutschen Volkes. Wenn eine politische Grenze die deutsche Republik mit Einschluß DeutschSsterreichs umschließen würde, dabei aber über den Brenner liefe, so wäre das kurzsichtige Tagespolitik. Die Zukunfts« musik von späterer Befreiung wird in wenigen Jahren kein Objekt mehr haben. Nur das ist nationale Tat, die deutschen Boden nnd deutsches Volk vor dem Verschwinden rettet, da d l e Stunde bet politischen Einigung noch nicht gekommen ist. Darum fordert Tirol, daß die Delegation den einzigen und letzten deutschen Süden auf jedem Wege rettet und keinen Frieden unterzeichnet, der diesen preisgibt. Staatskanzler Dv. Nenne« erwiderte mit folgenden Wtzrte« r Eine schwere Verantwortung lastet auf uns. Ansere Stellung ist sehr schwierig, denn wir stehen als Besiegte den Siegern gegenüber, die gesonnen find, ihren Sieg voll auszunützen nnd uns einen Machtfrieden aufznzwingen. Diese besondere Lage erfordert von uns Klugheit und Zurückhaltung, besonders über die Msgh die uns zum Ziele führen können, doch werden wir alle Mittel anwenden und nichts unterlassen, was Erfolg verspricht. Wir werden zu Kompromissen greifonmüsfen, um möglich ft alle deutschen Gebiete dos ehemaligen Oe st erreich für da S deutsche Bolk zu retten. Wir hoffen, mit dem Erfolg deS geretteten einheitlichen Tirol von der Konferenz znrnBznkehren." Politische^ Rundschau. Das Fiume Ostasteus. Der chinesischnjapanische Konflikt, Die Italiener sind nicht die alleinigen Unzufriedenen'auf der Seite der Alliierten von Paris. Die Vertreter Chinas haben gegen die A b t r e t u n g v o n Schau tung au Japan ernsten Protest erhoben. Wie Times" aus Peking meldet, Macht sich in China selbst eine starke Protestbewegung geltend. Man organisiert Protestversammlungen im ganzen Lande und beschließt, daß das chinesische Volk keine internationalen Mmachungen anerkennen werde, die Chinas Souveränitätsrechte beeinträchtigen. Das Hans des chinesischen Finanzministers soll angezündet und der chinesische Gesandte in Japan schwer mißhandelt worden sein. Japan hat in Ostasien'einen völligen Sieg errufen und eine-Position erlangt, welche das Gleichgewicht im Stillen Ozean stärker verändern dürfte als der Besitz Fiumes das Gleichgewicht in der Adria. Auch in diesem Falle' konnte, sich. Japan auf ein Geheimabkommen mit Frankreich und England berufen, ähnlich wie Italien auf dem Londoner Vertrag. Der Erfalg Japans hat vit Amerika die grüßte Beunruhigung hervorgerufen, die sich in einem Enttüsftmgssturm in -er amerikanischen Presse äußert. Die Blätter hebest die völlige Niederlage Wilsons in dieser Lebensfrage für Amerika hervor. Bezeichnend sind die von der „C h i c a g o Tribüne" veröffentlichten Geheimdokumente, welche auf die Politik der Enteilte sehr Helle Lichter werfen. Daraus erfährt man, daß China schon in den ersten Tagen des Weltkrieges an Deutschland den Krieg erklären wollte. Dies wurde durch Japans Einspruch bei den europäischen Negierungen der Entente verhindert, das erklärte, eine derartige moralische Aufrüttelung der 400 Millionen Chinesen nicht ruhig mitansehen zu können. So wurde China zur Einhaltung der Neutralität gezwungen. Erft als Amerika die Beziehungen zu Deutschland abbrach, gab Japan seine Gegnerschaft gegen Chinas Eintritt in den Krieg auf und stellte seine Kompensationsforderungen auf, die nun ihre Durchsetzung erfahren haben. Am Vorabend der amerikanischen Kriegserklärung gelang es Japan, so meldet „Chicago Tribüne", von England, Frankreich nnd Rußland definitive Zusagen zu erhalten, denen zufolge die japanischen Forderungen bei Friedensschluß anerkannt werden sollten. Diplomatische Schriftstücke Englands, Frankreichs, Rußlands und Italiens, die an Japan gerichtet wurden, verpflichteten diese Staaten, Japans Ansprüche auf die deutschen Rechte in Schanchng nnd die deutschen Jnselbesitz urigen nördlich vom Aequator auf der künftigen Friedenskonferenz zu unterstützen. So waren Frankreich und England durch Geheimverträge gebunden und Wilson blieb völlig isoliert. Auf solche Weise verliert China alle seine Rechte in einer seiner reichsten Provinzen und die amerikanische Oeffentlichlett wie China selbst sind über diese Niederlage Wilsons, die für Amerika und den ganzen fernen Osten von der weittragendsten Bedeutung sein kann, in gleicher Weise beunruhigt. Man begreift leicht, daß die Frage von Kiautschau in Amerika lebhafter interessieren muß wie das Saarbecken oder Fiume nnd erkennt wieder, baß WilsonS Stellung in Paris keineswegs die eines absoluten Diktators ist. Cs ist nicht in Europa allein, wo die Politik der Friedenskonferenz die Hoffnungen auf den ewigen Frieden zu begraben beginnt. Auf der Schau tung-Halbinsel leben 40 Millionen Chine,en. Das weißrasstge Europa gleicht einem Hexenkessel, war soll erst werden, wann der Gegensatz zwischen. Weißen und Gelben aufeinander platzt? Die Neutralisierung Ostschlesiens. Den „Deutschen Nachrichten" wtrd ans Teschen geschrieben : Die Lösung der StaatSzugchörigkeit des ostmtzhrischschltsischen Industriegebietes gehört zu den schwierigsten Problemen dir Pariser Konferenz. Dü im Dezember und Jänner zwischen Polen upd Tschechen ansgebrochenen Feindseligkeiten heweneu dies zur Genüge. Die Entente sah sich daher genötigt, zur Regelung dieser Streitigkeiten in Teschen eine aus Vertretern der vier Ententestaaten best eh en t> eK o m m i s s i y n zu errichten. Diese Kommission, welche unter Führung des amerikanischen Ministers G e r a r d sieht, konnte jedoch dieses schwierige Problem bis -um heutigen Tage nicht lösen, Nach den vom Obersten Tissi gemachten Mitteilungen hgt die Kommission der Friedenskonferenz in Papis 17 Vorschläge zur Lösung der ostmährisch-schlesischen Frage unterbreitet, jedoch sind aste diese Vorschläge am WiderstanhderPolen NNd Tschechen gescheitert. ,Di.e Entenjekommtssion hat nun da- Programm der Neutralist erun g einer eingehenden Prüfung gnterzogm und soll dieses Projekt als erstes m Betracht kommendes der Pariser Konferenz unterbreitet haben. Die Tsch echen stehen ans dem Standpunkte» daß ihnen das gesamte Gebiet zngtzlprochm werde. Sowohl Polen wie Tschechen sind ent" schlossen, für den Fall, daß die Entscheidung gegen sie ausfällt, ihre Ansprüche mit Waffengewalt durchzusetzen. Dre Entscheidung ist bis jetzt in Paris noch nicht gefallen. Rach den yon her Entrnlekommission in Teschen gemachten Mitteilungen hat dir Pariser Konferenz hie Lösung dieser strittigen Frage den Polen und Tschechen selbst Überlassen. Ob dies jedoch ohne Mitwirkung der Entente möglich sei» wird, ist sehr fraglich. „Die Stimme des Blutes." Als Staatskanzlek Renner zum Führer der deutschösterreichischen Friedensdelegation bestimmt wurde, hielt er eine Ansprache, in der er sagte: „Es wird sich erweisen, früher oder später, daß das tausendjährige Band desBlutes stärker ist als dergeschichtlicheEintag. Wir werden uns selbst treu bleiben.- < Auch nach den Demonstrattonsversammlungen am Sonntag für den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland sprach Renner von der Blutsgemeinschaft, die sich nicht verleugnen lasse. Wir verzeichnen diese Aeußerungen mit Genugtuung und werden sie den jüdischen Genossen von der deutschösterreichischen Sozialdemokratie immer wieder entgegenhalten, wenn sie das Bekenntnis zu der tausendjährigen Blutsgemeinschaft des jüdischen Volkes verleugnen, und alle jene, welche sich zum nationalen Judentum« bekennen, als .reaktionäre Chauvinisten" bezeichnen. _ Falls die Deutschen de« Frieden nicht annehmen . . . London, 19. Mai. (Korr.-Dnr.l Das Rmtersche Bmcmr teilt mit: Falls bte Deutschen bie Friedensbedingungen nicht au» nehmen sollten, was für unwahrscheinlich gehalten wird, sind m.ilitörische Vorbereitungen dafür getroffen, daß die alliierten Armeen genau sovorrücken, wie sie tu getan haben würden, wenn Dcntschland die Wassenstlllstandsvedingungrn nicht angenommen hätte. Anerkennung der jüdischen Sprache in Litauen. Waeschau, 18. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Dem „Kurjer WarSzawsfi" wtrd ans Wilna gemeldet, daß sich die neue Städteverwalmng auf dem Boden der ossiziellcn Anerkennung aller mer Sprachen, nämltch der volmschen, litauischen. weißrnssischen und i tt b i f ch e n gestellt habe. Alle Berlautbmtmgm werden in diesen vier Svrgchen erscheinen, m welchen aucl> C»> - gaben überreicht werden können. Die Stadtverwaltung wird mtrtj alle Schufen, btc j ii b i 1 ch c n inbegriffen, dotieren.