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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-14 · Heft 115 (14.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 115 (14.5.1919)
Date
1919-05-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die öffentliche Meinung Deutschlands steht geschloffen auf Seite Scheidemanns, der mit jedem Wort seiner großen Rede den Abgeordneten und ihrer Wählerschaft aus dem Herzen gesprochen hat. Mit Fug und Recht verwirft Scheidemann jeden Punkt des Friedensvectrages, der für Deutschland nichts anderes bedeutet als die Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz und seiner staatlichen Unabhängigkeit. Man kann die Stimmung verstehen, in der der Ministerpräsident den Frtedensoertrag analysierte und das tiefe Gefühl der Enttäuschung zum Ausdruck brachte, das allenthalben in der Welt, nicht allein in Deutschland, wegen des Rückzuges Wilsons besteht. Scheidemann findet ergreifende, zu Herzen gehende Worte für das Los, das dem Stebzigmillionenvolk der Deutschen von der Entente zugedacht ist. Aber Scheidemann und seine Partei sind mit der schweren Schuld belastet, dazu beigetragen zu haben, daß dieser schwarze Tag für Deutschland kam. Wo blieb Scheidemann, wo blieb seine Partei, als Kühlmann und Czernin in Brest-Litowsk einen Gewaltsrieden diktierten, der dem Ezerninschen Grundsatz: „Keine Annexionen und Kontributionen" ins Gesicht schlug? Die gesamte Welt hatte damals erwartet, daß sich die deutsche Sozialdemokratie, der Schwere ihrer Verantwortung bewußt, gegen diese Fälschung eines von aller Welt anerkannten Grundsatzes wie ein Mann, wehxen. werde. In unzähligen Reden .hatte sich' die Mehrheitspartei W"'über dis Festigkeit ihres Entschlusses vor aller Welt bekräftigen sollte, versagte ihr der Atem und in der schlotternden Angst vor dem Kommando in den Marken, vor der Hofkamarilla und vor Ludendorff begnügte sie sich mit einer lauen, Phrasen gefüllten Erklärung. Woraus sie als königlich preußische Partei wieder die Militärkredite bewilligte. Man kann chr nur als entlastend zubilligen, daß sich Deutschland damals noch im Kriege befand und daß die Franzosen und Engländer die Fortführung des Krieges um jeden Preis forderten. Die Sozialisten dieser Länder waren selbst so sozialpatriotisch wie die deutschen und sie nahmen es ohne besonderen Widerstand hin, daß ihre Regierungen die Ausstellung der Pässe nach Stockholm verweigerten. Inzwischen haben sich die Dinge in Frankreich von Grund aus geändert. Die sozialistische Minorität ist heute die Mehrheitspartei und Longuet, der ehemals verfehmte Redner von Zimmerwald, steht heute ander Spitze einer großen Partei, die die besten Traditionen des französischen Sozialismus verkörpert und durch den Freispruch Villains, des Mörders Iaurös', aufs äußerste gereizt, gegen die Regierung den Kampf eröffnet hat. Clemenceaus Kabinett hat in der Kammer schon einige böse Stunden verlebt, in denen die Sozialisten wegen der Vorfälle am 1. Mai, bei denen an 500 Personen verwundet wurden, Rechenschaft verlangten. Nunmehr schicken sich die französischen Sozialisten an, die Vergewaltigung Deutschlands zu verhindern und die Empörung der ganzen Welt wegen des Versailler Friedens in Taten umzusetzen. Am Sonntag hat in Paris eine außerordentlich stark besuchte Versammlung der sozialistischen Verbände des Seinedepartements stattgefunden, welche den Gewaltfrieden verwarf. Der Bericht der „HumanitS" über diese Tagung zeigt deutlich, daß das französische Proletariat nichts gemeinsam haben will mit dem kapitalistischen Imperialismus, dem wir das Diktat vom 9. Mai verdanken. In der Versammlung warf zuerst Verfeuil der sozialistischen Partei ihre Haltung im Kriege vor. Auf die österreichischen Friedensvorschläge habe rnan nicht emgehen wollen, weil die Führer Frankreichs erklärt hätten, das wäre ein hinkender Friede. Nach dem Siege habe es sich aber gezeigt, daß man Eroberungen wolle. Der Versailler Friede mit seinen Annexionen, seiner wirtschaftlichen Knechtung, den furchtbaren Entschädigungen und dem Zerrbild eines Völkerbundes sei schlimmer als der Friede von Vrest-Litowsk. Er zeige den Bankerott der Wilsonschen Ideen von Recht, Freiheit und Gerechtigkeit. Der Versailler Friede, rief Versen!!, ist ein ClemencccwsAcde und mau darf hn nicht unterzeichnen. Nur die Revolution kann die Clemeneea« wird mit den Deutschen verhandeln. Berlin, 13. Mai. (Korr.-Bur.) Das „8 Ahr-Abendlatt« meldet aus Basel: Eine tzavasnote von gestern abends meldet: Die deutschen Gegenvorschläge werden bis Freitag erwartet. Elemeneean erhielt die Vollmacht, unmittelbar Besprechungen mit den deutschen Delegierten zu führe«, sofern dies nötig fein sollte. Die Friedensbedingungen für Deutschösterreich. Südtirol füllt an Italien. L o n d o n, 13. Mai. (Korr.-Bur.) Das Reutersche Bureau meldet aus Parisr Der Friedensvertrag mit Deutschs st erreich nähert sich seinem Abschluß. Die Klausel über die Verantwortlichkeiten ist mit jener im deutschen Vertrag identisch, unterlaßt aber jede Erwähnung des Kaisers. Sie steht die Einleitung von Verfahren gegen „militärifche Verbrecher" vor einem internationalen Schiedsgericht vor. Wie verlautet, wird Südtirol, obwohl es eine deutsche Bevölkerung hat, in die italienische Grenze einbezogen, um Statten eine strategische Grenze zu geben, die ausreichende« Schutz gewährt. ____... Den Staaten der ehemattgen Monarchie wird keine Kriegsentschädigung auserlegt. Zürich, 13. Mai. (Tel.-Komp.) Ans Paris trifft heute vormittags folgende Nachricht hier ein: Wie in Konferenzkreisen verlautet, wird dem bisherige» Se st erreich-Angarn im Friedensvertrage keine Kriegsentschädigung ans er legt werden. Italien soll die österreichisch-ungarische Flotte erhalten und ans einen Anteil an der deutschen Flotte verzichten. Paris, 13. Mck. (FunLspr. des Korr.-Bur.) Der interalliierte Kriegsrat in Versailles der seit der Unterzeichnung des Waffenftillftandsv ertrag es nur sehr unregelmäßig zusammentrat, tagt seit Samstag permanent im Trianonpalast. Man glaubt, zu wisse«, daß diese Konferenzen mit der bevorstehenden Ankunft der östOr delegation in Saint-Germain Zusammenhängen. reichischen Friede«s- Einstellung mehrerer Bndapester Zeitungen. Budapest, 13. Mai. (Ung Tel.-Korr.-Bur.) Infolge des außerordentlichen Paviermangels hat sich die Räteregisrnng genötigt gesehen, die zeitweilige Einstellung einer Reihe von Tageszeitungen zn verfügen. Dom 15 d. M. angefangen werden bis aus weiteres nur folgende Blätter erscheinen: „Nepszava", „VSrös Ajsag", „Vilag Szabatsag", „Pest e r L l o h d" und „Volksstimme". wirtschaftlichen Fragen lösen und die augenblicklich in ganz Europa bedrohte Revolution retten. Frossard erklärte: Man stellte es so hin, als ob der deutsche Militarismus die einzige Quelle des Zusammenstoßes sei; aber jetzt entstehen Konflikte, mit denen der deutsche MMarismus nichts zu schaffen hat. Während man Deutschland entwaffnet, vergrößern England und Amerika ihre Kriegsflotten. Von der Abschaffung der dreijährigen Dienstzeit in Frankreich wird noch immer nicht gesprochen. Nur der Sozialismus kann den Völkerfrieden sichern. — Sodann erhob Cachin Einspruch gegen die Art, wie das Saarbecken und das linke Rheinufer verwaltet werden sollen. England stecke beinahe alle deutschen Kolonien ein und ersticke die Stimme Aegyptens und die Unabhängigkeitsbewegungen in seinen Kolonien. Der angebliche Rechtsfriede würde ein Gewaltfriede sein. Cachin streifte dann die inneren Kämpfe zwischen den Mehrheitssozialisten und den unabhängigen Sozialisten in Deutschland und meinte, daß die Tage der Regierung Scheidemann gezählt seien und daß die Unabhängigen zur Macht gelangen würden. Dies sei eine Vorbedingung für eine Revision des Versailler Friedens. — Ms letzter Redner sprach Loriot, welcher ausführte, dieser Friedensvertrag sei nur ein Kriegsverttag. Die Bourgeois müßten gestürzt werden, damit die Sozialisten einen revolutionären Frieden schließen können. Schließlich wurde einstimmig eine Tagesordnung angenommen, in welcher die Sozialisten feststellen, daß die Regierungen in jedem Satze des Versailler Vertrages das Recht verletzen. Die Sozialisten widersprechendem voll Empörung? Alle wünschen Eerech-igkeit unb Brüderlichkeit. Alle Vereinigungen des Proletariats sollten die kräftigste Aktion gegen den jetzt entlarvten Imperialismus der Entente anbahnen. Man erkennt aus diesem Bericht, daß die Entente ein. ebenso großes Interesse daran hat, daß es wieder zu ruhigen und entwicklungsfähigen Verhältnissen in Europa kommt, wie jeder andere Staat. Man rechnet zu diesen Momenten noch den Jnteressenzwiespalt zwischen den Ententestaaten selbst, die sich ja bisher nur aus Kosten Deutschlands geeinigt haben, während sie, wie die Fragen von Fiume und Kiautschau zeigen, einander keine Konzessionen gemacht haben. Eine Menge von Fragen, die tiefgehende Lebensinteressen der europäischen und asiatischen Staaten anschneiden, ist bis zur Stunde noch nicht geklärt worden, und diese Probleme zeigen deutlich die Krankheitskeime der heutigen politischen Konstellation. Das Gebäude der siegreichen Staaten konnte nur durch die eiserne Klammer des Krieges zusammengehalten werden. In dem Augenblick, in dem es auf die Liquidation des Krieges ankommt, klaffen Riffe aus und dieZukunft erscheintniemandem mehr in dem rosenroten Licht des Wilsonschen Völkerbundes. Wird der Friede von Versailles so abgeändert, daß Deutschland leben kann, daß es nicht stets als eine Gefahr für den Frieden in Europa lebt, die ein Ausrechterhalten des Militarismus erzwingt, dann ist es möglich, daß sich Eurova wieder erholt. Dieses Ziel werden aber nicht die Ententestaatsmänner erreichen, sondern nur die Führer der arbeitenden Menschheit, die die Verantwortung erkennen, die die Geschichte beute aus ihre Schultern lädt. Die Zeichcn hierfür sind fit: der Ver'öhnnngssiiede uitrb l'.cmni.'n. Möge er nicht zu spul kommen.

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