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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-13 · Heft 114 (13.5.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 114 (13.5.1919)
Date
1919-05-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 114 Wien, Dienstag Wiener MorgenzetLrmg 60 Millionen bei der Zwangsarbeit. „Das mörderische Messer im lebendiger» Leib des deutschen Volkes." — Ministerpräsident Scheidemanns Anklage. Berlin, 12. Mm.'(Korr.-Bur.) Die Nationalversammlung trat heute zu einer Sitzung in der Aula dcr Universität zusammen. Der Präsident eröffnet die Sitzung um y4i Uhr mit einer Ansprache, worauf er dem Ministerpräsidenten Scheidemann das Wort erteilt. Ministerpräsident S ch e i d e m a n n fährt aus: Meine Damen und Herren! Die deutsche Nationalversammlung ist heilte zn einer Sitzung zusammen getreten, um am Wendepunkte im Dasein unseres Volkes gemeinsam mit der Reichsregierung Stellung zu nehmen zn dem, was unsere Gegner Friedensbediilgungen nennen. In fremden Räumen, in einem Notquarticr hat sich die Vertretung der Nation zusammengesunden, wie eine letzte Schar Getreuer sich zusammenschließt, wenn das Vaterland in höchster Gefahr ist. Alle sind erschienen bis aus die Vertreter Elsaß-Lothringens, denen man das Recht, hier vertreten zu sein, jetzt schon ebenso genommen Hat, wie ihnen das Recht genommen werden soll, in freier Abstimmung ihr Selbstbestimnlungsrecht auszuüben. Und wenn ich in Ihren Reihen Kopf an Kopf die Vertreter aller deutschen StämnH und Lander sehe, die Erwählten vom Rheinlande, vom Saargebiet, von Ost- und Westpreußen, Posen, Schlesien, von Danzig und von Memel, neben den Abgeordneten der unbedrohten die Männer aus den bedrohten Ländern und Provinzen, die — wenn der Wille unserer Gegner zum Gesetze wird — zum leKtenmale als Deutsche unter Deutsche» tagen sollen, dann weiß ich mich von Herzen eins mit Ihnen in dcr Schwere und Weihe dieser Stunde, über der nur ein Gebot stehen darf: Wir gehörenzusammen! Wir nrüfsen beieinander bleiben, wir sind ein Fleisch und ein Blut, und wer «ns zu trennen versucht, der schneidetmit mörderischem Messerin den lebenden Leib des deutschen Volkes. Unser Volk am Leben zu erhalten, daS und nichts anderes ist unsere Pflicht 1 Wir jagen keinem nationalistischen Tramnbilde nach. Keine Prestigefrage Md kein MachchMgrr hat Anteil an Mseren Beratungen. Das Leven, dasnacktearmeLebenmüssenwirfÜrLand undVolkretten, heute, wo jeder die erdrosselnde Hand an der Gurgel fühlt. Lasten Sie.mich ganz ohne taktische Erwägungen darüber reden, was unseren Beratungen zugrunde liegt. Dies dicke Buch, in dem 100 Absätze beginnen Deutschland verzichtet, verzichtet, verzichtet, dieser schauerlichste und mörderische Hexenhammer, mit dem einem großen Volk das Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit, dir Zustimmung zur e r b a r m u u g s l o s e n Z e r stü ck e l« n g, das Einverständnis mit Versklavung'undHelo t e nt u m abgepreßt Md erpreßt werden soll, dies Büch darf nicht zunr Gesetzbuch der Zukunft werden. Ich habe die zuerst uns übermittelten Bedingungen Mserer Gegner vor ein paar Tagen in Vergleich gesetzt mit dm entsprechenden Programmpmkten deSPräsidenten Wilso n. D a r a u f w i l l ich heute verzichten. Seit ich die Forderungen in ihrer Gesamtheit kenne Käme es mir wie Lästerung vor das Wilson-Programm, diese Grundlage des ersten Waffenstillstandes, mit ihnen auch nur vergleichen zu wollen. Aber eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken: Die Welt ist wieder einmal il m e i n e I l l ust i o n a r m e r g e w o r d e n. Die Völker haben in dieser an Idealen armen Zeit wieder einmal einen Glauben verloren. Welcher Name ist auf tausend blutigen Schlachtfeldern, in tausend Schützengräben, in verwaisten Familien, bei Verzweifelten und Verlassenen wahrend der blutigen Jahre andächtiger und gläubiger genannt worden. als der Name Wilson - Heute verbleicht das Bild des Friedensbring e r §, w i e d i e W e l t ihn sah u n d h o s f t e, hinter der finsteren Gestalt der Kerkerm e ister, an deren einen, anClemeneeau, dieser Tage ein Franzose schrieb: „Die wilde Bestie ist bei Wasser und Brot in denKäfig gesteckt und geprügelt worden, mauhat ihr aber noch die Zähne gelassen und kaum dieKrallen beschnitten." Meine Damen und Herren! Ueberall in Berlin hangt das Plakat, das für unsere Brüder in der Gefangenschaft werktätige Liebe wgchrusen will: Traurige, hoffnungslose Gesichter hinter G e f ä n g n i S g i t t'e r n. Das ist das richtige Titelbild für diesen sogenannten Friedensv ertrag, daS ist das getreue Abbild von der Zukunft Deutschlands, 6 0 Millionen hinter St-cheldrahi und Kerkergittern 60 Millionen bei der Zwangsarbeit, denen die Feinde das eigene Landz um Gefangenenlager machen. .Ich kann Ihnen aus dem unglaublich feinen Gllterwerk, aus dcm uns Lust und Licht, ans dem uns jeder Ausblick auf Erlösung verhängt und versagt werden soll, ich kann Ihnen aus diesem Gitterwerk nicht jedes Stäbchen vorsühren. Bei genauerem Zusehen entdeckt man mmer wiedereineSchlinge, indersichdie Hand verfangt, die sich iu die Freiheit Hinausstrecken will. Sie haben nichts vergessen, aber allehinzugelernt, was Vernichtung und Zerstörung heißt. Lasten Sie mich außerhalb unserer Grenzen beginnen. Deutschland wird, wenn diese Bedingungen angenommen würdennichts mehr sein Eigen nennen, was außerhalb dieser seiner verengten Grenzen liegt. Die Kol onien verschwind en, alleRechte aus staatlichen oberprivaten Verträgen, alle Konzessionen oder Kapitulationen, alle Abkommen über K o n s u l a r g e r i ch t s b a r k c oder ähnliches, alles, alles verschwindet. Deutschland Hai im Auslande ansgehört, zu existieren. Das genügt noch nicht. Deutschland hat Kabel. Die werden ihm weggcnommen. Deutschland hat Funkenstationen. Drei Monate nach Inkrafttreten des Friedensvertrages dürfen diese Stationen nur noch Handelstclegramme versenden und nur unter der Kontrolle der Alliierten. Also Herauswurf aus der Außenwelt und Abschneidung von der Außenwelt, denn was für Geschäfte zn machm sind unter Kontrolle des Konkurrenten oder BertragsgegnerS, das braucht nicht ausgemalt zu werden. Aber noch lange nicht genug! Es könnte doch noch eine deutsche Beziehung zum Ausland bestehen. Also bestimmt der Rat der Vier: Verträge gelten als nichtig, „ausgenommen solche Verträge, deren Allsführung eine Regierung der alliierten oder astoziierten Mächte zugunsten eines ihrer Staatsangehörigen binnen sechs Monaten verlangt" Wie sagt Wilson so zutreffend? „Der erste Grundsatz des Friedens ist Gleichheit Md gleiche Teilnahme am gemeinsamen Vorteil." O, ein Grundsatz, dm die Entente bis ms kleinste verwirtticht sehen will, deM den Schlußpunkt Mter die ihr genehme Art Deutschland aus der Welt rvegzrrradieren» setzt sie durch die Bestimmung: „Kriegsmaßnahmm Deutschlands in Bezug auf die Llguidation feindlichen Eigmtums sind sofort einzustcllen oder wieder gut zu machen. Hingegm behalten sich die alliierten Md astoziierten RegierMgen das Recht vor, alles Eigentum, Rechte und Interessen deutscher Staatsangehoiger in ihrem Gebiet zuriickzubehalten vnd zu liquidieren Das ist dasKerkerbild nachdereinen Seite, dem Auslande zu; ohne Schisse, denn unsere Handelsflotte geht in die HändederEntenteüber, ohneKabel, ohne Kolonien, ohne ausländische Niederlas sangen, ohne Gegenseitigkeit und Rechtsschutz, ja selbst ohne das Recht, mitzuwirken bei derFestsetzung der Preise für von uns alsTribut zu liefernde Waren, für Kohle, pharm azentischeArtikel usw. Ich frage Sie, wer kann als ehrlicher Mann, ich will gar nicht sagen als Deutscher, nur als ehrlicher, vcrlragstreuer Mann, auf solche Bedingungen eingehen? Welche Hand müßte nicht v erdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt? Und dabei sollen wir die Hände regen, sollen arbeiten, die Sklavenschichten für das internationale Kapital schieben, Frondienste für die ganze Welt leisten! Den Handel im Auslande, die einzige Quelle unseres Wohlstandes, macht man uns unmöglich und im Jnlande? Die lothringischen Erze, die oberschlesische Kohle, die Saargruben, die billigen Nahrungsmittel Polens und Westpreußens, alles soll außerhalb unserer Grenze liegen, um die wir keinen höheren Zollschutz ziehe» dürfen, als er am 1. August 1914 bestand, wohl aber unsere Gegner ganz nach Belieben Md ganz zu unserer Erdrosselung. Im Innern müffen alle deutschen Einkünfte in erster Reihe den Zahlungen für die Verzolltmgen zur Verfügung stehen. Nichts für unser Volk» >■ nichts für die Kriegsbeschädigten Md Kriegerwitwen, alles ein Frondienst, für dessen Produkte die Preise vom Abnehmer festgesetzt werden. Wie, daS hat Frankreich ahnen lasten, das nns die im Saarbecken geförderte Kohle mit 40 Mark pro Tonne zahlte md sie im eigenen Lande Md nach der Schweiz für 100 Franks verkauft hat. Ich will Ihnen nicht alle die großen und steinen Schlingen Nachweisen, in deren Gesamtheit ein großes Volk zu Tode verstrickt werden soll getreu dem Worte des Feindes: „Wenn Deutschland in dtn nächsten 50 Jahren wieder Handel zu treiben beginnt, ist dieser Krieg umsonst geführt worden". W a S s o l l e i n B v l k machen, dem das Gebot auferlegt wird: „Deutschland ist für alle Verluste, alle Schäden, die die alliierten und assoziiertrn Regierungen und ihre Nationalen infolge dhS Krieges erlitten haben, der. antwortlich!" Was soll ein Volk machm» daS bei Festsetzung seiner Verpflichtungen nicht mitreden darf, sondern dem man ..billig Gelegenheit gibt, sich zu äußern, ohnedaß eS an den Entscheidungen beteiligt würde." Auf dessen eigene Bedürfnisse keinMenschRücksicht nimmt und dessen Ansprüche man mit der Handbewegung wegstreicht: „Deutschland verpflichtet sich, keiner der alliierten und astoziierten Regierungen direkt oder indirekt irgendwelche Geldforderungrn für irgendwelches Ereignis, das vor Inkraftsetzung dieses Vertrages Mt, vorzulegen." Und weil vielleicht all diese Maßnahmen von Festellung und Demütigung und von AnSr a u b u n g noch nicht ausreichm, um jede günstige Bernichtuugsmoglichkeit ln Zukunft auszunützen, dem man schließlich und endlich offen den Fuß in den Nacken und den Daumen aufS Auge fetzt, die erbärmliche BersklavMg für Kinder und KlndeSklnder: Deutschland verpflichtet sich, alle Akte der G e s e tz g e b u n g, a l l e B e st i m m u n g e n und Verordnungen ei nzu führen^, in Kraft zu setzen und zu veröffentlichen, die nötig 13. Mai ISIS Seite, S -:--— - ■; sein könnten, um die vollständigeAns f ü h r n n g der beiden erwähnten F e st- 'setzungenzusicheru. Genug! Urb ergenug! Das, meine Damen und Herren, sind einige Beispiele der tragsbcstilimlullgen, bei deren Festsetzung, wie ... Herr Clemenceau gestern unserer Delegation - mitteilte, die Entente sich ständig von den Grundsätzen habe leiten lEech von denen der Waffenstillstand und der Frieden vorgeschlagntworden sind. j Meine Damen und Herren! Wir haben G e g e n-> vorschläge gemacht und wir werden' stoch weitere machen. Wir sehen mit Ihrem Einverständnis unsere heilige Aufgabe darin, zu Verhandlung r n "zu, kommen. Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Aeichsa regierung unannehmbar»! so unannehmbar, daß ich noch nicht zu glauben vermag, die Erd« könne solch ein Buch ertragen, ohne daß aus Millionenund aber Millionen Kehlen, aus allen Ländern ohne Unterschied dek- Partei der Rnf erschallt: W e g m i t diesem M o r dplan! Da und dort regt sich schon die Emsicht und die gemeinsame Menschheitsverpflichtung. In den neutralen Ländern, in Italien Md in England, vor allem auch —‘ und das ist . uns et« Trost iu diesem letzenfurchtbarsten Nuslodern chauvinistischer Gewaltpolitik — vor allem aber auch im sozialistischen Frankreich werden die Stimmen laut, an denen der Historiker einst den Stand der Menschlichkeit nach vierjährigem Morden messen wird. , * Ich danke allen, aus denen ein empörtes Herz Md Gewisse» spricht. Ich danke vor allem und erwidere in unverbrüchlich« Anhänglichkeit das Gelöbnis der Treue, das gerade jetzt «ns Wien zu uns herüberschallt. Brüder in Dentschösterreich, dreauchinderd u n fei sten Stunde deuWeg zum Gesamtvolke nicht vergessen, wir grüßen euch, wir danken euchundwirhaltenzueuch! Ich rechte nicht mit den andern, denen der Krieg «och nicht dicht genug geflochten ist, noch nicht eng, noch nicht martervoll genug ist. Der Käsig, in den das „deutsche Tier" gesperrt werde«, soll. Wir kennen Mseren Weg. Arber diese Bedingungen darf er nicht führen. Es hieße nicht an Deutschlands Zukunst zweifeln, sondern diese Zukunst opfern, wenn wir anders dmken Md fühlen wollten.« Der Arbeitsfriede ist «ufer Ziel! und Msere Hoffnung. Durch ihn können wir den berechtigten Forderungen Mserer Gegner gerecht werden, durch ihn allein affevauch mser Volk wieder zur vollkommenen Gesundung führen. - Wir Kämpfe» nicht mehr! Wir wollenden Friede nWir sehen M' grausam am Beispiel unserer Gegner, welche Verzweiflung Gewaltpolitik und brutaler Militarismus hervorbringen.. W i r wendenunsvondem jahrelangen Morde«' Gewiß, wehe denen, die den Krieg heraufbeschworen, haben!. Aber dreimal, wehe über die, d r e J h e n'fA einen wahrhaften Frieden verzögern/ auch nur um eine» Tag! Die deutsche Nationalversammlung gegen den Gewaltfrieden. Berlin, 12. Mai. (Korr.-Bur.) Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um $4 Uhr. Eine Füll« von Protesttelegrammen gegen di« ' Fried-ensbedirigungen wird zur Einsicht aufgelegt. ' ii Hierauf sprach Ministerpräsident Scher de man« (dessen Rede wir an anderer stelle veröffentlichen. Anm. d.Red.). Seine Ausführungen waren von Anfang bis; zum Ende von Aeußerungen lebhafter Zik st immun g begleitet und vielfach durch stürmischen j&U fall unterbrochen.;i Der preußische Ministerpräsident Hirsch gab sodann namens sämtlicher deutschen Freistaaten eine Erklärung gegen den Diktatfrieden ab. Abg. Müller-Breslau (Sozialdemokrat) erklärt: Dieser Friede ist weiter nichts als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Das deutsche; Volk läßt sich auf die Dauer nicht zerstückeln! und der Dag muß kommen, an dem ein wirklicher Völkerbund entsteht, wo die Arbeiter der ganzen Welk dem deutschen Volk für sein Verhaltet: in , dieser Stundet recht geben werden. In einer Zeit, in der selbst dir letzten Nationen zu selbständigem! staatlichen Lebe« erweckt werden, läßt sich das deutsche Volk nicht: zur Sklaverei verurteilen. Das mag siM Europa an diesem denkwürdigen Tage der deutsche« Geschichte merken. (Stürmicher Beifall.) Abg. Gröb«r (Zentrum) führt aus: Die finanzielle» Friedensbedingrmgen sind ungeheuerlich. Würde mit ihnen ernst gemacht, so werden Reich und Einzelstaaten zum Bankerott gezwungen. D«r- Wtrtschaftskrieg werde durch diesen Fri-derisvertrag nicht beendet, sondern er werde fortgesetzt' mit neuen Mitteln auf utrbegrenzte Zeit. Eine solche Ungerechtigkeit und Grausamkeit habe dl« Welt noch iticht erlebt. . Mg. Haußmann (Demokrat) erklärt, die Demokraten Englands, Frankreichs und Amerikas haben erkennen lassen, daß sie die Grundsätze der Demokratie nicht vergewaltigen lassen. Von Vertretern der Demokratie in diesen Ländern, ist öffentlich autzgDrvcheir worden, daß dieser Friede ein Verrat an de ^Demokratie und daß dieser Fried« ein Bündnis M gegnerischen Nationen sei, um Deutschland auch das Blut' unter den Mgesn wegzuholen. ....

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