Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 113 (12.5.1919)
- Date
- 1919-05-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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vjöteil, Montag Mvvgerezeitung 12. Mai 1919 afiQSfcfcSUHGtt ytr. 113 SBßo ök Psriser Presse schreibt. Versailles, 11. Mai. In der Pariser Pr esse' verrät sich immer deutlicher die Absicht, die deutschen K u n d g e ö u tt g e rr zu den Fried ensbedmgmwett einfach a 1 o Münöver ru behandelrr, das . die Vlatler mit höhiufahen Worten öbltiit zu Können glauben. Journal des D 6 bats" sagt: Jeder Detltschehabesich in sein Gehirn z u graben, büß er den Verbündeten einen Deil seittesArbeitslohnes oder täglichen Gewinnes schulde. Die Verbündeten müssen von den deutschen Staatsgläubigern bezahlt werden; das sei die einfache Gerechtigkeit. Vier Jahre lang haben die Deutschen vön eroberter oder gestohlener Beute gelebt? jetzt sollen sie zahlen.^M ößj n j t e protestieren u n d h'offen, aber sie sollen zahlen. Aehnliche Gedanken finden sich im „Tewps", der Zunächst alle politischen Führer Deutschlands.heruntermacht und mit Befriedigung hervokhebt. daß die u n a b h ä n g ig e S o z i a td e m o Kr tttie bereit sei, den Frieden um jeden Preis zu unterzeichnen, und die Hoffnungen verspottet, die manche auf eine Spaltung der Verbündeten oder auf eine Erhebung der Sozialisten in allen Ländern oder eine Anbotmiißigkeii der Armeen der Entente bei Aufschub der Demobilisierung zu setzen scheinen. Düs Blatt schließt: Das ist die miserable Taktik, die" die großen Worte von jenseits des Rheins verbergen. Bereiten wir ihr die Aufnahme, die sie verdient. Deutschland hat dieLeKtionen des Krieges noch nicht begriffen, es ist noch nicht fähig, anständig seinen Platz unter den Nationen emzunehmen. Der Berliner „Vorwärts" meldet ous Versailles: „H u m a n r t 6" und „I o u r n a l d u P e u p l t* fahren fort, den Friedensvertragsentwurf auf das schärfste zu bekämpfen, während „France Libre", das Organ der Baronne-Gruppe, ihm zustimmt. In der auswärtigen Presse-Rundschau zitiert „H u m a it i 16* das englische Sozialistenblatt „Daily H e r al d", das schreibt: Diese schamlosen, absurden Bestimmungen find nur das Vorspiel zu neuen Streitigkeiten zwischen den Rassen und zu neuen Gruppierungen sür einen neuen Krieg. Weshalb Wilson nachgegeben hat. Versailles, 10. Mai. Die Erörterungen der Presse über den Friedensvertragsentwurf und die Stellungnahme Deutschlands dauern fort, ohne wesentliche neue Gesichtspunkte zu ergeben. Beachtenswert ist in der Abendpresse um ein Artikel des ,,P o p u l a i r e", der zu erklären versuch^ wie Wilson unterlegen sei. Er habe mtt dem wütendenJmperialismusderEntentef ü h r e r zu kämpfen gehabt und sei hinterrücks von den amerikanischen Kapitalisten und Reaktionären üttgefallen worden, so daß er im voraus besiegt war. Gr hätte sich auflehnen können, aber sei immer zmÜckgeschreckt, wett er als Bourgeois von einer Geste zurückschreckie, die als revolutionär hätte gelten können. Von diesem Augenblick an mußte er lavieren und einen Mittelweg suchen und zur Geheimdrplomatie greifen. Daraus gingen die seltsamen Kompromisse betreffs des Saarbeckens, Danzigs, der deutsche« Kolonien usw. hervor. Die Nürv* Börste? Prüfte für Deutschlands Bestrafung. New-Bork, 10. Mai. (Tel.°Komp.) Die New- Porker Blätter fetzen ihre Erörterungen über dm Deutschland Vorgelegien Friedensvertrag fort und erklären sich größtenteils mit den Vorschlägen einverstanden. „New 2)ork Sun" sagt. Amerika werde ebenso wie alle anderen Weltteile keine Bestrafung zu schwer finden, die jene Nationen trifft, die man als für den Krieg verantwortlich ansthen kann. Die „World" meint, Deutschland werde mit der übrigen Menschheit durch die Lvstösuttg vom Imperialismus Nützen ziehen. Die „N e w $) o t k <81 ob e" gesteht zu, daß ein Richter, wie die Alliierten feien, nicht unparteiisch vorgehm könne. Das jetzt gefällte Urteil sei über als gerecht zu billige«. Wilson bleibt der Freund der Entente. Versailles, lö. Mar. Der „Information" zusolge «klärte der Sekretär Wilsons, oieer fei entschlösse«, Europa vor der Umerzetchnung des Friedens nicht zu verlassen, da er nicht wolle, daß Deutschland seine Abreise benütze, um unzulässige Kontroversen zu verlängern. Dis Deutsche» bürsten sich Über die Absichten Wilsons nicht täuschen. Wils ölt bleibe derunverbküchltcheFreukb d e k E!i t e n t e, besonders Frankreichs. Gewisse Meinungen hätten die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den Alliierten nicht ändern rönnen. Man werde den Beweis biefür in der Botschüft sittbsn, welche Wtlsön boraußsichtlich am 80. Mai an den Washingtoner Kongreß richten werde, worin er die Notwendigkeit entwickeln werde, die internationale Politik in last zu erhallen. Der Sekretär glaubt, daß Wilson Europa zwischen dem 8. und dem 1b. Juni werde verlassen können. Anfchlutzdemonstrationen in Wie«. Gestern fanden mn Rcrthausplcch. in der Volkshalle und im Saale des Gewerbeveremes Versammlungen für den Anschluß an Deutschland statt, die die sozialdemokratische, die bürgerlich- und nationüldemokratische Partei emberufen hatte. Während hie Teilnehmer dieser Versammlungen sich mit einem harmlosen Spaziergang über die Ringstraße begnügte«, zogen einige hundert deutschnationale Studenten und österreichische Offiziere, die an der Versatnmlung im dsUtschen Schulvereinsgebäude teilgenommen hatten, über den Opernring zum Lobkowitzplatz, UM vor der tschechischen Gesandtschaft zu demonstrieren. Die Studenten und Offiziere drohten mit Stöcken gegen die Fenster des Lobkowitzpalais und riefen Schmähworte gegen Masaryk, Kramarz. gegen Stefanik und gegen bst tschechö-slowakische Republik. Von dort zogen die Versammlungsteilnehmer in die Herrengasse und demonstrierten gegen die Zivnostenska Banka. Eine Rede Sr. Nach den Versammlungen erschien ein Zug vött tälnehmern vor dem Gebäude der Staatskanzlri. Eine eputation begab sich zum Stuatskanzlet Dr. R e n n e r, dem der Führer Dr. Antsn Schalk eine Entschließung der nationalen Parteien überreichte. Bor dem Gebäude sang die Menge nationale Lieder und verlangte stürmisch das Erscheinen des SLaMkarizlerZ. Staatskanzler Doktor Renner betrat den Balkon Und hielt folgende Ansprache: In einer furchtbaren und traurigen Zeit haben Sie sich hiev versammelt, um Zeuattis abzulegen für die Stimme Ihres Herzens und für die Stimme Ihres Blutes. (Lebh. Heilrufe.) Das Schicksal trifft Völker Und einzelne ohne Wahl, ohne Vernunft. Die deutsche Nation in Europa — und es gibt nur eine einzige deutsche Nation — ist heimgesucht worden von einem Schicksal, wie sie es in Jahrhunderten und Jahrtausenden nicht erlitten hat. Nach den gewaltigsten Anstrengungen, nach den ruhmvollsten Siegen eine Niederlage, welche der Nation die schwersten Opfer auserletzt. Wir wissen heule noch nicht, wie sich Deutschland entschließt. Aber wir müssen eines verstehen: Wenn auch der Kelch des Leidens noch io bitter ist. unsere deutsche Seele und unser deutsches Wesen werden wir nicht preisgeben. (Zurufe.) Verehrte Versammelte! Wenn ich nach Paris gehe, so gehe ich in dem ersten Gedanken, für unsere Volksgemeinschaft zu retten, was in der furchtbaren Stunde zu retten ist. Unser deutsch österreichisches Staatswesen ist wirtschaftlich in der furMbarsten Bedrängnis. Wir haben diesen Winter nahezu um jedes Stückchen Kohle und um jeden Biffen Brot betteln müssen. (Zurufe.) DaS eine zeigt J^neu schon, in welcher augenblicklichen Lage wir uns befinden und daß unS die Uebermacht zu manchem zwingen kann, mal unser Herzenswunsch nie und nimmer sein kann. Wir werden den Frieden nicht bekommen, den wir erwartet haben, den wir erhoffen durften, wenn das Wort von der Selbstbestimmung der Völker Wahrheit geworden wäre. Das Leben der Völker, das Leben der Nation ist nicht das Leben eines Tage! Und nicht eines Jahres, eine geschichtliche Welle entscheidet nicht. Wir sind heute in dem Zustand der tiefsten Erniedrigung, aber so wahr es einen westfälischen Fktedeu gegeben hat und dieser zerriffen worden ist, .so wird biksök Friede nicht bas letzte Wort in der Geschichte sein. (Stürmische Heilrufe.) Und darum bitte ich Sie, bleiben Sie fest in dem Gedanken, daß unsere Nationsgemeinschaft, die im Jahre 1866 zerrissen worden ist, aufrecht erhalten wird: Zunächst im Geiste ^.und im Herzen — alleS aNdete Müssen wir unserer festen Entschlossenheit Vorbehalten. Der heutige Tag und die Kundevungen sollen auch ein Zeichen nach außen sein und jene Völker, die das Wort von der Selbstbestimmung verbreitet haben, belehren, daß auch hier eine Nation lebt, die ihr Selbstbesümmungsrecht haben will und daß dieses Selbstbesiimmungsrecht nwerzichtbar und unverjährbar ist, daß wir uns das ewige Recht wieder holen werden und sei es von den Sternen. (Stürmische Heilrufe). Ich möchte diese denkenswerte Stunde schließen mit dem Rufe r Es lebe vie geknechtete und entrechtete Nation, sie lebe und ihr bleibe es Vorbehalten, die deutsche Stamm- und Lebensgemeinschaft auch politisch zu verwirklichen. Es lebe Deutschland! Die Demonstranten dankten dem Staatskanzler mit lebhaften Heil- und Bravorufen. Beschwerde des Gesandten Tusar. Der hiesige Gesandte der tschechoslowakischen Republik, Herr Tusar, erstattete über den Vorfall dem Prager Ministerium sür auswärtige Airgelegenheiten sofort telephonischen Bericht. Gr wurde beauftragt, sofort im deUlschösterreichischkn Staatsamt für AeUßeres gegen die Beleidigungen zu protestieren, um geeignete Maßnahmen zur Verhütung derartiger Vorfälle zu ersuchen, eine Verfolgung und entsprechende Genugtuung zu verlangen. Sektionsrat Dr. Sasarik, der im Namen des Gesandten Tusar beim Staatssekretär deS Äeußern Dr. Bauer vorsprach» brachte diesem die obgenannten Forderungen zur Kenntnis. Doktor Bauer sprach sein lebhaftester Bedauern über die Demonstrationen aus, als deren Grund er die große Erregung in der deutschgesinnten Bevölkerung bezeichnet. Die Wiener hegen aber durchaus keine feindlichen Gefühle gegen die tschecho-slowakische Republik. Der Staatssekretär teilte fernermit, daß er sofort Auftrag zur strafrechtlichen Verfolgung der Schuldigen erteilt habe. Er bat, dies der tschecho-slovakischeu Regierung zur Kenntnis zu bringen und aus dem Vorfall keine „cause <Äbre“ zu Machen, zumal die deutsch österreichische Regierung größten Wert darauf lege, tn freundschaftlichen Beziehungen mit der nördlichen Republik zu leben. Die tschecho-slowakische. Regierung hat diese Erklärung zur Kenntnis genommen und erachtet den Vorfall für vorläufig erledigt. fasa Keine gemeinsame Kriegsschuld de« Alliierten. Zürich, 11. Mai. (Tel.-Komp.) Die schweizerische Telegraphen-Informatton meldet aus N e w«- tz) o r k: Nach Mitteilungen von G r o ß f i n a n z i e r s ist der namentlich von Paris aus in Washington unterstützte Vorschlag, eine gemeinsame Kriegsschuld der Alliierten, Amerika e tngeschlo ssen unter gemeinsamer Garantie auszuwersen, als endgültig aufgegebeir attzusehen. ZnLsvnationaies Arbeiterrecht. . Die Berner Beschlüsse. Berti«, 11. Mai. Die „Deutsche Mg. Ztg/ meldet aus Versailles: Am den Arbeitem die Mitwirkung an der Gestaltung der Bestimmungen über das internationale Arbetterrecht zu sichem, hält es die deutsche Delegation für notwendig, zur Beratung und Beschlußfassung Vertreter der Landesorganisationen und der Gewerkschaften zu der Konferenz nach Versailles zu berufen. Die deutsche Delegation hält es für zweckmäßig, den Verhandlungen Dieser Konferenz die Beschlüsse der internationalen Gewerkschafts- Konferenz in Bern vom 6. Februar 1916, „Programm zur internationalen Arbeueraesetzgedung an die Friedenskonferenz in Parts", zugrunde zu legen. Zm Aufträge der Gewerkschaften Deutschlands ist eine Abschrift der Beschlüsse beigefügt, die angenommen worden sind von den Vertretern der Gewerkschastsorganisattonen Deutschlands, Englands, §rankreichs, Griechenlands, Kanadas, Norwegens, esterreichs, Schwedens, der Schweiz, Ungarns und Spaniens. Wie bas Blatt weiters meldet, ist Legten heute von Versailles abgereist. „Evvrieee Hella Sera" gegen die Vergewaltigung. BeMn, 11. Mai. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" gibt einen Artikel de« „Eorriere della Sera" wieder, der sich dahin äußert, daß aus der von der Pariser Konferenz beabsichtigten Vergewaltigung D eütschö sterreichs Italien großer Schaben erwachs^va hier nur scheinbar eme Schwächung Deutschlands, in Wahrheit aber einItalien feindliches Programm angestrebt werde. Die nationale Einheit Deutschlands könne wohl geschwächt, nicht aber zerstört werden. Die gntee«attd«ate gegen das Bersaillev Diktat. Versailles, 11. Mai. „Populaim^ meldet, von der internationalen Soziatistenkonferenz fei Huysmans dringend nach Paris berufen worden» um die Aktion zu prüfen, welche der Jnkrnationale tut* «bei abscheulichen Frieden-Vertrages, en neuen Krieg zur Folge haben werbe, obliegt. Henderson, HuysmanS und Ramfah Mae* d o n a l d trafen heute in Paris ein und hatten sofort eine Besprechung mit Albert Thomas snd Longuet. Der Au-schuß wird Sitzungen abhalten Mb gedenkt bis zur Unterzeichnung des Friedens permaneÄ zu tagen. Berlin, 13. Mai. Der „Vorwärts^ Meldet aus Versailles: Der Gesamteivdruck aus den bishetisen Aeuße* rungttt der ftüttzäsischenSotzialisten zum FriedenSMMrf ist ungefähr folgender r Es sei *ine Schande, doch könnten die Sozialisten vorläufig nichts Mtt. Dieser Friede werde sich ohnehin wegen seiner eigenen Maßlosigkeit all undurchführbar erweisen. Deutschkavdkönne ihn unterzeichnen,derinternati»NaleSoziaf i $ itt tt I werdeihnver Nichten. Berlin, 12. Mai. Der „Vorwärts" ntckhrä ans Versailles: Wie die „tznmanitü" berichtet, hat der ständige geschästsführende Ausschuß der soziallsttschetn Partei Freitag abends beschlofiendte Prüfung der Friedenspräliminarien einem Ausschuß zu Übertragen, dem AMrt Thomas, yr essatb, Mentet, Longuet, Ge,nbat und S ev erak M Mitglieder angehören, und die sozialistische Gruppe deS Parlaments um die Entsendung von gletchsallS zwölf Genofien in diesen Ausschuß zu ttsuchen, der die Einzelheiten des Vertrages prüfen und die Bedingungen eines schnellen undzweckmähigetiHandel ns der Partei prüfen und sestlegen soll. De« Ausschuß wird bereits am iS. Mai, abends, zusamnietuerten. Frunstveichs Geldnvt. Pavis, 10. Mai. Wie der ^Eclairmeldet, hat ttn Haushaltungsausschuß Finattzmstüster Klotz über denReaierungsanttag berichtet, daß die Bank von Frankreich dem Staat weitere drei Milliarden vorjchießen und vier MilliardenneuerBanKnottzn ausgeben soll. Der Finanzminister erklärte die Annahme der Vorlage sür unbedingt nötig, um die wetteren Zahlungen sicherzustellen. Aber dieser Vorschuß sei zweifellos der letzte, da di- Meaittuna Künftig Ättleihm aufnehmeu werde.