Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 113 (12.5.1919)
- Date
- 1919-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Einspruch der deutschen Delegation gegen die Unerfüllbarkeit der Friedensbedingungen ist von Clemeneeau in einer Note beantwortet worden, die bei aller Härte des Tones doch das Gute hat, daß sie von den Deutschen praktische Vorschläge einfordert. Das läßt doch immerhin die Hoffnung auf eine Aussprache zu. Auf Seite der deutschen. Unterhändler ist die erste Niedergeschlagenheit zugunsten einer ruhigeren Erwägung gewichen und Gras Rantzau, der sich entschlossen hat, in Versailles zu bleiben, beruft die Führer der deutschen Gewerkschaften nach Paris, um bei den Besprechungen über die Regelung des internationalen Arbeiterrechtes von Sachverständigen unterstützt zu werden. Es steht auch zu hoffen, daß es den Führern der Internationale, derer sich angesichts der drakonischen Bestimmungen des Friedensentwurfes eine gewisse Bestürzung bemächtigt hat, gelingen wird, mäßigend zu wirken und den Einfluß der Arbeiterschaft gemäß, den Berner Beschlüssen gegen das in der Entente ilbermächtig gewordene Großkapital geltend zu machen, das in dem Kampf gegen Wilson aus Amerika selbst Sukkurs erhallen hat. Die Bemühungen der Friedensfreunde gehen dahin, einersells allzu große Annexionen zu verhüten, andererseits aber über die Höhe der von Deutschland zu zahlenden Knegsentschädigung Klarheit zu schaffen. Die Unsicherheit in dieser Frage ist tatsächlich geeignet, Deutschlands wirtschaftliche Neuordnung unmöglich zu machen. Nach einer Reutermeldung, die.aberdec Bestätigung bedarf, soll sich Holland entschlossen haben, den Ex-Kaiser Wilhelm auszuliefern. Sollte es tatsächlich dazu kommen, daß dieser einst so mächtige Mann aus dem ExU einem Gericht vorgeführt wird, so würde auch dies wenig zur Aufhellung der Schuldftage beitragen und nur dazu dienen, einen Märtyrer zu schaffen, dem sich alle in seiner Heimat verlorenen Sympathien von neuem zuwenden würden. Die Wahrheit liegt wohl in der vom Grafen Rantzau gemachten Feststell,ü n g, daß der internationale Imperialismus die ganze Well vergiftet hat. Es wäre im gegenwärtigen Zeitpunkt besser, die Aufklärung der Kriegsursachen den Historikern zu überlassen und an der Befreiung der Welt vom Moloch des Imperialismus zu arbeiten. . * Bezüglich Deutschösterreichs liegt eine Meldung vor, wonach der Viererrat die Grenzen zwischen der Tschecho-Slowakei und der Republik festgestellt hat. Das heißt wohl, daß damit auch der unserer Friedensdelegation, die heute abend ihre schwere Reise antrüt, oorzulegende Friedensentwurf fertiggestellt ist. Wir werden also in kürzester Frist wissen, ob alle die Nachrichten wahr sind, die Deutschösterreich eine bessere Behandlung sür den Verzicht auf den Anschluß an Deutschland verheißen. Es war bekanntlich von weitgehend enwirtschastlichen Zugeständnissen dieAede.Wiees damit steht, darüber gibt eure Meldung Aufschluß, wonach die französische Kammer einen Regierungsvorschlag auf ^Gewährung eines Anlehens von fünfzehn Millionen Dollar zur Verpflegung Deutschösterreichs mit der Begründung abgelehnt hat, daß die Bürgschaften, die Deutschösterreich bietet, zu gering seien. Es ist nicht gesagt, um welche Bürgschaften es sich da handelt. Aber cs geht daraus hervor, daß in Wien gewisse Verhandlungen geführt worden sind. bei. denen es sich um die Verpfändung staatlicher Einkünfte gehandelt ljat. Mau kann gcnnfe nichts dagegen einwenden, daß unsere Regierung alles tut, um unsere Verpflegung statt yuf Almosen lieber auf eine feste finanzielle Grundlage zu stellen. Aber wozu auch hier wieder die verdammte G'l-eimtuerei? Nehmen wir an, die Regierung wäre bereit, die Salinen, die Eisenbahnen, die Wiener Tramway den Gegnern für Drot, Fleisch und Kohle in Pfand zu geben. Würde sich auch nur eine Stimme in der Nationalversammlung dagegen erheben? Wir sind so heruntergekommen, das; wir nicht einmal darin etwas finden würden» wie Portugal» Griechenland oder Venezuela behandelt zu werden. Aber wir bitten doch um etwas Vertrauen zum Volk und um Einstelluna der Gebeimdivlomatie. Holland liefert Gx-Kaifer Wilhelm aus? London, 11. Mai. (Reuter.) „National News" meldet ans dem Haag, daß die holländische Negierung beschlossen habe, den früheren deutschen Kaiser auszuliefern. Clemeneesms Antwort auf die deutschen Noten. Berlin, 11. Mai. Das Wolffsche Bureau meldet aus Versailles: Die Note der deutschen Friedensdelegierten über die allgemeine Beurteilung -des Friedensentwurfes wurde durch Clemeneeau am 10. Mai mit folgender Note beantwortet: „Herr Vorsitzender! Die Vertreter der alliierten und assoziierten Mächte haben von der Note Kenntnis genommen, welche die Bemerkungen der deutschen Bevollmächtigten zum Texte der Friedensbedurgungerr enthält. In Beantwortung dieser Mitteilung möchten sie die deutschen Delegierten daran erinnern, daß sie sich bei der Festsetzung der Vertragsbestimmungen ständig von den ' Grundsätzen haben leiten lassen, nach denen der Waffenstillstand und die Friedensverhandlungen vorgefchlagen worden sind. Die Vertreter 7 der alliierten und ^..assoziierten Mächte können keinerlei Erörterung ihres Rechtes zulassen, die grundsätzlichen Bedingungen des Friedens, so wie sie sie festgesetzt haben, aufrechtzuerhalten. Sie können nur Anregungen praktischer Art in Erwägung ziehen, die die deutschen Bevollmächtigten ihnen etwa zu unterbreiten haben. Genehmigen Sie u. s. w. Clemeneeau." Auf die Note über den Völkerbund hat Clemeneeau geantwortet: „Herr Vorsitzender! Ich habe die Ehre, Ihnen den Empfang des deutschen Entwurfes eines Völkerbundes zu bestätigen. Der Entwurf wird der zuständigen Kommission, die durch die alliierten und assoziierten Mächte gebildet ist, übermittelt werden. Die deutschen Delegierten werden durch eine neue Prüfung der Völkerbundsatzungen seststellen können, daß die Frage der Zulassung neuer Mitglieder in diesen Bund nicht übersehen, sondern ausdrücklich im zweiten Absatz des ersten Artikels vorgesehen ist. Genehmigen Sie u. s. w. Clemeneeau." Die Deutschen werden schriftliche Vorschläge machen. Paris, 10. Mai. (Funkspruch des Tel.-Korr.-Bur.) Der „Temps" schreibt, daß die von einigen Blättern veröffentlichte Nachricht, wonach Graf Brockdorff- Ra n h a u und die anderen deutschen Bevollmächtigten Versailles verlassen wurden, um nach Berlin zurilüzukehren, durch Nichts bestätigt wird. Man habe im Gegenteil den Eindrucks daß die deutsche Abordnung sich mit dem Verfahren der schriftlichen Mitteilungen ab find et und im Einvernehmen mit der deutschen Regierung Gegenvorschläge aus die Fricdensbedingungen vorbereitet. Bekanntlich müssen diese Gegenvorschläge binnen fünfzehn Tagen, also vor dem 22. Mai überreicht werden. Graf Rantzau bleibt in Versailles. Berlin, 11. Mai. Der Versailler Sonderberichterstatter der „Deutschen Allg. Zeitung" meldet: Die Pariser und die englische . Presse enthalten wieder abenteuerliche Gerüchte über die Absichten der deutschen Delegation, besonders über die angeblich bevor st edende Abreise des GrafenBrockdorff - Rantzan. Ich ersuchte deshalb den Reichsminister des Aeußern um , ine Aeußernng seiner Stellungnalnne hiezu. Aus der Unterredung geht hervor, daß die meisten Nachrichten der feindlichen Presse vollständig aus der Luft gegriffen sind und die Arbeiten der Delegation und deren Kommissionen, die täglich zu Sitzungen zusammenkommen, in # aller Ruh weitergehen. Einige Mitglieder der Delegation sind, nach Berlin abgereist, da ihre dortige Anwesenheit durchaus notwendig ist. Graf Brockdorff-Rantzau bleibt auf alle Fälle vorerst in Versailles. Im Verlaufe der Unterredung kam das Gespräch auf die dem Verband überreichten deutschen Noten, die der „Temps" heute veröffentlicht, wobei er auffallend sachlich bleibt. Mein'e Frage, ob irgendwas seitens des Verbandes darauf erfolgt sei, erwiderte der Reichsmimsteri verneinend, bestätigte aber, daß auch heute weitere Noten überreicht werden würden, so eine Note über das iuter-i nationale Arbeiterrecht. t Auf meine Frage, warum als erster deutscher Gegeri-^ Vorschlag der deutsche Völkerbundsentwurf überreicht worden sei, erwiderte der Minister, daß dies ja auch di» Artikelfolge des Vertrages sei, es habe jedenfalls nahege-« legen, mit diesem Vorschläge anzufangen. Die Verpflegung Deutschösterrerchs. Frankreich findet die Bürgschaften zu gering. , Paris, 10. Mai. (Tel.-Komp.) Der Budgetausschuß der Kammer erklärte die von De utschö st erreich angebotenen Pfänder für ungenügend und lehnte den Antrag des Ministers C l e m e n t e 1 auf Bewilligung eines Vorschusses von 16 Millionen Dollar zur Beteiligung Frankreich an der Versorgung Oesterreichs ab. Der Antra 1 Clenrentels hatte besagt, daß dieser Vorschuß vo 16 Millionen Dollar für die von Amerika durch zuführende Versorgung Deutschöfterreichs mit Lebens^ Mitteln dienen solle, wobei Frankreich, England und< Italien zu garantieren hätten. j Minister des Aeußern Pichon verlangte, daß der Buhgetausfchuß der Kammer ihn in dieser Frage einvernehme. Pichon wird Dienstag vor der Budget-' Kommission sprechen. Pichon überreichte der. Kammer ein Schreiben, in dem dieBedingu n gen bot* gelegt werden, unter denen die Verpflegung D e u t s ch ö st e r r e i ch s sichergestellt werden kann« Eine Friedensbotschaft Wilsons an den Kongreß. Paris, 11.Mai. (Funkspruch.) Wilson wirdeine telegraphische Botschaft über den. F r i e d c n s v e t+ trag an den Kongreß richten und den Friedens- Vertrag erst nach Unterzeichnung d u rch die Deutschen dem Kongreß vorlegen. Me türkische Regierung verläßt Konstantinopel. Uebersiedlung nach Brnssa. Berlin, 11. Mai. (Tel. der „Wr. Morgcnzeitmrg".) Aas Konstantinopel wird gemeldet, daß mit Rücksicht auf den besorg stehenden Verlust von Konstantinopel die Regierung mit der Aebersie d l n ng nach B r u s s a in Kleinasien begonnen hat. Angriff der russischen Bolschewiken auf Rumänien. Paris. 11. Mai. (Funkspruch des Tel.»; Kovr.-B.) Aus Bukarest wird gemeldet r Die rumänischen Truppen hatten am 3. Mai aus dem rechten Äser der Theiß in Entsprechung) der ungarischen Waffenstillstandsbitte ihren Vormarsch eingestellt. Nach fünf Tagen ern gebnisloser Verhandlungen haben die Alliierte« erkannt, daß die Waffsnstillstandsbitte nut eine List der ungarischen Bolschewiken sei, um den russischen Bolschewiken, die zwei Tage vorher ein Altimatmri an Rumänien abgesandt hatten, Zeit zu geben, Rumänien in den Rücken zu fallen. Tatsächlich werden auch die Rumänen seit vier Tagen am Dnjeftr ernstlich durch die russischen Bolschewiken angegriffen. Bela Kun hat diesen Augenblick für günstig erachtet, die Vorschläge der Alliierten zurückzuweisen, worauf die rumänische Armee am | 7. Mai den Befehl erhalten hat, den Vor- I marsch aus Budapest fortzuseHerr. *, SBI BHOHHanffiSS