Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-05-10 · Heft 111 (10.5.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 111 (10.5.1919)
Date
1919-05-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979188--00976-2986328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette « Wien, Samstag ÄisrAerrzLiLMF 10. Mai 1919 Nr. Hl Von Leour- Andreren». ' Als die Alliierten die Emftdmi^ rn die Bolicl'rw'kcurkgiennia ^-.r Konier'Ln.; am den Pr.n eninjeln crgchen lie'Zcn, erliest der Dichter einen zorn^ glühenden Amurs. der zuerst in der vJu Bllrzew in Paris herauSgegchenen „Gemeinsamen Sache", und nachher in der Berliner „Stimme Rußlands" erschien. Wir veröffentlichen einen kurzen Auszug aus dem erschütternden documeut kumain m deutscher Nebersehung. Die Verbündeten wiss-en es nicht, was die Bolschewiken find, die sie zu einem sreundfchaflichen Wieder ft br'u auf die Prinzeninseln einladen. Nach enderLhalbjähriger Herrschaft der Bolschewiken in Rußland, nach dem Aufflackern des Bolschewismus in Deutschland und anderen Ländern ist nur ein Wahnsinniger imstande, die ganze Kraft des Bösen und der Vernichtung blind zu verkennen, die durch diese Wilden in Europa a gerichtet wurde; die« Wikdrn. we che sich gegen dessen Kultur, dessen Gesetze und dessen moralischen Kodex erhoben haben. Ja, man muß ein Wahnsinniger sein, um die eindeutigen und aus der Hund liegenden Taten des Bolschewismus nicht zu verstehen, nian muß wie blind ohne Augen sein oder man muß sehend sein und doch nicht sehen, um auf dem Antlitz des ungeheuren verkrüppelten Rußland nicht die Mord«, diä Friedhöfe, die Gefängnisse, die Irrenhäuser nicht zu sehen und nicht zu sehen, wohin Hunger und Schrecken Petersburg und ach, viele andere Städte geführt haben. Man muß wie ein Tauber ohne Gehör sein oder hörend sein, und doch nicht hören: das Schluchzen, das Stöhnen, das Weinen der Frauen, das herzzerreißende Schreien drr Kinder, das Röcheln der gewürgten Menschen und das Krachen der Henkrrswafftn, all das und alles andere sind zu hören, dieses einzige Lied seit den letzten anderthalb Jahren! Man muß den Unterschied zwischen Wahrheit und Luge und zwischen Erlaubtem und Nichterlaubtem nicht mehr kennen, um den Sinn der bvlschewikischen Saturnalien und ihrer unnnt—brochrnen Lüge nicht zu fühlen, jener wie das Lallen des Betrunkenen leblosen und stumpfen - Lüge der Lenins "M Dekrete, jener tönenden und pomphaften Lüge der Reden des blutgeröteten Narren Trytzkij, endlich jener kindlichen naiven Lüge, mit der man kleine Kinder einfängt ... Man muß, wie die Bolschewiken selbst, ein Wilder, ' man muß moralisch verkrüppelt sein, um Äugen und Ohren, Vernunft und Wille zu haben und dabei gleich- . gültig gegen das unmenschliche Benehmen der Bolschewiken zu bleiben .und es mit anderen Morten zu bezeichn uen als mit den Worten: Verbrechen, Mord, Lüge und Räuberei. Man muß bar jeglicher menschlicher Regungen sein, um bei Anblick eines Wüstlings, der eine Frau vergewaltigt, oder beim Anblick einer brutalen Mutter, die ihr Kind mißhandelt, das alles „innere Angelegenheiten" zu nennen und sich nicht einmischen zu wollen, weil derartige Geschehnisse, wie sie auch vor sich gehen mögen, „Sozialismus" und „Kommunismus" heißen. Diese Worte sind heilig für die Menschheit; sie haben die Kraft, den Menschen zu begeistern; wenn aber böft Lügner, ungebildete und niedrige käufliche (Wneftnkcrle, als die „Avantgarde der chinesischen revolutionären Demokratie" bezeichnen, dann hat man keine lebendige Seele, wenn man sich mit einer solch traurigen, schamlosen Lüge einfemgen läßt. Ja, das ist es: eine schamlose Lüge, lv-eil die Verwendung gelber angekaufter Mörder zur Ausrottung der Europäer eine in den Annalen der schrecklichsten Tyranneien bisher noch nicht dagewesene Tatsache ist. Und es ist gruselig, -zu denken, baß Europa länger als ein Jahr mit seinen eigenen Augen das von diesen exotischen Tieren gebotene, unser Herz zerreißende Schauspiel betrachtet hat und bis heute nicht feststellen konnte, ob diese eine „Avantgarde der Demokratie" sind oder eine Avantgarde der Teufel, die, aus dem Hades entlassen, gekommen sind, unsere unglückliche Erde zu zerstören! Nicht die alliierten Regierungen beschwör« ich:' „Rettet uns!" An dich richte ich mein Flehen, an dich. Menschheit Europas, an deren edle Gesinnung ich heute glaube, wie ich auch gestern an sie geglaubt habe. Wie ein Telegraphist auf einem sinkenden Schiff nachts, mitten in der Finsternis, seinen lebten Ruf aussendet: „Zu Hilfe! Rascher! Wir sinken! Rettet!" so entsende auch ich, getrieben vom Glauben an die Güte des Menschen, in die wette Finsternis mein Flehen für die untergehenden Menschen. Wenn man doch wüßte, wt. pi». die Nacht um uns ist! Wenn doch meine Worte di« ganze Undurchdringlichkeit dieser Finsternis beschreiben könnten! Aber meit ruft ich? Ich weiß eS nicht! Weiß es denn der Telegraphist, wen er ruft? Auf tausend Meist!: ist vielleicht das Meer wüst und leer, puh uiicht eine Sec!« veruimint seinen Hilferuf! Die Nacht ist finster.. . Vielleicht hört irgend jemand in der Ferne diesen Hilferuf und denkt: „WeShald soll ich hin? Auch ich könnte dort urrtergsheri!^ l'nd er fetzt seinen Weg fort... Sie Rächt ist finster. Und fürchterlich ist das Meer! Aber der Hisse suchende ist doch zuversichtlich und <*•<} 'f'.'&t1 D?7 stjiloWiittzu Die Abteilung 7 bat* politischen europäischen Klauseln besagt über die Tschccho-Slowakei im Wortlaut: „Deutschland anerkennt die völlige Unabhängigkeit dieses Staates mit Einschluß des autonomen Gebietes der Nuthenen südlich der Karpathen. Es erteilt den durch die Alliierten für diesen Staat beschlossenen Grenzen seine Genehmigung. D ie t s ch e ch v - slo w ak i s che S t a a t s b ü r g e rschaft wird den deutschen Reichsangehö rigen, die auf dem tschechv-slowakischen Gebiete wohnen, zugesichert. Innerhalb einer Frist von zwei Jahren werden diese deutschen Staatsangehörigen die Möglichkeit haben, zu.optieren. Dieselben Bestimmungen gelten für die Tschecho-Slowak-rn deutscher Reichszugehörigkeit, die in Deutschland wohnen oder sich im Ausland aufhalten. Dke Grenzen zwi'chen Deutschland und dem tschcchoslowakischen Staat werden bestimmt durch die alte Grenze zwischen Oesterreich und dem Deutschen Reiche, wie sie am 3. August 1914 bestand. Deutschland muß dem tfchecho slowakischen Staat ein Stück von Schlesien abtreten, das westlich von Leoüschütz liegt und an das . oberschlesischs Hüttenvevier angrenzt, das bekanntlich polnisch wird. Die Abgrenzung deS tschechoslowakischen Staates ist aus der dem' Friedens V ertrag 'beigegebenen Karre zu ersehen und umfaßt Deutschböhmen, über bas im Vertrag selbst nichts ausdrücklich gesagt ist Auf Deutschböhmen bezieht sich aber anscheinend der erste Absatz des Artikels 86, der lautet: „Der tschecho-slowakische Staat stimmt zu, daß in einen Vertrag mit den alliierten Großmächten Bestimmungen ausgenommen werden, welche - die Großmächte für nötig halten, um in Tschecho-Slowakirn die Interessen der Bewohner zu schützen, die sich von der Bevölkerung durch Rasse, Sprache oder Religion unterscheiden." Was die Entente Deutsch Österreich anbietet. Nach Informationen der schweizerischen Blätter werden die Wiener Friedensdelegierten in Saint-Germain selbst darüber zu entscheiden haben, ob Deutschöstrrreich den Wünschen der Entente nach einer Neutralisierung Folge leisten oder sich Deutschland anschlicßen werde. Die Vorteile, die Deutschösterreich bei Bewahrung seiner Selbständigkeit ziehen würde, tverden von den Alliierten.für die Zukunft als,so wichtig erklärt, daß man scheinbar' nicht daran -.zweifelt, wir die Entscheidung ausfallend wird, Dcutschösterreich werde vor allem wirtschaftlich aufgeho lfen trrr'xri. Die Alliierten denken hierbei an die Gewährung' einer langfristige n gemeinsamen Anleihe, weiters soll die österreichische Krone eine d e r a r t i g e S t ü tz e erhalten, daß sie im Ausland wieder K a u f i r a f-t hat. In territorialer Hinsicht würde Deutschösterveich soweit z u f r i r d enge st ellt werden, als 'dies unter den grgenlvärtigew Umstünden überhaupt möglich sei . Ein direktes Verb ot des Anschlusses, das Clemenceau ursprünglich befürwortete, soll nicht ausgesprochen werden. Diese. Forderung ist an der Stellungnahme Wilsons gescheitert,'btt das Selbstüestimmungsrecht für alle Nationen.in.strenger Weise durchgeführt wissen will. - - ' D Man glaube in - den Kreisen der Alliierten, daß die nunmehr erfolgte K e n n t n i s d e c D e u t s ch l a n d auferlegten Friedens bedingen gen in Wien davon überzeugen werde, daß ein Anschluß an .Deutschs land den Interessen ,D e n t schösterrcichs in. wirtschaftlicher Hinsicht so wenig entspre che, daß gewisse politische FoGernngen hinter diesen Erwägungen zurücktreben müßten. ' - u; Ern ^arrmtierter Kvonenlrurs^ Die in Men in der Vorwoche emgetroffene französische Handezsmisfion hat mit den betreffenden RessvrtS Verhandlungen eingeftiict, die zu zahlreichen, für unsere Lebensmittel- und Warenversorgung sehr erfreulichen Ergebnissen geführt haben. Die Bestellungen sinh beiderseits esfektuiert; eingehender Besprechung bedürfen noch die ZahlunßSmodalitäten; man hat sich teils auf Körnpensationswarerr, teils dahin geeinigt, die Resultate der Friedenskonferenz mir Deutsch österreich abzuwarten' und dann erst endgültige Entscheidungen zu treffen. Es verlautet nämlich, daß der Plan von seiten der Entente besteht, den Kurs der derltschösterreichischen Krone in der Relation 4 0 Franken gleich 1 0 0 Kr o nen zu garantieren; dies würde eitle sofortige Verdoppelung des Wertes unserer Za h lu n g s m i t te l und im weiteren Verlauf eine automatische Erhöhung der Valuta bedeuten und damit eine ausgiebige Belieferung Deutschösterreichs rnit Lebensmitteln und Waren zur Folge haben. Die Mission dürfte Ende der kommenden Woche nach Paris zurückkehren. vom er ruft hartnäckig, ruft bis zur letzten Minute, Bis das letzte Licht verlischt und sein Slpparat für ewig verstummt. Woran glaubt er? Er glaubt an die Menschheit, wie auch ich! Er glaubt an die Gesetze der Menschenliebe und des Lebens. Es kann nicht sein, daß einer zugrunde geht und ein anderer ihm nicht hilft! Es kann nicht sein, daß einer den anderen dem Tode überläßt, ohne Hilfe, ohne den Versuch zu Helsen! ED kann nicht sein, daß ein Hilferuf unerhört bleibt! Jtiuan') muß kommen. Ich w.iß nicht, wer, aber wie ein Hellft.!fti»der sehe ich seine Züge, erkenne ich seine nnr vcr .' .-.dte Seele. Ich fühle, wie der Wunsch, zu helfen, seine Muskeln spannt, sein Auge schärft und den Weg erleuchtet, den sein rasch entschlossener Verstand einsch lagen wird. Ich flehe nicht für das russische Volk um Hilfe. Denn da§ russische Volk zu retten, ist eine zu gewaltige Aufgabe und nur Gott hat Gewalt über sein Leben und feinen Tod. " - In diesen trübseligen Tagen, da zum Schicksal des großen, in den Schmutz getretenen Rußland geworden sind: Verachtung und Gespött von Narren, in diesen trübseligen Tagen bin ich stolz, Russe zu sein« und ich glaube an die Zukunft, an die Glorie Rußlands. Solch ein Gigant wie dys russische Volk kann nicht untergehen. Ob nun die alliierten Negierungen Rußland zn Hilfe kommen oder ob man es Rußland selbst überläßt. sich aus Fäulnis und Sumpf herauszuarbeiten, einerlei wenn seine Stunde kommen wird, dann wird Rußland aus dem Grabe auferstehen, ans Licht der Welt kommen und unter den großen Völkern der Erde wieher rechtmäßig seinen Platz einnehmen. Allein das, was für unS schrecklich ist, für uns, hie wir sterbliche Menschen sind, terey Leben nur einen . Augenblick dauert, ist für ein unsterbliches, großes Volk nicht mehr als ein Herzschlag. Huuderttaufenbe von Toten, einige Jahre der Oml ' — ttxt^ bedeutet daS für Rußland mit ftinenr gewaltigen,, unermeßlichen Schicksal? Nein, nicht Hilfe für Rußland erbitlo ich bei dir, v Mensch, auf den ich warte. Abtzr denke an diese Taufende von Mnschrn, die nur ein einziges Leben haben, ein das einen Augenblick nur bauert, und die in unerträglichen Qualen sterben oder aber ein Leben führen, das fchlimrner ist als drr Tod. Der Bolschewismus und Ämerika. i Die Vorgänge in Rußland werden in den Vereinigten Staaten mit großer Aufmerkfainbeit verfolgt. Eine besondere Kommission des Senats verhörte wochenlang Diplomaten, Kanfleute und Vertreter des Risten Kreuzes, die sich in Rußland aufgehalten hatten, vor einem großen Auditortu'.n. Einzelne Expert-'» hatten für den russischen Bolschewismus eine milde Beurteilung, und ein Oberst, der sich als Offizier des Roten Kreuzes in Rußland ausgehalten hatte, verwahrte sich gegen eine bewnft" nete Intervention Äm-ertkas und verlangte sogar, daß man der Sowietregierung Hilft anbiew, tvährend durch ein militärisches Eingreifen der Bolschewismus 'in andere Länder verschleppt werben müsse. Die bolschrwikische Propaganda, die in Amerika ausgeübt wird, hat ihren Sitz in jenen Stadtteil NewHorks, in denr dir versch'ebenen Einlvandererkolvnwn wohnen. Die Furcht vor einer bvlschewikischen Infektion - Nörd-- amerikas, die in manchen Kreisen besteht, scheint'einzelne interessante staatliche Neuerungen veranlaßt zu haben. Der Staat Nord-Dakota> wo sehr viel Getreide für den europäischen Export produziert wird itnb die Zahl der Sozialisten nur gering ist, hat durch Volksabstimmung ein Gesetz erlassen, das die Verstaatlichung der- Banken, Mühlen und Wohnungen vorsieht. Die zahlreichen bestehenbleibenden Privatbanken sollen von der zentralen Staatsbank beailfsichtigt tverden. Weiters soll eine staatliche Hagelversicherung , nnd eine LebriD und Unfallversicherung der Arbeiter eingeführt werden. Betreffs der Verstaatlichung von Wohnungen verpflichtet sich die Regftrltng, eine nach und nach zu amortisierende Farm oder Wohnung gegsn 20 Prozeitt Anzahlung zu errichten. Auch die Kohlenbergwerke sollen verstaatlicht werden. " Polnisch-jüdische Verhandlungen in Paris. Awifchen den Mitgliedern der jüdischen Nationtil« riite in Paris, Nahnm T o k o l o w» Dr. T h o n, Dr. Brande und L e w i t e eiattseits mtd der polnischen Delegation auf der Friedenskonferenz mit Professor Grab s k i an der Syiße andmrsckc' werden jetzt Verhandlungen geführt, die hie nationalen Forderungen der Juden zum Gegenstand haben. Pie Grundlage sür diese Verhandlungen bildet ein von den jüdischen Nationalräten der FriedeittzKonferenA w*um> breitstes Memorandum. In Der Anvsvrache rowöeu einige Punkte bereits berührt. Endgültige Nchütcue sind noch nicht bekannt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.