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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-10 · Heft 111 (10.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 111 (10.5.1919)
Date
1919-05-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Auch Clemenceau hatte in seiner Ansprache an.die deutschen Vertreter die Möglichkeit von Besprechungen über den Vertragsentwurf in Aussicht gestellt. Es ist also das letzte Wort noch nicht gesprochen und das Diktat von Versailles wird abgeändert werden. Dies wird natürlich einen harten Kampf kosten, denn die Staatsmänner Frankreichs, unter deren Suggestion sich die bisherigen Beratungen der Friedenskonferenz vollzogen haben,sind ausgewachsen in den alten Instinkten der Rache für Wörth und Sedan.Man kann auch deutlich aus den Reden Clemenceaus den Einfluß des klassischen Altertums, der römischen und griechischen Politiker erkennen, für die jeder Krieg mit einem Gewaltfrieden enden mußte. Seine ganze Rhetorik bewegt sich in den Geleisen der griechischen Städtetyrannen, deren höchstes Ziel es war, die Politik ihrer Stadt mit ihrer Person zu identifizieren und dem Feind, wenn man ihn geschlagen hatte, soviel an Geld und Menschen und Land abzunehmen, daß er auf geraume. Zeit hinaus schwach und wehrlos war. In einer Menge von Reden hat der französische Ministerpräsident die drei Totenrichter Griechenlands Aiakos, Rhadamanthys und Minos, angerufen mrd ihnen Deutschlands Geschick überantwortet, damit die tragende Idee seines Lebens, die Revanche, in Erfüllung gehe. Er ist es gewesen, der immer und immer wieder die Kammer mit dem Ruf auspeitschte: „Die Deutschen stehen noch immer in Noyon." Frankreichs Massen drohten schwach zu werden; die Blutopfer wurden immer unerträglicher °, die Phrase vom Durchhalten schien. zu versagen; und da war es immer die brennende Rede Clemenceaus, die die Schwachmütigen ermunterte, sie zu neuen Opfern hinriß. Er hat das Wort von der pueire intep-ais geprägt und damit allein soviel wie ein Armeekorps getan. Die Wirkungen der Reden des Finanzminifters Klotz, der auf die Gefahr der finanziellen Verblutung hinrvie^ wurden aufgehoben, so oft Clemenceau den Sturm beschwor: „Die Deutschen werden alles bezahlen!" Dieselbe Demagogie, die durch den höheren Zweck der Vaterlandsverteidigung geheiligt scheint, wurde bei den letzten Wahlen in England betrieben. Auch dort hat der redegewaltige Lloyd George den Kleinmut und die Schwäche des Volkes mit dem Hinweis yuf das deutsche Portemonnaie beschwichtigt und die Verzagten aufgerichtet. Er hat von der letzten silbernen Kugel gesprochen, und diese populäre Redewendung wog eine ganze Armee auf. Man hat den Völkern viel versprochen und man hat ihnen im Friedensvertrag zeigen wollen, daß man das verpfändete Wort halten will. Und nun führe man sich die Stellung des Präsidenten Wilson diesem entfesselten Chauvinismus gegenüber vor Augen. Er kam aus Amerika voll .des guten Willens, jede Vergewaltigung zu hintertreiben und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu retten.-Und man hat es in Paris sehr schlau angestellt, diesen Mann für die Ideen des Imperialismus einzufangen und den eigenen Rachegelüsten dienstbar zu machen. Man hat ihm das verwüstete Kriegsgebiet Nordfrankreichs gezeigt, man hat ihn durch das ausgeleerte Belgien geführt, man hat ihm die Einschläge der deutschen Fernkanonen in Paris gezeigt und ihn so psychologisch präpariert, Deutschlands Volk für die Verbrechen der deutschen Generäle solidarisch haftbar zu machen. Wilson hat widerwillig, aber doch Schritt für Schritt nachgegeben. Er hat es zulassen müssen, daß aus seinem Programm der Völkerversöhnung und des allgemeinen Friedens, der Abrüstung und des Völkerbundes ein Stein nach dem anderen herausgebrochen wurde, bis von seinem Gebäude nichts mehr übrig blieb als eine buntbemalte Fassade, an der politische Kinder ihre Freude haben können. Welchen Kampf mag es gekostet haben, der Koalition der Imperialisten das Zugeständnis abzuringen, daß Deutschland über den Frieden diskutieren und Gegenvorschläge machen darf! Es wird also verhandelt werden. Das ist immerhin ein großer Erfolg, der doppelt hoch anzuschlagen ist angesichts des Jubels, der in der Presse aller geschwornen Feinde des deutschen Volkes ob der harten Friedensbedingungen ausgebrochen ist. Die deutschen Für die Rechte der jüdischen Minoritäten. Paris, (über Bern) 9. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Am 3. Mai fand eine von der Liga für die Menschenrechte veranstaltetes Meeting statt, auf welchem Dr. Leon Reich aus Lemberg über die Forderungen der jüdischen Mino r itäten in Osteuropa und imOrient sprach. Rach ihm sprach der Vorsitzende der einer einstimmig angenommenen —-,-„- der Rechte der jüdischen Minoritäten zu verlangen. Der Grenzverkehr mit Ungarn eingestellt. Die „Korr. Wilhelm" meldet r Der Grenzverkehr nach Angarn wurde Donnerstag nachts sowohl für Einreisen, als auch für Ausreisen vollkommen abgespevrt. * Hierzu erfahren wirr Die Einstellung des Grenzverlehres von DeuLschofterreich nach Angarn stellt ftch als eine Schutzmaßnahme dar, die von, den deutsch'österreichischen Behörden seit längerer Zeit erwogen und deshalb dnrchgrfnhrt wurde, um den Aebertritt ungarischer Emissäre und das erwartete ZurüÄfLnten einzelner AbmgQSgBBBD Deutschland und der Völkerbund. Berlin, 9. Mar. (Korr,-Bur.) Der „Abend" meldet aus Basel: Me „Baseler Nachrichten" berichten ans Lpndori, Lord Robert C e e i l habe englischen Pressevertretern gegenüber, erklärt, Haß Dentschland eingeladen werde, v'h'rM :;Ug r o ß d V e r ß ö g elf tt'tfif dem Völkerbünde Lerzrrtreten. DeuSschlimd verlangt eine Mündliche Aussprache. Berlin, 9. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Heute tagte das R e i chskabins t t mit HinzuZiehrmg des preußischen Ministeriums unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten. Grwnrds bei v*. •» 7 . g einer mündlichen Aussprache anznsuchen. Jugoslawien mobilisiert. Bukarest, 9. Mai. Rach einer Meldung des „Adeverul" aus Belgrad, wird die MobMsiermrg der Südslawen gegen Italien bestätigt. 1 um dieG ew ährrrng Delegierten werden auf die fünfzehn Abschnitte des Vertragsentwurfes Punkt für Punkt antworten können und sie werden, sich nach einer Mitteilung aus guter Quelle ganz auf den Boden des Gedankenganges! Wilions stellen. Graf Vrockdorff-Rantzau hat dies ' auch schon in seiner Erwiderungsrede auf Clemenceaus f Ansprache getan, indem er Deutschlands Bereitwilligkeit aussprach, den von ihm verursachten Schaden wieder gut' zu machen, und' im übrigen die Solidarität der Kulturvölker anzuerkennen. Dieser Solidarität entspricht es, daß die Entente sich nicht im Herzen von Europa siebzig Millionen Todfeinde schaffe, deren höchster Lebensinhalt die Rache ist. Dieser Solidarität entspricht es, daß der Rüstungswahnsinn in allen Staaten ein Ende nimmt, daß Vas Selbstbestimmungsrecht aller Völker, der kleinen wie der großen, rückhaltlos und lückenlos anerkannt wird, und daß der Völkerbund tatsächlich eine Familie der Nationen werde, die in ehrlicher Arbeit miteinander wetteifern sollen, Kultur und Gesittung zu erhöhen und das Verbrechen eines Krieges für immer unmöglich zu machen. Es fragt sich nm» ob Deutschland gegenüberstehen, gäbe, der Schaffung eines erfassen und auszusühren. starren kapitalistischen Systems, während ihnen auf der anderen Seite die Vertreter der deutschen Demokratie gegcnüberstehen, die aus Blut und Not geboren wurde, und trotz aller Mängel neue Formen des Staates die Männer, die heute, imstande sind, ihre Ausdauernden Friedens» zu 'Sie find Vertreter eines teilnngen der Roten Armee Angarrrs, die sich namentlich in Westungarn unerhörte Aebergriffe zu Schulden kommen Ließ, zu verhindern. Die Bahnen werden wie bisher nach den Grenzstationen verkehren, doch wird der Aebertritt auch dann nicht möglich sein, wenn sich die Reisedoknmente in vollster Ordnung befinden. Von deutschö sterrerchis cher Seite war der Reiseverkehr in der letzten Zeit ganz unbedeutend, doch sind von Ungarn zahlreiche Reisende nach Deutschs st erreich gekommen. Der Anschluß Vorarlbergs an die Schweiz. Morgen VolksabstiMMung. 2 Bregenz, 9. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Volksabstimmung in Vorarlberg in der .Anschlußfrage an die 6 ch w e i z sindet am lU d. An statt. Afghanische Truppen an der indischen Grenze. L o n d o n, 9. Mai. (Korr.-Bnr.) Der „Times" Molge haben nach Privatnachrichten afghanische Truppen die Stellungen an der indischen Grenze, durch die die Bergstraße von Khber beherrscht wird, besetzt. Senator Humbert freigesprochen. Paris, 9. Mai. (Tel.-Komp.) Das Kriegsgericht hat Lenoir zum Tode verurteilt. Desonches erhielt fünf Jahre Gefängnis und 20.000 Franks Geldstrafe. Humbert und L a d o u n wurden sreigesprochen. und der Gesellschaft zu schaffen ehrlich bestrebt ist. Es fragt sich, ob nicht etwa der Kapitalismus, dessen Rolle im Wirtschaftsleben im Erlöschen ist, auch in der Politik ausgelebt hat. Waren den Vertretern des deutschen Volkes, deren Mandate und Instruktionen aus dem Willen des Volkes selbst fließen, ebenso legitimierte Vertreter der englischen, französischen und italienischen Nationerr, die unter den Kriegshetzer!: ebenso gelitten haben wie ihre Feinde, gegenüber gestanden, so wäre es sicherlich nicht zu die'em 7. Mar gekommen, an dem Clemenceau nach alter gallischer Sitte das Schwert auf die Wagschale geworfen hat. So wie die Vertreter Deutschlands sind auch die: Delegierten Deutschösterreichs Abgesandte des Volkes, nicht Repräsentanten irgendeines Gottesgnadentums. Ihr Auftrag ist vom souveränen Volk erteilt, das trotz aller Parteiunterschiede einig ist in dem Wunsche nach einem baldigen und dauemden Frieden. Es gibt niemanden in Deutschösterreich, der nicht voll Sehnsucht des Augenblickes harrt, in dem wir die ruhige und friedliche Arbeit im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unseres Staates wieder aufnehmen kötmen. Wenn es Leute gibt, die von einem - neuen Krieg träumen, so sind sie in einer verschwindend lächerlichen Minorität. Und das allein setzt ihrem Treiben bald genug Schranken. Das Volk Deutschösterreichs will Frieden iinb Ordnung, es will die Sicherung der Republik und es begleitet die nach Saint-Germain reisende Abordnung mit seinen heißesten Wünschen.

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