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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-09 · Heft 110 (9.5.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 110 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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L feite 1' Mm, Freitag ' tr .,.■ ■.»«■ «s»i dir militärischen Beding nage«, die diese« beiden Staaten avszuerlegevsind, sowie die Oedi«g«»sea bezüglich der ehemalige« K-erreichifch-«««arischen Marine fcfattteRCÄ. F Iknh dir Zerlegung des r t t o m a n i s ch e n Kai s e r-!e e i ch e § schasst eine Reihe neuer Pcobü'.w, die ebenso kompliziert sind, Um die mit der ^uhnift uoit Oesterreich, nnd llitgcmt zusammenhängenden, Fragen. Rn erster Stelle muß die Frage des Status von Konstantinopel und der Kontrolle über dir Dardanellen entschieden werden. ÄuÄ ist dir Frage zu beantworten, ob die Türkei ans Eüropa h i n a u § g e d r ä n g t werden soll. Ferner soll übe? die Frage der Bildung der neuen armenischen, palästinischen und georgischen Republik, weiter über die Bildung einer bestimmten Zahl von Einflußsphären oder Staatendie einer Bormundschaft unterstellt werden sollen, entschieden werden. Ueber alle diese Punkte ist, soweit bekannt, noch keinerlei Bestimmung getroffen. In dieser Aufzählung ist die bulgarische Frage außer Acht gelassen. Die Polen find unzusriede«. Die Pariser „Libertä" schildert den Eindruck, den die Veröffentlichung dks Friedensvcrtragcs auf die kleineren Staaten der Allianz gemacht habe, und sagt, daß nach Kenntnisnahme des Vertrages bei einzelnen Staaten starke Unzufriedenheit herrsche. Dies sec insbesondere bei P o l c n der Fall, weil Danzig nicht den Polen einverleibt wird. , Was Belgien erhält. Die Berner Blatter veröffentlichen folgendes Korinminiqus der belgischen Regierung: Belgien erhält im Friedensvertrage eine Akontozahlung von 21/* Milliarden Franks sowie den Gegenwert für das durch die Deutschen beschlagnahmte Material. Weiters erhält Belgien einen Teil von M o r e s n e t, de« Bezirk Eupe n, M a l m e d v und Her zöge nivald. Belgien schließ eine wirtschaftliche Allianz mit Luxemburg. Deutschland ist verpflichtet, während einer gewissen Irrt n m 480 Millionen Frank- Kohlen jährlich zu liefern. Was die F 0 r d er u n gen Belgien s irr Afrika aulangt, wird hierüber eine Entscheidung erst bec Erledigung der Kolonialfragen getroffen werden. Elsaß-Lothringen. Die „Nero |)oif World" meldet aus Paris: Elsaß- Lothringen ist während der nächsten fünf Jahre d e r e ch t i g t, s r e i n a ch D e u t s ch l a u d W a r e n z u exportieren. Die Finmaner Frage.; Der Pariser Vertreter der „Neuen Zürcher Zeitung" erfährt, daß die Frage von Fiume trotz der Rückkehr der Italiener nach Paris ungelöst ser. Die Annahme, als ob die Lösung der Finmaner Frage den Grmid zur Rückkehr der italimischen Delegierten gebildet habe, sei tmrichtig. Ihre Ankunft sei mrr erfolgt, weil sw bei der Ueberreichung des Friedensvertrages an die Deutschen anwesend sein mußten, um sich nicht außerhalb der Allianz zn stellen. >' Reuter meldet aus Paris: Der französisch e D o k° s ch a f t e r in Rom hat dm Antrag gestellt, daß F i u m e biszum Jahre 1973 v o n I t a l i t it a ls M a nd> a t a r des Völkerbundes v e r w a l t.e t werde« soll. Bis zu dieser Zeit soll ein.n e u e r H a f e n in der Entfernung von einigen Meilen von Fiume für die Jugoslawen gebaut werden, worauf Fiume anJtalien fallen soll. Seitens Italien wurde das Einverständnis -rllärt, cim dieser Basis die Beratungen aufzunehmen. Die historische Sitzung in Versailles. Die Ueberreichung des F r i e b e u s, v e rt i a geSau die deutschen Delegierten vollzog sich in iiberauZ einfachen -Formen und nahm nur k u r.z e Z e i t in Anspruch. C 11 m c it c e« u überreichte den Entwurf mit einer Ansprache, worin er nusführte: v „Die Stunde bei- Regelung der durch den ■ uns grausam ausgezwimgencir .Krieg eutstaudcnen Abrechnung i ft gekommen. Sie haben d e n F r r e d e,n ■ - verlangt, wir sind bereit, ihn z n g e w st h r e n. Das i Buch, das Ihnen überreicht wird, enthält s e i n e Bezwingungen. Wir werden Ihnen die nötige Zeit lasten, j welche die internationale Höflichkeit gebietet, um sie zu prüfen, j werden aber dafür sorgen, daß auf diesen zweiten Versailler Frieden kein weiterer! Kriegsolg t." Hierauf gab Clemenceau dm Inhalt der Fragen bekannt, auf die innerhalb vierzehn Tagen eine schriftliche Antwort gegeben werden soll. Wenn deutscherseits schon ftüher ein Bescheid ergehe, werde auch die Entente eine schleunige Gegen antwort erteilen, um binnen einer weiteren Frist die endgültige schriftliche Entschließung von deutscher Seite zn erwarten. Der Führ» der deutschen Delegation, Graf Brockdorfs- Ist « « tz a u, verlas sodann sitzend eine Erklärung in deutsche* Spracht, in der er bestrith daß Deutschland allein die Schuld »m Kriege trage. Er verwies auf die Hunderttausende von Opfern, die seit dem Waffeustillstaud durch die Blockade gefallen sind. Der Imperialismus aller Staaten hat die internationale Lage chronisch vergiftet. Deutschland bekennt sich zur wirtschaftlichen und sozialen Gsßkdmitiit der Völler. 4v«s wir zechlen f«Le«. einer Agmturmelhunr «uS Paris stehe es fest, daß Neu tschiistar reich ebenso wie U n g a x « eine Kriegsentschidisunt zu bezahlen haben. werde. Die beiden Staaten würbe» gufommtit hm Sttatg «> o« 260 Millionen Vs«vd t c r It n g zu bqahle« haben, währmd V u l- U« r t e« B» MiNvnm Pfund werde zahlm müssen. Ein MldieserAsträg« werde fürdivgeliesvrtenLebensmittel iü Anrochnung gebracht werd». Die Garantie für die Bezahlnng dieser Kriegsentschädigung en t j 4laud. rfU n •■'■TTTwÜM»" Wiener Morgenzeitung 9. Mai 1919 'Nr. 110 Blutige Ausschreitungen gegen die Juden in Rzeszow. Plünderungen der Geschäfte. — Mißhandlung der Juden. — Viele Schwerverwundete. — Polnisches Militär Plündert mit. Zbrakau, 8. Mai. (Tel. .der. „Wiener Morgenzeitung".) Die jüdische Bevölkerung Galiziens erlebt jetzt schreckliche Tage. Kein Tag vergeht, an dem sich nicht größere Ausschreitungen gegen die Inden ereignen. Heute liegt ein Bericht aus Rzeszow' vor, dem wir nachstehendes entm-ehrnen: Der 1. Mai verlief verhältnismäßig ruhig nnd in den sozialdemo- . kratischen Versammlungen, die an diesem Tage abgehalten wurden, brandmarkten einige Redner die Exzesse gegen die Juden. Dagegen kam es am 3. Mai zu einem > , großen Judenpogrom. ' Die Ausschreitungen dauerten den ganzen Tag Nnd wiederholten sich Sonntag in verstärktem Maße. Am Samstag den 3. Mai versammelte sich eine große Menschernnenge, in welcher man auch besser gekleidete Herren sah, vor dem Magistrat und vor 4er Bezirkshanptmannschaft, um wegen der Verpflegsverhältmsse Beschwerde zu fuhren. Die Menge erhielt > r f von den Beaniten die Auskunft, daß Brot, 'Zucker Nnd andere Lebensmittel bei den Juden in Hülle nnd Füll? zu finden seien. Dies ließ sich der Mob nicht zweimal sagen, verteilte sich in größere Gruppen und begann systematisch jüdische Geschäfte und Wohnungen zn plündern. Vom Bahnhof bis zur Grunewaldgasse ist kein einziges Geschäft verschont geblieben. In allen Wohnungen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen, jeder Jude, der das Unglück hatte, der Menge in die. Hände zu fallen, - ■,; wurde blutig geschlagen und beraubt. Bis jetzt wurden 6 0Verwundete, dar unter viele Sch w-er ver w nn de Le, gezählt. Die Tore ■ des Bethauses wurden nrit Aexten nnd Msenst'ugeu erbrochen, die anwesenden Jtchen furchtbar mißhandelt, die Synagoge zum Teil zerstört, die Thora-- rollen in Fetzen gerissen. Die Militärpolizei schritt wohl ein, doch war die Abteilung viel zu schach, so daß sie von der Menge-'gar nicht beachtet wurde. In später Mittagsstunde erschien eine Kompagnie des 18. Jnfanterieregiments, welche sich' jedoch nur als Verstärkung der Plünderer \ erwies. Man sah die Soldaten bald mit den Plünderern Hand in Hand gehen. Mit Gewehrkolben halfen die Soldaten, wo die Kräfte der Plünderer nicht cusxeichten, beim, Erbrechen der Rolläden nach Und ' ' teilten die Beute mit den Banditen. , Am Sonntag wiederholten sich die Unruhen in verstärktem Maße, anchdem^die Pliinderer frischen Zuzug erhalten hatten. Nach 24stündiger .Dauer der Musschreitungen entschloß sich endlich die Behörde, den Ansu-ahmszustand zu verhiftrgen nn!) gegen ll Uhr vormittags gab / das- Militär leine Salve - gegen die plnnderilde Menge ab. Von Ja ros lau werden Verstärkungen mit Maschinengewehren gerneldet. Blätter bemerken zu diesen Angaben über die Kriegsentschädigung durch Dmtschösterreich, die aus Londoner Blattern übernommen werden, daß die Zahlungsunfähigkeit DentschösierreichS e v i d cnt sei rmd von einer Garantie Deutschlands nur die Rede sein könnte, wenn Deutschosterreich sich mit Deuischland vereinigen würde, ■ was aber nicht der Fall sein dürste. Ungarn hingegen sei infolge seiner Bodenschätze zahlungS- ^rostig. Auch Bulgarien könne durch gewiste Artikel Zahlung leisten. Von einer Kriegsentschädigung durch d i r T ü r k e i ist bisher nicht die Rede. Die Bestimmungen über die österreichische« Gebiete^ In Abteilung VI bestimmt der Vertrag: Deutsch! Österreich. Deutschland anerkennt rmd achtet vollkommen di- UnabchängigkcrtOesterreichS indendurch den gegenwärtigenVertrag festgesetzten Grenzen. Diese Unabhängigkeit bleibt und eranderl i ch, ausgenommen e i n e Z n st i m m n n g durch d e n V ö l k e r b u n d. AbteilMg M besagt: Tschecho - Slowakei. Deutschland anerkennt völlig die Unabhängigkeit dieses Staates mit E i n s ch l u ß d e s autonomen Gebietes der R u t h e n e n s ü d l i ch. b c t Karpathen. Es erteilt den durch die Alliierten für diesen S1 a a t b e s ch l o s s e n e n Grenzen seine Genehmigmrg. Die tschecho-stowakifche Staatsbürgerschaft wird den Deutschen auf dem tschecho-slöwakischen Gebiete wohnenden Staatsangehörigen zugesichert.' (Hier ist zu bemerken, daß die Grenzen des tschechoslowakischen Staates bisher nur gegen Deutschland zu bestimm wurden. — Die Red.) Bezüglich PolenS wird gesagt: Deutschland verzichtet zugunsten Polens ans die durch das B a l t i s ch e Meer, die p o l n i s ch e Westg r e n z e, die ehemaligen ö st erreich i f ch - d e u t f ch e n und rir f s i s ch - b t utschen b i s zum N j ern e n gehenden Grenzen begrenzten Gebiete sdies findet keine Anwendung auf Ostpreußen und die freie Stadt Danzig), welche Grenzen in Abteilung 11 umschrieben sind. Polen wirdden-Personenundden Transportmitteln, die aus Ostpreußen Herkommen oder dorthin bestimmt sind, die gleichen Rechte gewähren wie seinen Landsleuten. — O stp r e uße n. In einer bestimmten Zone längs der Südgrenze von Ostpreußen werden die Bewohner auf dem Wege der AbstimmMg darüber entscheiden, welchem Staate sie angegliedert werden wollen. Die Regeln für diese Abstimmung werden vom Vertrage bestimmt. — Memel. Deutschland verzichtet auf das Gebiet zwischen dem Baltischen Meere, der Grenze Ostpreußens,' wie sie in Abteilung 11 beschrieben ist, und der alten rnssisch-denschen Grenze. Was die deutschen Delegierten sagen. Der Versailler Berichterstatter der „Neuen Berliner Mittags- Zeitung* hatte Gelegenheit, noch in der Nacht mit verschiedenen Mitglieder« der deutschen Delegationzufprechen. Reichsminister L a n d s b e r g, der auf das tiefste deprimiert ist, erklärt: Die grausamen Ankündigungen der Presse sind durch die Präliminarien weitaus übertroffen worden. Von mündlichen Verhandlungen ist jetztkeine Redemehr, da wir unsere Emwmdungen schriftlich überreichen werden. Die Gegner haben uns daun zu antworten. Es blecht uns dann rüchts anderes übrig, als „Ja" oder „Rein" zu sage«. Darin liegt die Quintessenz des Gewältfriedens. Prof. S ch ü ck i u g sagte: „Ich habe die Empstndmrg, daß sich selbst in Kleinigkeiten die sadistische Lust Frankreichs äußert, Deutschland zu erniedrigen. Das Dokument, das wir gestem empfaugm habe«, ist einfach furchtbar." Graf Brockdorff-Rantzau äußerte sich sehr zurück-- halteird und sagte: „So wie die Dinge jetzt liegen, bin ich heute slußerstaude, überhailpt ein V?ort m sagen." Reichsminister Giesbert erklärte: „Nur Vertreterein kapitalistischer Interessen'werden jetzt noch zn Konlpromissen raten können. Die Bedingungen, die das deutsche Volk der Entente restlos ausliefern würde, laufen auf . nichts anderes hinaus, als die Regierung zu Sklav-en< Hütern der deutschen A r b e i t e r s ch a f t int Dienste des inter-nationalen Kapitalismus zu machen. Dazu gehen ., wir uns nicht her. Dazu ist auch der deutsche Arbeiter nicht zu ' haben. In dieser Lage bleibt uns nur ein Ausweg: der sofortige FriedenZschluß mit Rußland mrd die sinngemäße Anwendung derbolschewikischen Truppen für Deutschland Die Erneuerung darf nicht mehr von oben, sondern sie muß von unten geschehen. Der Friedcnsvertcag ist unannehmbar. Infolge- ' dessen müffen wir alle inneren Konsequenzen furchtlos ziehen^.- Deutsche Gegenvorschläge. Von gut unterrichteter Seite erfährt die „B. Z." über die voraussichtliche Haltung der deutschen Delegierten: Di^ deutschen Delegier t e n werden sich weder in unfruchtbare Protestaktio nen emlaffen, noch den ■ Versuch machen, in der-schriftlichen Antwort auf die Friedensbedingungen der Entente etwas abzuhandeln. Sie werden gen au fo r m u l i e r t e G e g e n v o r s ch l 8 g e, die zum Teil schon ausgearbeitet sinh, machen. Diese Gegenvorschläge werden streng^ auf der Basis der von Wilson im Stiche gelassenen vierzehn P u n^k t c aufgebaut sein. Staatskanzler Dr. Renner — Führer der deutschösterreichischen Friedensdelegatton. Dr. Gürtler (christlichsozial) und Dr. Schonbauer (dentschnational) als politische Beiräte und Begleiter. Don «riscrcm ParlamenLsberichterstatter. ' N B i c n, 8. Mai. Nach Lagelangen krisenhaften Besprechungen, Konventikeln, ^Konferenzen und wechselnden Kandidatenlisten ist endlich heute in letzter Stunde eine Einigung über die Personenftage der Führerf chaft für die deutschösterreichische Friedensdelegation erfolgt. Nachdem erst Dr. Bauer, dann Dr. K l e i n, dann Freiherr von B e cfc, dann Präsident Seitz als Kandidaten in Vorschlag gebracht wurden, ist es gelungen, eine Einigung zu erzielen, indem Staats- Kanzler Dr. Renner mit der Führung betraut wurde, dem als Vertrauensmänner der Übrigen Parteien Dr. Gürtler (christlichsozial) und Dr. Schönbauer (deutschnatiönal) beigegeben wurden, Dr. Weiskirchner reserierte über diesen Vorschlag namens des Hauptausschusses, nachdem vorher die Sitzung fiic IVa Stunden behufs Aussprache der Klubs unterbrochen war. Der Neferent betonte müer anderem, daß der Ausschuß in tiefer Erschütterung unter dem Eindruck der Friedensbedingungen an Deutschland sich der großen V e r- , antwortnng der Entschlüsse bewußt war. Er gab, dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, ein Ergebnis nachhwtse zu brlngm, das uns und rlnfere Existenz sichere. Bei der Abstimmung erhebt sich das ganze Haus unter Beifall und Händeklatschen

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