Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-05-09 · Heft 110 (9.5.1919) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 110 (9.5.1919)
Date
1919-05-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979187--00965-2986316
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Wien. Freitag Juden, tut eure Pflicht! Ich will feilte das Judentum an eine Pflicht wahnen, die es schleunigst erfüllen muß. Wie allgewein bekannt, finden seit Mengten im Osten. Po-r^.ne gegen die Juden statt. Die blutigsten uub t.l' schrecklichsten sind in ^der Ukraine. Jetzt erst lönn;t. wir genau ihre Tragweite ermessen und die Otröße des Unglücks überblicken, das die dortigen Juden unverschuldeterweise getroffen hat. Am schauerlichsten ging es in Proöknrvw zu. Das war rlicht wie bei früheren Pogromen, wo sich der Mob in den Straßen versammelte und zufällige Passanten überfiel, sie ausplünderte und ansraubte, es wareine systematische Methodik sche, von langer Hand vorbereitete Arbeit. Die Räuber drangen irr jedes Haus ein, untersuchten die einzelnen Wohnungen und wenn der Wohnungsinhaber^ Jude war. wurde sowohl er, wie alle,seine Familienmitglieder der Reihe nach ausgeschtachtet, alle jüdischen Einwohner der zwei belebtesten Straßen Aptckarskoja und Kupeczynöka nmrden erbarmungslos medergemetzelt. So ging es von Haus zu Haus, bis die große Zahl von 5000 Opfern erreicht wurde. Es wurden^dabol selbstverständlich weder Greise noch Kranke, weder Frauen noch Kinder geschont. Ja, mit großer Wollust wurden gerade Kinder getötet, aufgespießt und im Triumph« als Trophäen in der Stadt herumgetragsn. Nicht anders war es in Felszthn. Von zwei* tausend jüdischen Familien ist vielleicht der zwanzigste Teil zurückgeblieben. Die Juden Felsztyns sind vom Erdboden verschwunden. Wir werden weiter unten hören, welch wertvolles Menschenmaterial uns da verlorenging. Das sind Tatsachen. Sie führen . eine schreckliche Sprache. Sie beweisen den Tiefstand her Kultur, sie beweisen auch, wie trostlos unsere Loge ist. Und tvie es in ProSkurow und in FelSztyn war, so war es in Zytomir und Berdyezew, in Mohilew und Balta, in Bachmacz und Bilgoröd. Seit Monaetn tobt der Mob, überfällt arme unglückliche Menschen, die ohne etwas verbrochen zu haben, in die Keller flüchten dort' vom Pöbel gesilnden und erreicht werden und seinen allergemeinften Instinkten zum Opfer salben. Wir könnten die Frage stellen: wo ist Europa, was sagt die ^öffentliche europäische Meinung zu dieser Bestialität und wie nlmnjt sie Stellung zu ihr? Europa ist abgestumpft und wir haben das Verzichten gebernt. Auf die Lippen drängt sich-eine andere Frage,, die für uns wichtiger ist. Wo sind die Juden dev Westukraine und Polens, der Tschecho-Slowakei und Deutschösterreichs? Sie haben bisher weder durch kräftige Worte ihre Sympathien den Unglücklichen ausgedrückt, noch durch starke Taten ihnen Hilfe gebracht. Und deshalb ergeht heute an sie ein Mahnruf. Es handelt sich um die Erfüllung einer Pflicht. Es müssen schleunigst überall, wo Juden wohnen, Komitees begründet wer-- den, die Gelder für die unglücklichen Opfer der Pogrome in der Ukraine sammeln. Das sind wir nicht nur diesen Unglücklichen schuldig: wir schulden es dem gesamten Judentum des ehemaligen Rußland. *■ Im Herbste 1914 war es. Da brach die große zaristische Armee in Galizien ein und in kurzer Zeit erreichte sie den weiten Weg von Podwoloczyska bis Gorlice. Das russische Heer behandelte rücksichtslos die Bevölkerung des Landes, mit sadistischer Grausamkeit den jüdischen Teil derselben. Zu vielen Tausenden wurden die Juden ohne Unterschied des Geschlechtes, des Standes, de§ Alters nach Rußland verschleppt. In dieser schrecklichen Zeit fand sich für sie ein Retten — die russischen Juden. Die russischen Juden schicktBl gleich bei Kriegsbegrnn bekannte jüdische Führer, die sich zu dem Zwecke freiwillig der russischen Armee anschlossen, damit sie ihren Brüdern helfen können. In Lemberg organisierte ein führender russischer Jude ein Hilfskomitee, das Volksküchen begründet«, die arme jüdische Bevölkerung mit Holz und Lebensmitteln versorgte und bei den russischen Behörden in jedem einzelnen Falle zugunsten der Bevölkerung intervenierte. Und wie in Lemberg, so war es in den großen und kleinen Provinzstädten. Die wahre Mische Seele und die echte Großzügigkeit des russischen Juden zeigte sich erst recht draußen in Rußland. Kaum überschritten die Tausenden Verbannten der österreichische Grenze, wurden sie mit Trank und Speise versehen und während der streng«« Winternächte wurden sie überall bei. jüdischen Familien einguarttert und wie Brüder und Schwestern, behandelt. Ein kleines Beispiel zur Illustration. In Podwoloczyska, Husiatyn und Pomorzany erläßt der Feind den Befehl, daß sich alle Juden zur bestimmten Stunde versammeln müssen, um nach Rußland abtransportrert zu werden. Es versammeln sich 5000 Juden. Sie nehmen den wetten Weg nach Tiefrußland. Nach Ueberschreitung der GreW stelletn die russischen Juden für die Frauen und Kinder, für die Greise und Kranken 433 Fuhren zur Verfügung. Die anderen gehen. Ihr Leidensweg führt sie nach FelsztM Infolge der ausgestandenen Mühen und Plagen droht ihnen der Zusammenbruch. Der Rabbiner Felsztyus beruft die gesamte Judenschaft in die Synagoge und erteilt folgenden Beseht: Diese Nacht sollen die armen gallischen Brüder hier in der Stadt ausruhen. Sein Befehl ist klar und einfach. Die 2000 jüdischen Familien müssen für die Nacht die Wohnungen räumen, draußen unter freiem Himmel schlafen, damit die Verbannten Raum in ihren Zimmern haben. Nicht nur mit Murren, sondern freudig nimmt das Volk diesen B«- Wierrer Morgenzeitnrrg' . 0. Mai 1919 Nr. iw Sin sffeMN Brief an die Wiener (BttUnUmMmm. Tw [-.cftVrt : c y.i ut.'ich'en Friedens!e' tu*511113«it der C;u:.lc fiic Deutschland enthalten die Forderung der Abtretung belcntender LandesLcise d«r bisher deutschen Ostprovinzen an die Republik Polen. PaderewSki, der Präsident des neuen polnischen Staates war zugegen, als den deutschen FviedenSbevollmächtigten die - harten Bedingungen überreicht wurden, welche den Charakter einer Bestrafung tragen, die die Alliierten Deutschland für den von ihm verschuldeten Krieg anfzuerlegen gedenken. Aus der Formulierung des Friedensentwurfes sowie aus allen sonstigen diesbezüglichen Kundgebungen der alliierten Mächte geht hervor, daß dies« ein großes und ausgedehntes polnisches Reich zu schaffen beabsichtigen. Dem polnischen Volke wirb daS Recht auf Selbstbestimmung in allsrweiteftem Ausmaße von dev Entente zuerkannt, in einem solchen Umfang, daß Polen voraussichtlich beträchtliche nationale Minderheiten in sein Gebiet einschließen wird. Daß ein Staat nur gedeihen kann, wenn in ihm die Bürgschaften für Ordnung und allgemeine Freiheit gegeben sind, lehren die katastrophalen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit ebensosehr, wie gerade die unglückselige polnische Geschichte. Die Schaffung eines neuen Polen soll die Durchsetzung des Grundsatzes der Selbstbestimmung und der Demokratie bedeuten. Wer nach allem, tvas hie traurigen Ereignisse der letzten Zeit bezeugen, scheint man sich in Polen der Verpflichtungen nicht im mindesten bewußt zu sein, welche die wißdererrungene nationale Freiheit in sich schließt. Tag ftir Dag dringen Schreckensnachrichten von blutigen Pogromen und Drangsalierungeck der jiddischen Bevölkerung aus dem Osten an unser Ohr. Wo polnische Truppen als Sieger einziehen, da sind Metzeleien an wehrlosen Juden und Plünderungen jüdischen Gutes di« ersten Begleiterscheinungen dieser Siege. Noch ist die Erinne u'Ag an das bestiali'che Gemetzel, das barbarische polnische Horden im Soldatenkleid in Lemberg verübten, frisch. Aber auch der entsetzt« Protestschrei aus allen Teilen -er Welt hat der blutigen^ Schandarbeit einer entmenschten Sollwteska nicht Einhalt zu tun vermocht. Die polnischen 'Behörden, dtH int Dementieren der Untaten ihrer Untergebenen bekanntlich eine unübertrefflich ausgebildete und von keiner Scham gehemmte Praxis besitzen, sind gleich bei der Hand, um die Opfer ihrer Willkür und Unordnung! als „üolschewikische Aufrührer" hinzustellen, wenn es sich als möglich erweist, das Geschehene in seiner Gänze zu leugnen. Das System bleibt dasselbe und nur die Ortsnamen ändern sich. Gestern war cs Pinsk, heute ist es Wilna und wer weiß, was es morgen sein wird? Die jüdischen Massen des Ostens, die den Krieg mit allen seinen Schrecknissen aufs allergründlichste kennen gelernt und die von ihm geschaffenen Leiden bis zuv Neige nusgekostet haben, sehen sich nunmehr der Brutalität von entmenschten zü e losen Schaven von Mord- und R^ub gesellen. preisgegeben. An den Mächten der Entente, die als Schöpfer und Protektoren hinter dem neuen polnischen Staate stehen, liegt esin Polen Ordnung zu schassen. Die polnischen Behörden haben bisher nur geringen Willen bewiesen, die Uebelstände aus der Welt zu schaffen. Jede bescheidene Regung der jüdischen Bevölkerung nach der Durchsetzung ihrer nationalen Rechte stößt auf den Widerstand der Aemter, einzelne Zeitungen persteigey sich in ihren antisemitischen Hetzartikeln bis zur unverblümten Aufforderung zu'Pogromen und das ganze Land ttsimmelt vor: Soldaten, die in der Ausführung von Pogromen vielen Heldenmut beweisen. Im Rainen -er Entrechteten, schutzlosen, um Habe und Leben bangenden Judenhvit Polens erheben' wir unsere Stimme und fordern das Eingreifen ihrer Regierungen zugunsten der schutzlos Bedrängten! Jüdisches Leben und jüdische Habe zu schützen und der polnischen Schandwirtschyst «in End« zu machen, ist nicht nur die Pflicht jener, die den Polen die Freiheit ge-' geben haben, welche diese täglich mißbrauchen, sondern einfach eine heilige Pflicht der Menschlichkeit! Helfen Sie, Helsen Sie, bevor es zu spät ist! Die Zahl der Opfer der polnischen Bestialität ist wahrlich groß genug! Jeder Tag des Zuwartens bringt neue' blutige Opfer! fehl des Rabbi zur Kenntnis. Er wird genauest erfüllt. Seit vielen Tagen schliefen die armen Gejseln zum ersten Male in Betten und ruhten wirklich aus. Es gruselt uns, wenn wir setzt hören, wie schrecklich gerade die braven Felsziyner Leute.gelitten haben. Martyrium dieser guten Menschen mahnt uns. mit gewaltiger Stimme an unsere Pflicht. ES ist primitivste Pflicht, daß wir diesen Menschen, die ein wahres jüdisches H«rz und eine echt jüdische Seele hatten, unsere Dankbarkeit wenigstens teilweise ausdrücken. Efn Ruf ergeht an alle: sammelt Gelder! Sammelt sie schleunigst, sammelt große Betrage, damit die Hinterbliebenen der Unglücklichsten sich von ihrem Schlage teilweise wenigstens erholen können und damit sie seelisch gestärkt werden durch das Empfinden, daß sie in ihrer Not nicht vereinsamt sind, daß unzählige tausende jüdische Herzen in weiter Ferne so stark für sie schlagen, wie ihre Herz«n in den ersten Kriegs-- jahren für die galizischen Brüder geschlagen haben. Wien, 8. Jjar 5679. Adolf Stand. Abrrhnrmg der Friedenshrüingungen in der deutschen Presse. Die Fr ei e.lsbedingungen der Entente für Deutschland sind so ausgefallen, wie «s die deutschen Siegfried ler, die Tirpitz, Reveutlow und Genossen den alliierten Gegnern zugedacht hatten. Nun, da es so gründlich anders gekommen ist, hat die Entente den Spieß um gedreht und ist bereit, Deutschland «inen nackten Gewaltfrieden zu diktieren, dessen Annahme für Deutschland die gänzliche Unterbindung seiner Zukunft bedeuten müßte. Die deutsche Presse ist sich einig in der völligen Ablehnung der Bedingungen. Der „Vorwärts" schreibt: Ein solcher Friede ist nichts anderes als latenter Zerstörungskrieg, der Ausrottungsversuch eines Volkes nicht mit offener Waffengewalt, sondern mit den Mitteln brutalster wirtschaftlicher Sklaverei. Der wahre Friede, der einen gerechten Ausgleich unter den Völkern und auf di« Dauer eine versöhnliche Stimmung schafft, ist durch dieses papierene Hemmnis nicht'aufgehalten. Er wird auch diesen Friedensputschismus, diese Sabotierung der RechtSidee überwinden und ihm allein, nicht aber den Gewalttätern v>. n Paris und Versailles, wird das deutsche Volk sich beugen." Das „Berliner Tageblatt" bringt einen mit „Nein!" überschriebenen Artikel Theodor Wolffs, in dem es heißt: Dieser Entwurf ist ein Dokument der ältesten von allen Völkerbundideen Welten weit entfernten Uuterjochungspvlitik. Ob eS möglich sein wird, ihn in Verhandlungen abzuändern, wird man sehen. Nichts darf unversucht bleiben, um mit kaltblütigen Einwendungen und praktischen Gegenvorschlägen diesen Vertrag umzugestalten, der in seiner jetzigen Form gerade den wirklichenFreundendeSVölkerfriebenS unannehmbar erscheint. Der ganze Vertrag soll aus zehntausend Worten bestehen. Bleibt er so oder ähnlich, wie er heute aussieht, dann kann mau nur ein einziges Wort sprechen: Nein! Potttische^imÄschare. Drr „bedrohte deutsche Charakter" Wiens. Diesmal ist eS das „Deutsche Holksblatt", welches daS Wiener Wahlergebnis „eine ernste nationale Gefahr" nennt und findet, man hätte das Wahlrecht derart zurecht schneiden müssen, daß die Wahl tschechischer Gemeiuderäte unmöglich gewesen wäre. Die Herren halten also in der freien Republik Deutschösterreich ein Mahlunrecht für angebracht, das die tschechische Minorität Wiens unterdrückt und sie schieben der deutschösterreichischen Sozialdemokratie die Schuld in die Schuhe. Am Tage nach der Wahl hat aber auch die „Arbeiter-Zeitung" der Empörung über die Wahl tschechischer Gemeinberäte (die nebenbei durchaus Sozialdemokraten sind!) sehr lebhaften Ausdruck gegeben. * ’; Kein vernünftiger Mensch wird behaupten dürfen, daß der deutsche Charakter Wiens auch nur im geringsten dadurch beeinträchtigt wird, daß man der tschechischen Bevölkerung dieser Stadt ihr nationales Minderheitsrecht gewährleistet. Aber vergessen die Herren, daß die deutschen Minderheiten im tschechischen Gebiete nur dann Anspruch auf Wahrung ihrer nationalen Rechte haben, wenn Deutschösterreich die tschechische Minorität respektiert? Es gibt irr der tschecho-slo-- wakischeu Republik leider genug rückständige tschechische Chauvinisten, welche ihre deutschen Mitbürger, zu unterdrücken geneigt sind. Die Politik, welche im Men die „Arbeiter-Zeitung" und das „Deutsche Vvlksblatt" treiben, ist wahrlich für die Deutschen Prags nicht günstig und erschwert ihren Kampf für das nationale! Minderheitsrecht. ’» Eine gesunde Lehre für die assimilatorischen Juden Wiens .ist es übrigens, daß das christlichsoziale Organ i: diesem Zusammenhänge die jüdisch nationalen Wahlergebnisse nicht bespricht. Für die deutschnationalen und christlich sozialen Antisemiten sind eben die Juden ■ nie* malS Deutsche, ob sie.sich nun zu ihrem jüdischen Volkstum« bekennen oder nicht, jene assimilatorische jüdische Oberschicht, wMhe fast Durchwegs der Großbourgeoisie angehört, und mm m Gemeinderate dusch einen einzigen Mann, Herrn Dr. Schwarz-Hiller, vertreten ist: bleibt nach der Meinung der deutschnationalen und christlichsozialen Politiker doch immer eine „nationale Gefahr" für die deutsche Nation. Der erste Mai in Amerika. Der Verlauf d«s Tages des «rsten Mai war gekennzeichnet durch zahlreiche eintägige Streiks. Immerhin War die Bewegung keine allgemeine. In Rew-Uork feierten 200.000 Arbeiter. Die sozialistischen Führer jedoch erklärten, daß diesö Art der Arbeitseinstellung nur eine einfache Demonstration bedeute. In Jndiania (Pensylvan'.en) wollten die Arbeiter eine große öffentliche Versammlung abhalten. Das Publikum schritt jedoch ein und nahm die Führer fest. Die Stadt Cleveland (Ohio) war der Schauplatz von Zusammenstößen zwischen Arbeitern und Soldaten einerseits und her Polizei andererseits, die jedoch von anderen Soldaten unterstützt wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.