Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 110 (9.5.1919)
- Date
- 1919-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es ist der Erbe seines Hungers, seiner Zerfahrenheit, aber nicht der Erbe seiner Sünden. Deutschösterreich ist für die Entente gar Lein feindlicher Staat. es hat gegen sie keinen Krieg gefühtt, brauchte also auch keinen Frieden zu schließen. Aber die Dinge liegen nun einmal so, daß die Entente Deutschösterreich, das sie als Staat noch gar nicht anerkannt hat — wenngleich sie in dem Friedensvertrag mst Deutschland die Unabhängigkeit Deutschösterreichs feststellt — als Feind betrachtet und vor ihren Richterftuhl lädt. Für die' Behandlung Deutschösterreichs kommt hierbei vor allem der Zehnte Punkt der Wilson scheu Botschaft in Betracht, der lautet: „Den Völkern Oesterreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, soll die erste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung gewährt werden." Aber der gestem veröffentlichte Friedensverträg, der Deutschland auferlegt wird, läßt erkennen, daß die Gedanken Wilsons schon längst majorisiert worden sind und daß an ihre Stelle die Anwendung der einfachen klaren Gewalt getreten ist. Die Entente befolgt damit nur das Beispiel DeutschlMs. Was ist doch in den Jahren des Sieges in DMchlynd geredet und geschrieben worden darüber, wMes Mchicksal man den Besiegten bereiten wolle! KWÄ Wilhelm wollte den- Sieg nur mit den Bajonetten diktieren. Sein Sohtt uno der Kronprinz von Bayern ließen es an Beteuerungen des gleichen Willens nicht fehlen. Die deutschen Heerführer wandelten Lissauers Haßgesang in Prosa um und redeten nur vom deutschen Frieden, vom Schwertfrieden, vom Siegsrieden. Bon den lächerlichen Nachstotterern dieser Gewaltphrasen, von den Reventlow» Pattai. K. H. Wolf sei nicht weiter die Rede. Diese Eisenfressereien haben Deutschland vielleicht mehr geschadet als die Unmenschlichkeit seiner Kriegführung, als die Beschießung offener Städte durch Zeppelins, als die Versenkung der Handelsschiffe durch die v-Boote. Der Haß der ganzen Welt schloß sich gegen Deutschland zusammen. Aber als Deutschland zum Frieden schritt, als in Breft-Litowsk General Hofmann auf den Tisch schlug, als in Bukarest ein Frieden erpreßt wurde, der einer Ausplünderung des Landes gleichkam, wandelte sich der Haß in Abscheu und Verachtung. Dieser Stimmung entspringt der gestem den deutschen Delegierten überreichte Vertrag, den die Weltgeschichte einmal nur mtt stacker Ironie einen Friedensvectrag nennen wird. Keine Rechtsverwahrung kann uns nützen: Nach der Meinung der Entente waren wir die Bundesgenossen Deutschlands und müssen es uns gefallen lassen, als solche behandell zu werden. Es. wäre vielleicht nicht dazu gekommen, daß die Entente diesen Standpunkt angenommen und festgehalten hat. Wenn Deutschösterreich nach dem Zusammenbruch der Monarchie ruhig geblieben wäre, wenn es sich gleichsam selbst aus der Diskussion ausgeschaltet hätte und nur aus die Ordnung feiner inneren Verhältnisse bedacht geblieben wäre, so hätte sich die Entente zu ihm ganz anders gestellt, als dies nun in oer nächsten Woche zu erwarten ist. Man hat bei uns das gerade Gegenteil getan. Man hat eine lärmende Werbung für den Anschluß an Deutschland betrieben, ohne unsere eigene Oeffentlichkett darüber aufzuklären, was eigentlich unter „Anschluß" zu verstehen sei. Man hat Unterhändler ernanitt, ohne ihre Namen und Instruktionen mitzuteilen. Und man hat das gleiche Geheimnis bezüglich der Bestrebungen der Entente walten lassen, Deutschösterreich für den Verzicht auf den Anschluß durch sehr weitgehende Zugeständnisse zu befriedigen. Erst gestern hat man zufällig aus einer Erklärung des Staatssekretärs Dr. Bauer im Hauptausschuß erfahren, daß der Ehef der englischen Militärmission in Wien vor vierzehn Tagen dem Staatssekretär mitgeteilt habe, die Entente wolle Deutschösterreich territoriale, wirtschaftliche, sinanz-, währungs- und emährungspolittfche Zugeständnisse machen. Die Gebiets- „Der trübste Tag der deutschen Geschichte. U wuwiMmmiBBUMuuwwi Konzessionen sollen nach einem in den politischen Kreisen stark verbreiteten Gerücht in einem Anschluß des Böhmerwaldgaues, des Znaimer Kreises und der vier deutschen Komitate Westungarns bestehen. Bezüglich Deutsch-Südlirols sei das letzte Wort noch nicht gesprochen und in Kärnten würde die Entente die inzwischen eingetreteneVerschiebung der Demarkationslinie einfach zur Kenntnis nehmen. Es ist weiter die Rede davon, daß die Entente für die Nahrungsmittel- und Rohstoffeinsuhr durch die Gewährung entsprechender Kredite sorgen wolle, daß sie unsere Krone durch einen Zwangskurs stützen wolle und daß sie bereit sei, die Nationalstaaten zur Deckung der Kriegskosten heranzuziehen. Weshalb hat unser Auswärtiges Amt vierzehn Tage lang die Mitteilungen des Obersten Cuninghame im Busen bewahrt? Das gestern abends veröffentlichte Dementi ist doch zu durchsichtig, als daß es jemand glauben sollte. Die Instruktionen, die unserer Friedensabordnung mitgegeben werden, sind schließlich unter dem Druck der Forderungen der Volksvertretung so gefaßt worden, daß sie die Existenzmöglichkeit. Deutschösterreichs auch für den Fall sichern, als der Anschluß an Deutschland nicht möglich wäre. Es.ist zu begrüßen, daß unsere Regierung in letzter Stunde einen Fehler gutzumachen sucht, der unserer Republik bisher kaum'weniger ge- Der preußische Ministerpräsident Berlin, 8. Mai. (Korr.-Bur.) In der heutigen Sitzung der preußischen Landesverfammlnng ergriff Ministerpräsident Hirsch das Wort. Er betonte, daß die Friedensbedingnngen zu der am 11. April gefaßten Entschließung der Landesversammlung im schärfsten Widerspruch standen. Von einem Verständigungsfrieden sei in den Bedingungen keine Spur, es sei ein reiner Machtfriede. Jetzt heiße es vor allen Dingen .kaltes Blut zu bewahre tu Entschlossen müsse sich jetzt das Volk hinter Reichs- und Staatsregierung stellen. Der trübste Tag der deutschen Geschichte müsse ein starkesGeschlecht finden. Kabinettssitzung im Berlin. ZnsLrmkLilmerr für Graf Brock-dorff- Rantzau. B e r l i n, 8. Mai. (Korr.-Bür.) Die Abendblätter melden, daß an der heutigen Sitzung des Kabinetts, die sich mit den F r i e d e n s-! bedingungen der Entente sowie mit den Instruktionen beschäftigte, die dem Grafen BroÄdorsf-Rantzau nach Versailles übermittelt werden, sämtliche zurzeit in Berlin weilenden Minister teilgenommen haben. AnsschreiLungM gegen Inden V iOKrMM.,'-'' ' — . Große Plürrderrmgen. Kra k a n, 8. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") „Nomy Dziennik" meldet: Am 1. Mai kam es hier zu Aus sehr eitrrng en gegen Juden. Die Bauern der benachbarten Dörfer, die der Jahrmarkt in großer Zahl versammelte, p I ü n bette.« jüdische Geschäfte u n d Wohnungen. V^ele Jaden wurden auch mißhandelt. Der materielle Schade ist sehr groß. Polnische Legionäre Pogromhelddn ' in Weißrußland und Litauen. K o w n o, 8. Mai. (Korr.-Bur.) Die Sowietregierrmgen von Weißrußland und Litauen erklären, daß die in der letzten Zeit in Weißrußland und Litauen vorgekommenen Pogrome und Plünderungen ausschließlich von polnischen Legionären verübt worden sind. Wer die Friedensbedingungen. Vizepräsident Dr.F r e n tz e l erklärte anschließend im Aufträge einer großen Anzahl von Abgeordneten, daß sie gegen das*von Machthunger diktierte Vorgehen der Entente ebenso sch är fft e n W i d erspruch erheben wie gegen die Bedingungen, die gegen Tren und Glauben verstoßen. Nachdem noch Abg. Adolf Hoffmann namens dev Anabhättgigsn erklärt hatte, daß sie die Bedingungen der Entente aufs schärfste verurteilen und einen Appell an die Proletarier aller Länder gerichtet hatte, die den Gewaltfrieden der Entente durch die soziale Weltrevolution zunichte machen würden, schlug Vizepräsident D r.Frentzel vor, die Verhandlung abznbrechen. Gegen die Besitzergreifung Oberschlefiens durch Polen. Nngeheure Erbitterung der Bevölkerung. ' Oppeln, 8. Mai. (Tel.-Komp.) Die auszugsweise Bekanntgabe der Friedensbedingun- &n hat in ganz Obers chlesien ungeheure Erbitterung hervorgerufen. Weite Kreise der oberschlesischsn Bevölkerung sind entschlossen, die von polnischer Seite beabsichtigte Durchführung der Fried Lnsbedingungett m i t Waffengewalt zu verhindern. Es wird in den weitesten , MrMen eine a l l g e meine poLnrsHerr Versuchen soMt entgegenWetM Jüf können. WWeKsLillstandsVerhandlungen mit Jugoslawien. Staatssekretär Dr. Deutsch beim Gesandten Pogaenik. ' L a i b a ch, 8. Mai. (Korr.-Bur.) Das Korrcspondenzbnrean Laibach meldet ans amtlicher Oneller Heute um 3 Ahr stattete der deutschösterreichische Staatssekretär für Heerwesen, Dr. Deutsch, dem Vertreter des' Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, Pogaenik, einen Besuch ab nnd schlug ihm die Einleitung von Vorhandlnn ge «wegen Abschlusses eines Waffen ft ill st andes und Bestimmung einer provisorischen Demarkationslinie in Kärnten vor. Diese Verhandlungen sollen in Klagensnrt stattfinden. Der Gesandte Pogaenik hat diesen Vorschlag der Zentralregierung übersendet. stabet hat als Deutschland, das die befürchtete Verstärkung durch Deutschösterreich mit der Abtretung des Saargebietes, mit dem Verlust Danzigs unb Obecschlesiens bezahlen soll. Wenngleich auch hier noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein scheint. Die Frledensverhaicklungen sind so angelegt, daß tatsächlich verhandelt werden kann. Die deutschen Delegierten werden Gegenvorschläge ausarbeiten, in denen sie sich auf beit Boden der Wilsonschen Punkte stellen. Es wird also möglich sein, den gestern veröffenttichten Vertrag noch zu mÜdern und sich doch einigermaßen den Forderungen,,, der Gerechtigkeit zu nähern. Tritt dies nicht ein, dann' trägt der Friede beit Todeskeim in sich. Die schwächste Stelle des Vertrages ist Polen. Hier wird er zuerst gesprengt werden, wenn die Pariser Staatsmänner sich dem Diktat ihrer Generäle fügen werden. Denn Polen, eingekeilt zwischen Deutschlands und Rußland, von ihrem Haß belastet, wird durch seine inneren Wirren den ersten Anstoß zum Zusammenbruch der heutigen europäischen Konstellation geben. Die Verhältnisse dieses Staates, der vorbildlich für Unfähigkeit, Unduldsamkeit und Ungerechtigkeit ist, werden dazu führen, daß in Europa wieder dcut Recht zum Sieg vecholfen wird. $