Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 109 (8.5.1919)
- Date
- 1919-05-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 109 Wien. Donnerstag Wiener Morgeuzertmrg , 8. Mai lvis PoMsche^Rundschau. Zur Frage der östlichem MaudgebieLe ß Polens. Die polnischen Preßberichte melden täglich neue Erfolge von den östlichen Kriegsschauplätzen und geben der frohen Stimmung des polnischen Heeres Ausdruck. Einen Widerhall fand diese Stimmung auch im polnischen Landtag in der Rede des Präsidenten Tro mp czinski während der Wiederaufnahme der Beratungen nach der zweiwöchigen Pause. Er feierte besonders die Zurückdrängüng der Ukrainer hinter Lemberg und die Befreiung Wilnas, welch letztere er als „Frühlingshymne* bezeiclznete. „Unsere heldischen Heere* — sagte er — „befreiten durch einen mächtigen Stoß nach 107 Jahren das Land, das mehr als irgendein Land in Europa zu leiden hatte. Wir brachten die Freiheit unseren ausgehungerten Brüdern, die unserem Herzen so nahe sind." Wie aber dieses Land — und sicherlich auch die anderen „befreiten* Grenzgebiete über den Anschluß an Polen in der Wirklichkeit denkt, geht aus einem Interview hervor, das der Vorsteher einer gegenwärtig in Warschau weilenden litauischen Mission, Dr. Szaulis, einem polnischen Pressevertreter gewahrte. Dr. Szaulis bemerkte eingangs, daß in der litauischen Regierung, die gegenwärtig ihren Sitz in Kowno hat, sowohl Vertreter der Weißrussen als auch der Juden sitzen. Auf die litauisch-polnischenBeziehungen und die Möglichkeiten einer Verständigung zwischen beiden Regierungen übergehend, erklärte Dr. Szaulis folgendes: „Unsere wichtigste und kategorische Forderung ist die Anerkennung der Unabhängigkeit des litauisch en Staates mit Wilna als Residenz. Dies ist eine conditio sine qua non und die Vorbedingung einer Verständigung.* Aber nicht bloß die bestehen Völker, auch ein bedeutender. Teil des polnischen Volkes selbst sieht den Tatsachen klar in die Augen und äußert sich über den Anschluß der Randgebiete an Polen weniger entzückt. In dieser Beziehung ist die entschiedene Haltung des sozialistischen „Robotnik* besonders bemerkenswert, der in einer Reihe von Artikeln die weitgehenden diesbezüglichen Aspirattonen der polnischen Nationaldemokraten kritisiert und die Gefahr darlegt, die deren Verwirklichung über Polen bringen könnte. Der Gedankengang des „Robotnik* ist folgender: Was Litauen anlangt, wollen die Nationaldemokraten die organische Angliederung des Grodnoer, Wlnaer und zum Teile auch des Minsker Gouvernements an Polen. Desgleichen verlangen sie ganz Ostgalizien, einen möglichst großen Teil Wolhyniens und Podoliens bis zur rumänischen Grenze. Sie'lassen sich bei diesen weitgesteckten Zielen sowohl von politischen und ökonomischen Momenten, die in einer gemeinsamen Grenze mit Rumänien gipfeln, leiten, als auch von dem Bestreben, die polnischen Gutsbesitzer vor der Gefahr zu schützen, ihre Güter an litauische und ukrainische Bauern abgeben zu müssen. Dies kann, aber für Polen gefährlich werden. Würden beispielsweise die ukrainischen Gebiete Polen angegliedert, dann bekäme Polen viereinhalb Millionen Ukrainer. Da auf je 50.000 Menschen ein Landtagsmandat entfällt, würde nun der ukrainische Klub im polnischen Landtag 60 Abgeordnete zahlen und so die stärkste Partei bilden. Dann kämen an Polen ungefähr zwei Millionen Litauer und Weißrussen. Rechnet man dazu sünf Millionen Juden, mindestens drei bis vier Millionen Deutsche des Posener Gebietes und eine ansehnliche Anzahl Tschechen, dann würden diese „Fremdvölker* die Zahl der Polen beinahe übersteigen. Dabei soll Nicht Übersehen werden, daß immerhin Teile von Litauen und der Ukraine auch außerhalb Polens verbleiben werden, die naturgemäß mit. den Feinden Polens, mit Rußland und Deutschland sich verbinden und die Irredenta fördern würden. Aber nicht bloß das Annektieren fremder Länder, sondern ein dahingehendes Verlangen kann der polnischen Sache schaden. Es ist ein Zynismus — bemerkt der „Robotnik* — von den Litauern den Verzicht auf Wilna zu fordern, während wir gleichzeitig Danzig verlangen, das ebenso eine polnische Stadt ist, wie Wilna eine litauische. Dasselbe Kann man natürlich auch betreffs Lemberg behaupten. Neben dem „Robotnik* sind aber auch andere Organe, die in dieser Frage einen ähnlichen Standpunkt vertreten, so zum Beispiel das Organ der fortschrittlichen Intelligenz . „Gazeta Polska* und die Wochenschrift „Rzand i Wojska*. Aber auch die polnische Regierung selbst, die den jetzigen Feldzug so überschwenglich begrüßt, scheint in dieser Frage keine feste Ansicht zu haben. Nach der nationaldemokratifchen „Gazeta Warszawska* soll sich Minister WojciechowsKi einer Delegation-der Randländer gegenüber in diesem Sinne sogar geäußert haben. Das Chaos, die Meinungsverschiedenheit und Anentschlossenheit, die in Polen in bezug aus die wichtigste und schicksalschwerste Frage herrscht, wirst ein grelles Licht auf die ziellos hinfteuernde gegenwärtige polnische Politik. «. k. Das. Parlament ln ErwartUng des Friedens. ErkMeLMgen Dr. Bauers. Die Friedensdelegatisn. — Entspannung -er Sozialisiernngskrise. — Vor einer bundesstaatlichen Verfassung. — Erwerbung Dentsch-Westungarns? wstatter. Ploatssregel Bon unserem ParlarnentsberrchterstatLer N W r en, 8. Mai. DaS Parlament, Lessen Schutz seit gestern wieder an die Wiener. Polizei übergegangen ist, war gestern außerordentlich stark besucht. Die Parteien hielten ununterbrochen Sitzungen ab, um über die Erklärungen, die der Staatssekretär des Aeußern Dr. Bauer am Dienstag lm Hauptausschuß über die Instruktionen an die nach Saint Grrmain zu entsendende Delegation abgegeben hat. Dr. Bauer hat in diesen Mitteilungen die verschiedenen Möglichkeiten des Verhaltens der Ententestaaten in Betracht gezogen und für diese Eventualität den Standpunkt der Regierung Deutfchösterreichs präzisiert. Wie verlautet, ist in diesen Erklärungen auch dem Standpunkte jener, besonders bei den Christlichsozialen bestehenden Strömung Rechnung getragen, die ein unbedingtes Festhalten an dem Anschlüsse an Deutschland als ein Berhandlungshinbernis. ansieht. Infolge dessen war di« Stimmung gestern auch bei den Christlichsozialen ruhiger. Allerdings besteht in dieser Partei die Tendenz, die entscheidenden Besprechungen Über die Richtlinien der Friedensdelegierten zu verschieben, bis der Wortlaut des FriebensvextrageS für Deutschland vorliegt und ein Urteil der Oefsentlichbeit möglich ist. Man ist der Meinung, daß es in Kenntnis der deutschen Bedingungen und insbesondere der Bestimmungen über den Anschluß an Deutsland und das Schicksal der besetzten Gebiete leichter sei« wird, die Instruktionen für die FriedenSabordmmg DentschösterreichS auszuarbeiten. Auch die Differenzen in der Personenfrage habe« gestern bereits ihre Schärfe verloren. Die Verhandlungen Über die Liste der Friedensdelegierten wurden Dienstag bis spät abends mit den Parteien geführt. Es scheintt, baß die Christlichsozialen ihren Widerstand gegen Dr. Klein als meritorischen Führer der FriedenSdelegierten acufgeben. Der Standpunkt des Staatssekretärs für Aeutzeres, daß nicht in letzter Stunde ein« der Materie gänzlich fremd gegenüberstehende Persönlichkeit mit der Führung betraut werden könne, scheint von den Christlich sozialen anerkannt zu werden. Die Liste des StaatSamteS für Aenßeres wirb daher höchstens mit ein bis zwei Aenderungen auch vom Hauptausschuß, der heute nachmittags Zusammentritt, genehmigt werden. Doch soll die Delegation vom Präsidenten Seitz selbst geführt toetben. Sie soll am Freitag nach Frankreich abreisen. Der Hauptausschuß will di« Liste der Delegierten 'nicht zusammenstellen. Die Nationalversammlung wird heute die Wahl vornehmen. Es besteht die Absicht, das Plenum der Nationalversammlung sodann bis zum Abschlüsse der Verhandlungen in Saint Germain vertagen zu lassen. Auch bezüglich der Sozialisierungskrise hat die Spannung ein wenig nachgelassen. Die Regierung arbeitet an. einer Formel, ui» bezüglich der Betriebsräte tn der Landwirtschaft ein allgemein annehmbares Kompromiß herbeizuführen. Biel Aufmerksamkeit hat im Parlament die Begründung hervorgerusen, mit welcher die Regierung den Gesetzentwurf über das Staatswappen »nb das Staatssiegel begleitet hat. Das Staat S w ap p en der Republik Deutschösterreich besteht aus einem freischwebenden, «1 n k S p f i g e n, schwarzen, golden gewaffnetenuud rotbezungten Adler, Wen Brust mit einem roten, von einem silbernen Querbalken durchzogenen Schildchen belegt ist. Der Adler trägt auf dem Haupte eine goldene Mauerkrone mit drei sichtbaren Zinnen,.im rechten Fange eine golden« Sichel mit einwärts gekehrter Schneide im linken Fange einen goldene» Hammer. Das der Republik Deutschösterreich' weist das? Staatswappen mjt der Unterschrift „Republik- Deutschösterreich" auf. Je ein Exemplar des Siegelstockes wird vom Präsidenten der Nationalversammlung und vom Staatskanzler verwahrt. In der Begründung des Gesetzes wird gesagt: .Mas die Berücksichtigung der Länder in bcnr Wappenzeichen betrifft, so totut später, wenn die Konstituante, wie zu erwarten, ein« bundesstaatliche Verfassung beschließt, neben dem gebräuchlichen Wappen noch ein großes Staatswappen festgesetzt werden, m dem auf dem rot-weiß-roten Mittelschilde die Wappen der einzelnen Länder angebracht sind. Das ist aber erst dann möglich', wenn der Länberbestand einschließl ich der alifällig zu erwerbenden Gebiete von West-' Ungarn feststeht. Man hat also einerseits mit dev Einrichtung einer Bundes staats Verfassung^ andererseits mit der Erwerbung von Westungarn' zu rechnen. In diesem Züsammenhang ist mitznteilen, daß gestern mittags «ine 30köpfige Abordnung aus West Ungarn im Parltzment erschien und' dem Präsidenten Seitz ein Memorandum Lev deutschen Bürger und Bauern Überreichte, in welchem dringend eine Intervention Deutschösterreichs gegen den Terror dev ungarischen Roten Garde erbeten wird. An der ungarischen Grenze wurden gestern fünf Automobile angehalten, die aus Ungarn kamen und mit Offizieren besetzt waren. Da man vermutet, daß sie mit den aUS Wien entkommenen Putschisten in Bruck eine Zusammenkunft abhalten, wollten, wurden fte festgrnommen. Präsident Seitz als Ffthrer der Friedensabordmmg. Der Hauptausschuß hielt gestern unter bm Vorsitz dH Präsidenten Seitz eine mehrstündige Sitzung ab. Es wurde» die von dem Staatssekretär Dr. Baue r vorgelegtenWchtlinienz für die Instruktionen der Vertreter zur Friedenskonferenz und die Mitteilungen Über die Zusammensetzung der Kommission einer eingehenden Erörterung unterzogen. Der Haupt-, ausschu ßgenehmigte einstimmig die Richtlinien. Die Wahl! dev Vertreter sei Sache der Regierung. Schließlich wurde aw den Präsidenten Seitz die Bitte gestellt, als. Leiter an ditz Spitze der Delegation zu treten.! Präsident Seitz erklärte, daß er gegen diesen Vor-, schlag, so ehrend er für ihn sei, politische und staats^ rechtliche Bedenken hege, un& daß auch sein Gesund-, heitszustand ihm nicht gestatt«, die Beschwerlichkeiten einer, größeren Reise Und eines längeren Aufenthaltes im Ausland! auf sich zu nehmen. Nichtsdestoweniger faßte der Hauptausschuß einstimmig bien Beschluß, der Nationalversammlung in der morgen stattfinbenden Sitzung de» Antrag zw unterbreiten, den Präsidenten, Keitz an die Spitze der? Friedensdelegation zu stelle«. , Präsident Seitz behielt sich' bis heute' lg UW Mittags Bedenkzeit offen. \ Die nächste Sitzung der Nakio nalversa' mm-. Ilitt6 findet heute Donnerstag um 3 Uhr nachmittags statt. Tagesordnung: 1. Wahr des Leiters der Friedens? delegatio«; 3. Bericht des Hanptausschusses über den Gesetze euttvurf betreffend bas Staatswappen und das Staatssiegel der Republik Deutschösterreich.; Lloyd George über die Soziattsterimg der Betriebe. Lloyd.George sprach dieser Lage mit einer Deputation englischer und französischer Industrieller über die Sozialisierung. Er sagte unter anderem: „Ich stimme mit Wilson überein, daß es für unser Land ein großes Unglück bedeuten würde, im gegenwärtigen Augenblick an der wirtschaftlichen Ordnung zu rütteln. Wenn wir die enormen Mrlliardenverlufte des Krieges ersetzen sollen, brauchen wir die großzügige Initiative des Privatunternehmers, der das Risiko des Unternehmens trägt. Es wäre ein Wahnsinn» dieses Risiko den Staaten aufbürden zu wollen, welche aus vielen Wunden bluten. Nichtsdestoweniger habe ich eigene Gedanken über eine gesunde Sozialisierung. Ich will den Staat zunt Gesellschafter aller gesunden und an Gewinn reichen Unternehmungen dadurch machen, baß ich ihn am Reingewinn in der natürlichsten Form beteilige: durch eine hohe Einkommensteuer. Es darf dabei aber das Wohlergehen der Arbeiter nicht vergessen werden. Die Rechte der Organisation sichert ihnen jederzeit die Erreichung der höchsten Löhne. Und daß von gewissenlosen Unternehmern mit der Gesundheit der Arbeiterschaft nicht Mißbrauch getrieben wird, dafür wird eine gesunde Gesetzgebung Sorg« tragen! wie wir sie in England übrigens bereits seit langem besitzen. GS wird Sie interessieren, fährt Lloyd George fort, daß der größte Teil der englischen und amerikanischen Arbeiterschaft von der Sozialisierung Nichtwissen will. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß da- Ziel der Arbeiter die Erlangung möglichst guter LebenSbebingungen fei, ohne , sich mit den Gorgen für die Führung eine» Unternehmenzu belasten. Davon werben wir in zwei Fahren sprechen. Giß werden dann sehen, um wieviel mehr die englische und amerikmiM Jndutzrtz:. jb& pm Staaten gedeiht, die sich mit weitgehender Sozialisierung die Hände binden.; Es ist interessant, daß Lenin und Twtzki dringend internationale- Kapital fordern und unseren! Unternehmern solche Vorteile bieten, welche ihnen! nicht einmal ein zaristisches Rußland bewilligen honnte," Ernste Lage in Indien. Aus Bombay meldet der Korrespondent dse „Times" vom 20. April; Ganz Indien durchlebte die angstvollsten zehn Tage seit einem halben Jahrhundert, Weitere Tage der Angst stehen bevor. Obwohl die, Lage sich in Bombay gebessert hat, bleibt die Lage in Nordindien beunruhigend. Äm 11. April stand Bombay am Rande eines blutigen Aufstandes, der nur durch das kluge Auftreten des Generalgouverneurs .Lord George Lloyd und durch das tapfere Auftreten der Polizei verhindert wurde. Die Bewegung ist eine teilweise Explosion der herrschenden Gärung. Indien ist nicht weniger als andere Teile der Welt von der sozialen und intellektuellen Revolution berührt worden, besonders durch Erwartungen, die sich auf die Zerstörung des deutschen Materialismus und den Ehrge^ auf größere Ausbreitung der englischen Weltherrschaft stützen.. Indien leidet ebenso unter dem Mangel an Lebensmitteln. Die Preise sind außerordentlich hoch, und der Versuch, die Preise zu regulieren, wirb durch Schiebereien verhindert, die in Indien immer zu Hause sind. Dt« Tätigkeit der indo-britischen Assoziation schuf schwere Zweifel, ob das Parlament Indien lyMrnVrMaa^N-v.awm utu« Ganmtie. garbbändet alle «ylleme, ttstilaPgH TOfttttiftt. . Leop. Kurzer, Wien, VII., Westbahnstraße 23. * Telephon 81531. W