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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-07 · Heft 108 (7.5.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 108 (7.5.1919)
Date
1919-05-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 7. Mai 1919 Nr. 108 - -- - -------- ■ -- - muß verwirklicht werden! Sie rennen in das Verderben >— nicht einmal blind, denn, wie gesagt, sie erkennen bereits, daß nichts als Not nnd Entbehrung zu verteilen ist und daß diese durch eine Verteilung nur noch verschärft, nur noch verlängert werden können. „Freilich, das eine ist gewiß," heißt es im letzten Heft des „Kampf" (der neuerdings als Wochenschrift unter Friedrich AdlerS Redaktion erscheint).'„die proletarische Diktatur führt unter den heutigen Bedingungen des lllassenkainpfes unvermeidlich zunächst zu rinein Rückgang der Produktion. Liese furchtbare Wahrheit muß das Proletariat von vornherein wissen." Und Friedrich Adler selbst schreibt in der gleichen Nummer: „Wenn heute eine rein sozialistische Regierung in irgendeiner Form die Macht ergreifen würde, so müßte ihre erste Erklärung sein: Arbeiter, erwartet keine Verbesserung eurer gegenwärtigen materiellen Lage, im Gegenteil, rechnet paar it, daß größerer Hunger, schwerere Entbehrungen bei rrus einkehren können!" Und Max Adler schließlich bekennt: „Der Sozialismus kann heute nicht als LolkZbeglüÄr kommen, sondern als ein strenger, knausernder Sachwalter, ja, fast wie ein Verwaltet einer Konkursmasse. Denn nicht eine Aufteilung des Reichtums, sondern eine solche Der Not hat er vorzunehmen." Dennoch beharren sie alle auf der sofortigen Lösung!>es Verteilungsproblems. Früher hieß es, die ungerechte Verteilung zwinge die Massen in Not. Jetzt zeigt iich: eine gerechte Verteilung kann, im Augenblick, die )kot nur noch verschärfen. Und dennoch wird sie ver« langt. Ist es reinf^r Idealismus oder ist es nur dogmatische Erstarrung, die sich der Führer bemächtigt hat? Glauben sie, daß die Idee des Zukunftsstaates den Tod von Hunderttausenden, dem Hunger und dem Elend Geopferten sittlich rechtfertigt oder können sie sich nur nicht freimachen von dem Zauber der Schlagworte riner längst überholten Zeit? Sie wähnen, Idealisten zu sein. Aber Idealismus kennt nur Aufopferung und Hunger der eigenen Existenz, das Ausliefern der Massen an einen nur allzu gewissen Hungertod, und sei es auch im Namen einer erhabenen Idee, kann niemals etwas anderes als verbrecherisch sein. Und kein Unterschied besteht zwischen der Sittlichkeit eines überzeugten Monarchisten, der seine Armee „für Thron und Altar", „mit Gott für König und Vaterland" ins Feuer schickt, und dem Ideologen, der „für den Sozialismus" Völker hin schlachtet, Mord und Verzweiflung wüten läßt. Hat man noch immer nicht begriffen, daß Sittlichkeit im Leben des Individuums etwas von Grund auf anderes ist als Sittlichkeit im Leben der Gesellschaft? Als einzelner darf ich', um einer Idee zu dienen, meine persönliche Existenz ausschalten, darf sie hingeben, aufopfern — wenn ich aber etwas für die Gesellschaft, für die anderen, will, wie kann ich da von einer anderen Voraussetzung ausgehen als von der, daß ich zunächst die Existenz, die rein physische Existenz und den Wohlstand dieser anderen zu sichern, nicht aber zu gefährden habe? Daß Lenin und Trotzki in Hingabe an ihre Ueberzeugung ihr eigenes Leben dutzendmal aufs Spiel gesetzt haben, war eine sittliche Tat — wenn sie aber, um dieser Ueberzeugung Geltung zn verschaffen, das ganze russische Milk in den Abgrund stürzen, so vermag Tein menschliches Fassungsvermögen darin noch eine Spur von Sittlichkeit aufzuspüren. Es ist nicht die Diktatur des Proletariats, die uns schreckt. Sie könnte, unter anderen Umständen, barmherziger sein als das Chaos, das uns heute beherrscht. Wir fürchten sie nicht an sich, aber wir fürchten Tasid Pinski. (Notizen zu feinem 25jährige« Jubiläum.) Bon Sch. Nudel. David Pinski, einer der „Jungen" in der nicht alten jiddischen Literatur, feierte vor kurzer Zeit das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner literarischen Tätigkeit. Die moderne jiddische Literatur ist ihrem ganzen Wesen nach Volkskunst im besten Sinne des Wortes. Die reichen und gebildeten Stände des Volkes schämten sich der einfachen Volkssprache und wollten von ihr nichts wissen (oft tun sie es heute noch). Doch je mehr sich die besitzenden Klassen von der Volkssprache abwendeten, umso mehr und umso stärker wurde die Liebe der breiten Volksmassen zu ihrer Sprache und den dichterischen Werken, die in ihr geschaffen wurden. So gereichte die Volksfremdheit der Besitzenden der Kunst der Besitzlosen zum Vorteile und wurde zum stärksten Ausdruck der Volksseele. Die wenigen Intellektuellen, die das Volk und seine Sprache in ihrer Einfachheit liebend verstanden und zu ihm hinabstiegen. um es zum Verständnis für reine Kunst zu erziehen und in ihm die Liebe zu seiner Sprache zu wecken, hatten eine unendlich schwere, doch dankbare Aufgabe. Denn selten wohl wurden die Dichter von ihrem Volke so geliebt,- wie Mendele, Pe'rez, Schokm Alechem und Rosenfelb. Das starke.kulturelle Leben in Rußland und Polen, das ungeahnte Emporblühen der jiddischen Literatur in den neuen jüdischen Zentren Amerikas, gaben ein beredtes Zeugnis für die Liebe der jüdischen Golksmassen zu ihrer Sprache und Literatur. Unter den breiten jüdischen Volksmassen, die jiddisch leben und denken, waren die jüdischen Arbeiter die ersten, die Verständnis und Liebe für die Volkssprache Leigten und so kam es. daß ein großer Teil der mo- Die erste Sitzung des Dölkerbundkomitees. London, 6. Mai. (Funkspr. des Korr.-Vur.) Heute at die erste Sitzung des OrganisationsKomitees des Völkerbundes ftattaefunden, wobei Großbritannien durch Lord Ce eil, Amerika durch Oberst Houje nnd Griechenland durch Benizelos vertreten waren. Der Eröffriunaskonareß deS Völkerbundes soll im Oktober in Washington stattkknden. Auf Vorschlag des Obersten House ist P i ch o n -um Vorsitzenden, S!r Eric Drumond zum Sekretär bestellt worden. Die polnisch-ukrainischen Kämpfe. DerWiderstand gegen die Bolschewiken muß aufgegeben werden. Stanislau,6. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.* *) Die Regierung der wo st ukrainischen Republik hat die Eutentekommission verständigt, daß sie geneigt sei, den seinerzeit oorgefchlagenen Waffenstillstand in de« Kämpfen gegen die Polen nunmehr abzuschließen. Da jedoch die polnischen Militärkreise dies ab le hnten, erklärte die Westukraine, sie sei nicht mehr in der Lage, die bolschewikischen Ukrainer aufznhalten, da sie alle ihre bisher gegen diese verwendeten Truppen «ach Ostgalizien ziehe» müsse. Alle österreichischen und türkische« Fragen bereits gelöst. Paris» 6., Mai. (Tel.-Komp.) In amerikanische» amtlichen Krei'en wird erklärt: Präsident Wilson wünsche keine Berschiebangder Abreise der Wiener Delegation nach Paris. Alle t e r r i t o r i a l e n F r a g e tt, die das ehemalige Oesterreich-Ungarn und die Türkei betreffen, sind bereits geregelt. Ungarn wird wahrscheinlich nicht eingeladen werden, Delegierte zu mtsendrn, solange nicht die Budapester Rateregierung offiziell anerkannt ist. sie, weil sie die Diktatur des Hungers, der wir bereits ohnmächtig ausgeliefert sind, neuerlich stärkt und verewigt. lind darum denken wir: das Erbe ist doch gesichert, sollen die Erbe r in unfruchtbaren und nur gefährlichen Streit geraten, bis der kärgliche Rest des Nachlasses ganz verschwunden ist? Stellen wir das Verteilungs Problem zurück» an dessen Lösung durch einen Aufschub doch nichts mehr zum Nachteil der arbeitenden Klassen geändert werden kann, und vereinen wir all unsere Kräfte, um zunächst das Produktiv ns Problem zu lösen. Haben erst alle begriffen, daß ausnahmslos für sie dieses Problem das Wichtigste überhaupt ist, haben sie erst erkannt, daß die Produktion vervielfacht werden muß, so wird sich eine Verständigung darüber, wie produziert werden soll, (privatkapitalistisch, genossenschaftlich, staatskapitalistisch oder dergleichen) rascher herbeiführen lassen. Denn das ist dann nicht mehr eine Frage der Ethik und des Idealismus, sondern eine Frage der praktischen Erfahrung. __ berncn jiddischen * Literatur Arbeiterliterat ur wurde, indem sie die Arbeiter als unterdrückten, aber auch als den für seine Zukunft kämpfenden Menschen darstellt. Aber der jüdische Arbeiter war nicht nur der treueste Leser deS jiddischen Buches und der ftei» ßigste Besucher des jiddischen Theaters, sondern er stellte auch in der Folge eine große Zahl schaffender Künstler, die, aus der Werkstatte kommend und in der Arbeiterschaft lebend, sich einen ehrenvollen Platz in der Literatur eroberten, jedoch ihren Klasscngenossen in ihrem Emanzipationskampfe immer treu blieben. Der Stempel des proletarischen Klassenkampfes ist der jiddischen Literatur unverwischbar aufgedrückt. * David Pinski ist im Jahre 1873 in Mohilew (Rußland) geboren und bekam seine erste Erziehung im Cheder. Als er elf Jahre alt war, übersiedelten seine Eltern nach Moskau, wo er die allgemeine Schulbildung erhielt. Als im Jahre 1892 die Ausweisung der Juden aus Moskau erfolgte, zog er mit seinen Eltern nach Warschau, wo er sich durch Lektionen seinen Lebensunterhalt -erwarb. In dieser Zeit begann auch seine publizistische Tätigkeit, er schrieb einige Artikel im .HauZfreind", die wegen ihres scharfen Tones Aufsehen erregten. Später beteiligte er sich an verschiedenen Zeitschriften und ließ seine ersten Erzählungen sowie einige populäre Abhandlungen über naturwissenschaftliche Themen erscheinen. Im Jahre 1896 verließ er Rußland und lebte einige Zeit in Berlin, viel in Literatur- Md Studenter.kreisen verkehrend. In Basel organisierte er zusammen mit Zytlowski die Beratung der Freunde der jüdischen Sprache am Tage nach dem ersten Zioniftenkongreß. 1699 wurde er von der Nelv- Aorker Arbeiterzeitung ein geladen, die Redaktion des belletristische,» Teiles zu übernehmen und lebt nun in Ülnrertla, nx> tt sowohl in der Literatur, als auch iu der Politische^Rundschau. Die Friedensverhandlungen. # Nach Meldungen» die gestern hier eingetroffen sind» hat die deutsche Friedensdelegation in Versailles bereits Kenntnis der Ententebedingung.n und arbeitet ihre Gegenvorschläge aus. Dem Vernehmen nach fordert die Entente auch die Auslieferung des E x- Kaifers Wilhelm, feines Sohnes sowie Hind enburgs, Ludendorffs, des Admirals T i r p i tz und einer Anzahl von v-B o o t- Kommandanten. Die Gleichheit der Rasse« und Nationen. Du Differenzen zwischen den Anschauungen der einzelnen Entmtereglerungen. die sich bereits m der italienischer! Angelegenheit offenbart haben, treiben auch Japan mehr und mehr in eine isolierte Stellung. Japan hat, ähnlich wie Amerika, während deS Krieges einen ungeheuren Saturrerungsprozeß durchgemacht. Durch seine klug abwartmde Haltung nützte es die wirtschaftliche Konjunktur aus, erzielte riesige Gewinne durch Lieferungen und rm amcrikanlsch-russichen Transitverkehr und benützte die Ruhe, um sich zu konsolidieren, daö Nruerworbrne in Sicherheit zu bringen und weiteren Eroberungen in aller Stille die Wege zu bereiten. Nun ist es aufs Höchste mit wirtschaftlichen HwanlionSkräften gefüllt, die sich ein Ventil schaffe» müssen. Freie Einwanderung in Amerika, Australien, Indien bildet neben den selbstverständlichen Ansprüchen auf Kiautschau und dre Hegemonie m Ehma das wesentlichste Ziel, daS Japan in Versailles zu erstreben hat. In einem Zeitalter, das wie daS unsrige die Heuchelei zur Kunst etwickell hat, kann eS nicht schwer fallen» auch diese Tendenzen idealistisch zu schminken — und so beauftragt« Baron Mak,mo die Aufnahme eines Artikels in das Statut des Völkerbundes, welcher die „Gleichheit aller Raffen und aller Nationenausdrücklich feststcllen sollte — ein Antrag, der in dieser Form und gerade seiner japanischen Herkunft wegen natürlich abgelrhnt werden mußten denn Amerika und England sowie auch das in seinen indischen Kolonien bedrohte Frankreich verfolgen ohnehin das bedrohliche Eindringen der „gelben Raffe" mit großer Sorge und streben eher nach einem Ausweg, der ihnen in anständiger Form, das heißt irgendwie im Einklang mit der Heuchelei ihrer „idealen" Bestrebungen die Möglichkeit gibt, der „friedlichen Penetration" je eher je lieber einen R,egel vorzuschieben. So sah sich Baron Makimo» da er völlig isoliert blieb, gezwungen, seinen Antrag zurückzuziehen und chn für, eine günstigere Stunde aufzusparen. Die „Befreiung" Wilnas durch die Polen. Joffe erschoffen. Ueber die Geschehnisse in Wilna unmittelbar nach der Besetzung dieser Stadt seitens der Polen schreibt der' Warschauer „Kurzer Poranny" folgendes: „Die Bolschewiken haben sich nicht leicht unterkriegen kaffen. Sie wählten lieber den Tod als die Kapiiulation. Es waren dies Beamte der »Sowrete', meistens Juden, die erbittert gekämpft hatten. Dies rief bei demMilitär eine Aufregung gegen die Juden hervor und ein Verlangen, Rache zu üben. Es wurden dadurch s e h r u n a n g e n e h m e Geschehnisse zu Tage gefördert, denen die Militärmacht Nicht immer energisch genug entargentreten konnte. I m P r r n z i v aber nahm sie die jüdische Bevölkerung m Schutz, die zufolge der.Heldenhaftigkeit' der Mischen Bolschewiken unschuldig leidet" „Das Jüdische Volk" schreibt: Es zeigt sich, daß die Zahl der jüdischen Opfer (itt Wilna) und der materielle Ruin viel größer sind, als man angenommrn hotte. Außer Weiter wurde auch der junge bekannte Schriftsteller Orschanski, ebenso die Studenten I w i a n s k i und R o s e u erschoffen. Auch dem Dr. Szabad und dem Rabbiner Rubin st ein, dre für die unschuldig Arretierten intervenierten, drohte Gefahr. Sie Arbeiterbewegung eine bedeutende Rotte spielt. Den wichtigsten Teil seiner literarischen Tätigkeit füllen seine Dramen aus. Eines seiner ersten und künstlerisch stärksten ist „Eistk Scheftel" (1899), bas außer der jüdischen Bühne auch bei Reinhardt in Berlin gespielt wurde und nnn auch auf dem Repertoire der englischen Bühne steht. In weiten Kreisen bekannt, wurde er erst durch' sein Drama „Die Familie Zwi", geschrieben unter dem Eindruck des Pogroms in Kischenew, das den Versuch bildet, die geistigen Strömungen, die im jüdischen Volke zu jener Zeit vorhanden waren, wiederzugeben. Dieses Drama bedeutet auch einen Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen; es ist der Uebergang vom sozialen zum nationalen Problem. Von seinen anderen Dramen Lnd sehr bekannt „Die Mutter" (1901), „Jenket, der Schmied", „Gabri und die Frauen",. „Der Schatz" (1905), der bei seiner Erstaufführung in Newd-ork mit Rudolf Schildkraut in der Titelrolle einen großen Erfolg hatte. * Unter den vielen und starken Talenten der jiddischen Literatur ist David Pinski eines der stärksten. Er war der erste, der einen neuen Zug und einen neuen Typus in die Literatur brachte, den Typus der kämpfenden, sich seiner Eigenart bewußten Proletariers, für den der Klassenkampf unendlich mehr bedeutet, als nur die Verbesserung seiner materiellen Lage, dem der Kampf zur Verwirklichung des Sozialismus zum Evangelium wurde und der in der Erfüllung desselben Zweck und Sinn seines Lebens fand. Pinski schilderte uns diesen Typus bereits zu einer Zeit, als von einer Arbetterbe,vegung in der engen jüdischen Gasse noch nichtzu sehen war, zu einer Zeit, da der Typus des modernen Proletariers etwas Unbekanntes und etwas Ungeahntes schien. In diese Jahre seines Schajfens (1693 bis .1900) fallen Haupt-

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