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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-07 · Heft 108 (7.5.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 108 (7.5.1919)
Date
1919-05-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Man erblickte darin den lange erwarteten ersten Versuch, dem Annexionismus der in Paris vertretenen Negierungen einen Riegel vorzufchieben und die Diskussion über den Frieden wieder auf diejenige Grundlage zurückzuführen, welche Wilson in seinen 14 Punkten seinerzeit skizziert hat. Der Don seiner Note an Italien, in welcher er dessen Ansprüche auf Fiume zurückwies, ließ an Schärfe nichts zu wünschen übrig, und es war nur begreiflich, daß sich die Arbeiterschaft Frankreichs und Englands, die ohnehin den Verlauf der Friedensverhandlungen mit größter Besorgnis verfolgen, einmütig und geschlossen hinter den. Präsidenten stellten. „L'Humanits". welche unter Führung von Marcel Cachin seit Monaten einen täglich schärfer werdenden Kampf gegen den Jmperialistn'irs im allgemeinen und gegen Clemencean im besonderen führt, feierte Wilson als den einzigen Bürgerlichen, welcher sich in den Dienst der sozialistischen Ideen gestellt habe. Aber selbst Auguste Ga uvain, dessen „Journal de Debets" während des Krieges keineswegs eine friedliche und versöhnliche Haltung eingesch^aqen hot, sah sich diesmal veranlaßt, gleichfalls au' die Seite Wilsons zu treten. Die C. G. T. (Confederation Generale du Travail), die mächtigste Repräsentanz der französischen Arbeiterschaft, beschloß, eine Adresse an Wilson zu richten, ihm für fein mutiges Auftreten zu danken und ihm durch den Hinweis darauf, daß er des Beistandes der gesamten arbeitenden Bevölkerung sicher sein' könne, in seinem Verhalten' zu bekräftigen. Auch die englische Labonr Party benützte den Anlaß, in einem Telegramm an die italienische Sozialistenpartei ihre llebereinstimmung mit dem Vorgehen Wilsons.auszudrücken. Das Telegramm war von den maßgebenden Führern unterzeichnet, und zwar von Henderson, Thomas, Sydney Wcbb, Hodges, Bowernran, Lansburh und anderen, kurzum, Jubel auf allen Seiten! Doch da setzt das Gegenspiel ein. Die Antwort Turatis, des Führers der italienischen Sozialisten, war kühl ablehnend. Sollten die italienischen Sozialisten, ungleich ihren tapferen französischen Brüdern, selbst noch so sehr im. Panne des Chauvinismus stehen, daß sie imperialistische Forderungen des eigenen Staates nicht zu bekämpfen wagen? Schwerlich. Der Wortlaut des Telegramms Turatis bietet auch keinen Anhaltspunkt dafür. „Wir verweisen euch darauf", heißt es dort, „daß die Ideologie Wilsons jeden Tag mehr durch die Politik der kapitalistischen Regierungen sabotiert wird und daß diese Regierungen, einschließlich der amerikanischen und der englischen, darin wetteifern, . sie außer Acht zu lassen, wenn es sich um das eigene Land handelt." Zu einer gemeinscha'tl'chen internationalen Aktion gegen den Kapitalismus aller Regierungen, und zwar auf Basis der Zimmerwalder Beschlüsse, erklärt sich Turati nach iv'L vor bereit. Dieser Hinweis auf den Imperialismus Frankreichs und Englands hat in den Kreisen der französischen und englischen Arbeiterschaft ernüchternd gewirkt und in der „Humanstö" greift Daniel Renault diesen Gedanken aus. „Man ist tvilsonisch für anbete und imperialistisch für sich. Das ist eine Schande, em-r entehrende Heuchelei, welche die französische, sozialistische ■ Partei nicht akzeptieren darf. Warum hat Wilson, welchen wir mit allen Kräften in seiner gegenwärtigen Aktion unterstützen, nicht die gleiche Energie aufgebracht, um den französischen und englischen Imperialismus zu bekämpfen? Wie, Frankreich wird da^ Saargebiet und das Protektorat über das linke Rhemufet stehlen (voler) und Wilson schweigt? Wie, England will sein erschüttertes Protektorat über Aegypten juridisch befestigen und sich der deutschen Kolonien und der türkischen Verlassenschaft bemächtigen und Wilson erklärt sich befriedigt, wenn das alles als Mandat des Völkerbundes verkleidet wird? Wrr wollen uns nicht zum Narren halten lassen. Wir verteidigen das symbolische Recht der Jugoslawen, aber tut* verlangen, daß das Prinzip rückhaltlos verallgemeinert H." ES wäre in der Tat durchaus verfehlt, wenn man i dem amerikanisch-italienischen Zwischenfall eine ckkehr der Friedenskonferenz zum Geiste der vier- >« Pullte erhoffen wollte. Wie sehr der Jmperialu?-- $ PL tp«t **» KurMruH ft«t< #4* Petersburg von finnischen Truppen erobert? Amsterdam, 6. Mai. (Korr.-Bur.) Dem „Tele gr aas" zufolge soll nach einem noch nicht näher bestätigten drahtlosen Bericht Petersburg von finnischen Truppen erobert morden sein. Orlando und Sonnino fahren nach Paris. Paris, 6. Mai. (Havas.) Den italienische Botschafter in Paris hat den Regierungs- Häuptern der Alliierten mitgeteilt, daß Orlando und Sonnino im Laufe des Abends aus Rom abreisen und am Mittwoch früh in Paris eintreffen werden. Fiume füllt an Italien. Nach zehn Jahren. Paris, 6. Mar. (Funkspr. des Korr.-Bur.) Die bezüglich Fiumes zustandegekommene Einigung soll dahin lauten, daß Stadt und Hafen durch zehn Fahre vom Völkerbund verwaltet werden und dann an Italien fallen sollen. Ein fremdenfeindlicher Beschluß der Tiroler Landesversammlung. I n n s v r u ck, 6. Mal. (Korr.-Bur.) Inder heutigen ByrMttagsfiHNng'oerMrv'lev Landes^ Versammlung wurde ein Antrag des Abgeordneten Dr. Straffner und des Abgeordneten Sternbach betreffend die Aufhebung aller sozialpolitischen Fürsorgemaßnahmen für Nicht deutschöfterreicher angenommen. Der Antrag lautet: „Die Landesregierung wird beauftragt, sofort die nötigen Schritte zu unternehmen, daß die Bestimmungen des Mieterfchutzgesetzes, der Arbeitslosenunterstützung und der Abgabe von billigen Lebensmitteln für alleNichtdeutfchösterreicher, mit Ausnahme der Angehörigen der deutschen Republik, unverzüglich aufgehoben werden." deutlich aus dem Entwurf für bas Statut des Völkerbundes hervor, welcher der Friedenskonferenz am 28. April vorgelegt wurde. Die Leitung des Völkerbundes wird in-die Hände der Bereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Japans, sowie vier weiterer noch namhaft zu machender Staaten gelegt. Schon daraus ist ersichtlich, daß es sich nicht um einen gerechten Ausgleich, sondern um eine Stabilisierung der Siegergruppe handelt. Nachdem die Ententemächte die Welt unter sich aufgeteilt haben, haben sie selbstverständlich ein dringendes Interesse daran, sich ihre Beute gegen künftige Verwicklungen zu sichern. Der Statutenentwurf offenbart, daß die dem Völkerbund zu übertragende Oberhoheit keinem anderen Zwecke dienen soll, als dem, jeden Versuch zu unterdrücken, der auf eine Veränderung der von den Siegern festgelegten Friedensbedingungen territorialer oder sonstiger Art hinzielt. Den Gipfel der Heuchelei erreicht der Artikel 22 des Statuts, in welchem die „Mandate" festgelegt werden; unter diesem Wort der-, birgt sich die Aufteilung der Erde. Die Prinzipien dieses Artikels beziehen sich auf die Kolonien und Gebiete, welche infolge des Krieges aufgehört haben, unter der Souveränität der Staaten zu stehen, welche sie vorher regierten, und welche von Völkerschaften bewohnt sind, die noch nicht fähig sind, sich selbst unter den besonders schwierigen Bedingungen der modernen Welt zu regieren (§6 diriger). Der Wohlstand und die Entwicklung dieser Völker bilden eine heilige Aufgabe der Zivilisation, und in den vorliegenden Vertrag müssen Bürgen für die Durchführung dieser Mission eingesetzt werden. Die beste Methode, dieses Prinzip praktisch zu verwirklichen, besteht darin, die Vormundschaft (Jfi tutolle) diejer Völker den entwickelten Mtiomu auzuvLrtMÄM, welche auf Grund ihrer Hilfsquellen, ihrer Erfahrung- und ihrer geographischen Lage am besten geeignet sind, diese Verantwortung auf sich zu nehmen und welche einwilligen, sie zu übernehmen. (!) Sie werden diese Vormundschaft in der Eigenschaft von Mandataren nutz im Namen des Völkerbundes ausüben. Der Charakter des Marrdats wird je nach dem Grade der Entwicklung des Volkes, der geographischen Lage des Gebietes,, seinen ökonomischen Bedingungen und sonstigen Uinständen differieren. Gewisse Gemeinwesen, welche früher zum Ottomanischen Reiche gehörten, haben einen derartigen Grad der Entwicklung erreicht, daß ihre Existenz als unabhängige Nationen provisorisch anerkannt werden kann unter der Bedingung, daß die Ratschläge und' die Hilfe eines Mandatars ihre Verwaltung bis zu> dem Mo.uent leiten, wo sie fähig sein werden, siq selbst zu führen. Die Wünsche dieser Gemeinwesen hinsichtlich der Wahl des Mandatars sind zu berücksichtigen. Der Grad der Entwicklung, in welchem sich andere Völker befinden, insbesondere diejenigen Zentralafrikas, fordert, daß der Mandatar dort die Verwaltung! des Gebietes auf Bedingungen aufbaut, welche mit der Aufhebung von Mißständen, wie dem Sklavenhandel, dem Waffen- und Alkoholhandel, gleichzeitig bie! Freiheit des Gewissens und . der Religion garantierend Andere Beschränkungen als diejenigen, welche die Auf-! rechterhaltung der. öffentlichen Ordnung, der guten' Siten, La? Verbots Befestigungen oder eite militari W Basis zu schaffen, und den Cingebornen eine militärische Instruktion zu erteilen, werden nicht gednLet^ Schliesslich gibt es noch Gebiete, wie Südwestafrika! und gewisse Inseln , des australischen Ozeans, welche irr-, folge der geringen Bevölkerungsdichte, ihrer beschrankten; Oberfläche und ihrer Entfernung von Zivilisationszentren oder dergleichen nicht besser verwaltet werdest können, als unter den. Gesetzen des Mandatars, wie eiy inLegrisr^wder^..B§standtLil. fernes Gebietes, unbeschadet' der svorertvähnLien^GL'ranWn^ im bornen Bevölkerung^" Dies der Wortlaut des Artikels 22. Die Diktatur des Hungers. Bon Heinrich Margulies. Allmählich beginnen auch links sozialistische Kreise? zu erkennen, daß bei der Frage der Sozialisierung dirz Frage der Produktionssteigeru«^ urehr Berücksichtigung erfordert, als bisher geschehen ist. Bon den Treignissenj überrascht, von der plötzlichen Machtfülle geblendetglaubten sie, mit der Aufteilung des gesellschaftlichen! Besitzes , nicht zögern zu dürfen. Die Lehre früheres Zeiten hatte ihnen gepredigt, daß eines Tages der Umsturz eintreten, daß die politische Macht in ihre? Hände übergehen würde, und daß sie dann nichts zw tun hätten, als die Gesamtheit in den Genuß dess bisher nur von den privilegierten Klassen verzehrten; Reichtums zu bringen. Nun trat der Umsturz ein, diealte Gesellschaft starb, die Erben fanden sich lachend? zur Teftamentseröffnung ein — aber sobald sie Einsicht nahmen in die Verlassenschaft, schwand das Lachendie Gesichter wurden länger und länger. Denn der; Erblasser hatte ihnen nichts vermacht als Schulden.. Diese aufzuteilen, war nicht nach dem Sinn aller Be-' teiligten und mancher erwog, daß es wohl vorteil-/ Hafter wäre, zu verzichten. ' Daraus erklärt sich das Schwanken und Zandern,j das gegenwärtig alle sozialistischen Kreise kennzeichnet^ Sie wissen nicht, ob sie zugreifen oder verzichten sollen,'? Wäre es nicht das richtigste, die Erbschaft zunächst imgeteilt zu lassen und lediglich einen gemeinsames Konkursverwalter, einzusetzen, von dessen fachmännisches und kaufmännischer Tüchtigkeit man erwarten kanndaß er diejenigen, in der Masse liegenden Unternehmungen, die überhaupt nicht mehr existenzfähig find', vorsichtig liquidiert, alle anderen aber, die nur durchs die Verantwortungslosigkeit der früheren Geschäftsführer heruntergewirtschaftet wurden, saniert und wieder in. die Höhe bringt? Wäre es nicht d<rs Gescheiteste, daß-s man. bei der Wahl eines solchen ' Konkursverwalters nur noch den Gesichtspunkt gelten ließe, ob er fähiz! ist, das gegenwärtig wertlose Erbe wieder begehrens-' wert, reich und einträglich zu machen, und daß man! es völlig seiner Tüchtigkeit und Erfahrung überließe,! zu entscheiden, welche Betriebsmethode er für die ratio-1 nellste hält? Warum so ungeduldig, sein — der Erb-! lasser ist endgültig tot, nichts verrimg ihn wieder in#» Leben zürückzurusen. Niemand macht den Erben dew? Besitz streitig — aber nein, sie müssen ihn sofort aufteilen. Gleichgültig, rb Reicht.un oder ßirnnii, 08 S&uwjjeu oder KSvrldiw, das der

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