Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 107 (6.5.1919)
- Date
- 1919-05-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 107 Wien, Dienstag wesentlichen: Anerkennung der jüdischen Nationalität, uncingefchränk e tatsächliche Gleichberechtigung. Selbstverwaltung in allen innerjübischen Angelegenheiten durch das Organ der Bolksgemeinde, Vertretung in den repräsentativen Körperschaften und Behörden. Auf dieser Grundlage könnte das Zusammenleben von Juden pnd Nichtjuden in diesem Staate saniert werden. Der Natronalrat mußte Ln unzähligen Einzelfrllen, wo Juden w'gen ihrer nationalen Zugehörigkeit zurückgesetzt wurden, intervenieren. Es ist dem Nationalrat gelungen, die Mißverständnisse vollständig aufzuklären, obwohl auch späterhin seitens einzelner Beamten immer wieder Uebergriffe vorgekommen sind. Der national- Mische Gedanke hat inzwischen bei der Judenheit Peutschösterveichs festen Fuß gefaßt und der große Erfolg bei den Wahlen Ln die Konstituante hat bewiesen, Laß die Juden nicht nrehr gewillt sind, sich politisch entmündigen zu lassen. Die jüdischnationale Bewegung in Deutschösterreich ist aber nur eine Teilierscheinung der großen Bewegung, die das gesamte jüdische Volk ergriffen hat. Der Nationalrat ist sofort mit allen ähnlichen Körperschaften, nicht nur in den neuen Staaten des alten Oesterreich, sondern in der ganzen Welt in brüderliche Verbindung getreten. Besonders herzlich waren die Begrüßungen, die mit der bis dahin von uns getrennten Judenschast der Ententeländer gewechselt wurden. Es hat sich wieder erwiesen, daß es-nur eine Judenfrage gibt, deren Wesen in der ganzen Welt dasselbe ist. Eine traurige Aufgabe entstand gleich in den ersten Wochen durch die Pogrome in Galizien und Polen. Der Wiener Nationalrat mußte vor der ganzen Welt die Sachwatterschaft der hingemordeten galizischen Brüder übernehmen. Zu der politischen Aktion und dem Informationsdienst trat auch die Fürsorge für die Pogromopfer und Pogromflüchtlinge. Der Nationalrat hat auch eine Delegation ins neutrale Ausland geschickt, um mit den Juden der anderen Länder einen direkten Kontakt herznstellen und ihre Hilfe gegen die Pogrome zu erbitten. In jenen sorgenvollen, schweren Tagen angestrengiester Tätigkeit erfolgte der tückische Angriff der Israelitischen Union", welche den Nationalrat vor der Oeffentlichkeit diskreditieren wollte. Der Nationalrat hat eine würdige Antwort gegeben und sich im übrigen durch den Ausbruch einer längst überlebten, ängstlich würdelosen Politik nicht irritieren lassen. Die Wiener KnltusgMeinde, deren Präsident, Dr. Stern, unter dem Druck der öffentlichen Meinung zurückgetreten war, verpflichtete sich vertraglich zur Einführung eines demokratischen Wahlrechtes innerhalb von acht Wochen und hat diesen Vertrag skrupellos gebrochen. Der Nationalrat ist daher selbst au den Ausbau von Institutionen zur Konsolidierung des inneren jüdischen Lebens geschritten. Während die in ihm vereinigten Parteien durch die Wahlen in die öffentlichen Körperschaften in Anspruch genommenwaren, konnte der Nationalrat, der als solcher nicht direkt an der Wahlbewegung beteiligt war, allmählich sein Wesen als jüdische Behörde entwickeln und ein schärfer umrissenes Aktionsprogramm gewinnen. Nachdem schon zu Beginn durch die jüdische Soldatengruppe ein Amt für Demobilisiertenfürsorge ins Leben gerufen worden war, das seinem Wesen nach allerdings nicht auf Dauer angelegt sein konnte, wurde nun das Organisationsamt für soziale Arbeit geschaffen, das innerhalb weniger Wochen bereits fruchtbare und erfolgreiche Arbeit leisten konnte. Für die Fragen des jüdischen Schulwesens und Unterrichtes wurle ein Unterrichtsamt eingesetzt, ein Kataster der Juden Wiens soll als Grundlage einer jüdischen Statistik dienen, ein eben im Entstehen begriffenes Gewerbeamt soll der eminent wichtigen Aufgabe der Ueberleitung der Juden aus parasitären in produktive Berufe durch Errichtung von Werkstätten, Produktivgenossenschaften usw. dienen. Auf allen Gebieten muß von Grund auf begonnen werden, die Aemter müssen erst die unentbehrlichsten Vorarbeiten leisten, Material sammeln und Pläne für eine systematische Tätigkeit nach modernen Methoden entwerfen. Dies alles leistet heute der Jüdische Nationalrat mit den geringen Mitteln, die freiwillige Opfer- Willigkeit ihm zur Verfügung stellt. Es ist aber schon heute klar, daß ihm später, sobald die Erfolge seiner Arbeit llar zutage treten, die allgemeine und öffentliche Anerkennung nicht versagt werden kann. Es wirb sich zeigen, daß er den einzigen Weg gegangen ist, der dem Judentum zum Segen gereicht und es aus seiner schmachvollen Situation zu einem gesunden und blühenden Leben erwecken kann. Wenn das jüdische Zentnnn in Palästina entstanden sein'wird, wird von dort der belebende Hauch eines nenon jüdischen Geistes auch in unsere Judengassen dringen. In diesem halben Jahre seines Bestehens hat sich der Nationalrat. diese ganz einzigartige Institution, als notwendig erwiesen und kann aus dem jüdischen Leben nicht mehr weggebacht werden. Seine Aufgaben werden ständig wachsen. ES erübrigt nun noch, daß die in den Revolutionstagen eingesetzte Körperschaft ehestens einer von der jüdischen Bevölkerung Deutschösterreichs frei gewählten Körperschaft Platz macht. Der Nationalrat hat bereits eine Wahlordnung beschloisen mb die Wahlen dürften in den nächsten Tagen ausgeschrieben werden. Das jüdische Volk Deutschösterreichs chird dann Gelegenheit haben, seinen Willen eindeutig zum Ausdruck zu bringen und als seiner Verantwortung bewußter Teil deS gesamten Judenvolkes in der entscheidunaSretchen Stunde der Wiedergeburt den Platz zü behaupten, der ihm durch feine Zahl »mb Me Mtmelk NchenÄmg -«kommt. i ' ■ —1 ■"""6. Wiener Msrgenzeitunz 6. Mai 1919 _ Seite 3 Der jüdische Kongreß in Kanada. Für nationale Minoritätsrechte. — Nationalisierung des Bodens und der Bodenschätze in Palästina. — Das Rathaus in Montreal hitzt die jüdische Flagge.' Das Kopenhagen» Zionistische Bureau berichtet: Der Kanadisch-jüdische Kongreß, der am 16. Marz in Montreal eröffnet wurde, dauerte 8 Tage lang und umfaßte 206 Delegierte. Die folgenden Beschlüffe wurden unter anderem angenommen. Jeder kanadische Jude soll einen jährlichen Beitrag von 5 Dollar für den Hilfs- und W i e d e r a u s b a u f o n d s leisten. England soll aufgefordert werden, von der Friedenskonferenz Kriegsentschadigungfür die Juden in den vom Kriege heimgesuchten Ländern zu verlangen. Der Kanadisch-jüdische Kongreß protestiert gegen die Pogrome in Polen, Rumänien mb der Ukraine. Es wird verlangt, daß Prlastinaseine historischen Grenzen behält, und daß die Juden in den Landern, in denen sie nationale Minoritäten bilden, nationaleRechte erhalten. Der Kongreß beauftragt seine europäische Delegation, mit der zionistisHen Weltorganisation znsammenzuarbeite«, damit die Friedenskonferenz die nationalen Bestrebungen und die historischen Ansprüche deS jüdischen Volkes auf Palästina anerkennt. In Palästina müffen derartige politische, administrative und ökonomische Bedingungen geschaffen werden, welche die Entwicklung deS Landes z» einer jüdischen Gerneinschaft stcherstellrn, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, waS die bürgerlichen, nationalen und religiösen Rechte der nichtjüdischrn Gemeinden in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden anderer Länder benachteiligen könnte. Palästina soll die nationale Heimstätte dcsjüdischenVolkcs werden, im Einklang mit der Erklärung des Mi n isters Balfour. Alles Land und die! natürlichen Quellen Palästinas sollen nationalisiert und die Verwaltung des Lande» auf den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und politischen Freiheit aufgebaut werden. (Unter großem Beifall einstimmig angenommen.) Der Kanadisch-jüdische Kongreß wird zu einer dauernden Einrichtung gemacht. Eine auS 36 Personen be---! stehende Delegation wird nach Paris cntfaubt*; Dieser Delegation wurde die Pflicht auferlegt, an der E i n-j berufung eines jüdischenWeltkongresst$ energisch mitzuarbeiten. , Der Kongreß beschloß die Organisierung d er Juden Kanadas für ihre nationalen Jntereffen und setzte eine Kommission zur Erforschung der rechtlichen Möglichkeit der Errichtung jüdischer Schulen in Kanada ein. Der Gedanke einer fünftägigen Arbeitswoche (Ersetzung der Dormittagsarbeit an Samstagen durch eine entsprechende Verlängerung der Arbeitszeit an den Wochentagen) wurde vom Kongreß gutgeheitzen. Der kanadische Jurist Gutherie hielt eine Ansprache, in der er sagte, England würde die Tachwalterschaft über Palästina i ausüben, bis die Juden selbst in der Lage sind, es zu verwalten.! Die Delegierten wurden vom Bürgermeister o f f i-l Stell im Rathause empfangen, über dem die-; jüdische Flagge wehte. Der Biirgemeister drückte seine; Hoffnung auS, daß die Juden bald Palästina erhalten würden.! Polttische^timdschau. Eine Unterredung mit dem Präsidenten MasaryL. Der Vertreter des „Vienna Bulletin" wurde am verflossenen Samstag auf demHradschin in Prag vom Präsidenten der tschecho-slowakischen Republik empfangen und von diesem autorisiert, die mit ihm gehabte Unterredung zu veröffentlichen. Frage des Interviewers: Welche Maßnahmen beabsichtigen Sie für den Fall, daß die Entscheidung der Entente mit den heutigen Verhältnissen übereinstimmt, zu treffen, um zwischen den beiden Nationen eine Versöhnung herbeizuführen? —Antwort: Wir beabsichtigen keine gewaltsame Entn a ti o n a l i s i e r u n g. Die deutsche Minorität wird vollständige Freiheit in nationaler, kultureller und wirtschaftlicher Beziehung erhalten, wie sie es selbst wünscht. Frage: Wie verhalten Sie sich zur Frage der Anwendung des Schweizer Systems für die tschechoslowakische Republik- — Antwort: Ich könnte mich mit einer solchen Lösung nur in gewissen Beziehungen einverstanden erklären. Wir können das Schweizer System zum Beispiel für die Präsidentenwahl nicht gebrauchen, well die Verhältniszahlen der Nationen bei uns andere find, aber in der Sprachen- und sozialen Frage und insbesondere bezüglich des Armeesystems werden wir uns genau nach dem Schweizer Muster halten. — Frage: Wie verhalten Sie sich zu dem von den Deutschen geforderten Plebiszit unter neutraler Kontrolle? Antwort: Auf ein Plebiszit' können wir uns nicht einlassen! Wenn das in Frage kommende Gebiet rein deutsch wäre, das heißt, wenn es Keine tschechischen Minoritäten gäbe, vielleicht, aber, was wäre der Sinn einer solchen Volksabstimmung, da in den gemischtsprachigen Gegenden nur ein geteiltes Votum erfolgen kann. — Frage: Welche Sicherheiten würden Sie den Deutschen für ihre ungestörte nationale Entwicklung geben? — Antwort: Ich möchte als Tatsache heworheben und wünsche, daß dies der deutschösterreichischen Oeffentlichkelt klar dargelegt wird: Wir hatten nach einer mehr als vierjährigen Periode der schwersten Unterdrückung durch die Deutschen Ursache zur Revanche und es läßt sich trotzdem nicht ein einziger Fall anführen, daß wir in Prag Rache genommen und auch nur einem Deutschen ein Haar gekrümmt hätten. Für die Lokalereignisse in der Provinz sind wir nicht haftbar. Wir werden alle möglichen gesetzlichen Garantien für die ungestörte Entwicklung der Deutschen geben. — Frage: Betrachten Sie, Here Präsident, die Tatsache, daß sich ein großer Teil der Juden zur jüdischen Nation bekannt hat, als ein günstiges Zeichen für die tschechische Sache? — Antwort: Cher ja! Das ist übrigens eine Angelegenheit der Juden; ich glaube aber, daß es ein Fortschritt, eine Art moralischer Regeneration ist, wenn ein Jude sich heute nicht fürchtet, sich zu seiner Ration zu bekennen. Ich sympathisiere mit dieser Erscheinung. — Frage: Haben Sie Ihre Stellung zur Judenftage seit 1899 geändert? Antwort: Rein! — Die Frage, ob der Präsident den Bolschewismus als Gefahrelement für die Tscheche»- Slowakei auch nach Rückkehr der gegenwärtig noch in Rußland befindlichen Soldaten betrachte, wurde verneint. Auch die jüngsten Erklärungen Brla Kuns erklärte der Präsident nicht als Verpflichtung für die Künftige Regierung archuftrZen und bezeichnete diese Erklärungen als Aeußerungen eines vorübergehendes revolutionären Phantoms. Der Präsident über die Anfchlntzfrage: Frage: Würde es die Beziehungen zwischen der tschecho-slowakischen Republik und Deutschösterreich. verbessern, wenn die Anschlußidee nicht. verwirklicht würde? — Antwort: Ich Kenne die deutschösterreichische. Bevölkerung und bin sicher, daß die große Majorität -beit! Anschluß nicht haben will. Sollte Deutschösterreich sich entscheiden, selbständig zu bleiben, so werden wir dem nicht nur nicht opponieren, sondern wir hoffen, darin sobald als möglich freundschaftliche Beziehungen zu Wien zu bekommen. Es wird dies ganz von Deutschösterreich abhängen. Frage: Beabsichtigen Sie die Einschränkungen in - den Handelsbeziehungen mit Deutschösterreich jetzt aufzuheben? — Antwort: Wir hangen, ganz von der Entente ab, wünschen aber ernstlich die Wiederherstellung Kommerzieller Beziehungen. — Frage : Hat die Zurückhaltung von 50 Prozent aller Gelder dem Zweck, die Mittel für die Einlösung des auf btö tfchecho-flowakischs Republik entfallenden Teiles, die: der früheren Monarchie zur Last fallen, bereit zu, stellen? — Antwort: Für die Vorkriegsschulden berj früheren Monarchie werden wir für unseren Teils aufkommen, für die Schulden, die im Kriege auft genommen wurden, lehnen wir jede ZahlungspfllchH ab, weil wir immer gegen den Krieg waren. —-'j Frage: Können die Sozialisierungsmaßnahmen des Herrn Dr. Otto Bauer die wirtschaftlichen Interessen in der Tschecho-Slowakei tangieren? —Antwort: Die frühreife Art der Sozialisieryng in Deutschösterreich richtet dort zweifellos viel Schaden an, aber wir sind nicht beunruhigt darüber, daß dies auch unsere Interessen schädigen könnte, weil wir wissen, daß, dieses Spiel bald vorüber sein wird. Eine schwedische Schilderung der Lemberger Pogromgreuel. In „Svenska Dagbladet" schildert ein speziell nach Lemberg entsendeter Mitarbeiter in sirchU Reihe von Briefen das Leben in dieser Stadt. In einem „Lemberg, die Stadt der Pogrome und des .Rassenhasses" Überschriebenen Briese gibt er Bilder aus dem jüdischen Viertel. Wir. lesen in diesem im Februar abgefaßten und am 2 3. März veröffentlichten Briefe: „Niemand wird bestreiten können, daß das, was sich in diesen roten 48 Stunden (23. und 23. November). 1918) zugetragen hat, kaum von irgend etwas anderem an Unmenschlichkett übertroffen wird. Und wenn man daS Ghetto viertel besucht, so reden! die nackten vom Branbrauch geschwärzten; Mauern ihre deutliche Sprache. Da wimmelt es ivia gewöhnlich von Menschen. Die alten Juden sitzen vor ihren niedergebrannter^ Häusern und verkaufen Gerümpel, das sie unter "den Ruinen aufgelesen haben in'einigen Läden finden sich noch vielleicht Waren vor^ aber daS sirid oft Waren, die man bei einem Nachbar, geliehen hat. dem eS durch Bestechung gelungen ist, wenigstens etwas von feinem Lager zu retten. Bleiche Frauen gehen zwischen den Ruinen hin und her und bieten Kleinigkeiten, wie Dackwerk und dergleichen zum Verkauf aus. Ueberalt wimmelt es von Soldaten. Unter ihnen bemerkt man Knaben von höchsten- 14 Jahren mit Gewehren. Einer von ihnen geht gegen einen alten« Juden vor — dreier muß feine. Legitimation vorweijen-