Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 105 (4.5.1919)
- Date
- 1919-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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C*»,«. 4, «-.vÜt sttt, lüti entgegenzutreten. Serbische, albanische, makedonische, bulgarische Kaufleute und einzelne Intellektuelle, deren Bildungsdrang sich in den Grenzen der Heimat beengt fühlte, erschienen auf den Märkten in Temesvar, Budapest, Wien, München, beziehungsweise in den Bildungsstätten Oesterreichs und Deutschlands. Dag Schicksal der Balkanslawen trat in den Gesichtskreis Europas. Diese Atmosphäre konnte der Entwicklung des nationaljüdischen Gedankens nur günstig sein. Bulgarien war das erste Balkanland, das den Zionismus aufnahm und in Serbien, Bosnien und Herzegowina verbreitete. Allmählich wurden die Beziehungen zu Wien rege, sogar in der Türkei, trotz der Mißgunst Abdul Hamids und der jungtürkischen Clique Man darf allerdings nicht vergessen, daß das jüdische Element, soweit es kulturellen Ideen zugänglich war, hauptsächlich aus Spaniolen bestand, aus Juden also, die schon im Mittelalter eingewandert waren und dank ihrer Tüchtigkeit, ihres stark entwickelten Nationalbewußtseins und Nationalstolzes und nicht zuletzt durch die materiellen Früchte ihres Erwerbfleißcs sich eine soziale Stellung erworben hatten, die nicht so leicht entwurzelt werden konnte. Im übrigen wurden sie, solange der Balkan türkisch war, von der osmanischen Regierung als Orientalen angesehen und gegenüber den unterdrückten Slawen und Griechen begünstigt. Sie verkörperten in Sitte und Sprache die westliche Kultur und brauchen daher an dem Kampf, den die anderen Nationen hier zu führen hatten, nicht teilzunehmen. Da sie ferner nur in den Randgebieten und an den Küsten zahlreicher wohnten, war ihre Freizügigkeit ebenso wie der Seeverkehr, das heißt die Berührung mit den Vertretern der Handelsschifffahrt, gesichert. Hier soll also zunächst eine grundlegende Tatsache konstatiert werden: das Balkanjudentum kennt keine Assimilation. Diese Erscheinung erklärt sich vor allem aus dem Umstande, daß die Juden unter der türkischen Herrschaft volle Gleichberechtigung besaßen, hauptsächlich gegenüber den älteren Balkanvölkern, und in der Ausübung ihres Ritus nach keinerlei Hinsicht eingeschränkt waren. So standen sie als ökonomische Vermittler zwischen den anderen Rassen. Was insbesondere die Völker anlangt, unter denen sie lebten, war deren Kultur eine zu niedrige, als daß die Juden durch Assimilation etwas hätten gewinnen können. Sie hätten von den Stufen ihrer geistigen, westlich orientierten Bildung herabsteigen müssen, um sich den Balkanvölkern anzubiedem, anzuschmiegen, in ihnen aufzugehen. Auf der anderen Seite wäre beispielsweise den Bulgaren eine Assimilierung gar nicht willkommen gewesen. Mit ängstlicher Sorgfalt hüteten diese ihren Nationalchatakter, strebten sie darnach, alle Kräfte ihrer eigenen Regenerierung zu widmen und aus diesem Programm heraus sahen sie im Juden den nationalen Juden, dem sie die damit verbundene Sonderexistenz mit Freude zubilligten. Und auch ihre politischen Prinzipien fanden eine Bekräftigung im Zionismus, der!a, im Grunde genommen, wie ihre eigene Selbständigkeitsbestrebungen gegen den Erbfeind, das Osmanentum, gerichtet war. Sie fühlten, wenn auch unklar, daß die Errichtung eines Iudenftaates in Palästina die Einschränkung des türkischen Machtbereiches zur Folge haben müßte und daher ihren eigenen Freiheitskampf begünstigte. Und selbst abgesehen von praktischen Zielen, mußte ihnen, den Aufstrebenden, jede nationale Erholung sympathisch sein. _ Die erste Phase der Betätigung des Zionismus auf dem Balkan und in Bulgarien, wo der Kampf mit der Alliance Ifraölite. die bei der Hebung des Bildungsniveaus der auf dem Balkan gebenden Juden Ersprießliches geleistet hat, infolge der stark hervortretenden französischen Tendenz aber mit dem sich entwickelnden Nationalismus und Zionismus tn Konflikt geraten mußte. Dieser Kampf endete nach jahrelangen Bemühungen mit dem vollen Sieg des nationaljüdischen Gedankens, so daß heute sämtliche Schulen in Bulgarien dem Einfluß der Alliance Jsraölite entzögen sind. Wie schon früher bemerkt, hatte es Frankreich unternommen, den Balkan zuerst zivilisatorisch für sich zu gewinnen und die Tätigkeit der Alliance Jfraöltte, das Werben um die jüdische Schule war ein TeU dieses Programmes. Demgegenüber stand die Werbearbeit des Hilfsvereins ver deutschen Juden in Berlin, der keine andere Aufgabe hatte, als seinerseits das Franzofentum zu verdrängen und durch das Deutschtum zu ersehen. In beiden Fällen wäre das Judentum im Dienste eines fremden Nationalismus und — im weiteren Sinne — Merkantilismus gestanden. Die jüdischen Schulen werden von den Gemeinden mit Unterstützung der bulgarischen Städteverwaltungen erhalten werden. Wie überall, versuchte auch hier die Orthodoxie den jüdischen Nationalismus zu diskreditieren. Das war die zweite Phase des Kampfes und such der siel zugunsten des Zionismus aus. Heute find fast sämtliche Verwaltungen der jüdischen l in allen grfUinnett. Revaraturett Mttk (varantik, ftarbvündcr für «fl»' Lystrme, krsttlaislge» Material. Äop, Kurzer, Wien, VI!., Westbuhnstraße 23. Telephon 81537. »«» Ein Putsch ungarischer Offiziere Ln Men. Die nngarflchr Gesandtschaft besetzt und gesperrt. — Hausdurchsuchung. — 110 Millionen Kronen beschlagnahmt. — Die ungarische» Vertreter mnfse» «ach Vndapest zurkeLkehren. Auf die Nachricht tont dam Nvvtskhandan Um« stürz in Budapest hat, wie Me „Ungarische Post" meldet, die Leitung der ungarischen Gruppe d«Z liquidierenden KriegsministeriumZ Freitag abends den Beschluß gefaßt, zwecks Verhinderung von Komplikationen hqs Palais der ungarischen Gefsir-tfchaft tn der BanKgasse unter Aufsicht zu stellen. Eine Anzahl ungarischer Offiziere unter Kommando des Obersten Ta kn cs erschien nachts um 11 Uhr im Hanse, nahm alle.Lokalitäten in Beschlag und sperrte das Palais. Als nach ungefähr einer Stunde die IcLc.i Vertreter der ungarischen Räterepublik in Wien, Doktor Alexius Bolgar und Andor Fenyö, mittels Automobils von Bruck eintraseu und in der Gesandtschaft erschien.-.!, fanden sie in den Amtslokalitäten bereits die ungarischen Offiziere vor. Nach einer Auseinandersetzung, die in durchaus urbanen Formen vor sich ging, entschlossen sich die beiden Vertreter der ungarischen 'Räterepublik zur Rückfahrt «ach Budapest. Dieselben Automobile, die sie nach Wien gebracht hatten, wurden zur Abreise benützt. Seither sind die beiden Gesandten verschollen. Es wird behauptet, daß sie sich noch in Wien in Verwahrungshaft befinden. Eine Kommission durchsuchte die Lokalitäten und nahm die Vorgefundenen Schriften und Werte, die eine beträchtliche Höhe haben, in Verwahrung. Die ganze Nacht bewachten Offiziere das Haus. Gestern früh wurde der Zugang zu der Gesandtschaft ab gesperrt. Nur einige Kanzleibeamte fanden Einlaß. Jenem Teil des Personals der Gesandtschaft, der nicht im .Hause wohnte, wurde mitgeteilt, daß keine Amtsstunden stattfinden, worauf sich die Beamten entfernten. Auch die im Haufe amtierenden Mitglieder der wirtschaftlichen und Demobilisierungskommissionen entfernten sich, nachdem sie die Absperrung der Gesandtschaft zur Kenntnis genommen hatten. Die Besetzung der Gesandtschaft war erfolgt, um die in der Gesandtschaft liegenden Werte, die aus Budapest nach Wien geschafft worben waren und deren Eigentümer nicht bekannt ist, vor Verschleppung zu schützen. In den Kassen und Schranken der Gesandtschaft wurden Werte im Gesamtbetrag von 110 Millionen Kronen gefunden, teils in barem Gelb, teils in Papieren. Die Vargeldbestände setzen sich aus deutschösterreichischen Noten und aus ausländischen Banknoten zusammen. Der größte Teil der Vorgefundenen Werte jedoch besteht aus ungarischer Kronenrente. In den letzten Tagen sollen verschiedene BörsenburcauZ Aufträge bekommen haben, ungarisch« Kronenxcntc unter der Hand zu'verkaufen. Das plötzliche Sinken des Kurses der ungarisch.» Kronenrente in den letzten Tagen an der Wiener Börse soll zum großen Teil auf die effektiv durchgesührten Verkäufe der ungarischen Kronenrente zurückzuführen sein. Die Tore des Gesandtschaftspalais in der Bankgaffe find geschloffen. An einem Tor hängt ein Zettel mit dem Vermerk: „Heute keine Amts stunden vnd keine Päsfevevidierurrg."! Die UNtzgriM Mssih^ die nach der; AhyM htzA Gesunden Pr. V o l A fl r vym MnistMfllrtzt Poktv^ Bali nt geleite, t wurde, hat ihre Tätigkeit eingestellt.^ D'.s Bankgasse wird vyn der Wiener Sicherheitswache, niun'.terhrochen kontrollierst Koakttionsregierurrz in Budapest? Jeder,Bersthr mit der ungarischen Hauptstadt ist seit Freitag abends eingestellt. Eine Beurteilung bcc Borgänge in Budapest über die außer den amtlichen Meldungen des von Kun kontrollierten Drahtes nur vage Gerüchte nach Wien kommen, ist deshalb unmöglich. Es sei nur ver-eichnet, daß der vor vier Tageir angekommene Schriftsteller Diner-Denes, der unter' dem Regime Wekerle längere Zeit in Haft saß, Wer-" biudungen mit den Ententestellen in Wien angeknüpft h U- Er will, wie es heißt, eine bürgerlich-svzialdemokratische Regierung für Ungarn bilden, die sofort nach dem Sturz her Räte die Geschäfte übernehmen soll. Man nennt als Mitglieder; dieser Koalitionsregierung Tibor Batthtzanhi als Kandidaten der bürgerlichen Parteien, und die Sozialdemotraten Ga r a m i, L v v a s z Y und B u ch i n g e r, sowie Gabriel« Ügron als Vertreter der Klerikalen und den Bauern-' sührer Stephan Szabo. Kriegsminister soll GcnevalstaLsobcrst Bartha werden. Natürlich würde es sich hier nur um ein Uebergangsministerinm handeln. Angarns Protest. Budapest» 8. Mai« Das Ung. Tel.-Korv-Bm. meldet:! Dir ungarische Röteregierung hat mtt E n t x ü ft u « fl die Nachricht von dem unerhörten Attentat vernommen, welches in Wien gegen das Ungarische Palais und die ungarische Gesandt-! schuft begangen wurde und richtete sofort an Staatssekretär Doktor! Bauer eine Depesche, in der sie gegrir den Anschlags e n e r g i s ch P r o t e ft erhebt, die s o f o r t i g e B e r h a f t u n gf und strenge Bestrafung der Täter fordert und. falls sie diese Genugtuung nicht erhallen sollte, ein gleiches Bor-' gehen gegenüber der deutschösterreichischen Gesandtschaft in Budapest in Aussicht stellt. Deutschösierreichs Entschuldigung. Amtlich wird verlautbart: Die deutschösterccichi.che- Staatsregierung kann nicht dulden, daß gegen ein«; zurzeit bei ihr akkredierte Gesandtschaft Gewalt ge« übt wird, auch wenn diese Gewalt von Staatsbürgern! des Landes ausgeht, das von dieser Gesandtschaft vertreten wird. Wegen der gemeldeten Vorfälle wird svfort die Untersuchung ein geleitet und falls süP >die der Oeffentlichkeit mitgetellte Darstellung bestätigensollte, werden die Sch u l d i g e n z ur N e ch e n s ch a f 1' gezogen werden. Wie gemeldet wurtze, waren ungarisch«; Organe des liquidierenden Kriegsministeriums an den^ Vorgängen beteiligt. Die Organe der liquidierenden; Stellen genießen auf dem Boden Deutschösterreichs? nicht daS Recht der Exterritorialität undi stehen also unter der Gerichtshoheit des Staates' Deutschösterreich in allen Handlungen, die sie auf unserem Staatsgebiete begehen. Zur Zeit, wo die diplomatischen Organe Ungarns in ihrer Freiheit beschränkt worben sind, war die RäteregieruNg jedenfallsim Amte und die Gesandtschaft akkreditiert; aber auch! abgesehen davon wäre eine derartige Beschränkung voni Privatpersonen ebenso unzulässig wie die von amtlichen' Organen eines Nachbarstaates. Wiener Polizei an der Grenze. Die ungarische Grenz« ist seit Freitag von Detachements abgesperrt, die aus Wiener Polizisten gebildet wurden. ' . Schulen Bulgariens zionistisch — bis auf Sofia! Die intensivste Unterstützung erhielt der OrganisationsKeün aus Wien. Zahlreiche Propagandaschnften, persönliche Fühlungnahme mit dem österreichischen Zionismus befruchteten den günstigen Boden. Besonders intim ward der Kontakt zwischen Theodor Herzl und dem Führer der bulgarischen Zionisten Karl Herbst, in dessen Händen bis heute noch alle Fäden des zionistischen Lebens in Bulgarien zusammenlaufen. Auf allen Kongressen war Bulgarien durch Delegierte vertreten. „Der Iudenstaat" wurde ins Bulgarische und ins Spaniolifche übersetzt. Der »Haschofor* in spaniolischer Sprache mtt einer bulgarischen Beilage und der in Sofia bulgarisch erscheinende „Hamischpat" sorgten für die Verbreitung des Zionismus, für die Ausgestaltung der Organisation, für fite Verbindung mtt den mitteleuropäischen Zentralstellen. Auch hier ist wieder als Inittator, Uebersetzer und Aufklärer Karl Herbst zu nennen. Besonders hervorgetan haben sich Dr. Rimalowsky. Professor Belkowsky (derzeit Rechtsanwalt in Petersburg), unter den svaniolischen Führern Dr. Kaleb, der sich hauptsächlich als Publizist betätigte» ferner Dr. Äomano und Persiado Romano in Sofia. Da es sich in Bulgarien bloß um 40.000 Juden handelt, war die Rolle, die das zionistische Element innerhalb der zionistischen Weltorganisation spielte, eine mebr missionarische. Das starke jüdische Empsinden dieser kleinenOrganisation wurde dazu benützt, um den nationaljüdischen Gedanken nach Serbien und Bosnien und übers Meer nach Aegypten zu tragen. So ist zum Beispiel der Propagator Kaleb aus Philippopel zum Begründer des Zionismus in Aegypten geworden. Die zionistische Organisation Bulgariens als solche kann eine mustergültige genannt werden. Theodor Herzl hat sie bei verschiedenen Anlässen als die vortrefflichste anerkannt und gewürdigt. Das jüdische Schulsystem, diejüdischnationale Presse, dasNetz der Nationalfondsstellen mit ihrem Sitz in Philippopel und die Finanzierung aller jüdischen Institttte durch die Volksbairken bilden zusammen einen festen Halt für die im Lande zerstreuten Juden. So wurde jüngst, wie die „Wiener Morgenzertung" bereits meldete,, in Sofia eine B u l g a r i s ch e P a l ä st i n a-, bann gegründet, die neben der Forderung der künftigen Handelsbeziehungen zu Palästina sich mit der Abwicklung aller finanziellen Angelegenheiten jener Juden beschäfttgen wird, die nach Palästina auswandern wollen. Diese Dank ist außer der bereits seit 1913 bestehenden und erfolgreich wirkenden Jüdischen Volksbank in Rustschuk das zweite auf nationaljüdischer Basis errichtete Institut in Bulgarien Im Lande befinden sich allerdings Noch kleine Vorschußkaffen und Sparvereine mit jüdischer Tendenz, die aber allmählich in der Rustschuker Volksbank aufgehen. Daß sich jetzt während der wirtschaftlichen und politischen Krise in Bulgarien ein derartiges Interesse zeigt, ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Man. scheint also mit einer Verschlechterung der Lkonomischen Verhältnisse und als deren Folge mtt eiucc weitgehenden Abwanderung zu rechnen. *