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Wiener Morgenzeitung · 1919-05-02 · Heft 103 (2.5.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 103 (2.5.1919)
Date
1919-05-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener Morge»zeUm»s 2 Mal 1919 . Seite 2 Men. Freitag Nr. ros Das Jubiläum -er Tschecho-SLowaLei. k P r a ft, 30. Avril. . In bitfeit Tagen kann Ler junge Lschecho-slowakische Staat aus einen Bestand von sich? Monaten^ zurückbltL-n. Wenngleich die Zeit für ein Jubiläum noch'nicht gekommen ist und dies im allgemeinen noch kein Alter ist. in welchem die ersten Kinderkrankheiten eines neuen sozialen Gebildes überwunden zu sein pflegen, so darf nw.n doch andererseits über die Lebensfähigkeit und die sich äußernden Grundtendenzen urteilen und zu sehen trachten, wohin der Weg führt. ’ Der tfchecho-slowakische Staat ist kein Zufalls-, sondern ein organisches Produkt, obzwar selbst die Führer des Volkes vor fünf Jahren an diese Möglichkeit garnicht gedacht haben. Die politische Geschichte des alten Oesterreich ist in den letzten Jahrzehnten zum großen Teile erfüllt von den fortwährenden nationalen Rümpfen zwischen Deutschen und Tschechen. Der Krieg, dieser letzte Versuch, mit. ruchlose« Mitteln das zu leisten, was die österreichische Staatskunst nie vermocht hatte, verschärfte den bestehenden Gegensatz aufs höchste und schließlich die völlige dsickr^r Le: Tschechen von Oesterreich -u Folge. Al) es gü ich. nicht ging, griff man zu allen Gewaltmitteln, um ixe Tschechen vor ein Joch zu spannen, das, wie diese immer deutlicher sahen, den Berliner Siegeswagen zum Triumphe führen sollte. Man sah klar, daß ein Sieg Berlins das Ende aller nationalen Hoffnungen bedeutet hätte und weigerte sich immer erfolgreicher, gegen Blutsverwandte zu Felde zu ziehen, während fanatisierte Durchhalter von Vaterlandsverrat schrien und nach dem Galgen riefen, der ja bekanntlich auch nicht auf sich warten ließ und den gegenwärtig führenden Staatsmännern Tschechiens schon einladend wirr!e. So kam, was kommen mußte und was zu bekannt ist, als haß es erst geschildert zu werden brauchte. Die leitenden Männer Tschechiens Halen bisher ein anerkennenswertes Maß von organisatorischer Kraft und Umsicht bewiesen. Das revolutionäre Chaos im Inneren ist bald überwunden worden, wenigstens im gröbsten. Die Organisierung und Disziplinierung der menen Armee hat beträchtliche Fortschritte gemacht. Was den Tschechen bei den grundlegenden .Arbeiten zugute kam, war der nationale Idealismus, der alle Gegensätze üöerbrückle und als einigendes Moment nicht hoch genug sinzuschätzen .ist. Man fitölte sich als Sieger und dies half über viele Schwierigkeiten hinweg. Außerdem ist ja die Tscheche- Slowakei bezüglich der Ernährung in viel besserer' Lage als Deutschösterreich, für welches außerdem die Zwei- -nillionenstadt Wien in dieser Beziehung eine arge Belastung bildet. . Der Erobererdrang, der sich bald - in deutschen Städten und Gebieten sowie in Slowakei betätigen konnte, tat das Seine, und dir moralische und, materielle Unterstützung der Entente besorgte das übrige. Bei aller Anerkennung für das, was in Tschechien in gesetzgeberischer und orgamsawrischer Beziehung bisher geleistet wurde, wird man aber bei einem Rückblick auf das erste Halbjahr vieles nicht gutheißen könne;:. Haß und Schadenfreude sind menschliche Eigenschaften, aber es ist unmöglich und gefährlich, auf ihnen ein politisches System zu begründen. Die tschechischen Staatsmänner und die bis heute nicht legalisierte gesetzgebende Versammlung haben sich allzusehr von an sich vielleicht nicht ganz unbegreiflichen Instinkten leiten lassen. So wurden unter den Deutschen Böhmensauch jene Kreis« abgestoßen, die vorher einer Verständigung mit den Tschechen das Wort redeten. Während die Debatten des sterbenden österreichischen Parlaments erfüllt waren von den berechtigten nationalen Forderungen der Tschechen und von deren Berufung auf das natürliche Recht eines jeden Volkes« konnte man es wenige Tage nachher in ganz anderer Tonart hören, und man stürzte sich als Sieger auf die drei Millionen Deutschen in Böhmen, statt sich zu dem einzig gangbaren Weg der Verhandlungen' zu bequemen und von Molk zu Volk zu verhandeln. Keinerlei historische, geographische, strategische oder ökonomistische Deutung kann darüber hinwegtäuschen, daß es . sich im Falle Deutschböhmens um eine gewöhnliche Annexion handelt. Am 4. März ist Blut geflossen, weil Menschen gegen nationale Vergewaltigung protestieren wollten. Cs ist nebensächlich, zu untersuchen, auf welcher Seite die Provokateure oder Unruhestifter waren. Daß es soweit kommen konnte, ist bezeichnend genug. Auch sonst ist das demokratische Prinzip in Tschechien noch lange nicht restlos verwirklicht. Im Gegensatz zur deutsch österreichischen Republik, die mit aller Beschleunigung nach Legalisierung der neuen Zustände strebte, hat drüben bis heute eine im Grunve. willkürlich zusammengesetzte Nationalversammlung an den Funbarnenten des neuen Staates gearbeitet, Minister ernannt und den Präsidenten gewählt. Während in Deut sch Österreich Preß- und Versammlungsfreiheit gewährleistet wird, werden in Tschechien die rückständigsten Verfügungen des alten, gehäßten Oesterreich hervorgekramt, um gegen politische Gegner ober unbequeme Zeitungen verwendet zu werden. Düs Verbot von Versammlungen, Einstellung von Zeitungen ist an der Tagesordnung und der Brünner Spielberg ist mit Geiseln und politischen Häftlingen angefüllt. Im Grunde genommen herrscht die Praxis da) alten DolizeistaaLeS in demokratischer Hülle und ein neuer Militarismus mit all seinen Emblemen wir-kt darum nicht erfreulicher, weil er im Dienste der nationalen Machtrichliuig steht. Nun sollen die GcniaiiUii/aoIou Mlsims Note an Italien. Das VstsrLeichische WLrfferrftiÜstmr'ssKugebsL. — Italien erh8lt Triest, Pola und Lifsa. — Fiume soll ein Freihafen werden. — Schutz der MinorMten durch de« Völkerbund. . Paris, 29. April. jReuter.) Abends wurde folgende Erklärung veröffentlicht: In Rom wurde heute die vom Vr äsidenten Wilson am 14. April der italienischen Delegation mit der Erlaubnis zur Veröffentlichung in Jicu'.m überreichte Denkschrift ausgegeben. Folgendes ist eine Kopie der Erklärung, die den Titel „DeukschrM über die Fra^e der italienischen Ansprüche an der Aorta" trägt: Es gibt keine Frage, der ich mehr Aufmerksamkeit oder Sorgfalt zugewandt habe, als dieser, well es mein ernster Wunsch und der aller Kollegen war, darauf zu achten, daß allen die größt e Gerechtigkeit widerfahre. Ich fühlte mich verpflichtet, jeden Schluß, zu dem ich gelangen konnte, so genau wie möglich mit den 14- Punkten Über den Frieden, die ich in meiner Botschaft an den Kongreß der Vereinigten Staaten am 8. Jänner 1918 und in den folgenden Botschaften darlegte, in Einklang zu bringen. Diese 14 Punkte und die in den folgenden Botschaften dargelegien Grundsätze wurden von den gegen Deutschland assoziierten Mächten formell und in einer einzigen Entschließung angenommen und werden die Grundlage des Friedens mit Deutschland bilden. Ich halte mich nun für berechtigt, eine Grundlage für den Frieden mit Deutschland und eine andere für den Frieden mit Oe st erreich vorzusch lagen. Man wird sich erinnern, daß ich in meiner Antwort auf die Mitteilung der ö st e r r e i ch i s ch e n Regierung, die sich erbötig zeigte, auf der Grundlage der 14 Punkte in Verhandlungen über einen Wasf enftil lst an d und Frieden zu treten, sagte, daß es eine Sache gäbe, auf die diese Punkte nicht länger Anwendung fänden. Oesterreich hatte für mehrere Staaten, die aus Teilen des österreichischungarischen Reiches gebildet waren, die Autonomie verlangt und ich wies darauf hin, daß jetzt den Völkern dieser. Länder die Wahl überlasten werden müsse, welches in Zukunft ihre politischen Beziehungen sein sollen. Sie haben mit sympathischer Zustimmung der ganzen Welt gewählt, daß sie unabhängige Staaten sein wollen, in vollständiger Loslösung von Oesterreich. Die darauf folgende vollständige Auflöfungdes österreichisch-ungarischen R ei ch e s gab den Regelungen, die bezüglich der Ostgrenze Italiens getroffen werden muffen, ein neues Aussehen und eine neue Bedeutung. Persönlich bin ich ganz damit einverstanden, daß Italien auf seiner ganzen Nordgrenze überall, wo es mit österreichischem Gebiet ' in Kontakt kommt, alles das zugeftanden wird, was ihm im sogenannten Londoner Vertrag zugestanden wurde, aber ich bin andererseits auch absolut der Ansicht, daß der Londoner Vertrag auf die Regelung seiner O st grenzen nicht mehr in Anwendung kommt. Die un Londoner Vertrage gezogenen Linien hatten den Zweck, Italien eine absolut sichere Grenze gegen jede mögliche Feindseligkeit oder gegen sonstige Angriffe von Oesterreich-Ungarn zu geben, aber 1 - Oesterreich-Ungarn besteht nicht mehr. Diese Ostgrenze wird sich an Länder anschließen, die der militärischen ur d maMmen Macht Oesterreichs entglitten sind, vollständige Unabhängigkeit von Oesterreich erhalten haben und so organisiert werden, daß sie die legitimen und nationalen Aspirationen erfüllen. Diese Staaten sind der'neuen empirischen Ordnung nicht feindlich gesinnt, sie sind an ihrer Erhaltung interessiert, von der Pflege von Freundschaft abhängig mb an die gemeinsame Friedens- und Anpaffungspolttik der Völker gebunden. Mit diesen Tatsachen vor Augen, bin ich an die adriatische Frage geschritten. . Man ist gemeinsam überemgekommen und ich schließe mich vom Herzen dieser Uebereinkunst an, daß die Hafen von Triest mb Psla und mit ihnen der größere Teil der Halbinsel Istrien an Italien abgetreten werden» indem so Italiens Ostgrenze sich an die n a t ü rliche strategische Linie hält, die sich auf den physischen Gebilden des Landes erhebt. Innerhalb dieser Linie werden auf italienischer Sette beträchtliche Gruppen nichtitalienischer B evölkerung liegen. Ihr Schicksal ist jedoch durch die Natur des Landes selbst auf so natürliche Weise mit dem Schicksal des italienischen Volkes verknüpf^ daß ich der Ansicht bin, daß ihre Einbeziehung voll gerechtfertigt ist. Meines Erachtens würde der Einschluß Fiumes oder irgendeines TeUes der Küste südlich Fimnes in die Ersitzen des ttalienischen Königreiches selbst nicht gerechtfertigt sein. Fiume ist seiner Lage und unter allen anderen Umständen seiner Entwicklung nach nicht ein ttalienischer, sondern ein internationaler Hafen. Ich glaube, daß man gemeinsam Übereinkommen wird, daß die Insel Lifsa an Italien abgetreten wird und daß es den Hasen v o u Valona erhält. Ich bin der Anstcksi daß man allgemein Übereinkommen wird, daß die Befestigungen, die die österreichische Regierung auf den Inseln in der Nähe der Ostküste der Adria errichtet hat, für immer und unter internationaler Bürgschaft geschleift werden, und daß die Abrüstung, die unter dem Völkerbund vor sich gehen wird, den Staaten an der Ostküste der Adria nur so geringe Sttettkröfte belasten wird, als für die Beaufsichtigung der Gewässer oder der Inseln und Küsten notwendig sind. Dies find die Schlüffe, die mir durch den Zwang der Vereinbarung, die der gesamten Einleitung des jetzigen Friedens zu Grunde Legt, aufgedrängt werden. Italien erreicht bei einer solchen Regelung gewiß die großen historischen Ziele, oie sein Volk so lange im Auge hatte. Die historischen Ungerechtigkeiten, die ihm von Oesterreich zugefügt wurden, und die lange Reihe ungerechter Staatsaktionen sind vollständig wieder gutgemacht. Es wird ihm nicht verweigert was zur Vervollständigung seiner nationalen Einigung gehört. Auf den Inseln des Adria tischen Meeres und an den O st k ü st e n dieses Meeres befinden sich Siedelungen mit stark italienischem Einschläge. Aber die Verpflichtungen, unter denen die neuen Staaten in die Familie des Völkerbundes eintreten werden, «erden ihre freie Entwicklung und alle gerechten Ansprüche der nattonalen und Rassenminderbetten in reichlichem Maße sicherstellen. Hinter diesen Sicherstellungen wird immer die wachsame, ausreichende Autorität des Völkerbundes stehen. Außerdem werden wir gleich am Anfang den verhängnisvollen Irrtum vermieden haben, der Italiens nächsten Nachbarn im Osten zu seinem Feinde zu machen, und in ihnen gerade die Empfindung von Ungerechtigkeiten zu hinterlassen, die Generationen hindurch den Frieden Europas gestört und in nicht geringem Maße dazu beiaetragen haben, den schrecklichen Konflikt herbeizuführen, den wir eben durchlebt haben. B9H stattsinden und auch .die Wahlen in die Nationalversammlung dürften nach Friedensschluß nicht lange auf sich warten lasten. Auf dem Gebiete der wirklichen Demokratisierung muß in Tschechien noch vieles geschehen. ES genügt nicht, si cheinem aus die Dauer schädigenden Selbständigkeitstaumel hinzugeben und feierlich Freiheitsbäume zu Pflanzen, wenn die gepriesene Freiheit die Unterdrückung Andersdenkender und Ander Zsprechender Lebe Uten soll. Auch die versöhnlichen Worte. die in letzter Zeit von leitenden Persönlicher en an die. Adresse der Deutschen gerichtet wurden, genügen nicht, so lange nicht ein wirklicher Abbau des Hasses beginnt und den Worten die Tat nicht folgt. Der nationale Chauvinismus muß ruhiger Einsicht bas Feld räumen und bei der nationalen Ge'ch of.t'cheit der tschechischen Gesellschaft würde sich dies durch Regierung und Presse rasch und leicht bewe.ksielii^e l schien. Man wird sich entschleßen müssen, mit der deulschs'-i Minderheit von Volk zu Volk zu spreck>en und nicht alles Heil von Paris zu erhoffen. Die VerhälLniss-e zum deutschösterreichischen Nachbarstaat müssen angesichts der Tatsache, daß die beiden Gemeinwesen in Zukunft in vielen Beziehungen aufeinander angewiesen sein tverden, in entsprechender Weise geklärt werden, wie immer sich auch die staatspolitische Zu« kunft gestalten mag. Auch in der Frage des in Presse und Politik noch immer grassierenden Judenhasses und der ge gen die Juden in der Slowakei vielfach geübten Willkür und Entrechtung sollte von oben her ein deutliches Wort gesagt werben. Es ist zu wünschen, daß die Tschechen an dem Beispiel ihrer eigenen Geschichte der letzten vier Jahrhunderte lernen, daß ein Staat nur gedeihen kann, wenn allen feinen Bürgern ohne Unterschied der Nationalität die wirkliche Freiheit verbürgt ist. DaS tschechische Volk verfügt über viele gesunde Kräfte und Energien. Hoffentlich werben seltne Führer , nicht in die Fehler verfallen, die das alte Oesterreichendgültig begraben haben.

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