Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 96 (25.4.1919)
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite t Men. Freitag Wiener Morgenzerrung 25. April 1919 Nr. 96 PoMschL-Rrmdschrm. Die Friedenskonferenz nndFinme. Nach den neuesten Nachrichten aus Paris beginnt?m Gefüge der bisherigen wirklichen Sder scheinbaren Ententeeinheit ein sichtbarer Riß zu klaffen. Präsident Wilson hat eine Erklärung erlassen, die Italien datz Recht auf den Besitz von Fiume bcstveitrt. Die Italiener, die bisher unweigerlich auf ihrer Forderung bestanden haben, sind vor den äußersten Konsequenzen nicht zurückgescheut und Orlando hat kurzerhand Paris verlassen. Man begreift unschwer, warum sich Italien in der Frage von Fiume so unerbittlich zeigt. - Man fürchtet in Italien, daß die wirtschaftliche Zukunft von Triest bedroht sein müßte, wenn dem jugoslawischrn Staate die Mögl.chkeit gegeben würde, den Hafen von Fiume und die dahin führenden Verkehrswege auszubauen und durch Ueberleitung von Handel" und Per-, kehr aus den einstigen österreichischen Provinzen Triest erfolgreiche Konkurrenz zu machen., Andererseits wird jedoch die Berechtigung der jugoslawischen. Anspruch» auf Fiume nicht leicht bestritten werden körinen. Dör italienische Charakter von Fiume steht keineswegs anßer Frage, und daß Fiume ein völlig slawisches Hinterland besitzt, das unmittelbar am Stadtranbe beginnt, wird auch von den Italienern nicht bestritten.,-Außerdem wird auch nicht geleugnet werden können, baß auch Jugoslawien die gleichen Rechte auf EntwicklüngsmSgnchkeiten und Zukunft für sich in Anspruch MhMn kann wie sein italienischer Mvale. Die Frag« vsn Fiume ist ein Schulbeispiel dafür, daß einseitig« Machtansprüche keine Aussicht auf Dauer haben können. Wir sehr man die Wünsche Italiens begreift so ist «S doch andererseits klar, daß der bisher beschrittene Weg wenig Resultate verspricht. Die ganze Logik der siegreichen Ententestaaten und der neAgegrilndsten Staaten, die sich rasch der Cntenbe angeschlossen haben, hat den Fehler, daß man sich allzu leicht über den Gegensatz zwischen staatlicher Zugehörigkeit und wirtschaftlicher Notwendigkeit hinivegsetzen möchte, die sich keineswegs immer decken. Wenn die Friedenskonserenz in derFrage von Fiume konsequent bleibt, so mag Italien zusehen, wie es mit seinen Lriester Sorgen fertig wird. Di« Triester sozialdemskratische Partei hat nach dem Zusammenbruch der Monarchie die Internationalisier» ng des Hafens gefordert und erst unter dem Drucke der. nationalistisch überreizten Strömung nachgegeben. Vielleicht wäre dies die beste Lösung, des Problemgewesen, indem der Stadt wirtschaftlicher Aufschwung und gleichzeitig die national« Freiheit verbürgt gelveseü wäre. Nun ist es damit zu spät, denn Italien kann nicht mehr zurück, auch wenn er wollte.' Man mutz zuwarten, welche Folgen sich noch ergeben, wenn Italien Ernst machen sollt«. Wilson betont in seiner Erklärung, daß die Grundlage von Recht und Gerechtigkeit, auf welcher der Friede mit Deutschland abgeschlossen werben soll, auch für die früheren Teile der Monarchie 'Geltung haben müsse. Wenn mit diesem Grundsatz völlig Ernst gemacht werden soll, so könnte sich leicht die Notwendigkeit er^ben, mit alle« Beratungen von vorne zu beginnen. Wie auch immer der Friedensabschluß aussehcn mag, er kann nur einen unvollkommenen Anfang bedeuten, solange seine Beschlüsse auS dem Geiste der bisherigen staatlichen und wirtschaftlichen Ordnung erwachsen sind. Auch die lückenloseste Anlvendung der Formel vom Selbstbestimmungsrecht kann über diese Schwierigkeit nicht hinweghelfen, solange. nicht der Unterschied zwischen staatlichnationalen ' Jnkorporierungs- und ökonomischen Tendenzen berücksichtigt wird, der nur durch eine völlige Umorientierung tm Sckrrv der wahren Zeittenöenzen überbrückt werden kann. Wilsons Flucht in die Oeffentlichkeit. Die „B. Z. äm Mittag" schreibt zu der Erklärung Wilsons in der Adria frage, der neue Konflikt in Paris fei also so weit gediehen, daß Wilson d ie Flucht in die Öffentlichkeit antrelen müsse und Orlando daraufhin mitteilte, daß er Paris verlassen werde. Nach -er Ansicht des Blattes kann eS nur einen Ausweg aus dem Streit geben: baß Wilson erklärt, daß durch die zustinunenden Erklärungen der Entente zum Wilsonschen Programm stillschweigend, aber unbestreitbar eine DerzichterklärUng auf frühere weitergehende Geheimverträge erfolgt sei» die Wilson zum Teil nicht einmal bekannt waren. Auch wir haben uns nur auf die vierzehn Punkte des Wilsonschen ProgtamtuÄ verpflichtet. Wenn bet „Temps" ein« Vermittlung souffliert, Italien statt Fiume die Brennergrenze zu geben, also auch das deutsch« Bozen und Brixen, so ist daS ebenso undiskutabel, und wir können noch immer nicht glauben, daß Wilson» der die Fium -wer Frage geradezu zum Anlaß Nimmt» den wahven Sinn eines Friedens'programmS gegen Verfälschung zu verteidigen, einer solchen neuen Verfälschung feine Zustimmung geben ckönnte. In Paris darf man nicht vergessen, daß es nicht bloß Italien ist, däS seine Unterschrift verweigern SSnnte, sondern daß auch wit dazu gezwungen sein könnten. Der deutsche Intellektualismus. m „Ioiintal des D<*barL* veiösscwllcht Mmeir« Mstcer einen Aussatz »bet btt Brüder ThomaS und Heinrich Mann, tu« ntstm'sndcce an dm Atetttn des erstnen l^üAnigliche H»h«ck', -Fritdri^i tt. und W große K»alin»«"^ r« -trgr«, wir sehr der vuusche JnKLeLWotiöAkE o»MUt»«alistuch begtervt «rbüctM üt. ILsLLen bricht die Friedensoerhandlimgeu ab. Amtliche Meldung der Agerree Havas. Paris, 24. 2lpril. (Havas.) Nach der V^rSffentltchnnq der Note MittonS hielt dke ttari-nifche Delegation eine Sitzung ab, in der sie beschloß, PalriS zu verlasseu. Ditz italienischs DelegaLion wird D o n n e r s t a g morgens abreisen. Paris, 24. April. (Havas.) Orlando benachrichtigte den PrSfidenLsrr Wilson in. eiMNt Briefe, daß die italienischen Delegierten Paris am Donnerstag verlassen würden. Dasselbe teilte er Lloyd George mit. Orlando über Italiens Rücktritt von den Friedemverhandlungen. > Paris, 24. April, (Havas.) Ist einer Unterredung mit einem Vertreter der Agence Havas erklärte. Ministerpräsident Orlando gestern abends: Sie werden sicherlich die Zurückhaltung begreifen, die ich in einem Augenblicke von solcher Schwere zu beobachten genötigt bin. Die Erklärung des Präsidenten W i I f o n, die unerwartet in einer Stund« erfolgte» wo wir die äußerste A n.st r e ng ung zur Versöhnung versuchten, deren Loyalität einen Erfolg verbürgte, hat sowohl mir wir allen meinen italienischen Kollegen auf der Friedenskonferenz di« tief st e Ueberraschung bereitet. Ante» solchen Umstände« konnten wir keine« anderen Entschluß fassen, al» jene«, zu dem wir gelangt find: Die Mitarbeit an den Arbeiten der Konferenz rinzustellen, da uns die Hoffnung benommen worden ist, das italienische Problem auf freundschaftlichem Wege geregelt zu sehen« Ich werde unseren Standpunkt morgen in einer Botschaft an das italienische Volk darlegen. Ich habe niemals nach den Ovationen der Menge getrachtet. Als ich nach Abschluß des Waffenstillstandes nach Rom gekommen bin, war eine große Kundgebung mir zu Ehren vorbereitet. Ich habe den Zug vor den Toren Roms halten lassen und bin im Automobil in meine Wohnung gefahren, ohne mich sehen zu lassen. Aber diesmal werde ich mich dem Volke zeigen, wie es meine Pflicht Ift und es wird sich aussprechen. Der ,Matln* veröffentlicht eine Reihe vonAnterredungen mit den italienischen Delegierten. Orlando erinnert daran, daß Italien bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit Oesterreich bezüglich mehrerer der. vierzehn Artikel Vorbehalte .gemacht habe,' namentlich bezüglich des A r t i k e l s 9. 6 o I a n b t a erklärt, er werde Paris verlassen,/ nicht, weil er mit der Konferenz gebrochen habe, sondern einzig und allein, weil er nichts mehr zu arbeiten habe, indem Orlando, dessen Anwesenheit in Rom nötig sei, an der Konferenz nicht mehr teilnehme. V a r z i l a i hatte vormittags eine Unterredung' mit Clemenceau, worin er ihm seinen StandpuM bezüglich der Fiumaner Frage darlegte. Clemenceau. machte kein Hehl daraus, daß er diese t t a l t e* nische Forderung unter gewiss r« Umständen unterstützen würde. Saloago Raggi erklärte» im Augen^ blicke des Abbruches der Besprechungen sei man einer Verständigung sehr nahe gewesen. Es habe sich nur mehr darum gehandelt, einige Formeln zut finden.! SchNeßllch erklärt D i a z seine Befriedigung über die Unterredung, die et vormittags mtt Marsch^ Foch gehabt hatte. m Lenins neue Politik. Im „Temps" veröffentlicht Naudea« einen Bericht über ein Gespräch mit Lenin im Moskauer Kreml, aus dem hervsrgeht, daß Lenin tatsächlich zu großen Zugeständnissen bereit und diesbezüglich mit seinen Mitarbeitern einig ist. Lenin gibt zu, daß es für darussische Volk ohne Mithilfe deS Kapitals, ahne die Unterstützung der Wissenschaft, der Technik und der Weltindustrie und ohne di« vielfachen Verbindung«« mit lebensfähigen Nachbarnationen nur sehr schwer wäre, sich zu entwickeln. ES sei nunmehr klar, haß Rußland aus eigenen Kräften sein« graßen Ressourcen nicht verwerten könne. Unter diesen Umständen müßten, so wenig angenehm dies auch sei. er und seine Freunde einräumen, daß ihre innerhalb der Grenzen Rußlandderzeit gültigen Grundsätze außerhalb der Landesgrenzen solchen politischen Abkommen Platz machen müssen, die dein russischen Volke daS Leben ermöglichen. Lenin sei daher bereit, di« Zahlungspflicht Rußlands für die ausländischen AnleilM anzuerkennen. Mangel- BargeldeS bietet er Zahlung in Bodenprodukten an. Ferner sollen den Ausländern Forst- und Minenkonzessionen eingeräumt werden, insbesondere in jenen Gebieten, welche durch die jüngst konzessionierte, 3000 Werst lange Bahnlinie erschlossen werden sollen. Endlich seien er und seine Genoss«, bereit, selbst nach den Prinzeninseln zu kommen. Naudeau hat den Eindruck, daß Lenin jetzt nach dem Muster der alltürktschcn Politik lavieren und die Großmächte gegeneinander ausspielen werde, um, nötigenfalls unter Preisgabe von Gebietsteilen. im Innersten Rußlandseine bolschewilische Oase zu erhalten. _______ Die Furcht vor Deutschland. Der «Marin" meldet: Die tschecho-slowakische Delegation, wrkche qlS Vertretung der slawischen Bevölkerung Sachsen- und Deulsch'chlcslenS in Parts eingetrosscn ist, hat dem Krirgömmister einen Bericht Übermittelt, welcher detatlbetke Angaben Über eine angebliche von Deutschland betriebene etneute Mobilisierung im Stillen enthält. — Die Delegation diirftr hierbei »vohl die An* Werbung von Freiwilligen um, Schuye der OftgrrnM gegen Polen und Bolschewiken tm Auge gehabt haben, vtr imter der Fühmng HlnbrnburgS in aller Oessrntlichkeit erfotftt. Für dafrinnömcht Intper>alistttiblatt lst bas eine nnilkonnnene Gelegenheit, daS Land und die Reg>etm,g mir dem «noch umner gt» sätzttichen" Deutschland m schrecken und eine Berichärjung der KrtegSbedmgurigu, -u erwirken. Spendet für den Wahlfon ds! Inland« Verhaftung von Kommuuifteuführern in Graz. Graz, 24. April. (Korr.-Bm.) Die staatliche undstädtische Polizei unter Mitwirkung der Gendarmerie! und der Voikswehr, nahmen heute vormittagin den' Sekretariaten der hiesig e n Kock nt ü* nistenpartei sowie in den Wohnungen einzelner. Führer und Anhänger derselbm Hausdurchsuchungen vor und beschlagnahmten Flugschristett. Auf Grund dieses Ergebnisses der Hausdurchsuchungen wurden l2 Anhänger der Kommunistenpartei, darunterdie Führer M a r e s ch und B r o d n i k verhaftet und dem Sttafgerichte überstellt. Die beiden Sekretariate der Kommunisten wurden behördlich gesperrt. KompenfatfousvertvLge Derrtfchöftevreichs zwecks Lebensmittel- und Rohstofflieferungen. Die „S tao ts korrcspondenz" teilt mit: Am Wege des Deui schöslerreichischen Warenverkehrs!'uceaüs und der Deulschösterreichischen Lebcnsmit.e^einsnhrstells sind in der letzten Zeit außer einigen kleineren Kompensationsverträgen vier wichtige Abmachungen zustande, gekommen, und z,v«r mtt Jugoslawien, derDest- Ukraine, Rumänien und Ungarn, die nicht nur für unsere Ernährung, sondern für unser gesamt eS Wirtschaftsleben Überhaupt von einschneidender. Bedeutung zu werden versprechen. Jng-oslawien wird Leben-mittel und Rohstosft im Betrage von 1.60 Millionen- Kronen ' liefern. Die Westukraine wird MineralSlprodukte und Lebensmittel senden, Rumänien hat sich zur Lieferung von zunächst 0000 Tonne« Mineralölpnodukten verpflichtet und gwt der Deutschösterreichische« Erdölstelle eine Option auf weitere 14.000 Tonnen. Ungarn liefert 100.000 Kilogramm Schafwolle. Bei brr Abwicklung der bisher geschlossenen Kompenjulionsverttäge werden Waren im Gesamtwerte von iy4 Milliarden Kronen zur Ausfuhr gelange«; dies bedeutet den Beginn eineumfangreicheren Exporteindustrieller Produkt« in- Ausland. Sozialisirrungsansschuß. Der GaztaltsterungSanSschn ß tottftiuüfft sich gestern noch der HuuSstymig und wählte zum Obmann den Abgeordneten H u e b e r, nun ObmMtn-Slellvtt-lrckrr Abgeordneten H e i n l, zum Gchriflilibrrr Dr. G r m p l. Zn Rmmiten wuidi-n bestimmt: Für bnS Gesetz betrenrud die Enichwng vost Vetrteb-täten H u e d e r: fiir daS Gesetz über dt« Enteignung von WuckchaftSbetritben Dr. E \ 6 11 x; für d»S Gesetz ilbcc Vetgesellschasmutz von Nnternehmungen durch Gemeinden/Doktür G i m v 1; 1Ä daS Gesetz üb« gcturmwntschMtche Anstalten Dr. Wutt«. Adresie: Zionistisches Landers Komitee, 2. Bez.» FirKusgasse 33!PsstsPfirkLffenk»ntO Nr. 47.11S (Drrnn merk „Wahlfouds"). nu Bersassungsausfchuh. In der gestern nach der HauSsttzuna nbachalts-ueit Sitzurtg des Bers«sßmg»auÄchust»- wurde da- Ge'Stz über dce Ktkläckug de« lS. November und des 1. M a i alö allqcmcku: Ruhe- und Festtage nnvetändert angenommen. Der ArSfthnß bofchststtick stch svdmut nnt «tgetegmh«tm.